Germanischer Topf
Germanischer Topf

Um das Kriegertum der Germanen zu verstehen, ist es notwendig, zuerst die politisch-soziale Verfassung dieses Volkes kennen zu lernen. Wie die Gallier, entbehren die Germanen der politischen Einheit; sie zerfallen in Völkerschaften (civitates), deren jede im Durchschnitt etwa 100 Quadratmeilen Gebiet besitzt. Die Grenzen des Gebietes sind der feindlichen Überfälle wegen nicht bewohnt; man kann also auch von den äußersten Wohnstätten in einem Tagemarsch einen in der Mitte gelegenen Versammlungsplatz erreichen. Da ein sehr großer Teil des Landes von Wald und Sumpf bedeckt ist und die Bewohner nur einen geringen Ackerbau treiben, hauptsächlich von Milch, Käse und Fleisch leben, so kann die durchschnittliche Bevölkerung nicht wohl mehr als 250 Seelen auf die Quadratmeile betragen haben; die Völkerschaft hatte also etwa 25000 Seelen, die größeren vielleicht bis zu 35000 oder 40000. Das ergibt 6-10000 Männer, so viel, wie noch im äußersten Falle, nach Abzug von 1000 bis 2000 Fehlenden, eine Stimme beherrscht, so viel also noch eine einheitlich beratende Versammlung bilden können. Diese allgemeine Volksversammlung übte die souveräne höchste Gewalt aus.

 

Die Völkerschaften zerfielen in Geschlechter oder Hundertschaften. Geschlechter werden diese Verbände genannt, weil sie nicht willkürlich gebildet sind, sondern in dem natürlichen Zusammenhang der Zeugungen zusammenhalten; Städte, in die ein Teil des Nachwuchses abströmen könnte, um dort neue Verbindungen einzugehen, gibt es nicht. Jedermann bleibt in dem Verbande, in den hinein er geboren ist. Hundertschaften aber werden die Geschlechter auch genannt, weil man etwa 100 Familien oder Krieger in ihnen zählte, eine Zahl, die freilich in der Praxis häufig auch weit überschritten worden sein mag, denn »hundert« gebrauchten die Germanen im Sinne der größeren runden Zahl im allgemeinen. Die zahlenmäßige Benennung bestand neben der patriarchalischen, weil die tatsächliche Verwandtschaft unter den Geschlechtsgenossen doch nur sehr gering war. Die Geschlechter können nicht so entstanden sein, daß ursprünglich eine Anzahl einzelner Paare nebeneinander saßen, die im Laufe einiger Jahrhunderte zu großen Geschlechtern wurden, sondern nur so, daß Geschlechter, die zu groß wurden, um sich noch an einer Stelle zu ernähren, sich teilten. Eine gewisse Größe, eine gewisse Zahl, ungefähr 100 also, war das konstitutive Element des Verbandes, ebenso sehr wie die Abkunft; man nahm also auch von jener den Namen, so gut wie von dieser Geschlecht und Hundertschaft sind identisch.

 

Das Geschlecht oder die Hundertschaft, deren Größe wir hiernach auf 400 bis 1000, vielleicht auch manchmal bis zu 2000 Seelen veranschlagen dürfen, verfügte über ein Gebiet von einer oder einigen Quadratmeilen, den Gau, und wohnte beieinander in einem Dorf. Ihre Hütten bauten die Germanen nicht Mauer an Mauer, Giebel an Giebel, sondern wie jedem der Platz, Wald oder Quelle gefiel. Das ist jedoch nicht zu verstehen im Sinne der Einzelhöfe, wie sie heute in vielen Teilen Westfalens herrschen, sondern einer lose und weitläufig gebauten gemeinsamen Ansiedelung. Der Ackerbau, der hauptsächlich die Frauen und die für Jagd und Krieg Untauglicheren versahen, war sehr dürftig. Um frischen, ertragreichen Boden bestellen zu können, wurde der Platz der Ansiedelung innerhalb des Gaues öfter verlegt. Das deutsche Recht rechnete das Haus noch später nicht zu den Immobilien, sondern zur Fairness. Da, wie wir sahen, auf je 250 Seelen im Durchschnitt eine Quadratmeile, auf ein Dorf von 750 Seelen also etwa drei Quadratmeilen Gebiet kamen, so hätte sehr viel Ackerboden auf andere Weise als durch diese Verlegungen gar nicht ausgenutzt werden können. Wenn auch nicht mehr Nomaden, so haften die Germanen doch nur locker an Grund und Boden. Die Geschlechtsgenossen, die zugleich Dorfgenossen sind, stehen im Kriege in einer Schar zusammen. Daher heißt noch heute im Nordischen ein Truppenkorps »thorp«, und in der Schweiz braucht man »Dorf« für »Hause«, »dorfen« für »Versammlung halten«, ja unser Wort »Truppe« ist desselben Stammes und bewahrt, mit den Franken zu den Romanen fortgetragen und von dort zu uns zurückgewandert, eine Erinnerung an die Verfassung unserer Urväter aus Zeiten, zu denen keine schriftliche Urkunde hinaufreicht. Die Schar, die zusammen in den Krieg zog und die sich zusammen ansiedelte, war dieselbe: deshalb ist aus demselben Wort eine Bezeichnung für einen Wohnplatz, Dorf, und für Soldaten, Truppe, entstanden. Die altgermanische Gemeinde ist also ein Dorf nach der Art der Ansiedlung, ein Gau nach ihrem Gebiet, eine Hundertschaft nach ihrer Größe, ein Geschlecht nach ihrem Zusammenhang. Grund und Boden ist nicht Privateigentum, sondern gehört der Gesamtheit dieser festgeschlossenen Gemeinschaft; sie bildet, nach einem späteren Ausdruck, eine Markgenossenschaft.

 

Die Römer hatten für diese ganze Erscheinung keine völlig deckenden Worte und greifen zu Umschreibungen. Die römische gens, das Wort, das zunächst gelegen hätte, war zu einer fast leeren Form geworden und gab einem Lateiner keine Anschauung mehr; Cäsar nennt deshalb die germanischen Geschlechter »gentes cognationesque hominum, qui una colerunt«, um auszudrücken, daß wirklicher Blutzusammenhang in diesen Siedlungen vorhanden sei. Tacitus sagt, daß die »familiae et propinquitates« im Felde beieinander standen und daß die »Gesamtheiten«, »universi«, das Ackerland innehatten. Auch Paulus Diaconus hat noch empfunden, daß die germanische Sache sich durch ein lateinisches Wort nicht eigentlich wiedergeben lasse, und behält das deutsche Wort fara = Geschlecht (gleichen Stammes mit pario, peperi) in seinem lateinisch geschriebenen Buche bei, indem er drei Übersetzungen, »generationes«, »lineas«, »prosapias« hinzufügt. Dieselbe Verlegenheit war bei dem Dorf. Der römische vicus war klein und stadtähnlich geschlossen gebaut; um von den loseren und ausgedehnteren germanischen Ansiedlungen mit ihrem weiten Gebiet eine Vorstellung zu geben, sagt Tacitus »vici pagique«.

 

An der Spitze jeder Gemeinde steht ein gewählter Beamter, der entweder Altermann oder Hunno genannt wird, so wie die Gemeinde bald Geschlecht, bald Hundertschaft. Ulfilas nennt den Centurio im Evangelium Hundafaths. Bei den Angelsachsen begegnen wir dem Ealdorman, in Norwegen dem »Herredskönige« oder »Hersen«. In Deutschland hat der Hunno sich vielfach das ganze Mittelalter hindurch unter dem Namen »Hunne«, »Hun«, »Hundt« als Dorfschulze erhalten und existiert noch heute in Siebenbürgen in der Form »Hon«.

 

Die Altermänner oder Hunni sind die Vorsteher und Leiter der Gemeinden im Frieden und Anführer der Männer im Kriege. Aber sie leben in und mit dem Volke; sie sind sozial Gemeinfreie, wie alle anderen. Ihre Autorität ist nicht groß genug, um bei schweren Zwistigkeiten oder Missetaten den Frieden zu erhalten, ihr Standpunkt nicht hoch, ihr Blick nicht weit genug, um politisch zu führen und zu leiten. In jeder Völkerschaft gab es hoch über den Gemeinfreien ein oder einige edle Geschlechter, die, erhaben über die Menge, einen eigenen Stand bildeten und ihre Herkunft von den Göttern ableiteten. Aus ihnen wählte die allgemeine Volksversammlung einige »Fürsten«, »Vorderste«, »principes« die durch die Gaue reisten (per pagos vicosque), um Gericht zu halten, die mit fremden Mächten verhandelten, die öffentlichen Angelegenheiten zusammen erwogen, auch wohl unter Zuziehung der Hunni, um der Volksversammlung ihre Vorschläge zu machen, und von denen einer im Kriege als Herzog den Oberbefehl führte. In den fürstlichen Geschlechtern war durch Beuteanteil, Tribute, Geschenke, Kriegsgefangene, die ihnen Fronten, vornehme Heiraten ein in den Augen der Germanen großer Reichtum angesammelt. Er ermöglichte ihnen, sich ein Gefolge zu halten, freie Männer, die tapfersten Krieger, die sich ihrem Herrn auf Leben und Tod zur Treue verpflichteten und als seine Bankgenossen um ihn lebten, im Frieden Stattlichkeit, im Kriege Schutz und Hilfe »in pace decus, in bello praesidium«. Wo der Fürst auftrat, gaben die Gefolgsmänner seinem Worte Autorität und Nachdruck. Einen positiven Rechtssatz, daß nur der Spross einer der edlen Familien zum Fürsten gewählt werden könne, gab es gewiss nicht. Tatsächlich aber hatten diese Familien sich von der Menge so weit differenziert, daß so leicht aus ihr nicht jemand in den vornehmen Kreis übertreten konnte. Weshalb hätte die Gemeinde einen Mann aus der Menge zum Fürsten wählen sollen, der nicht mehr war, als jeder andere? Immerhin mag es nicht ganz selten vorgekommen sein, daß Hunni, in deren Familie dieses Amt ebenfalls durch mehrere Generationen geblieben war und die dadurch ein besonderes Ansehen und auch Wohlstand erworben hatten, in die Reihe der Fürsten einrückten. Eben auf diesem Wege wird sich die Bildung der adligen Familien selbst vollzogen haben; der natürliche Vorzug, der bei den Beamtenwahlen den Söhnen ausgezeichneter Väter zuteilwurde, setzte sich um in die Gewohnheit, an die Stelle eines Verstorbenen, bei sonstiger Qualifikation, seinen Sohn zu wählen, und die Vorteile der Stellung hoben wieder die Familie so weit aus der Menge, daß es für andere immer weniger möglich wurde, mit ihr zu konkurrieren. Wenn wir heute von diesem psychologisch-sozialen Prozess schwächere Wirkungen im öffentlichen Leben verspüren, so liegt das daran, daß andere Kräfte einer derartigen natürlichen Standesbildung stark entgegen wirken. Im germanischen Altertum ist es zweifellos, daß sich aus dem ursprünglich gewählten Beamtentum ein erblicher Stand entwickelte. Auf dem Boden des eroberten Britanniens wurden aus den alten Fürsten Könige und aus den Altermännern Earls. In der Zeit, von der wir hier handeln, sind die Verhältnisse noch im Werden; wohl hat sich der Fürstenstand schon als Klasse von der Menge geschieden, die Hunni gehören jedoch noch zu ihr und sind auf dem Kontinent überhaupt nicht zu einer Absonderung als besonderer Stand gelangt.

 

Die Versammlung der germanischen Fürsten mit den Hunni wird von den Römern wohl als der Senat der germanischen Völkerschaft bezeichnet. Die Söhne der allervornehmsten Familien wurden schon ganz jung mit der Fürstenwürde bekleidet und zu den Beratungen des Senates zugezogen. Sonst war die Gefolgschaft die Schule für die Jünglinge, die nach außerordentlicheren Dingen als dem Dasein eines Gemeinfreien strebten. Die Regierung durch die Fürsten geht in das Königtum über, wenn nur ein Fürst vorhanden ist oder einer die anderen beseitigt oder unterdrückt. Die Grundlage und der Geist der Verfassung ist dadurch an sich noch nicht geändert, da die höchste, entscheidende Instanz nach wie vor die allgemeine Krieger- Versammlung bleibt. Fürstentum und Königtum sind so wenig begrifflich voneinander abgegrenzt, daß die Römer auch wohl einmal den Königstitel gebrauchen, wo nicht einer, sondern zwei Fürsten vorhanden sind. Auch das Königtum geht nicht, ebenso wenig wie das Fürstentum, durch reines Erbrecht von einem Inhaber auf den andern über, sondern das Volk erhebt den zunächst Berechtigten durch Wahl und Zuruf zu seiner Würde. Ein physisch oder geistig untauglicher Erbe könnte und würde dabei übergangen werden. Wenn also Königtum und Fürstentum zunächst nur quantitativ verschieden sind, so macht es natürlich tatsächlich doch einen sehr großen Unterschied, ob Führung und Leitung in der Hand eines einzigen oder einer Mehrzahl ist. Die Möglichkeit eines Widerspruchs, die Möglichkeit, verschiedene Pläne in der Volksversammlung zu erwägen und verschiedene Vorschläge zu machen, ist durch das Königtum so gut wie vollständig beseitigt. Die souveräne Gewalt der Volksversammlung wird mehr und mehr zu einer bloßen Akklamation. Diese aber bleibt auch dem König unentbehrlich; der Germane behielt auch ihm gegenüber den Stolz und den Trotz des freien Mannes: sie waren Könige, sagt Tacitus (13, 54), soweit Germanen sich überhaupt regieren lassen, »in quantum Germani regnantur«.

 

Das Verhältnis der Gau-Gemeinde zum Staat ist ein ziemlich lockeres. Es könnte vorkommen, daß ein Gau, indem er seinen Wohnsitz etwas weiter weg verlegt, sich allmählich von dem Staat, zu dem er bisher gehört hat, loslöst. Der Besuch der allgemeinen Volksversammlungen wird umständlicher und seltener; die Interessen sind nicht mehr dieselben. Der Gau steht nur noch in einer Art Bundesverhältnis zum Staat und bildet mit der Zeit, wenn das Geschlecht an Zahl stärker wird, einen eigenen Staat. Aus der bisherigen Hunno-Familie wird eine Fürsten-Familie. Oder aber, es geschieht, daß bei der Verteilung der Gaue unter die verschiedenen Fürsten als Gerichtsbezirke diese Fürsten ihren Bezirk als eine Einheit unter sich zusammenfassen, hier ein Königtum entwickeln und aus dem Staat ausscheiden. Das ist nicht direkt in den Quellen so bezeugt, aber es spiegelt sich in der Unsicherheit der überlieferten Terminologie. Die Cherusker und die Chatten, die uns als Völkerschaften im Sinne von Staaten (civitates) erscheinen, haben ein so ausgedehntes Gebiet, daß wir in ihnen wohl eher einen Staatenbund sehen dürfen. Von vielen Völkerschaftsnamen mag es zweifelhaft sein, ob es nicht bloße Gaunamen sind. Der Name »Gau« (pagus) wieder mag oft nicht von der Hundertschaft, sondern von dem Bezirk eines Fürsten gebraucht sein, der mehrere Hundertschaften umfasste. Am festesten ist der Zusammenhalt in der Hundertschaft, dem Geschlecht, das halb-kommunistisch beieinander lebt und nicht so leicht äußerlich oder innerlich aufgelöst werden kann.

 

Der entscheidende Punkt ist die Identität von Geschlecht und Hundertschaft. Daß die Hundertschaft der Gau ist, ist meines Erachtens schon von Waitz genügend dargetan worden. Neuere Forscher, Sybel, Sickel, Erhardt, Brunner, Schröder, haben stattdessen einen Bezirk von wenigstens 2000 Kriegern als Gau angenommen. Die Vorstellung ist jedoch nicht durchführbar. Das Wort pagus, um das es sich zunächst handelt, ist im römischen Sinne ganz allgemein Flurbezirk, Unterabteilung eines Landes oder einer Landschaft von unbestimmter Größe. Cäsar lässt die Helvetier in vier pagi zerfallen; es ist klar, daß diese pagi nicht nur nicht Hundertschaften, sondern selbst erheblich größer als Tausendschaften gewesen sein müssen. Wir werden anzunehmen haben, daß die Helvetier, zu groß geworden, um sich noch in einer einheitlichen Volksversammlung zu regieren, in vier, durch Bundesinstitutionen zusammengehaltene Gemeinwesen zerfielen. Da diese vier Gemeinwesen nach außen noch immer als Einheit auftraten, so bezeichnete der Römer sie als bloße pagi des Staates der Helvetier. Für unsere Frage scheiden diese Art pagi von vornherein aus, ganz ebenso wie die pagi des Mittelalters, die etwa den alten Völkerschaften entsprechen.

 

Das Maximum, das bei den germanischen pagi der Urzeit in Betracht kommen könnte, ist die Tausendschaft. Man konnte an sie denken, solange man keine bestimmte Vorstellung von der Bevölkerungsdichtigkeit, der Seelenzahl einer germanischen Völkerschaft hatte. Wenn es jedoch richtig ist, daß unter Kultur- und Nahrungs-Verhältnissen, wie die des alten Germaniens, nicht mehr als etwa 250 Seelen im Durchschnitt auf der Quadratmeile leben können, so ist damit die Tausendschaft gefallen. Wohl können wir uns vorstellen, daß eine Völkerschaft, die drei oder vier Fürsten hatte, jedem als Richter einen Bezirk zuwies, der etwa 1200-2000 Krieger zählte, und es ist möglich, daß auch ein solcher Bezirk zuweilen pagus genannt worden ist. Haben wir uns jedoch erst das Wesen der Hundertschaft und die Erscheinung ihrer Ansiedlung klar gemacht, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Römer, wenn sie von germanischen pagi sprechen, vorwiegend diese Hundertschaften im Auge gehabt haben, und da die Sachsen noch spät im Mittelalter das Wort »Go« dafür gebrauchten, so sind wir berechtigt, auch in der Urzeit dieses Wort in technischem Sinne für die Hundertschaften zu verwenden, ohne die Möglichkeit zu leugnen, daß die Germanen es auch in dem allgemeinen Sinne, wie wir heute »Bezirk«, verwandt haben können.

 

Die Bevölkerungsdichtigkeit in Germanien

 

Daß die Angaben der Römer über die Volksmassen Germaniens, die man bis vor kurzem noch arglos wiederholte, wertlos seien, ist heute wohl allgemein anerkannt. Wie außerordentlich schwer es ist, ganz abgesehen von tendenziöser Übertreibung, Volksmengen abzuschätzen, lehren die Berichte aus den erst heute in den Gesichtskreis der Kulturwelt getretenen Ländern. In der Landschaft Urundi hatte Stanley die Volksdichte zu 75 Seelen auf den Quadratkilometer angesetzt; Baumann schätzte sie später auf 7. Für Uganda hat Reclus geglaubt, 5000 Seelen auf die Quadratmeile annehmen zu dürfen (das ist viel dichter als Frankreich); Ratzel hat die 5000 auf 650 reduziert, und Jannsch hat einmal erklärt, es sei ihm trotz aller Mühe völlig unmöglich gewesen, zu einer einigermaßen verlässlichen Schätzung der Einwohnerzahl eines afrikanischen Gebietes zu gelangen. Wenn Vierkandt trotzdem für die verschiedenen Regionen des westlichen Zentral-Afrika Bevölkerungsdichten von 0,85 bis 6,5 auf den Quadratkilometer, im Durchschnitt für ein Gebiet von 5010000 qkm eine Dichtigkeit von 4,74 auf den Quadratkilometer (etwa 250 auf die Quadratmeile) berechnet, so geschieht das nur mit Hilfe sehr zahlreicher, sich gegenseitig kontrollierender Angaben und wirklicher zuverlässiger Zählungen. Wie soll es uns möglich sein, zu einer auch nur einigermaßen zuverlässigen Schätzung der alten Germanen zu gelangen, über die wir keine einzige, wirklich zuverlässige und sicher zu interpretierende Zahl haben? Es ist dennoch möglich, weil wir heute, wovon man noch vor einem Menschenalter keine sichere Vorstellung hatte, an der Nahrungsproduktion aller Länder unter den verschiedenen Kulturzuständen gewisse Maßstäbe haben, die zwar nicht allenthalben, aber doch an manchen Stellen sehr sichere Anhaltspunkte gewähren. Hiernach kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Germanen, die noch keine Städte hatten, wenig Ackerbau trieben, hauptsächlich von Milch, Käse, Fleisch, den Erträgen der Jagd und des Fischfanges lebten, in einem Lande, das zum sehr großen Teil aus Wald und Sumpf bestand, nur sehr dünn angesiedelt gewesen sein können.

 

F. Mor. Arndt in Schmidts Zeitschrift f. Gesch. Wissenschaft, Band III, S. 244, hat einst die Bevölkerung Germaniens auf 800-1000 Seelen für die Quadratmeile geschätzt, aber unter der Voraussetzung, daß die Erzählungen der Römer von dem geringen Ackerbau der Germanen unrichtig seien. Heute ist die Wissenschaft einig, daß die Schilderungen von dem germanischen Ackerbau die Cäsar und Tacitus richtig sind, und mit der Voraussetzung, die dem gesunden, natürlichen Blick des trefflichen Alten alle Ehre macht, fällt nun auch seine Folgerung, die starke Bevölkerung, die großen Volksmassen, von denen die Römer zu erzählen lieben. Auf Grund des Vergleiches mit den Belochschen Berechnungen für Gallien habe ich in dem gen. Aufsatz in den Preuß. Jahrbuch die Dichtigkeit auf 4-5 auf den Quadratkilometer (250 auf die Quadratmeile) geschätzt. Die Grundlage dieser Berechnung ist seitdem etwas verschoben worden, da ich mittlerweile den Glauben an die Angaben Cäsars über die Helvetier, von denen Beloch ausging, verloren habe. Aber die Schätzung selber ist dennoch festzuhalten. Die Vergleichszahlen, von denen man ausgehen muss, um zunächst einen ungefähren Anhalt zu gewinnen, findet man jetzt vortrefflich zusammengestellt bei SCHMOLLER, Grundriss der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre, I, 158 ff., namentlich S. 183. Schmoller kommt hier für Germanien zu Christi Geburt auf 5-6 Seelen auf den Quadratkilometer; an anderer Stelle (S. 169) meint er, meine Schätzung von 25000 Seelen auf die Völkerschaft (4-5 auf den Quadratkilometer) scheine ihm eher zu viel als zu wenig. Ein eigentlicher Widerspruch ist das nicht, da es sich hier ja überhaupt nur um ganz ungefähre Schätzungen handeln kann. Ob nun vier oder sechs Seelen auf den Quadratkilometer, die Zahl der Germanen zwischen Rhein und Elbe hat sich um nicht mehr als etwa eine Million herum bewegt, und wir können das noch enger umgrenzen, nämlich mit Hilfe der Berechnung der Ausdehnung und der Verfassung der einzelnen Völkerschaften.

 

Wir kennen die Geographie des nordwestlichen Germanien genau genug, um festzustellen, daß auf dem Gebiet zwischen dem Rhein, der Nordsee, der Elbe und einer Linie vom Main etwa bei Hanau bis an den Einfluß der Saale in die Elbe etwa 23 germanische Völkerschaften wohnten, zwei Friesen, Canninefaten, Bataver, Chamaven, Amsivarier, Angrivarier, Tubanten, zwei Chauken, Usipeter, Tenchterer, zwei Bructerer, Marser, Chasuarier, Dulgibiner, Langobarden, Cherusker, Chatten, Chattuarier, Innerionen, Intvergen, Caluconen.11 Das ganze Gebiet umfasst etwa 2300 Quadratmeilen, auf jede Völkerschaft kommen also im Durchschnitt etwa 100 Quadratmeilen. Die souveräne Gewalt in jeder dieser Völkerschaften lag bei allgemeinen Volks- oder Kriegsversammlung. Das war auch in Athen und Rom so, aber die gewerbfleißige Bevölkerung in diesen Kulturstaaten besuchte die Volksversammlungen nur zum geringeren Teil. Von den Germanen dürfen wir annehmen, daß tatsächlich sehr häufig so gut wie die gesamte kriegerische Mannschaft wirklich zur Stelle war. Eben deshalb hatten die Staaten keinen größeren Umfang, weil bei mehr als einem starken Tagemarsch von den ferneren Dörfern bis zum Mittelpunkt wirkliche allgemeine Versammlungen nicht mehr möglich gewesen wäre, und wie eine Fläche von etwa 100 Quadratmeilen diesem Postulat nach gerade entspricht, so ist eine Versammlung von 6000 bis allerhöchstens 8000 Männern das Maximum, bei dem noch eine einigermaßen geordnete Verhandlung möglich ist. War das das Maximum, so kann der Durchschnitt nicht wesentlich mehr als 5000 betragen haben, und das ergibt auf die Völkerschaft etwa 25000 Seelen oder 250 auf die Quadratmeile (4-5 auf den Quadratkilometer). Das ist, wohlgemerkt, zunächst das Maximum, die obere Grenze. Unter diese aber wesentlich herabzugehen, verbietet sich aus einem anderen Grunde, dem militärischen. Die kriegerischen Leistungen der Germanen gegen das römische Weltreich und seine sturmerprobten Legionen sind so groß, daß sie ohne eine gewisse Menge nicht denkbar erscheinen, und 5000 Krieger in jeder Völkerschaft erscheint im Vergleich zu jener Leistung schon so gering, daß niemand geneigt sein wird, noch tiefer zu greifen.

 

Wir haben hier also den Fall, daß trotz des völligen Mangels an brauchbaren, positiven Nachrichten wir doch imstande sind, mit großer Sicherheit positive Zahlen auszusprechen. Die Verhältnisse sind so einfach und die wirtschaftlichen und militärischen, geographischen und politischen Tatsachen so fest ineinander verschränkt, daß wir heute mit den durchgebildeten Methoden wissenschaftlicher Forschung die fehlenden Stücke der Überlieferung zu ergänzen, die Menge der Germanen besser abzuschätzen vermögen als die Römer, die sie vor Augen hatten und täglich mit ihnen verkehrten. SERING gibt an, daß in den ostelbischen Gutsbezirken die Dichtigkeit bis auf 4 Seelen auf den Quadratkilometer herabgehe.

 

Auszug aus: H. Delbrück: GdK.: 1. Buch. Der Kampf der Römer und Germanen

(vgl. Delbrück Gdk 2. Teil, S. 3 ff.)