Die Erbse, ein Hülsenfrüchtler, wird in Mitteleuropa in zahlreichen Formen (z.B. Feld-, Gemüse-, Zucker-Erbse) teils für den menschlichen Genuss, teils als Viehfutter gebaut. Ihre Kultur reicht in Europa bis in die jüngere Steinzeit zurück, in Deutschland tritt die Erbse zu Beginn der Eisenzeit auf, in Nordeuropa sind bis zum frühen MA. bisher keine archäologischen Funde von Erbsensamen gemacht worden. Die Erbse zeigt unverkennbar gewisse mythische Beziehungen. In der Volkssage ist sie besonders bei den Zwergen ein beliebtes Gericht. Als apotropäisches Mittel erscheint öfters die Erbse bzw. ihr Stroh. Damit die Mäuse nicht überhandnehmen, wird am hl. Abend in die vier Ecken der Stube eine Portion des Erbsengerichts in Kreuzform geschüttet (Komotau). Eine gewisse Verehrung der Erbse geht auch aus der besonders im östlichen Deutschland verbreiteten Volksmeinung hervor, dass ein Reiter wegen einer Erbse vom Pferde steigen müsse. Im Volk wird dies damit begründet, dass auf jeder Erbse ein Kelch (Abendmahlskelch) zu sehen sei (gemeint ist jedenfalls der rundliche bis elliptische Nabel des Samens!). Der Genuss des Erbsengerichts zu gewissen Kultzeiten (Weihnachten, Fastnacht, Ostern, Johanni) und am Donnerstag weist ebenfalls auf alte mythische Beziehungen hin. Die ältere mythologische Schule wollte hier vielfach eine Beziehung der Erbse zum germanischen Donnergotte sehen (Vergleich der Erbsen mit den Hagelkörnern usw.). Die schwäbische Sitte, an den Adventsdonnerstagen (Klöpfleinsnächten) Erbsen (Linsen oder Körner) an die Fenster zu werfen, scheint, trotzdem sie vielfach mit christlichen Beziehungen erklärt wird, heidnischen Ursprungs zu sein. Auch als Erinnerung an vergangene Pestzeiten wird der Brauch erklärt.

 

In Ostdeutschland, besonders aber in Polen, erscheint das Werfen mit Erbsen am Stephanstag (26. Dezember). Dort wurde früher der Geistliche in der Kirche am genannten Tag mit Erbsen beworfen als Erinnerung an die Steinigung des hl. Stephan. Diese Erbsen wurden dann aufgesammelt und im nächsten Jahr zur Erzielung einer reichen Ernte ausgesät. Der schwäbische Brauch, am Johannisfeuer Erbsen (»Sadihanserschen« = St. Johanneserbsen) zu kochen, die dann als heilsam bei Quetschungen und Wunden galten, dürfte auf eine alte Kultspeise hinweisen. Durch das ganze deutsche Sprachgebiet geht der Glaube, dass der Genuss von Erbsen in den »Zwölften« Geschwüre (Schwären, Aißen) verursache. Außer den Zwölften werden noch genannt Karfreitag und Ostern, der Dreikönigstag (Tilsit), alle Tage mit Ausnahme des Donnerstages. Dass gerade »Schwären« als schlimme Folge des Erbsengenusses bezeichnet werden, hat wohl darin seinen Grund, dass man einen Vergleich zwischen der Gestalt der Erbsen und den Schwären zog (vgl. unten Warzen). Auch andere üble Folgen hat der Genuss der Erbsen um die Weihnachtszeit: die »Eisaberta« schneidet den Bauch auf und füllt ihn mit Erbsenstroh an (Oberpfalz), die Hühner legen nicht mehr (Mittelfranken) oder man wird schwerhörig. Diese Speiseverbote scheinen darauf hinzuweisen, dass die Erbse ebenso wie die Bohne eine Seelen- (Toten-) speise war.

 

Im Württemberger Schwabenländle gelten Rote Erbsen als Unglückssymbol, dies geht wohl auf die Sage der roten Erbsenhexe zurück, die sich gerne im Hause einquartiert, sich nicht mehr vertreiben lässt und ihr ganzes Umfeld mit ihrer Herrschsucht terrorisiert. Vielfach sind die Erbsen (wie andere in reichlicher Menge wachsende Samen bzw. Früchte vgl. Hirse, Lein, Linse, Mohn) ein Fruchtbarkeitssymbol. Am Karfreitag schlägt man mit einem erbsengefüllten Säckchen an die Obstbäume, dann tragen diese so viel Früchte als Erbsen im Säckchen sind. In Litauen kocht man graue Erbsen zu Weihnachten und gießt das Wasser über langes Stroh. Mit diesem Stroh werden die Bäume umwickelt. Man glaubt, dass dadurch so viele Früchte im nächsten Sommer erzeugt werden als Erbsen gekocht werden. In den Zwölften, an Weihnachten, gibt man den Hühnern Erbsen, damit sie im kommenden Jahr gut legen. Die Zahl der Erbsen symbolisiert die der Eier. Oder man gibt dem Hahn am hl. Abend Erbsen, dann soll er das ganze Jahr munter (= geschlechtstüchtig) sein und tüchtig krähen. Die Erbsen sind vielfach ein Hochzeitsessen, oder die Braut wird mit Erbsen überschüttet. Im Werder wirft man am Polterabend Erbsen an die Fenster; im Erbsenfeld erfährt das Mädchen, ob es bald heiraten wird. In Ungarn werfen Mädchen an Silvester weichgekochte Erbsen an die Wand; deren Erbse hängen bleibt, die heiratet im nächsten Jahr.

 

Besonders gilt eine Erbsenhülse mit neun Erbsen (vgl. unten) für das Mädchen als zukunftskündend. Legt es eine solche über die Tür, so ist der nächste eintretende Mann ihr Zukünftiger, oder das Mädchen isst, wenn es eine Hülse mit zehn Erbsen findet, neun davon und legt die zehnte unter den »Süll« der Stuben- oder Haustür Erbse. Der Anfangsbuchstabe vom Vornamen desjenigen Mannes, der zuerst hinübergeht, ist der des künftigen Mannes. Ähnliche Orakel mit neun Erbsen in einer Hülse sind auch in Frankreich und England bekannt. Ganz allgemein bringt der Genuss von Erbsen an Silvester Glück und Wohlstand. Das Wälzen der Rhönbewohner in der Christnacht auf ungedroschenem Erbsenstroh und das Mischen der ausgefallenen Erbsen unter die Aussaat, um das Gedeihen der Frucht zu fördern, dürfte ebenfalls in das Gebiet des Fruchtbarkeitszaubers gehören. Hin und wieder erscheint die Erbse auch im Totenkult. Wer am Karfreitag Erbsen isst oder überhaupt in der Karwoche Erbsen kocht, bekommt bald eine Leiche ins Haus. Wenn man Erbsen verleert, stirbt man bald. Wenn man in der Neujahrsnacht auf einem Büschel Erbsenstroh sitzt, so erfährt man, wer im kommenden Jahr stirbt. Bei Leichenschmäusen (Mecklenburg) oder Totenwachen (Kt. Freiburg) wird Erbsenbrei bzw. -suppe gegessen. Auf Erbsenstroh stirbt man leicht; Erbsen werden ins Grab gegeben.

 

Im Zauberglauben wird häufig auf die den Schwären (Aißen) ähnliche Form der Erbsen Bezug genommen. So viel geröstete Erbsen man in den Kot eines Menschen steckt, so viele Geschwüre wird er am Gesäß bekommen. Überhaupt kann man mit Erbsen Geschwüre anhexen. Wenn man die grünen »Schoten« der Erbse bricht und geht über drei Beete weit hinein, so bekommt man ein »böses Maul«. Besondere Kraft haben die Samen einer Erbse, die in einem Totenkopf, in dem Kopf einer Katze, einer Schlange, einer Heidelerche in die Erde vergraben wird und dann gekeimt ist. Sie machen unsichtbar, lassen alle Hexen erkennen, dienen zur Herstellung von »Freikugeln«, lassen die Sprache der Gänse verstehen. Ähnliches gilt vom Knoblauch. Es handelt sich hier wohl um einen »literarischen« Zauberglauben, da sich das Rezept meist in Sympathiebüchern usw. findet. Besonders zauberkräftig gilt ferner eine Hülse mit neun (zehn oder elf Erbsen (vgl. oben Heiratsorakel). Sie dient, um sich bei der Rekrutierung frei zu lösen. Fährt ein Fuhrwerk über eine Erbsenhülse, die neun, zehn oder elf Erbsen enthält, so muss es umstürzen. Legt man einem die neun Erbsen ins Bett, so wird er das Bett benässen. In Frankreich gelten solche Erbsenhülsen als glückbringend oder als ein Mittel, die Hexen zu erkennen. Wenn die Tauben SaatErbsen aus der Erde holen, so hat der Besitzer Glück mit dem Vieh. Weiße Erbsen bedeuten Tränen. Erbsen soll man nicht auf den Boden schütten, denn sie sind die Tränen der Muttergottes, die nicht auf die Erde fallen dürfen. Wenn die Erbsen (oder das Kraut) noch sieden, wenn sie vom Feuer genommen werden, so bedeutet dies, dass in dem Haus keine Zauberei ist.

 

In der Sympathiemedizin dienen die Erbsen hauptsächlich zum Vertreiben der Warzen. Die Warze wird mit einer Erbse gerieben und diese in ein Tüchlein eingebunden, das man hinter sich wirft. Wer das Säckchen mit den Erbsen aufhebt, bekommt die Warzen. Noch häufiger wirft man die Erbsen in einen (Back-) Ofen und läuft dann gleich fort, um das »Pratzeln« der Erbsen im Feuer nicht zu hören, in einen tiefen Brunnen, in den Abort, vergräbt sie unter der Dachtraufe oder lässt sie sonst irgendwo faulen. Die Erbse muss auf der Warze zerdrückt werden. Gegen aufgesprungene Brustwarzen bei einer jungen Mutter kocht man eine Handvoll Erbsen in Wasser. Einen bösen Finger reibt man mit neunerlei Erbsen (Thüringen). Gegen Gelbsucht gibt man den Hühnern Erbsen, die im Harne des Kranken aufgeweicht sind, zu fressen. Gegen Zahnschmerzen zerbeißt man Erbsen auf dem Kirchhof und wirft sie in ein frisches Grab (Mark Brandenburg). Gegen Gichter vergräbt man einen Topf mit 77 Erbsen, auf die der Kranke geharnt hat, in einen Ameisenhaufen. Verstauchung heilt man durch Stecken von drei Erbsen. Kinder werden bei Masern mit Erbsenbrühe gewaschen. Wenn die Wehen kommen, setzt man Erbsen über das Feuer; sobald diese kochen, erfolgt die Geburt. Wer am Neujahrstag oder am Karfreitag Erbsen isst, bleibt fieberfrei und das ganze Jahr gesund.

 

Saat und Wachstum der Erbsen

 

Die Erbsen müssen gesät werden am Gründonnerstag, am Karfreitag, am Hiobstag, am Matthiastag, am Markustag (dann werden sie »markig«), am Ambrosiustag, am 100. Tag des Jahres (dann tragen sie hundertfältige Frucht). Erbsen sät man an dem Wochentag, an dem der erste Schnee gefallen ist (Kreis Goldap), am Mittwoch oder Sonnabend, am Vormittag, denn nachmittags gesät bekommen sie weniger »Schoten« oder lassen sich nicht weich kochen (Mittelfranken). Erbsen im Neumond oder im zunehmenden Mond gesät, blühen immerfort ohne Früchte zu bringen; sie sollen im abnehmenden Mond gesät werden oder bei Vollmond (»dann werden sie voll«) oder drei Tage vor dem Neumond (»sonst blühen sie gleich ab«). Im alten Mond gesät kommen Maden (Larven des Erbsenkäfers) in die Hülsen. Günstig für die Aussaat sind die »weichen« und »wässerigen« Zeichen des Tierkreises (Fische, Wassermann, Jungfrau, Wage, Zwillinge), sonst lassen sie sich nicht weich kochen. Im Steinbock werden sie hart, im Krebs gehen sie im Wachstum zurück (Pfalz) oder werden wurmstichig. Wenn man die ersten Erbsenblüten, die man sieht, abbricht und unter einen Stein legt, so lassen sich die Erbsen dieses Feldes nicht weich kochen. Erbsen dürfen nur bei Süd- oder Westwind (»weiche« Winde) gesät werden, bei Ost- oder Nordwind gesät lassen sie sich nicht weich kochen. Eine gute Erbsenernte ist zu erwarten, wenn an Fastnacht die Sonne scheint, wenn sich im Frühjahr viele Frösche zeigen (Ostpreußen) oder wenn es viele Tannenzapfen gibt. Zuckererbsen soll man säen, wenn die Leute vom Wochenmarkt heimgehen.

 

Beim Erbsensäen soll man die ersten drei Handvoll gegen den Wind werfen (Windopfer). Vor der Aussaat müssen die Erbsen mit Wasser, das stromaufwärts geschöpft ist, begossen werden (Prov. Sachsen). Damit die Vögel die Erbsen nach der Aussaat nicht fressen, muss der Sämann drei Erbsen in den Mund nehmen, oder man muss sie stillschweigend säen; man vergräbt drei im Munde angefeuchtete Erbsen am Ende des Beetes, oder man legt die Erbsen in drei Reihen und murmelt bei jeder Reihe dreimal: »Mien Arfen und mien Bohn – Sall keen Menschen und Vagel wat dohn. – Im Namen Gottes usw.«. Die Erbsen dürfen nur am Mittwoch und Sonnabend gepflanzt werden, sonst holen sie die Vögel. Wenn man Erbsen und Bohnen isst und in der gleichen Woche welche aussät, dann geraten sie nicht. Die Erbsen werden madig, wenn der Sämann viel »gefistet« (gefurzt) hat. Frauen sollen keine Erbsen und Bohnen an ihrem Backtag pflanzen. Um das Erbsenfeld muss ein menstruierendes Frauenzimmer gehen, oder es muss dessen Hemd herumgetragen werden, damit die Erbsen nicht vom Meltau befallen werden. Wenn die Erbsen im Wachsen sind, wirft man ein altes Stück Eisen ins Feld, damit sie während der Blütezeit nicht vom Donner beschädigt werden, oder man muss zwei Hölzer in Form des Kreuzes des hl. Laurentius in die Erde stecken und in die Mitte, wo beide Hölzer sich treffen, ein Stück Glas.

 

Auszug aus: Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Butzmann Verlag, 1927