Das Thing galt der kleinräumigen Selbstverwaltung zum Finden eines Konsenses in Rechtsfragen. Es war beides, gesetzgebend und gesetzsprechend. Das bedeutete aber auch, wer Recht bekam, musste sich dieses Recht selbst holen.

Wergeld zu zahlen war eine Möglichkeit der Buße; selbst bei Kapitalverbrechen. Feindschaften waren nicht unversöhnlich. Vieh oder Kleinvieh wurde als Genugtuung gegeben, z.B. bei Totschlag. Fehden waren Angelegenheit der gesamten Großfamilien. Es gab ein festes System der Verwandtschaftsgrade, je höher der Grad der Verantwortung desto höher der Grad der Genugtuung für die Rachepflicht.

Das Thing - auch Ding - war die wohl wichtigste und mächtigste Institution bei den germanischen Stämmen. Wie bei vielen anderen Stammes-Gesellschaften hatte es bereits ziemlich demokratische Züge - und das zu einer Zeit, in der die "zivilisierte" Welt von Königen, Kaisern und Kalifen regiert wurde.

 

Die germanischen Stämme waren geographisch in sogenannte "Gaue" unterteilt. Diese Gebiete wurden durch natürliche Gegebenheiten wie Flüsse, Wälder oder Bergketten getrennt und hatten ungefähr die Größe heutiger Landkreise. So ein einfacher Germane, der verließ seinen Gau in der Regel das ganze Leben lang nicht. So hatte jeder Gau ein Thing, und die Macht eines jeden Things erstreckte sich nur innerhalb des Gaus. Lediglich das viel seltenere Allthing, das in wenigen sehr wichtigen Fragen wie Krieg oder Frieden zusammen berufen wurde, hatte über den ganzen Stamm Macht.

 

Nicht jeder durfte am Thing teilnehmen. Grundlegend galt, dass Frauen, Kinder, Sklaven, Fremde und manchmal auch Knechte davon ausgeschlossen waren, so dass nur die freien Männer und der Adel dort zusammen kamen. Aus heutiger Sicht ist das alles andere als Demokratie, aber wirklich anders als die viel gerühmte "attische Demokratie" des antiken Griechenlands war das nun auch nicht. Allerdings waren die Thing-berechtigten auch dazu verpflichtet, der Versammlung bei zu wohnen, auch wenn die Reise dorthin oft Zeit und Mühen in Anspruch nahm.

 

Das Thing fand in regelmäßigen Abständen statt. Mit diesen regelmäßigen Zeiten hängt dieser Name auch zusammen, wie man heute noch am englischen "time" erkennt. Wann genau, das war aber bei jedem Stamm unterschiedlich. Vermutlich richtete sich das Thing-Datum nach dem Mond, so wie der Kalender der Germanen. Nur das Allthing wurde stets um die Sommersonnenwende herum gefeiert, da dann die beste Zeit war, um durch das Land zu reisen. Ungefähr zwei oder drei Tage dauerte die Zeit der Versammlung, die - im Gegensatz zu den stets nächtlichen religiösen Festen - immer am Tag abgehalten wurde. Daher kommt unser deutsches Wort "Tagung". Die Zeit zwischen zwei Versammlungen war die Thing-Frist, während der die gefällten Beschlüsse ausgeführt werden mussten.

 

Der Ort für die Versammlung war auch durchgehend festgelegt und immer der selbe. Man kam an markanten Stellen, wie Berggipfeln- oder -Klippen, Felsen, auf Hügeln oder Waldlichtungen zusammen. Oder aber unter großen, alten Bäumen, wobei man hier die Eiche und noch mehr die Linde bevorzugte - noch in späterer Zeit hielt man das Gericht gerne unter solchen "Gerichtslinden" ab. Jedenfalls hießen diese Orte "Thing-Stätten" und waren mit einem Steinkreis, einer kleinen Mauer oder einem Zaun umringt, um ihn vom Rest der Welt abzuheben.

 

Wenn also eine Thing-Versammlung begann, kamen aus dem ganzen Gau die Männer dort zusammen. Jeder hatte seinen Schild und Speer dabei, aber nicht um zu kämpfen! Nein, denn innerhalb der Umzäunung/Ummauerung herrschte der heilige Thing-Friede, der zum Beginn der Versammlung ausgerufen wurde und der dem Gott Tyr persönlich unterstand. Allgemein wachte er als Herr von Recht und Ordnung über das Thing, stand den Diskutierenden bei und legitimierte die dort getroffenen Beschlüsse.

 

Die Leitung des Things hatte eine besondere Person inne, das kann der Älteste gewesen sein, aber auch ein Häuptling, Fürst, König, Priester, Gode (Ritualleiter) oder Ewart (Kenner der Stammesrechte). In der Regel hatten sie keine großartigen Sonderrechte inne, aber irgendwer musste ja die Versammlung leiten und koordinieren.

 

Das ganze lief dann immer so ab, dass eben bestimmte Punkte zur Tagesordnung gebracht wurden. Dann wurde darüber verhandelt, und jeder der wollte, durfte sprechen und seine Meinung dazu äußern. Dabei kam es schon das ein oder andere Mal zum Streit, denn während des Things wurde reichlich Bier getrunken. Nicht zu Letzt um die Zungen zu lockern und eine rege Diskussion zu bewirken. Wenn der gerade Redende einen Vorschlag gemacht hatte, und der gefiel einem, dann trommelte man laut auf seinem Schild und Schlug den Speer dagegen. Mochte man den Vorschlag nicht so, dann drückte man das durch murren und knurren aus. Während also an einem Tag verhandelt wurde, wurden die Entscheidungen aber erst am nächsten Tag - nachdem man eine Nacht drüber geschlagen hatte und auch wieder nüchtern war - beschlossen und fest gelegt. "Streite betrunken, entscheide nüchtern" war eine uralte Thing-Weisheit.

 

Aber was waren das für Beschlüsse und Entscheidungen, die auf solch einem Thing gefällt wurden? Nun, zum ersten war das Thing ein Gericht. Wenn jemand angeklagt war, wurde die Verhandlung dort vor dem ganzen Gau besprochen und gemeinschaftlich eine Strafe beschlossen - die aber den uralten Stammesrechten entsprechen musste. War jemand angeklagt, so durfte er sich erst recht nicht vor der Versammlung drücken. Tat er es doch, so wartete man mit dem Punkt bis zum nächsten Termin. Und kam er dann wieder nicht, so brachte man ihm beim dritten Mal gewaltsam zur Thing-Stätte -daher kommt unser Sprichwort "Alle guten Dinge sind drei". Das war aber nicht die einzige Aufgabe des Things. So wurden auch neue Gesetze erlassen oder alte verworfen. Das ging sogar so weit, dass die Versammlung einen neuen Fürsten (beim Stamme der Svear sogar König!) einsetzen oder den alten entlassen konnte! Auch, wenn nicht vor allem, kleinere und lokale Angelegenheiten wurden besprochen. Der Bau einer Brücke, das Vorgehen gegen eine Räuberbande, Gebietsstreitigkeiten, das Errichten eines neuen Tempels, und so weiter- quasi wie in einem heutigen Ortsrat. Schließlich hatte das Thing noch eine zeremonielle Funktion: Hatte ein Junge das Mannesalter erricht (was damals bereits zwischen 10 und 16 Jahren der Fall war), so wurde er auf dem Thing feierlich und im Beisein der restlichen Männerschaft zum echten Mann erklärt. Der Vater - oder wenn der nicht konnte der Pate - übergab dann dem Jungen seinen Schild und Speer. Zudem wurde ihm der Eidring angelegt - ein Armreif, den jeder Mann trug, und der seine Mündigkeit und Reife bekundete. Schwüre wurden also entweder auf diesen Ring oder auf die Waffen, die man bei sich trug, abgelegt. Mit dieser Zeremonie wurde der Junge zum vollwertigen Mann und hatte fortan dieselben Rechte, aber auch Pflichten wie jeder andere Mann des Stammes auch.

 

Auch bei den Göttern werden Thing-Versammlungen abgehalten. Sie finden am Stamm des Weltenbaumes Yggdrasil statt. Der Älteste, Odin, hat dabei stets den Vorsitz, und der tugendhafte Tyr wacht darüber, dass das uralte Asen-Recht eingehalten wird. Daran sieht man mal wieder die Weltlichkeit und Menschlichkeit der germanischen Religion, aber auch die Heiligkeit der Thing-Versammlung.

 

Nach der Christianisierung wurden immer noch Things abgehalten. Da nun aber ein christlicher König die Geschicke im Land regeln und das Volk sich nicht mehr selbst bestimmen sollte, beschränkte man diese Versammlungen immer mehr und mehr. In Deutschland, England und den Niederlanden war es bereits im späteren Mittelalter so, dass mit "Thing" nur noch das Gericht gemeint war, zu dem längst nicht mehr alle zugelassen waren. In Skandinavien dagegen heißen heute noch die Parlamente "Thing".

 

Viele unserer heutigen Wörter gehen auf das Thing zurück, einige wurden ja bereits erläutert. Da sind aber noch mehr, so zum Beispiel das "Ding" im Sinne der "Sache", was sich ursprünglich auf die "beim Thing zu besprechende Sache" bezog und sich heute auf alle "Dinge" ausgeweitet hat. Doch auch weitere Wörter gehen darauf zurück, unter anderem "Bedingung", "unabdingbar", "dingfest machen" oder "sich verdingen". Ja und sogar unser Wochentagesname "Dienstag" rührt daher! Während nämlich das englische "tuesday" oder das dänische "tirsdag" auf den Gott Tyr zurück gehen, kommt der Dienstag - von altsächsisch "Dingesdag" - direkt von der Thing-Versammlung. Natürlich aber steht der Name trotzdem in Verbindung mit Tyr, denn wie gesagt ist er der Souverän der Thing-Versammlungen, Bewahrer des Thing-Friedens, Bringer von Recht und Ordnung.

 

Auszug aus: www.facebook.com/GermanischeGoetterwelt