Nach Kluge ist Alraun (althochdeutsch alrûna) "ein uralter Name für altgermanische mythische Wesen, die im geheimen wirken; ahd. alaruna könnte Eigenname (wie Gudrun) für weibliche Kobolde sein". Etymologisch soll das Wort zu gotisch runa "Geheimnis", ahd. rûnên "heimlich und leise reden" (raunen), anordisch run "Geheimnis, Rune" gehören. Im Besonderen bezeichnet Alraune die aus den fleischigen Wurzeln gewisser Pflanzen geschnitzten menschenähnlichen Gestalten, die zu zauberischen Zwecken verwendet wurden. Andere Namen sind Mandragora, Galgenmännlein, Galgenwurzel, Zauberwurzel, Alrun. Die Alrauepflanze des Altertums (und auch heute noch in Kleinasien) ist die Mandragora.

 

Diese zu den Nachtschattengewächsen (Solanazeen) gehörige Gattung kommt in drei Arten im Mittelmeergebiet vor, besonders in Italien, Griechenland und Kleinasien; in Deutschland wachsen keine Mandragora-Arten. Die häufigste ist die Mandragora officinarum. Sie besitzt eine grünlichgelbe Blüte, kugelige Beeren und eine oft tief gespaltene Wurzel, die einer primitiven Phantasie Anlass zum Vergleich mit zwei menschlichen Beinen geben kann. Die Mandragora ist gleich vielen anderen Nachtschattengewächsen (z.B. Tollkirsche, Bilsenkraut, Stechapfel) sehr giftig, da sie verschiedene Solanazeen-Alkaloide enthält. Beide Eigenschaften, menschenähnliche Gestalt der Wurzel und Giftigkeit, waren jedenfalls die Ursache für die Rolle der Mandragora im Zauberglauben. Die Solanazeen-Alkaloide verursachen Aufregungszustände (Schwindel, Unruhe, veitstanzähnliche Bewegungen, Tobsucht usw.), denen das paralytische Stadium mit Schlaftrunkenheit folgt. Diese physiologischen Wirkungen mussten die Pflanze dem Primitiven als wunderbar erscheinen lassen. Auch andere Solanazeen wie die Tollkirsche, die Skopolie (Scopolia carniolica), ferner die ebenfalls giftige Zaunrübe werden da, wo die echte Mandragora fehlt, als Ersatz dafür gebraucht. Schließlich treten dann auch nichtgiftige Pflanzen, wie das Knabenkraut und die Schwertlilie, lediglich wegen der Gestalt der Wurzelknollen, bzw. des Wurzelstockes, als Mandragora-Ersatz auf.

 

Im alten Ägypten war die Mandragora sicher bekannt, wie aus Darstellungen auf einer Grabwand der XVIII. Dynastie hervorgeht; ob aber die Wurzel in der Zauberei eine Rolle spielte, steht nicht fest. Die in der Genesis vorkommende Pflanze dudaim, der aphrodisische Wirkung zugeschrieben wird, deutet man vielfach als die Mandragora, jedenfalls lässt sich die Mandragorafabel auch bei den Juden nachweisen. Welche Pflanze botanisch unter Mandragora (der Name soll vom persisch mardom ghiah = Manneskraut oder mehr-e- giah = Liebeskraut kommen; die Ableitung von mandra = Stall und ageiro = sammle dürfte ins Gebiet der gelehrten »Volksetymologie« zu weisen sein) zu verstehen sei, war offenbar den botanischen und medizinischen Schriftstellern der griechischen Antike schon nicht mehr klar, woraus man wohl schließen darf, daß der Alraunenglaube seine eigentliche Heimat nicht in Griechenland hat. Die Mandragora (o mandragoras) des Theophrast soll die Tollkirsche sein. Er sagt von ihr, daß sie als schlafmachendes Mittel und zu Liebestränken gebraucht werde. Beim Ausgraben der Mandragora solle man die Pflanze dreimal mit einem Schwerte umschreiben und sie graben mit dem Antlitze gegen Westen. Ein anderer aber solle dabei im Kreise umher tanzen und viel vom Liebeswerk (aphrodisische Wirkung!) sprechen. Theophrast betrachtet übrigens das Ganze als eine betrügerische Fabel der Wurzelgräber. Dioskurides handelt ausführlich über die Mandragora, schildert ihr Aussehen und ihre physiologische Wirkung, schreibt aber nichts von zauberischen Eigenschaften. Jedoch weist das Synonym der Pflanze, Kirkaia (= Kraut der Kirke), und die Abbildungen in den alten Handschriften auf die zauberische Verwendung der Pflanze hin. Plinius10) gibt die Grabevorschrift des Theophrast wieder. Die Hauptquelle jedoch für den mittelalterlichen Alraunenglauben ist eine Stelle aus der Geschichte des jüdischen Krieges von Flavius Josephus (geb. 37 n. Chr.). Er schreibt: Das Tal, welches die Stadt Machärus auf der Nordseite einschließt, heißt Baara und erzeugt eine wunderbare Wurzel gleichen Namens. Sie ist flammend rot und wirft des Abends rote Strahlen aus; sie auszureißen ist sehr schwer, denn dem Nahenden entzieht sie sich und hält nur dann still, wenn man Urin und Blutfluss (Menstrualblut) darauf gießt. Auch dann ist bei jeder Berührung der Tod gewiss, es trage denn einer die ganze Wurzel in der Hand davon. Doch bekommt man sie auf andere Weise und zwar so. Man umgräbt sie rings so, daß nur noch ein kleiner Rest der Wurzel unsichtbar ist: dann bindet man einen Hund daran, und wenn dieser dem Anbinder schnell folgen will, so reißt er die Wurzel aus, stirbt aber auf der Stelle als ein stellvertretendes Opfer dessen, der die Pflanze nehmen will. Hat man sie einmal, so ist keine Gefahr mehr. Man gibt sich aber soviel Mühe um sie wegen folgender Eigenschaften: Die Dämonen, d.h. böse Geister schlechter Menschen, welche in die Lebenden hineinfahren und sie töten, wenn nicht schnell Hilfe geleistet wird, werden von dieser Pflanze ausgetrieben, sobald man sie dem Kranken auch nur nahebringt. Auf die obige Schilderung des Flavius Josephus beziehen sich die meisten mittelalterlichen bildlichen Darstellungen des Grabens der Zauberwurzel, besonders in medizinischen Handschriften, z.B. in Dioskurides-Handschriften und vor allem in denen des (Pseudo-)Apuleius (4./5. Jh.).

 

Ausführlich schreibt die hl. Hildegard), die 1179 als Äbtissin auf dem Rupertsberge bei Bingen starb, über die Mandragora. Wegen ihrer Menschenähnlichkeit wohne der Pflanze der Teufel mehr inne als anderen Kräutern. Wenn man sie aus der Erde gezogen, solle man sie baldigst in Quellwasser (queckborn) einen Tag und eine Nacht legen, so werde alles Böse aus ihr getrieben. Wenn man aber die Mandragora nicht in der beschriebenen Weise wasche, dann könne man sie zu zauberischen Zwecken verwenden. Wenn ein Mann infolge magischer Einflüsse oder aus Begierlichkeit des Körpers unenthaltsam sei, dann solle er einen weiblichen Alraune, der in Quellwasser gereinigt ist, zwischen Brust und Nabel anbinden, sodann die Frucht (Wurzel?) in zwei Teile spalten und über die Lenden binden; ferner die linke Hand dieser Gestalt zerreiben, mit etwas Kampfer mischen und so essen, dann werde er geheilt werden. Wenn ein Mensch von Natur aus melancholisch sei, dann solle er die Mandragora nehmen, sie gewaschen, wie oben beschrieben, ins Bett legen, bis das Kraut von seinem Schweiß warm werde, und sprechen: Gott, der du den Menschen aus Erde ohne Schmerzen geschaffen, jetzt lege ich dies in diese Erde, die niemals gesündigt, neben mich, damit auch mein irdischer Leib den Frieden fühle, wie du ihn geschaffen. Habe man keine Mandragora, so schließt Hildegard, so genügten auch Buchentriebe. Albertus Magnus und Konrad von Megenberg beschränken sich auf die Bemerkung, daß die Wurzel der Mandragora menschenähnlich sei, und bringen weiter nichts Abergläubisches. Dagegen berichten die Kräuterbücher des 16. Jhs.17) mehr oder minder ausführlich über den Alraunen Aberglauben, von der Herstellung der Alraune, den Fälschungen usw. ich kenne wenige Pflanzen um die sich mehr Sagen und Legenden ranken...

 

Aussehen, Herstellung der Alraune und Handel mit Alraun. Wenn auch ab und zu durch Reisende echt orientalische Alraunefiguren nach Deutschland gekommen sein mögen, so wurden doch sicher die meisten der in Deutschland gebrauchten Alraune aus den Wurzeln einheimischer Pflanzen hergestellt. Es fanden z.B. Verwendung die Wurzeln der Zaunrübe, des Enzians, der Tormentille (Blutwurz) oder auch des Wegeriches. Die im Abendlande verfertigten Alraune unterscheiden sich von den orientalischen dadurch, daß sie bekleidet sind. Ihre Form war sehr verschieden, gewöhnlich waren sie nicht mehr als handbreit, es soll aber auch solche von einigen Fuß Länge gegeben haben. Auch männliche und weibliche Alraunen wurden unterschieden. In Museen und wohl auch im Privatbesitz sind noch vielfach solche Alraunefiguren erhalten, z.B. in der einstigen K.K. Bibliothek zu Wien, wo sie seit 1680 aufbewahrt werden. Auch das märkische Museum in Berlin und das pflanzenphysiologische Institut in München besitzen solche Wurzelmännlein und Weiblein. Es wurde ein schwunghafter Handel damit getrieben. So wurde 1690 ein gewisser Hartmann Hanß beschuldigt, auf dem Zurzacher Markt (Schweiz) versucht zu haben, eine "allraune" zu verkaufen und sie um 100 Taler feilgeboten zu haben2. Die Alraunenkrämer waren neben anderen Gauklern eine bekannte Erscheinung auf Märkten. 1540 wurden in Cölln bei Meißen Alraune das Stück bis zu 10 Taler verkauft. Zu Anfang dieses Jahrhunderts verkaufte das Warenhaus Wertheim in Berlin Glücksalraunen, das Stück für 2,25 Mark. Sie bestanden aus Stücken vom Allermannsharnisch und der Siegwurz (Gladiolus communis), die in einem kleinen Medaillon eingeschlossen waren. Dem Medaillon war ein kleiner, bedruckter Zettel beigegeben, auf dem vermerkt war, daß der Glücksalraun Reichtum und Gesundheit verschaffe, die Liebe einer Person erwerbe, wider Inkubus und Sukkubus schütze, Schätze finden und Prozesse gewinnen lasse. Anfangs der 1890er Jahre wurden in Goldap (Ostpreußen) Wurzelstöcke der Glückswurzel (von der gelben Schwertlilie, Iris pseudacorus, stammend) für 10–50 Pfennig das Stück verkauft. Diese Wurzeln, die bis nach Berlin Absatz fanden, sollten Reichtum und Kindersegen verschaffen...

 

Die Gewinnung des Alruns (mit Hilfe des schwarzen Hundes usw.) wird im deutschen Volksaberglauben öfters so geschildert, wie wir sie bei Flavius Josephus. Das Galgenmännchen wächst besonders auf dem Falkenberg bei Neukirch und in der Muskauer Heide (Lausitz). Man gräbt es in der Mitternachtsstunde der Johannisnacht aus, wobei es einen Schrei ausstößt, durch den man sich aber nicht schrecken lassen darf. Der Alraun heißt auch Galgenmännlein. Es entsteht aus dem Harne oder dem Sperma eines gehängten Diebes unter dem Galgen. Beim Ausgraben schreit der Alraun so entsetzlich, dass der Ausgräber, an dessen Ohr dieser Schrei dringt, sterben muss. Um den Alraun zu erlangen, muss man am Freitag vor Sonnenaufgang, nachdem man die Ohren mit Baumwolle, Pech oder Wachs verstopft hat, mit einem schwarzen Hund hinausgehen, drei Kreuze über den Alraun machen und den Hund mit dem Schwanz an die Wurzel des Alrauns binden. Dann hält man dem Hund ein Stück Brot vor und läuft eiligst davon. Der Hund, gierig nach dem Bissen, schnappt danach und zieht so die Wurzel aus dem Boden, fällt aber auf den Schrei des Alrauns hin tot zu Boden.

 »der grabt Alrauna undrem Gricht Loufft weck das ers hör schreien nicht« spielt gleichfalls auf den Aberglauben an.

 

In einem Rottenburger (Württemberg) Hexenprozess v. J. 1650 soll der Angeschuldigte behauptet haben, um sich jederzeit Geld zu verschaffen müsse man sich im Walde nackt ausziehen, seinen Samen (der Alraun entsteht auch aus dem Sperma des Gehenkten!) in ein kleines Geschirr lassen und dieses in der Erde verbergen. Daraus entstehe dann ein Ding, das jederzeit Geld verschaffe. Noch im Jahre 1820 soll unter dem Hochgericht auf dem Leinberg bei Göttingen das Alruneken mit Hilfe des schwarzen Hundes gewonnen worden sein. Sonst heißt es noch, dass der Alraun unter einer dreigipfeligen Haselstaude gegraben werden müsse, oder dass man ihn unter einer "weißen" Haselstaude finde, auf der Mistel wächst. Eigenschaften und Wirkungen des Alrauns. Der Alraun gilt als Glück und Reichtum bringend: Ein Geldstück, das man zu ihm legt, hat sich bis zum nächsten Morgen verdoppelt, der Wohlstand mehrt sich. Das Geld trägt der Alraun durch den Schornstein ins Haus. Von einem, der schnell reich geworden ist, sagte man in der Gegend von Dortmund: "De hat'n Arun", und in Wien heißt es von einem, der Glück im Spiel hat: "Der muß a Oraunl im Sack haben". Häufig erscheint der Alraun als aphrodisisches Mittel, was vielleicht auf einen Import aus dem Orient deutet. Noch heute gelten ja in Kleinasien die geschnitzten Mandragorawurzeln als unfehlbare Aphrodisiaka. Im Bergischen müssen Schwangere den Alraun bei sich tragen, das erleichtert die Geburt. Der Alraun ist ferner der Hausgeist (Spiritus familiaris). In der althessischen Familie des Freiherrn von Riedesel bewahrte man eine Puppe, die in einem gläsernen Kästchen lag und die man jeden Tag aufmerksam beobachtete. Was nämlich einem Familienmitglied geschah, das ereignete sich vorher, oder doch gleichzeitig, an der Puppe. Stürzte z.B. eines und brach sich Arm oder Bein, so lag auch der Alraun mit gebrochenen Gliedern da. Der Alraun erscheint auch als der Satan, mit dem man ein Bündnis geschlossen hat, oder als der Geist in der Flasche, übrigens ein Motiv orientalischen Ursprungs.

 

In Niederösterreich spricht das Volk auch von Uraundeln und Tragerln, die teils gute, teils böse Wirkung haben. Als böse Geschöpfe quälen sie das Vieh, machen es krank und verursachen, dass die Kühe keine Milch geben, andrerseits teilen sie aber ihrem Besitzer die größten Geheimnisse mit. Sie müssen in einer Flasche oder in einer Schachtel an einem geheimen Orte aufbewahrt werden. Auch als Kröte, als geflügeltes Tier (Drache), das alle Tage ein Goldei legt, als wunderliches Tier, das nachts mit rollenden Augen herumläuft, wird der Alraun geschildert. Wer als Besitzer eines Alrauns starb, dem musste man Brot und Geld ins Grab mitgeben. Der Besitzer des Alrauns war dem Teufel verfallen. Diesem Schicksal konnte er nur durch Verschenken des Alrauns entrinnen. Kam aber die Wurzel auf diese Weise in die dritte Hand, so konnte man sie nicht mehr los werden, sie kehrte immer in die Hand des Besitzers zurück. Der Aberglaube ist in der deutschen Literatur vielfach verwertet worden. Hans Sachs spricht von gefälschten Alraunen, die ein Krämer verkaufte. Grimmelshausen schreibt an verschiedenen Orten über das Galgenmännlein. Im 19. Jh. benutzte Achim von Arnim und De la Motte Fouqué das Alraunmotiv als novellistischen Stoff. Goethe lässt im Faust den Mephisto sprechen:

 

Da stehen sie umher und staunen,

Vertrauen nicht dem hohen Fund,

Der eine faselt von Alraunen,

Der andre von dem schwarzen Hund.

 

Auszug aus: Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Butzmann Verlag, 1927