Die große Brennnessel ist wegen ihrer mit Brennhaaren besetzten Blätter allgemein bekannt. Die unscheinbaren Blüten stehen büschelig an herabhängenden Spindeln. An Zäunen und Hecken, aber auch an feuchten Waldstellen ist die große Brennnessel überall häufig. Die kleine Brennnessel, auch Hitter- oder Eiternessel genannt, hat eiförmige, nicht zugespitzte Blätter. Sie wächst fast immer in der Nähe der menschlichen Siedelungen (an Mauern, auf Schutt, auf bebautem Boden). Die der Brennhaare entbehrenden Taubnesseln haben als Lippenblütler botanisch mit der Brennnessel nichts zu tun; sie gleichen dieser lediglich in der Form der Blätter. Die Taubnessel spielt (im Gegensatz zur Brennnessel) im Aberglauben nur eine untergeordnete Rolle. Die volkskundliche Stellung der Brennnessel wurde schon verschiedentlich behandelt. Andere Namen Donnernessel, Große Nessel, Hanfnessel, Nettel, Saunessel, Brennkraut, Eselkraut.

 

Ebenso wie stachlige oder dornige Pflanzen gilt die Brennnessel seit alters als antidämonisch. Aus der alten Zauberliteratur (Hermes Trismegistos?) stammt die Angabe, dass Brennnesseln mit »Tausendblatt« (Schafgarbe?) in der Hand gehalten gegen alle »Forcht und Fantasey« (teuflische Anfechtungen) schütze. Auch das Rezept eines alten Sympathiebuches: »Wär Neßlen Würtzen bei im treit, so mag kein Wurm schaden«, dürfte hierher gehören. Vor allem gilt die Brennnessel als antidämonisches Mittel im Stallzauber. Ziegen sind vor dem »Andaun« (Behexen) sicher, wenn man ein Büschel Brennnessel im Stall aufhängt. Wenn dem Vieh etwas angetan ist, schlage Brennnessel, Taubnessel und Natternesselwurz (?) mit einem Stein breit, gehe damit zum Vieh und streiche es dreimal im Namen Gottes vom Maul bis zur Schwanzwurzel und werfe dann die Wurzel hinter sich weg. Ein Amulett gegen das »Verschreien« enthielt neben einem Strohhalm und einer Hahnenfeder ein Brennnesselblatt.

 

Brennnesseln werden in der Walpurgisnacht auf den Düngerhaufen gesteckt und mit einem Stock geschlagen; die Hexen spüren diesen Schlag und haben dann keine Macht mehr über das Vieh (Deutsches Westböhmen). Nach altem isländischem Aberglauben lässt der Hexenmeister von seinem Treiben ab, wenn man ihn mit Brennnesseln peitscht. Der russische Bauer hängt in der Johannisnacht an die Fenster und Stalltüren Brennnesseln. Auch in Finnland und in Ungarn schützen die Brennnesseln das Vieh vor Verzauberung. Vielfach wird die Brennnessel auch im Milchzauber verwendet. Wenn sich die Butter nicht ausrühren ließ, geißelte man das Butterfass mit Brennnesseln. War dann die Butter gewonnen, so wurde die Buttermilch in ein Loch gegossen, darauf ein Pfahl geschlagen und die gebrauchte Nesselrute daneben vergraben (17./18. Jh.). In einem siebenbürgischen Hexenprozess v. J. 1641 wird berichtet, dass die Milch der Kuh auf eine Brennnesselstaude geschüttet und dann die Pflanze geschlagen wurde; die Hexe, die das Vieh verzaubert habe, müsse dann erscheinen.

 

In die zur Käsebereitung bestimmte Milch wird am Weihnachtsabend eine Brennnesselwurzel gelegt und das Ganze an Dreikönig in den Mist gegossen, dann kann die Milchwirtschaft durch Behexung nicht geschädigt werden. Auch bei den Wenden und bei den Slowaken dient die Brennnessel im Milchzauber. Die Praxis einer Berliner Milchhändlerin, an einem heißen Sommertag die Milch durch Einlegen von Brennnesseln vor dem Sauerwerden zu bewahren (vgl. unten d. Brennnessel als Mittel gegen das Sauerwerden des Bieres), führte i. J. 1902 zu einer Klage wegen Lebensmittelfälschung. Die Angeklagte wurde jedoch freigesprochen, weil sie »ein allgemein geübtes Verfahren« in Anwendung brachte. Im Agrarzauber wird beim Setzen des Kohles (Krautes) eine Brennnesselstaude in die Erde gesteckt und mit einem Stein angedrückt, das bewahrt den Kohl vor Raupenfraß, oder man steckt gegen Vogelfraß in eine Ecke des Feldes einen Brennnesselstock und einen Besenstiel mit den Worten:

 

»Da Krah, das ist dein. Und was ich steck', das ist mein! «

 

Andrerseits ist aber auch die Brennnessel eine Pflanze der Hexen, die pflücken sie zu ihren Zaubertränken. Von den Zusammenkünften der Hexen auf Kreuzwegen geben die dort stehenden Brennnesseln Kunde. Brennnessel und Blitz (Donner, Gewitter) werden oft miteinander in Verbindung gebracht. »Wenn man Bier braue, soll man einen guten Strauß Brennnesseln auf den Rand des Bottichs legen, so schadet der Donner dem Bier nicht«. Eine rationalistische Erklärung dieses besonders in Mecklenburg häufigen Aberglaubens versucht bereits Paulli, ebenso Keller. Möglicherweise hemmen tatsächlich die in der Brennnessel vorhandenen chemischen wirksamen Stoffe (Ameisensäure, Glykoside?) die Entwicklung der Essigsäure- (Bacterium aceti usw.) und der Milchsäurebakterien (vgl. oben die Verwendung der Brennnessel im Milchzauber), die vor allem bei schwüler Witterung (also vor Gewitter) ihre Tätigkeit entfalten (Oxydation des Alkohols zu Essigsäure). In der Antike legte man Lorbeerblätter zum Wein, damit dieser bei Gewitter nicht umschlägt). Es bestehen jedoch sicher auch Beziehungen der Brennnessel (wegen des Brennens) zum Blitz (Feuer), daher auch der niederdeutsche Volksname »Dunnernettel«. Wo Brennnesseln stehen, schlägt der Blitz nicht ein. Am Gründonnerstag (Tag des Gewittergottes!) gesammelte Brennnesseln, auf dem Dachboden verwahrt, schützen das Haus vor Blitzschlag. Wenn es donnert, legt man den Eiern des Bruttieres Stahl und Brennnesseln unter, damit die Eier nicht taub werden. Eine Beziehung zum Blitz (Feuer) ergibt sich auch, wenn am russischen Johannisfest über Feuer und Nesseln gesprungen wird.

 

Die Brennnessel gilt schon in der Antike als aphrodisisches (bzw. Fruchtbarkeits-)Mittel. Der Genuss des Samens reizt zum Beischlaf, vierfüßigen Tieren, die sich begatten wollen, reibt man die Genitalien mit Brennnesseln ein, was auch ins mittelalterliche Schrifttum übergegangen ist. Von einem mannstollen Mädchen sagt man im Rheinischen, »dat let och en de Brennessle«. Die Brennnesselsamen gelten in Schwaben als fruchtbarmachend. Um Liebe zu erwecken (»ad amorem conciliandum«) berührt man die zu gewinnende Person mit einer am Johannistag unter Hersagung von drei Ave Maria ausgegrabenen Brennnesselwurzel, die unter das Altartuch gelegt wird. In der Mark schwenkte das liebesdurstige Mädchen einen abends gebrochenen Nesselbusch vor Lippen und Augen mit den Worten:

 

»Kruskopp, treck den Kruskopp ran,

Huch, wat's allewiel fleddern kann! «

 

(Krauskopf [= Nessel], locke den Krauskopf [= Burschen] heran, ach, wie das jetzt flattern kann).

 

Der besprochene Nesselbusch wurde dann auf die Türschwelle gelegt, die der Bursche am nächsten Morgen überschreiten musste. Auch die mohammedanischen Mädchen in Bosnien und in der Herzegowina benutzen die am Vorabend des Georgitages gesteckte Brennnessel als Liebesorakel. Vielfach gibt man den Hühnern den im Dreißiger gesammelten Brennnesselsamen, damit sie recht gut legen. Auch ist die Brennnesselwurzel ein Trächtigkeitsmittel.

 

Die Brennessel als Orakelpflanze

 

In den alten Arznei- bzw. Sympathiebüchern ist das Rezept zu finden, um zu sehen, ob ein Kranker stirbt oder am Leben bleibt: Der Harn des Kranken wird auf grüne Nesseln gegossen. Bleiben diese frisch, so wird der Kranke am Leben bleiben, verdorren sie, so wird der Kranke sterben (12./13. Jh.), oder es wird unter das Bett des Kranken ein Topf mit Nesseln gestellt, bleiben sie grün, so wird er genesen, verwelken sie, so stirbt er. Einer Nessel wird ein Zettel mit dem Namen der Hausfrau angehängt und die Pflanze dann in eine mit feuchtem Sand gefüllte Strohschüssel gesetzt. Am 1. Mai vor Sonnenaufgang sieht man nach: ist die Nessel verwelkt, stirbt die Hausfrau im Lauf des Jahres. Wachsen im Sommer und Herbst die Brennnesseln recht hoch, so gibt es einen strengen Winter. Blühen die Nesseln bald, so muss man bald säen; wie sie blühen, so fällt auch die Dinkelsaat aus, haben sie oben die meisten Samen, so wird die letzte Winterfrucht die beste. Wenn im Frühjahr die Brennnesseln mit durchlöcherten Blättern (infolge von Insektenfraß?) emporwachsen, so wird es im Sommer Hagelschlag geben. Wenn die Nesseln mit weißen Blättern am Haus oder Gartenzaun wachsen, so verkündigen sie einen Trauerfall. Auch sonst wird die Brennnessel mit dem Tod in Verbindung gebracht, wie die aargauische Redensart: »er ist i d'Nessla cho« (= sterben), beweist.

 

Die Brennnessel als Kultspeise

 

Als Frühlingspflanze ist die Brennnessel, bzw. das aus ihr hergestellte Gemüse, eine Kultspeise, die Gesundheit und Kraft verleihen soll. Bereits Plinius erwähnt die im Frühjahr hervorsprießende Nessel als kultische Speise (»multis etiam religioso in cibo«), die für das ganze Jahr die Krankheit fernhält. Brennnesseln sind ein häufiger Bestandteil der Gründonnerstagssuppe. Ein Gemüse von Nesseln, die am Gründonnerstag geholt sind, schützt vor Geldmangel. Unter den siebener- bzw. neunerlei Kücheln oder Krapfen (Kultspeise), die in Süddeutschland, Tirol usw. am Johannistag gebacken werden, befinden sich meist auch Nesselkücheln. Wer ein gutes Jahr haben will, muss am ersten Januar Brennnesselkuchen essen.

 

In der sympathetischen Medizin wird die Brennnessel häufig benutzt, um das Fieber zu bannen. Plinius schreibt, dass die Wurzel der Herbstnessel (»autumnalis urtica«) aufgebunden das drei- und viertägige Fieber heile, wenn man beim Ausgraben den Namen des Kranken nenne und hinzufüge, wessen Sohn der Kranke sei. Mit verschiedenen Segensformeln (z. Brennnessel »Nessel ich klage dir – Meine 77erlei Fieber plagen mich« usw. oder »Ich streue den Samen durch Christi Blut, es ist für 77erlei Fieber gut« usw.) wird Salz auf die Nessel (»unter der Dachtraufe«) gestreut. Vielfach heißt es, das Fieber vergehe, wenn die Brennnessel daraufhin vertrockne (osmotische Wirkung des auf die Blätter gestreuten Salzes!). Um Gliedwasser (Synovitis?) zu heilen, bespreche man die Brennnessel:

 

Brennnessel ich will dich behalten


Für das faule Fleisch Und für die Mutter und für das Gliedwasser Inwendig und auswendig Dass du heilest allen Schmerz und alle Schäden.(»Aus einem gedruckten Zauberbuch«).

 

Eine an Gebärmutterkrebs Leidende soll Brennnesselsamen vor Sonnenaufgang nach den vier Himmelsrichtungen streuen und sie wird genesen (Oberbayern). Wenn man Nesselsucht (Similia similibus!) hat, so trinkt man Tee von Brennnesseln (Lunden) oder lässt seinen Harn auf Brennnesseln. Bei den Marchfeld-Slowaken gilt letztgenanntes Mittel als wirksam gegen Unterleibsbeschwerden, in den Vogesen gegen Gelbsucht. Für »Hitze und Brand« bei Mensch und Vieh dient zusammen mit Schneckenschalenmehl und gepulvertem Schädelstück zerkleinerte Brennnesselwurzel, die unter der Dachtraufe gewachsen und an Maria Himmelfahrt (oder im Mai am ersten Tag des Krebses vor Sonnenaufgang) gesammelt sein muss. Das Öl, in dem vor Sonnenaufgang gepflückte Brennnesseln abgesotten werden, schützt die Glieder vor dem Erfrieren. Vielfach wird die Brennnessel gegen Viehkrankheiten verwendet. Gegen Würmer und Maden beim Vieh knickt man drei Stängel der Brennnessel und spricht jedes Mal:

 

Nettel knick di

Dat de oll Soeg (bzw. schwart Schap usw.)

De Purrik (= Wurm) rut geht.

 

Gegen die Mauche bricht man durch den Zaun drei Brennnesseln und spricht dazu:

 

Die ist for den Ochs

Die andere ist for den Fuß

Die dritte ist, die heilen muß (Birkenfeld).

 

Hat ein Tier die Fußfäule, so schneidet man ein Stück Rasen aus, nimmt drei Nesseln, zieht sie dem Tier zwischen den Zehen durch, macht einen Schnitt in das Rasenstück, steckt die Brennnessel hinein und stellt alles über die Feuergrube und lässt es verdorren (Emmental). Die Brennnessel dient ferner zum »Verstellen« des Blutes beim Vieh. Hat man sich mit Brennnesseln gebrannt, so reibt man die schmerzende Stelle mit »Heimina« (Chenopodium bonus Henricus) und spreche:

 

Nomini Patri

Neßje machund Blattre

Mit Heimina rib'n,

Das tüets sus vertrib'n (Wallis).

 

Ähnliche Beschwörungen sprechen die von Brennnesseln Gebrannten in England, wo die schmerzende Stelle meist mit den Blättern der großen Ampferarten gerieben wird. Ein »wahrhafter« Jüngling oder eine solche Jungfrau können Brennnesseln angreifen, ohne sich zu brennen. Die Brennnesseln brennen nicht, wenn man beim Berühren den Atem anhält (häufiger Volksglaube). Kein »deutscher« Volksglaube (sondern wohl aus alten Sympathiebüchern stammend) ist die Probe, um zu sehen, ob ein Mädchen noch Jungfrau ist: Man lässt es auf Brennnesseln pissen; verdorren die Pflanzen, so ist das Mädchen keine Jungfrau mehr. Hängt damit vielleicht die Schweizer Redensart zusammen: »Die Dochter hat villicht in die Nessle brunzelt« (d.h. einen Fehltritt begangen)? Verdorrt die Nessel, auf die der Harn der Frau geschüttet wird, so ist diese unfruchtbar.

 

Früher als Gespinnstpflanze verwendet für Nesselstoffe und Nesseltaue und als Färberpflanze. Heute kommen Brennnesselfasern vereinzelt in der regionalen Textilverarbeitung wieder in Mode.

 

Auszug aus: Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Butzmann Verlag, 1927