Schriftliche Aufzeichnungen zu Heilpflanzen in antiken europäischen Hochkulturen


Erste Aufzeichnungen zu Heilkräutern finden sich in chinesischen, indischen, babylonischen und altägyptischen Schriften. Die bekannteste und für die Traditionelle Europäische Medizin (TEM) wichtigste Schrift dieser Art, das Produkt der Arbeit eines unbekannten, sorgfältigen, ägyptischen Schreibers vor ungefähr 3600 Jahren, ist der Papyrus Ebers.


Altägyptisches Heilwissen erreichte über Kreta, das nur 300 km von Afrika entfernt liegt, Griechenland. Hier wurde in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung ausgehend von den vorsokratischen Naturphilosophen Pythagoras, Heraklit, Empedokles, Philistion und Demokrit medizinisches Wissen von Magie befreit. Es ging um die Suche nach Prinzipien der Entfaltung des Lebens und um die Entstehung der Welt. Die Naturphilosophen versuchten, die Natur in ihrer Gesamtheit zu erfassen, theoretisch zu erklären und teilweise auch zu deuten. Gegenstandsbereiche antiker Naturphilosophie waren u. a. Themen der Mathematik, Astronomie, Technik, Geographie, Zoologie, Medizin und Botanik.


Sie waren somit Wegbereiter der Ärzte und Botaniker der griechischen und römischen Antike wie Hippokrates, Aristoteles und Theophrast, Plinius d. Ältere, Dioskurides und Galen


Hippokrates von Kos (460 v. Chr. – 370 v. Chr.) Vater der modernen Ärztinnen und Mitbegründer der Viersäftelehre


Hippokrates gilt als der erste moderne Arzt. Die Magie hat für ihn keine Bedeutung mehr, er beansprucht aber den Heilgott Asklepios und dessen Leitspruch über das Heilen als Stammvater für sich. Nebenbei: Hippokrates hatte Glück! Seine beiden Söhne und sein Schwiegersohn führten die Familientradition weiter. Seine Lehre basiert auf vernunftgemäßer Naturbeobachtung. Daraus ergibt sich für ihn, dass die Natur Lebenskraft und Heilkraft besitzt und entfaltet. Für die Diagnose werden die Krankheitsgeschichte und das Umfeld des Patienten sowie das Klima mit einbezogen. Der Arzt sucht nach einer rationalen Erklärung von Krankheiten und verfasst Krankenberichte. Nach der Meinung des Hippokrates erkranken nicht einzelne Organe, sondern stets der ganze Mensch und die ganze Persönlichkeit. Krankheit ist für ihn ein Ungleichgewicht der vier wichtigen Körpersäfte, die für die Funktionen des Körpers primär zuständig sind: weiße Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim. Diese werden über das Blut und auch über die Nerven im Körper verbreitet.


Die Gesundung des Patienten wird durch die Natur bewirkt, der Arzt ist nur Behandler: „Medicus curat, natura sanat.“ – „Der Arzt behandelt, die Natur heilt.“ Ein guter Arzt berücksichtigt bei seinem Handeln die natürlichen Abläufe. Jede Krankheit benötigt ihre Zeit. Gesunden kann der Kranke durch Stärkung seiner Heilungskräfte, durch Umstellen der Lebensweise, durch gesunde Umwelt und durch Medikamente aus Heilpflanzen. Entsprechend formuliert hat er sein Gesundheitsrezept! Ist ein chirurgischer Eingriff unumgänglich, muss er unter äußerst hygienischen Maßnahmen durchgeführt werden.

Nach ihm ist die Schriftensammlung „Corpus Hippokratikum“ benannt, an der er wesentlich mitgearbeitet hat. Darin gibt er auch genaue Anleitungen über die Anwendung von Giftpflanzen als Heilpflanzen, bei denen die Dosis ausschlaggebend für ihre Wirkung ist, z. B. Bilsenkraut und Nieswurz. Von ihm stammt die bis heute gültige grundlegende Formulierung einer ärztlichen Ethik, der „Eid des Hippokrates“.


Theophrast von Eresos (371- 287 v. Chr.) Griechischer Philosoph und Naturforscher: Vater der Botanik


Aristoteles lehrte ab 335 v. Chr. gemeinsam mit Theophrastos ("Theophrast") im Lykeion, einem Park außerhalb der Stadtmauern Athens. Theophrastos war zuerst sein Schüler, dann Freund, Mitarbeiter und Nachfolger. Während Aristoteles sein naturkundliches Augenmerk auf die Zoologie richtete, bevorzugte der arbeitseifrige Theophrast die Botanik, die er systematisch bearbeitete. Die Geburtsstunde der Botanik als wissenschaftliche Disziplin! Seine beiden überlieferten Werke „Historia Plantarum“ und „Causa Plantarum“ bzw. die neunbändige „Naturgeschichte der Gewächse“ und das sechsbändige Werk „Über die Ursache des Pflanzenwuchses“ begründeten zu Recht seinen Ruf als Vater der Botanik. Er beschäftigte sich darin mit der Anatomie und den Wuchsbedingungen, Vermehrung und Krankheiten der Gewächse allgemein und deren Geschmack und Geruch.


Er nahm folgende Einteilung vor: Holzpflanzen (Alexander der Große benötigte viele Schiffe!), Stauden mit und ohne Dornen, Zierpflanzen, wilde und kultivierte Gemüsepflanzen, Würzkräuter, Heilkräuter, Getreidearten, Hülsenfrüchte


Plinius d.Ältere (23 -79 n. Chr.) Offizier, Wissenschaftler, Schriftsteller


Plinius d. Ä. wurde am Rand der Alpen in Como, Norditalien, geboren. Als römischer Offizier und Staatsbeamter lernte er Germanien, Spanien, Judäa, Syrien und Nordafrika kennen. Neben militärischen Fachbüchern schrieb er in jahrelanger Arbeit die enzyklopädische „Naturalis historia“. Plinius der Ältere war zwar ein Römer, seine „Naturalis historia“ schildert aber zum größten Teil griechisches Wissen.


So entstand eine Naturkunde, die das Wissen der damaligen Zeit beinhaltet: Anthropologie, Botanik, Gartenbau, Geographie, Kosmologie, Kunst, Metallkunde, Steinkunde, Medizin, Zoologie.


Sie umfasst 37 (!) Bände und fußt auf 2000 durchgesehenen Arbeiten von 100 Autoren, die er als integrer Wissenschaftler jeweils als Quelle anführt und somit nebenbei als Überlieferer einer untergegangenen Bibliothek griechischer und römischer Fachbücher fungiert. Das Werk stellt eine unschätzbare Quelle für das antike Wissen im Allgemeinen und für die mittelalterlichen Kräuterbuchautoren im Besonderen dar und wird auch heute immer wieder zitiert. Seinem Wert entsprechend wurde es bereits ein Jahr nach der Erfindung des Buchdrucks als lateinischer Erstdruck in Venedig aufgelegt. Besonders wertvoll ist die deutsche Übersetzung von 1565, die Jost Amann mit 200 feinen Holzschnitten versah. Bemerkung: Das Sterbedatum des Plinius ist auf den Tag genau überliefert worden, denn es hängt mit einer riesigen Naturkatastrophe zusammen und wurde von seinem Neffen bestens dokumentiert.

 

Pedanios Dioskurides (lat. "Dioscurides") lebte im 1. Jh. n.Chr. Berühmter Pharmakologe, Kräuterbuchautor, Arzt


Dioskurides erwarb sich als griechischer Militärarzt unter Kaiser Claudius und Kaiser Nero genaue anatomische Kenntnisse, seine geniale Begabung aber lag im systemischen Erfassen und schriftlichen Formulieren der in der damals bekannten Welt gebräuchlichen Arzneimittel. Man vermutet, dass er sich sein Wissen in Tarsus angeeignet hatte, das auf Grund seiner Lage als Hafenstadt (Türkei Südküste) ein Schmelztiegel phönizischen und ägyptischen Wissens und das bedeutendste Zentrum botanisch-pharmakologischer Forschung im römischen Reich, zu dem Griechenland zwischenzeitlich gehörte, war.


Sein in griechischer Sprache abgefasstes Hauptwerk, in lateinischer Übersetzung als ’De materia medica’ berühmt geworden, erschien um 78 n. Chr. und hatte für alle nachfolgenden Kräuterbücher anerkannten Vorbildcharakter. Er beschreibt in seiner "De materia medica" 102 mineralische, 101 tierische und 813 pflanzliche Arzneimittel! In weiteren Übersetzungen und Bearbeitungen behauptete sich das Werk des Dioskurides über 1.600 Jahre uneingeschränkt in Abendland und Orient als Grundlage der Pharmazie, der Pflanzen- und Heilpflanzenkunde. Erst der Aufstieg der organischen Chemie im 19. Jahrhundert verdrängte seine Nutzung.  Heute liegt die Faszination des Werkes unter anderem darin, dass es durch Erfahrung gewonnene  Aussagen über Wirkungen und Toxizität, welche bis heute aktuell geblieben sind und wissenschaftlich bestätigt wurden, enthält. Beispiele dafür sind: die schmerz- und hustenstillende Wirkung von Schlafmohn (Opium), die Anwendung von Pfefferminze bei Kopfschmerz, die Toxizität von Eisenhut die hormonelle Wirkung von Keuschlamm oder die adstringierende Wirkung von Eiche und Weide.


Galenos von Pergamon, auch Claudius Galenus, kurz „Galen“ genannt, 129 – ca. 200 n.Chr: griechischer Arzt mit römischer Wirkungsstätte, Vollender des Krankheitskonzepts der Viersäftelehre bzw. der Humoralpathologie, Vater der Pharmakonzerne


Galen war in seiner ostgriechischen Heimatstadt „Pergamon“ ärztlicher Betreuer der Gladiatoren und Olympiateilnehmer, verbrachte aber den Großteil seines Lebens in Rom als Arzt der Aristokratie.


Definition von Gesundheit und Krankheit nach Galen: Aufbauend auf die Elementenlehre entwickelte Galen unter Miteinbezug der Lehren des Hippokrates, sein Krankheitskonzept der Viersäftelehre bzw. der Humoralpathologie: Er kombinierte beide Lehren, indem der die Säfte (die „Humores“) mit Qualitäten versehen den Elementen, den Hauptorganen, dem Temperament, der Tageszeit, Jahreszeit, dem jeweiligen Entwicklungsstand des Menschen, den Sternzeichen, Planeten usf. zuordnete. Befinden sich die Säfte in der richtigen Mischung („Eukrasie“), ist der Mensch gesund. Durch Ungleichgewicht der Säfte, als „Dyskrasie“ bezeichnet, entsteht seiner Meinung nach Krankheit. Zur Diagnosesicherung zog Galen neben der Typisierung des Erkrankten und dem Arztgespräch auch Harn und Blut des Patienten heran.


Heilung nach Galen


Galen war auch ein fleißiger Autor! Er verfasste 400 Schriften, die nach seinem Tod in 70 Büchern zusammengefasst wurden. Seiner Meinung nach bestand die Aufgabe des Arztes darin, die Dyskrasie, das Missverhältnis der Körpersäfte, wieder aufzuheben durch:


1. Diätetik, die nicht nur die Ernährung, sondern die gesamte Lebensführung betrifft, einschließlich Anwendung kalter oder warmer Bäder. – Noch im Mittelalter und darüber hinaus versuchte man sich durch Ernährung nach dem galenischen Prinzip krankheitsvorbeugend zu ernähren. Nahrungsmittel wurden als „warm“ oder „kalt“ und „feucht“ oder „trocken“ klassifiziert. Von geübten Köchen wurde erwartet, dass sie die Lebensmittel so kombinieren, dass sich diese Eigenschaften ausgleichen und ergänzen. Auf diese Weise würden die Körpersäfte im Einklang gehalten werden.


2. Durch allopathische (dem Befund entgegengesetzte) Arzneimittel. Das waren vor allem Heilpflanzen, aber auch Zubereitungen aus Mineralien und tierischen Bestandteilen. Dem System entsprechend stellte Galen Regeln für die Zubereitung von Arzneimitteln auf und kann somit als „Vater der Pharmaindustrie“ bezeichnet werden. Noch heute spricht man bei der Herstellung von Arzneimitteln von der Galenik einer Arznei!


3. Klistiere, Schröpfen und Aderlass: Schmerzen waren nach der Humoralpathologie darauf zurückzuführen, dass an bestimmten Stellen im Körper ein Übermaß an meist verdorbenen Säften vorhanden sei, das durch Klistiere, Schröpfen und Aderlass behoben wird.

4. Chirurgische Maßnahmen: Gegebenenfalls wurden auch chirurgische Maßnahmen angewandt.


Auszug aus: www.wildfind.com/artikel/schriftliche-aufzeichnungen-zu-heilpflanzen-antiken-europaeischen-hochkulturen