In Deutschland kommen zwei Eichenarten vor, die aber wegen ihrer großen Ähnlichkeit vom Volk meist nicht näher unterschieden werden: die Stiel-Eiche (Sommer-Eiche, Quercus robur) mit ganz kurzgestielten Blättern, jedoch auf langen Stielen sitzenden Früchten, und die Stein-Eiche (Trauben-, Winter- Eiche, Quercus. sessiliflora) mit langgestielten Blättern und sitzenden Früchten. Die letztgenannte Art reicht nicht so weit nach Norden (etwa bis zum 600 n. Br.) wie die Stiel-Eiche. In Deutschland war die Eiche zur Römerzeit und im frühen Mittelalter sehr verbreitet; es handelte sich aber nicht um reine Eichenbestände, sondern um Mischwälder, in denen die Eiche vorherrschte. Die Eiche Heidnischster Baum von allen, Donar und Odin geweiht, Symbol für Stärke, Gewitter, den Blitz und die Fruchtbarkeit -der Totembaum schlechthin - heilig seit dem Anbeginn der Zeit...

 

Die Eiche gehörte im germanischen Altertum zu den am meisten verehrten Bäumen. Der Grund dafür dürfte, abgesehen von der mächtigen Baumgestalt, auch der gewesen sein, dass sie in der Urzeit ein menschlicher Nahrungsbaum war. Höfler hält es für wahrscheinlich, dass die Eiche ein vegetabilisches Totem der Kelten war. Einen Nachklang dieser Eichenverehrung dürfen wir in den zahlreichen Sagen von heiligen Eichen sehen, wie sie in allen Gegenden Deutschlands nachzuweisen sind. So stand früher in der Bauernschaft Hellern bei Osnabrück auf einer Wiese eine Eiche, von deren Ästen oder Blättern weder das Geringste aufgelesen, noch gar auf dem Herde verbrannt werden durfte. Bei der Christianisierung wurde die heidnische Verehrung mancher dieser Eichen auf christliche Heilige, besonders auf die hl. Maria, übertragen Marien-Eichen, von denen die Sage erzählt, dass ein Hirte, ein Bauer usw. einst das Bild der Gottesmutter im Stamme gefunden, dass dann neben oder über die Eiche eine Kapelle gebaut worden und so ein Wallfahrtsort entstanden sei, erscheinen im ganzen deutschen Sprachgebiet. Besonders wurde die Eiche bei den europäischen Indogermanen mit dem Gewittergott in Verbindung gebracht. Bei den Germanen war sie der Baum des Donars. Der Grund dafür ist wohl darin zu suchen, dass die Eiche unter den einheimischen Bäumen ganz besonders häufig vom Blitz getroffen wird, was auch naturwissenschaftliche Untersuchungen bestätigt haben. Die Ideenverbindung Eiche-Blitz-Feuer äußert sich auch vielfach im Aberglauben. Bei einem Gewitter darf man nicht unter Eichen unterstehen, da trifft einen das Wetter, weil sich Judas an einer Eiche aufgehängt hat. Man scheut sich, Eichenzweige zu Bändern, Garben und Strohdächern zu verwenden, weil sie den Blitz anziehen würden. Dagegen schlägt der Blitz nie in einen männlichen (d.h. keine Früchte tragenden) Eichenbaum. Nach dem Glauben der alten Preußen gab es gewisse Eichen, deren Holz besonders leicht (beim Reiben) Feuer fangen sollte. Zu Weihnachten verbrannte man im Rheinland und in Westfalen einen Eichenklotz, dessen Holzreste vor Donner schützten und dessen Asche die Felder fruchtbar machte. Der »Christblock«, der bei romanischen Völkern und besonders bei den Südslawen (serb. badnjak genannt) an Weihnachten angezündet wird und dessen Reste besondere Heilkraft haben sollen, ist ein Eichenblock. Eichenholz wurde zur Entzündung des Notfeuers benutzt. Das Holz, das am Karsamstag im Osterfeuer angezündet wird (der Judas) und Schutz gegen Zauberei und Krankheit bieten soll, wird meist von den Eichen genommen. Eichenholz bzw. -rinde, die vom Blitz getroffen sind, haben zauberische Eigenschaften. Ein Pferd kann man hinkend machen, wenn man einen Splitter einer vom Blitz getroffenen Eiche in den Pferdetritt (Hufspur) steckt. Die Rinde einer vom Blitz getroffenen Eichen im Garten aufgehängt, macht, dass kein Bienenschwarm über den Zaun fliegt. Die Schweine schützt man vor Finnen, wenn man ihr Futter mit einem angekohlten Stück Eichenholz umrührt. Schließlich gehört auch die Rolle der Eichen im Fruchtbarkeitsaberglauben (Donar als Fruchtbarkeitsgott! Beziehung zwischen Gewitter und Fruchtbarkeit!) hierher, wobei auch ihre einstige Bedeutung als nährender Baum mitgewirkt haben mag. In einem Walde bei Dahle (Westfalen) stand ehedem eine große Eiche, zu der die Brautpaare hinauszogen, sie dreimal umtanzten und ein Kreuz hineinschnitten. In Holstein (beim Forsthaus Dodau) ist eine Bräutigams-Eiche. Wenn ein Mädchen dreimal herumläuft, so bekommt es einen Mann. Hier scheint aber der Glaube erst in neuester Zeit entstanden zu sein, weil die Tochter eines Försters sich unter dem Baum trauen ließ. Über ein Eichenscheit lässt man die Kuh zum Farren schreiten, damit sie ein Kuhkalb bekommt. Als Baum, der in der heidnischen Zeit große Verehrung genoss, kam die Eiche in den Ruf eines bösen, teuflischen oder wenigstens unheimlichen Baumes. Weit verbreitet ist die Sage, dass die Blätter der Eiche deswegen gebuchtet sind, weil der Teufel, als er sich in seiner Hoffnung (z.B. die Seele des Menschen zu erhalten) getäuscht sah, ergrimmt mit seinen Krallen durch die Blätter der Eiche fuhr, eine Sage, die auch Hans Sachs in seinem Schwank "Der Teufel und die Geiß" verwertet hat. Sagen von Teufels- oder Hexeneichen, in deren Umgebung es nicht geheuer ist, sind nicht selten. Die Hexen lesen Eichenlaub in ein Mannshemd und hängen es angefüllt mit den Blättern an einen Baum: sofort erhebt sich der Wind, der allen Regen vertreibt; auch sollen die Hexen Eichenlaub in Töpfen zum Sieden bringen, um Sturm und Hagel zu erzeugen.

 

Im Hexenprozess wird eine Hexe beschuldigt, eine Frau gelehrt zu haben, sie solle ein Reis von einer Eichen brechen und eine Kuh damit bestreichen, dann sterbe das Tier. Die Eichen (besonders ihre Blätter) gelten aber auch als zauberwidrig. Sie vertreibt elbische Tiere. Die Schlangen flüchten, wenn man Eichenblätter auf sie wirft. Wenn eine Kuh ihr erstes Kalb trägt, gibt die Bäuerin Eichenlaub in den Milchsechter, dann kann niemand der Kuh die Milch nehmen. Ist die Milch einer Kuh blutig, so muss man diese durch einen Eichendopp (d.h. ein Stück Eichenholz, in dem eine natürliche Öffnung ist) melken. Dem Vieh wird Salz in einer Portion zerschnittenen Eichenlaubs gereicht gegen Krankheit und Unfall. Kühe, die zum ersten mal auf die Weide getrieben werden, bekommen drei Eichenblätter (Mittelfranken); auch altes vorjähriges Eichenlaub, am Karfreitag vor Sonnenaufgang gesammelt, dem Vieh zum Fressen gegeben, schützt vor Krankheit (Oberbayern). Ein am Karfreitag vor Sonnenaufgang in die Stube und die Ställe gelegtes Stück Eichenholz schützt das ganze Jahr vor der Zauberei des Teufels. Um die Hühner vor dem Fuchs zu schützen, schlägt man drei Eichenpfähle in den Garten; soweit der Schall der Schläge dringt, ist der Fuchs gebannt (Mittelfranken).

 

Eine »kunst alle zauberei und malefitz« aus dem Menschen zu treiben empfiehlt, frisches Eichenlaub (mit anderen Mitteln) als Pflaster überzulegen. In Schlesien werden in der Johannisnacht kleine Zweige von Eichen an Fenster und Türen gesteckt, um die Hexen abzuhalten auch Kränze von Eichenlaub (mit ein geflochtenen Blumen), die im eigenen Haus verfertigt sind und über keine Schwelle getragen werden dürfen (vgl. neunerlei Blumen), werden vor das Fenster gehängt. Bierhefe wird, ehe man sie in die Maische bringt, mit einem belaubten Eichenzweig gestrichen. Das erinnert daran, dass die ebenfalls mit dem Blitz in Verbindung gebrachte »Donnernessel« (s. Brennnessel) zum Bier gelegt wird. Auch in Frankreich41) und bei den Litauern gilt die Eichen als zauberwehrend. In der Volksmedizin gehören die Eichen zu den Bäumen, die sich besonders zum Übertragen von Krankheiten eignen. Vor allem handelt es sich hier um die Gicht, wo der Segenspruch z.B. lautet:

 

Eichbaum ich klage dir,

Die Gicht, die plaget mir;

Ich wünsche, daß sie mir vergeht

Und in dir besteht.

 

Oder:

 

Mundfäul geh hin und wieder,

Geh aus allen meinen Gliedern

Und kimm (komme) nie wieder.

 

Zum Durchkriechen bzw. Durchziehen um Krankheiten (vor allem Brüche) loszuwerden, eignet sich ebenfalls besonders die Eiche. Gewisse Eichen genießen in dieser Hinsicht eine besondere Berühmtheit, z.B. eine Wundereiche in Schleswig, die Krupp- Eiche bei Volkshagen. Mit Vorliebe werden ferner Krankheiten in die Eiche verbohrt, indem Finger- oder Zehennägel, abgeschnittene Haare usw. in den Stamm gesteckt und dann zugepflockt werden. Die Kur wird angewendet bei Gicht, Zahnschmerzen, Brüchen, Gliederschwund, englischer Krankheit, Kropf und vielerlei Wehwehchen. Auch Kleidungsstücke des Kranken werden an die Eiche gebunden, um die Krankheit auf den Baum zu übertragen. Wenn der erste ausgefallene Zahn eines Kindes unter einer Eiche vergraben wird, so erleichtert das den Durchbruch der übrigen Zähne. Eichenholz am Johannistag vor Sonnenaufgang stillschweigend auf den Leib gestrichen, heilt alle offenen Schäden. Eichenlaub in kleinen Säckchen um den Leib gehangen, soll für die »aufsteigende Gebärmutter« helfen. Damit das Vieh das »Blut nicht bekommt«, füttert man es am Karfreitag mit vorjährigem Eichenlaub, das noch an den Bäumen war63). Das im Herbst noch auf den Eichen sitzende Laub wird ausgekocht; in das heiße Wasser steckt man gefrorene Hände und Füße, wodurch der »Frost herausgezogen wird«. Der »Sinn« dieses Brauches ist offenbar der, dass das noch in der kalten Jahreszeit am Baum hängende Laub auch die Kälteschädigungen vertreiben muss. Geschwüre werden mit Eichenlaub, das in Weihnachtswasser eingetaucht wurde, zugebunden. Gegen Kolik helfen Eicheln, die an dem Tag, wo die Sonne in den Skorpion geht, gesammelt worden sind, ohne dass sie die Erde berührten. Das Regenwasser, das in einem alten Eichenstumpf stehen geblieben ist, hilft gegen Sommersprossen, gegen Warzen und gegen Blutharnen. In letztgenanntem Fall mag eine gewisse Wirkung vorhanden sein, da dieses Wasser aus dem Eichenholz Gerbstoff aufgenommen hat. Das alte Kultmittel ist zum empirischen Mittel geworden. Eichen und Eichel im landwirtschaftlichen Aberglauben. Wenn die Eichenblüte wohl gerät, soll ein gutes Schmalzjahr werden. Wenn die Eiche viele Früchte trägt, verkündet das eine gute Ernte, ein Glaube, der sich bereits in der Antike nachweisen lässt: Wenn die prinos (= Stein-Eiche, Quercus ilex) viel Früchte trägt, so bedeutet das einen Reichtum der Feldfrüchte. Andrerseits bedeuten aber auch viele Eicheln gerade das Gegenteil, nämlich eine karge Ernte. Viele Eicheln bedeuten auch einen strengen oder langen Winter und viel Schnee. Auch dieser Glaube ist schon in der Geoponica aufgezeichnet. Ein strenger Winter steht bevor, wenn die Eichen ihr Laub lang behalten oder die Eicheln tief in ihren Fruchtbechern stecken. Wenn es an Jakobi (25. Juli) regnet, so verderben die Eicheln (werden wurmstichig, fallen ab) Das gleiche gilt vom Johannistag (2. November). Schließlich erscheint die Eiche bzw. ihre Frucht noch in verschiedenen Zaubervorschriften. Um eine Flinte zu verderben, dass man zwei Jahre nichts damit trifft, wird der aus der Flinte geschossene Pfropf in eine Eiche verbohrt und mit einem Hagedornpfropf zugepflöckt. Um den unbekannten Mörder zu erfahren, macht man ein Feuer aus trockenem Eichenholz, gibt darein etwas von dem Blute des Ermordeten und wechselt dann dessen Schuhe. Der Mörder ist dann mit Wahn und Blindheit geschlagen, glaubt bis an die Knie im Wasser zu reiten und kommt wieder zur Leiche. Ebenso wird der unbekannte Verbrecher entdeckt, wenn man eine Axt in eine Eiche schlägt und dazu spricht: "Tag und Nacht geschehet, beindöfet, donnia (Duonia), unitar." Darauf nennt man den Namen des Verdächtigen. Ist er es wirklich, dann zittert der Stiel der Axt.

 

Die Mannheit kann man einem rauben, wenn man einen Eichenzweig, der gegen Mittag hin in die Höhe wächst, mit einem Messer gegen die Sonne zu spitzig zuschneidet und den Zweig dann mit dreimaligem Fußtritt in die Erde tritt, wo jemand sein Wasser gelassen hat. Sobald der Eichenzweig in der Erde steckt, ist die Mannheit genommen. Eine Kunst, dass sich das Weibsvolk muss nackend entdecken und das Gewand aufheben: Schreibe mit Hasenblut den Namen der Frau auf Eichenholz und leg es auf die Schwelle. Wenn sie darüber geht, so hebt sie das Gewand bis auf den Nabel auf. Um zu sehen, ob ein Kind beschrien ist, wirft man stillschweigend in ein mit Flusswasser gefülltes Becken, das unter der Wiege des Kindes steht, drei Eicheln; schwimmen sie oben, so ist das Kind unbeschädigt, sinken sie, so ist es beschrien. Legt man das Ohr in der Christnacht um 12 Uhr an einen Eichenstumpf, so hört man die Englein singen. An Eichen wird die Nachgeburt von Pferden aufgehängt. Legt man ein Eichenblatt in den Hut, so läuft man sich die Füße nicht wund (Schleswig-Holstein). Mit Eichenlaub und Eichenrinde wird zur Reinigung geräuchert. Eicheln im Fenster als Blitzschutz und aus Eichenholz kann man wunderbare Schutzamulette anfertigen...

 

Auszug aus: Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Butzmann Verlag, 1927