Köhler, Hüttenleute und Schmiede
Köhler, Hüttenleute und Schmiede

Die Angabe Cäsars, daß die Germanen jährlich sowohl den Acker, wie die Wohnstätte gewechselt hätten, halte ich in dieser Allgemeinheit für anfechtbar, da für den jährlichen Wechsel der Wohnstätte kein Motiv zu finden ist. Ließ sich auch die Hütte samt Hausrat, Vorräten und Vieh leicht verpflanzen, eine gewisse Mühe war mit dem Wiederaufbau doch immer verbunden, und ganz besonders mühselig muss mit den wenigen und unvollkommenen Spaten, über die germanische Geschlechter sicher nur verfügten, das Ausgraben der Keller gewesen sein. Ich zweifle daher nicht, daß der »jährliche« Wechsel der Wohnstätten, von dem die Gallier und Germanen Cäsar erzählt haben, eine starke Übertreibung oder ein Missverständnis ist.

 

Tacitus wiederum berichtet direkt von einem Wechsel der Wohnstätten nichts mehr, sondern spricht (Germ. 26) nur von einem Wechsel der Äcker, und man hat in dem Unterschied eine höhere Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung sehen wollen. Ich halte das für ausgeschlossen. Wohl ist es möglich und wahrscheinlich, daß schon zu Tacitus', ja schon zu Cäsars Zeit viele germanische Dörfer feste Ansiedelungen waren, nämlich solche, die ein sehr fruchtbares, zusammenhängendes Gebiet hatten. Für sie genügte es, rings um das Dorf herum Ackerfeld und Brache jährlich zu wechseln. Diejenigen Dörfer jedoch, deren Gau zum größten Teil aus Wald und Sumpf bestand oder deren Boden weniger fruchtbar war, konnten damit nicht auskommen.

 

Sie mussten die einzelnen brauchbaren Fluren des weiten Gebietes eine nach der anderen ausnutzen und zu diesem Zwecke von Zeit zu Zeit ihr Dorf verlegen. Die Worte des Tacitus schließen, wie schon Thudichum richtig bemerkt hat, einen derartigen Wechsel der Wohnstätte keineswegs aus, und wenn sie ihn auch nicht ausdrücklich aussprechen, so scheint mir doch ziemlich sicher, daß er dem Tacitus bei seiner Schilderung vorgeschwebt hat. Seine Worte lauten (Germ. 26): »agri pro numero cultorum ab universis in vices occupantur, quos mox inter se secundum signationem partiuntur; facilitatem partiendi camporum spatia praebent, arva per annos mutant et superest ager«. Das Auffällige in dieser Schilderung ist der doppelte Wechsel: erst heißt es, die agri werden abwechselnd in Besitz genommen, dann, die arva werden jährlich gewechselt. Wenn es sich nur darum handelte, daß das Dorf abwechselnd ein größeres Stück des Gebietes zum Ackerland bestimmte und innerhalb dieses Ackerlandes wieder jährlich zwischen Ackerfeld und Brache gewechselt wurde, so wäre die Schilderung für Tacitus' sonst so knappe Art recht umständlich und auch das Ereignis für so viele Worte, sozusagen, zu gering. Ganz anders, wenn dem Römer dabei vorgeschwebt hat, daß eine Gemeinde, die abwechselnd ganze Fluren okkupierte und hierauf unter ihre Mitglieder verteilte, mit dem Wechsel der Fluren auch die Wohnstätten wechselte. Er sagt uns das nicht ausdrücklich; das ist aber bei seiner knappen Art doch nicht so ganz unerklärlich, und es ist ja auch keineswegs anzunehmen, daß alle Dörfer so verfuhren. Dörfer, die nur über ein sehr kleines, aber fruchtbares Gebiet verfügten, hatten das Umherziehen nicht nötig.

 

Ich zweifle daher nicht, daß Tacitus (Germ. 26) mit der Unterscheidung »agri in vices occupantur« und »arva per annos mutant« nicht sowohl eine neuere Stufe des germanischen Wirtschaftslebens schildert, als Cäsar stillschweigend korrigiert. Macht man sich klar, daß einem germanischen Dorf von 750 Seelen ein Gau von 3 Quadratmeilen gehörte, so ist Tacitus' Angabe auf der Stelle einleuchtend. Bei der dürftigen Art der Bestellung war es notwendig, alle Jahre neuen Acker unter den Pflug (Hacke) zu nehmen, und war der Acker in der Nähe des Dorfes erschöpft, so war es einfacher, das ganze Dorf an eine andere Stelle des Gaues zu verlegen, als von dem alten Dorf aus entferntere Gefilde zu bebauen und zu bewachen. Nach einer Reihe von Jahren und vielleicht mehrfachem Umziehen kam man wieder an die alte Stelle zurück und konnte auch die alten Keller wieder benutzen.

 

Größe der Dörfer

 

Ein wesentlicher Punkt für meine Auffassung ist, daß wir uns die germanischen Dörfer als ziemlich groß vorzustellen haben. Man könnte sich zunächst auch etwa denken, daß die Hundertschaft (der Gau) aus einer Gruppe von ganz kleinen Dörfern bestanden habe. Diese Vorstellung ist wohl die bis jetzt allgemein angenommene. Sie ist jedoch quellenmäßig wie sachlich unschwer zu widerlegen.

 

1. Gregor von Tours erzählt Buch II, Kap. 9 nach Sulpicius Alexander, daß das Römische Heer, als es im Jahre 388 einen Zug in das Land der Franken machte, »ingentes vicos« bei ihnen fand.

 

2. Die Identität von Dorf und Geschlecht kann keinem Zweifel unterliegen, und es ist positiv bezeugt, daß die Geschlechter ziemlich groß waren.

 

3. In Übereinstimmung damit hat KIEKE BUSCH mit den Hilfsmitteln der Prähistorie die Größe einer germanischen Ortschaft in den beiden ersten Jahrhunderten n.Chr. auf wenigstens 800 Seelen berechnet. Die Begräbnisstätte von Darzau hat etwa 4000 Urnen enthalten und ist 200 Jahre lang benutzt worden. Das gibt im Jahr etwa 20 Todesfälle und das führt auf eine Volkszahl von wenigstens 800 Seelen.

 

4. Der Wechsel der Äcker und Wohnstätten kann, wenn auch vielleicht mit einer gewissen Übertreibung überliefert, doch nicht ohne einen Wahrheitskern sein. Dieser Wechsel der ganzen Ackerfluren und gar der Wechsel der Wohnstätten hat nur Sinn bei großen Dörfern, die einen sehr großen Bezirk besitzen. Kleine Dörfer, deren Flur sich nicht so sehr weit erstreckt, haben keine Veranlassung, einen anderen Wechsel als den zwischen Ackerfeld und Brache eintreten zu lassen. Große Dörfer haben dazu in ihrer Nähe nicht genug Ackerboden, müssen in die entfernteren Ecken ihres Bezirks gehen und machen sich das am bequemsten, indem sie das ganze Dorf verlegen. HETTNER, Das europäische Russland (Geogr. Zeitschrift, Bd. 10, H. II, S. 671) berichtet, daß in der russischen Steppe die Dörfer sehr große Feldmarken haben und die Menschen deshalb zur Zeit der ländlichen Arbeiten das Dorf verlassen und in rasch er richteten Hütten inmitten der Felder wohnen.

 

5. Jedes Dorf bedarf notwendig eines Oberhauptes. Der gemeinsame Ackerbesitz, das gemeinsame Austreiben und Hüten der Herden, die häufige Gefährdung durch Feinde und wilde Tiere machen eine Autorität an Ort und Stelle unentbehrlich. Man kann nicht einen Führer von wo anders herholen, wenn es gilt, sich gegen ein Rudel Wölfe zu verteidigen und sie zu verfolgen; einen feindlichen Überfall abzuwehren, bis Familien und Vieh geborgen sind; einen austretenden Bach einzudämmen und Feuer zu löschen; die kleinen Streitigkeiten des Tages zu schlichten; die Bestellung oder die Ernte zu beginnen – welches letztere bei gemeinsamen Ackerbesitz gleichmäßig geschieht. Ist das alles richtig, hat also das Dorf einen Schulzen, so ist dieser Schulze, da das Dorf das Geschlecht ist, der Geschlechtsälteste. Dieser aber muss, wie wir gesehen haben, identisch mit dem Hunno sein. Folglich ist das Dorf die Hundertschaft, folglich hat das Dorf an die hundert Krieger oder mehr, folglich ist es nicht so ganz klein.

 

6. Kleinere Dörfer haben den Vorzug, die Ernährung zu erleichtern. Die großen Dörfer aber, obgleich sie sogar die Unbequemlichkeiten des Öfteren Verlegens des Dorfes mit sich brachten, waren den Germanen wünschenswert wegen der steten Gefahr, in der man lebte. Was auch immer drohte von wilden Tieren oder noch wilderen Menschen, immer war wenigstens sofort ein stattlicher Haufe von Männern bereit, dem Feinde die Stirn zu bieten. Wenn wir bei anderen barbarischen Völkern, z.B. später bei den Slaven, kleine Dörfer finden, so kann das die Kraft unserer vorerwähnten Zeugnisse und Argumente nicht aufheben. Slaven sind eben nicht Germanen, und mancherlei ähnliches in den Zuständen postuliert noch nicht Gleichheit in allem; auch sind die Zeugnisse über die Slaven aus so viel späterer Zeit, daß sie sich schon auf eine andere Entwicklungsperiode beziehen können. Auch das germanische Großdorf ist ja später, als die Bevölkerung wuchs, der Ackerbau intensiver wurde und das Verlegen der Wohnsitze aufhörte, in Gruppen von kleineren Dörfern aufgelöst worden.

 

Der Tunginus

 

Meine Auffassung vom Wesen des Hunno-Amtes findet ihre Bestätigung in der fränkischen Zeit. Wir müssen darauf zurückkommen, wenn wir die Auflösung der urgermanischen Verfassung nach der Völkerwanderung betrachten, wollen jedoch speziell zu der Frage des Hunno-Amtes in der späteren Zeit schon hier einige Bemerkungen machen, weil in der Feststellung der Kontinuität eine wesentliche Stütze für uns geschaffen wird, während ein bisher noch nicht gehobener Zwiespalt in der Charakteristik und Unterscheidung der fränkischen Ämter eine ungünstige Rückwirkung auf die Zuverlässigkeit unserer Rekonstruktion der Urzeit ausüben müsste. Wenn eine Auffassung vom Hunno-Amt richtig ist, so ergibt sich daraus ohne weiteres, daß der in den Volksrechten oft genannte centenarius kein anderer als, wie der Name sagt, der Hunno ist und daß, wenn die Formel »tunginus aut centenarius« gebraucht wird, beide Bezeichnungen dasselbe bedeuten, der eine Name nur den andern erläutert. Der Graf ist Beamter des Königs; der Centenar oder Tunginus ist Volksbeamter, hat nicht den Vorzug des dreifachen Wergeldes, wird vom Grafen nicht eingesetzt oder abgesetzt.

 

Erst in der Karolingerzeit wird er zum gräflichen Unterbeamten. Der Graf hat die wesentlichen Funktionen des alten princeps, nur daß er diese Funktionen nicht nach den Rechtsvorstellungen der Urzeit, sondern als Beamter im Namen und Auftrage des neuentstandenen Großkönigs ausübt. Dieser Großkönig hat das alte Prinzipat aufgesogen; von allen alten princeps ist er allein übrig geblieben, und mehr und mehr Völker schaften haben sich ihm allmählich untergeordnet oder unterworfen und lassen sich durch die von ihm gesetzten Grafen regieren. Die alten Gemeindevorsteher aber, die Hunni, erhalten sich noch viele Generationen unter den Grafen, wie ehedem unter den Fürsten, als Volksbeamte. In den romanischen Gebieten, wo es keine geschlossenen germanischen Geschlechtsgemeinden gab, ist der Centenar von vornherein unter dem Namen vicarius der Unterbeamte des Grafen, was der Centenar auf dem germanischen Boden erst später wurde.

 

BRUNNER und RICH. SCHRÖDER sind nun der Ansicht, daß es eine Übergangszeit gegeben habe, wo, als der Graf noch ausschließlich Verwaltungsbeamter war, die richterliche Funktion über den Hunni von dem Tunginus ausgeübt wurde. Der Tunginus wäre also als Richter in dieser Zeit der alte princeps gewesen, der, vom Volke gewählt, für einen größeren Bezirk amtierte. Erst später zog der Graf diese Tunginusfunktion in sein Amt hinein. BRUNNER sucht diese Auffassung durch einige Bestimmungen der lex Salica zu erhärten; AMIRA in den Gött. Gel-Anz. 1896, S. 200, hat dieser Auslegung widersprochen; Rich. SCHRÖDER aber in der Hist. Zeitschrift, Bd. 78, S. 196-198, ist für Brunner eingetreten.

 

In die eigentlich rechtshistorische Untersuchung kann ich mich nicht einmischen, doch scheint mir klar, daß Amira durch die Erwägungen Schröders nicht widerlegt worden ist. Schröder selbst kommt nicht weiter, als bis zu einer Wahrscheinlichkeit, »daß der dem Königsgericht gleichgestellte mallus publicus legitimus des Tunginus nicht mit dem. ... mallus, den tunginus aut centenarius zu berufen hatten, zusammenfiel«. Ein wirklicher Gegenbeweis gegen Amira ist also nicht geführt. Es bleibt noch das Brunnersche Argument, daß, wenn der Tunginus nicht Richter eines größeren Gaues gewesen wäre, es außer dem König nur Hundertschaftsrichter gegeben haben würde. Dies Argument aber schwindet, wenn man die Chronologie näher ansieht.

 

SCHRÖDER, Hist. Zeitschrift, Bd. 78, S. 200, sagt selbst, daß »schon das erste salische Kapitulare, das mit größter Wahrscheinlichkeit noch Chlodowech selbst zugeschrieben wird, als ordentlichen Richter des Gaues nicht mehr den Tungin, sondern den Grafen kennt«. Da nun erst Chlodwig selbst das Großkönigtum, das das persönliche Reiserichtertum nicht mehr ausüben konnte, geschaffen hat, so ist durchaus kein Grund, weshalb es bis dahin zwischen dem König (als Nachfolger des alten Fürstentums) und dem Hunno noch einen Richter gegeben haben soll. Ja, es erscheint sogar ganz aus geschlossen, daß gerade in dieser Zeit das aufkommende Königtum das Volk angehalten oder auch nur ihm erlaubt habe, sich einen Oberbeamten zu wählen, der der natürliche und notwendige Rival des vom König eingesetzten Grafen in der Grafschaft gewesen wäre. Man weiß, in welcher Art Chlodwig die Rivalen seiner Macht verfolgt und beseitigt hat. Mir scheint auf der Hand zu liegen, daß der Augenblick, in dem die Grafen die ordentlichen Richter des Gaues wurden, derselbe ist, in dem Chlodwig das eigentliche fränkische Großkönigtum schuf, das die fernere Ausübung des Amts als Reiseoberrichter durch den König unmöglich machte. Fällt sowohl das Bedürfnis, wie sogar die Existenzmöglichkeit für einen gewählten Gauoberrichter fort, so kann der Tunginus der lex Salica gar kein anderer als der Centenarius, d.h. der alte Hunno, gewesen sein. Der Irrtum der beiden Gelehrten wird damit zusammenhängen, daß sie die Stellung dieses Beamten in der Urzeit nicht genügend gewürdigt und, in der Vorstellung vom Tausendschaftsgau befangen, die Bedeutung und das Wesen der Hundertschaft nicht richtig eingeschätzt haben.

 

Eine sichere etymologische Erklärung des Wortes Tunginus ist bekanntlich noch nicht gefunden. Vgl. darüber neuerdings VAN HELTEN, »Beitr. z. Gesch. der deutschen Sprache und Literatur«, herausg. von Sievers, Bd. XV, S. 456 (§ 145). Van Helten kommt neben der Bedeutung »vortrefflich«, »angesehen« auf »Vorsteher«, »rector«, hat gegen diese letztere Ableitung aber aus der bisherigen rechtsgeschichtlichen Auffassung entspringende sachliche Bedenken. Ist die von mir vorgetragene Auffassung richtig, so ist dies Bedenken gehoben.

 

Auszug aus: H. Delbrück: GdK.: 1. Buch. Der Kampf der Römer und Germanen

(vgl. Delbrück Gdk 2. Teil, S. 3 ff.)