Belege für die Verwendung von Heilpflanzen lassen sich in allen Hochkulturen der Frühzeit finden, in Mesopotamien, Ägypten, China und Indien. In Keilschrifttexten in Mesopotamien (ca. 3000 v. Chr.) sind zahlreiche pflanzliche Rezepturen niedergelegt. Ebenfalls zu dieser Zeit wurden in Indien Kräutergärten angelegt, in den Veden werden 1001 Drogen erwähnt. In Babylonien lies König Merodachbaladan II (721 – 710 v. Chr.) einen Baum- und Kräutergarten anlegen, in dem z. B. Huflattich, Kalmus und Myrrhe wuchsen.


Der ägyptische Priester, Baumeister und Arzt Imhotep verordnete ca. 2600 v. Chr. beim Bau der Stufenpyramide von Sakkara den Arbeitern zum Schutz vor Infektionskrankheiten Knoblauch, Zwiebeln und Rettich. Der Papyrus Ebers (ca. 1600 v. Chr. ), eine über 20m lange Schriftrolle, enthält 877 Heilpflanzenrezepturen, so z. B. von Wachholder, Myrrhe, Thymian. Beschrieben sind auch Anis, Kümmel, Leinsamen, Hanf, Mönchspfeffer und Schlafmohn. Typisch für die ägyptische Medizin war die sog. Dreckapotheke. Diese enthielt als eine Art Antibiotika, eine an Streptomyces – Arten reiche Friedhofserde, die zu Behandlung von Wunden eingesetzt wurde. Die Medizin der alten Kulturen setzte sich in der Antike fort. Imhotep wurde bei den Griechen als Asklepios bei den Römern als Äskulap verehrt. In der Ilias und Odysee von Homer (ca. 9./8. Jh. v. Chr.) werden 63 Pflanzen genannt, die für magische und mythische Handlungen gebraucht werden. Für Pythagoras (ca. 6. Jh. v. Chr.) waren Heilkräuter wichtiger Bestandteil seiner Diätetik - der Pflege von Leib und Seele. Ihm waren die Meerzwiebeln sowie der Senfsamen als Heilpflanzen bekannt.


Im 5. Jh. v. Chr. gab der berühmte griechische Arzt Hippokrates in seiner Schriftensammlung Corpus hippocratikum genaue Anleitungen für die Verwendung pflanzlicher Heilmittel, so z. B. von Zwiebel, Eiche, Bilsenkraut, Knabenkraut, weiße Nieswurz. Theophrastus (ca. 380 – 286 v. Chr.), Arzt, Philosoph und Schüler des Aristoteles, beschrieb in seinem Werk Die Geschichte der Pflanzen ca. 455 Heilpflanzen und ihre Wirkungen. Er gilt als Vater der Botanik. An seinen Werken orientierten sich Darstellungen der folgenden Jahrhunderte.


Für die Römer hatte die Pflanzenheilkunde keinen hohen Stellenwert. Erst mit Ankunft jener Ärzte, die in Griechenland studiert hatten und wie Asklepiades (128 – 56 v. Chr.) heimkehrten wurde das Interesse für Heilkunde belebt. Dioskurides verfasste eine fünfbändige Arzneimittellehre, die bis ins 16. Jh. richtungsweisend für alle weiteren Arzneibücher war. Die Materie medica beschreibt ca. 800 pflanzliche, ferner tierische und mineralische Arzneimittel sowie 4000 medizinische Anwendungen. Besonders Gauchheil, Kalmus, Wegwarte, Distel, Zinnkraut, Erdrauch, Huflattich, Labkraut, Hauhechel, Wegerich, Klee und Baldrian hob er hervor. Schöllkraut empfiehlt er bei Wechselfieber, wilden Bertram bei Epilepsie und Alantwurzel bei Magen- und Lungenleiden. Die zuvor alphabetische oder nach äußerlichen Merkmalen geordnete Auflistung der Arzneistoffe ersetzt Dioskurides erstmals durch eine Systematik, die die qualitative Verwandtschaft bzw. medizinische Wirksamkeit der einzelnen Arzneimittel zugrunde legt. Zur gleichen Zeit veröffentlichte Plinius (25-79) seine Historia naturalis, die für die Entwicklung der Naturwissenschaften von großer Bedeutung waren.


Bei Galen (129-200) findet sich erstmals die gedankliche Verbindung von Pflanze und ihrer pharmakologischen Wirkung. Er ordnete den Pflanzen bestimmte Qualitäten zu: Die Grundqualität, z.B. warm oder kalt, feucht oder trocken, die zweite Qualität den Geschmack (z. B. bitter, salzig, süß, sauer) und als dritte Qualität die spezifische Wirkung, wie z. B. abführend, brecherregend. Darüber hinaus teilte er die Wirkungen in vier Intensitätsgrade ein: unmerkliche, offenkundige heftige und vollständige Wirkungen.

 

Auszug aus: Heilpflanzen Praxis Heute S. 3 ff, S. Bäumler, U&F Verlag, 2007