Zwischen 1150 und 1160 verfasste Hildegard auch medizinische Abhandlungen. Im Gegensatz zu den theologischen Schriften sind hiervon jedoch keine Handschriften aus der Entstehungszeit überliefert. Die erhaltenen Quellen stammen aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war es eine übliche Praxis, bei der Abschrift Ergänzungen und Umschreibungen vorzunehmen. Heute sind 13 Schriften bekannt, die Hildegard als Verfasserin angeben. Der Terminus Hildegard-Medizin wurde erst im 20. Jahrhundert eingeführt.

 

Ihre Abhandlungen über Pflanzen und Krankheiten sind sowohl für die Biologie als auch für die Naturheilkunde von Interesse. Das medizinische und naturheilkundliche Wissen der Äbtissin war zunächst in einem Buch zusammengefasst, das später aufgeteilt und unter den Titeln verbreitet wurde: Causae et Curae, übersetzt Ursachen und Heilungen, ein Buch über die Entstehung und Behandlung von verschiedenen Krankheiten sowie Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum, was übersetzt heißt, Buch über das innere Wesen - die Beschaffenheit und Heilkraft der verschiedenen Kreaturen und Pflanzen. Diese naturkundlichen Werke zählen u. a. zu den Standardwerken der Naturheilkunde.

 

Zu Hildegards Zeit waren viele heilkundige Personen Klostermediziner oder praktizierten als Wanderheiler in den ländlichen Gebieten; ein wissenschaftliches Medizinstudium konnte im 12. Jahrhundert von Männern und Frauen in Salerno absolviert werden. Hildegard fasste das zeitgenössische Wissen über Krankheiten und Pflanzenheilkunde sowohl aus dem Bereich der Volksmedizin als auch aus der griechisch-lateinischen Tradition zusammen. Dabei verwendete sie erstmals die deutschen Pflanzennamen sowie einige weitere deutschsprachige Begriffe für Krankheiten wie beispielsweise "nasebosz" für Schnupfen. In Ergänzung des aus diesen Quellen vorliegenden Wissens entwickelte sie eigene Therapievorschläge und Diagnosen. Überraschend für eine Ordensfrau ist die sachliche Schilderung der Sexualität. Dabei bleibt sie den theologischen Grundsätzen ihrer Zeit verbunden, wenn sie sexuelle Handlungen, die nach damaligem Verständnis gegen die göttliche Schöpfungsordnung verstießen, verurteilt. Wie im Mittelalter durchaus üblich, bezog sie auch Edelsteine und Metalle in ihre Behandlungsempfehlungen ein.

 

Hildegards Gesundheitsbegriff ist eng mit ihrer Kosmologie verknüpft. Ein sündiger Mensch kann nur heil werden, wenn er sich auch von der Sünde abwendet. Schlüssel zu einem gesunden Leben ist eine maßvolle Lebensordnung.

 

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