Korbblütler mit grundständiger Blattrosette, dessen Stängel nur ein Blütenköpfchen (Stahlblüten weiß, Scheibenblüten gelb) trägt. Das Gänseblümchen ist überall gemein und blüht vom März bis zum November. Die Pflanze wird manchmal von Nichtbotanikern mit der ähnlichen, aber viel größeren Wucherblume / Margerite, auch große Gänseblume genannt, zusammengeworfen. Nach einer Legende ist das Gänseblümchen aus den Tränen der hl. Maria, die sie auf der Flucht nach Ägypten vergoss, entstanden, daher der Name Marienblümchen. Damit wäre die Angabe des Plinius zu vergleichen, dass die Pflanze aus den Tränen der Helena entstanden sein soll. Eine slawische Sage lässt das Gänseblümchen aus den Tränen der hl. Magdalena, als sie am Grabe Christi stand, hervorsprießen. Nach französischen Legenden rührt die rötliche Farbe, die man an den Strahlblüten des Gänseblümchens oft beobachten kann, vom Blute des Jesuskindes her, das sich an einem Dorn verletzt hatte, oder von dem Kuss her, den es auf die Blume drückte. Allgemein sollte bekannt sein, dass das Gänseblümchen der Göttin Freya heilig ist und dort als erstes blüht, wo der Fuß der Göttin Ostara der Erde Grund berührt.

 

Wie vielen anderen Frühlingsblumen schreibt man auch den (drei ersten im Jahre gefundenen) Gänseblümchen besondere Heilkraft zu. Durch ihren Genuss bleibt man das ganze Jahr vom Fieber frei. Desgleichen schützen sie vor bösen Augen, vor Zahnschmerzen und überhaupt vor allen Krankheiten. Drei mit dem Munde abgebissene (die magische Heilpflanze darf nicht mit den Händen berührt werden - so der Aberglaube) und verschluckte Gänseblümchen vertreiben Magenbeschwerden. Ähnlich müssen Gänseblümchen, mit denen gebraucht werden soll, vor Walpurgisnacht mit Handschuhen (nicht mit der bloßen Hand) gepflückt werden. Die ersten drei Gänseblümchen, die man sieht, soll man essen, dann dürstet man im Sommer nicht, auch schadet kein fremdes Wasser.

 

In der sympathetischen Medizin bestehen die Gichterkränzli, die man kleinen Kindern gegen Gichter unter das Kopfkissen legt, aus Gänseblümchen, die in verschiedenen Farben blühen sollen. Man legt sie am 1. Oktavtag (Fronleichnam) ohne Wissen des Geistlichen unter das Altartuch, wo man sie am letzten Oktavtag wieder holt. Büscherl, die man gegen wässrige Augen vor Sonnenaufgang unbeschrien so um den Hals hängt, dass sie auf dem Rücken liegen, bestehen aus einer ungeraden Anzahl (25 für Erwachsene, 15 oder 17 für Kinder) von Gänseblümchen. Die an Johanni mittags 12 Uhr ausgegrabenen und bei sich getragenen. Die an Johanni zwischen 12 und 1 Uhr gesammelten Gänseblümchen steckt man, in Papier gewickelt, zu sich, wenn man einmal einen wichtigen Gang zu tun oder ein besonderes Geschäft zu verrichten hat. Haben die Gänschen lange Stiele, so wächst langer Flachs, in Oberösterreich heißt es, dass dann eine Sucht ins Land komme (wohl Seuche). Wenn die Gänseblümchen zu Beginn des Frühlings reichlich blühen, dann werden im Herbst viele Kinder sterben, oder es wird wenig Heu im Sommer geben. Wer Gänseblümchen zerrupft und die Teile ins Wasser wirft, findet etwas. Ab und zu wird das Gänseblümchen wie die ähnliche Wucherblume als Orakelpflanze benutzt: die Scheibenblüten werden in die Höhe geworfen und mit dem Handrücken aufgefangen; so viele man auffängt, so viele Kinder bekommt man dereinst. Durch Auszupfen der weißen Strahlblüten erforscht man den Stand des Zukünftigen. Wenn man Gänseblümchen in den Gänsestall bringt, werden die Gänse tot, auch heißt es, dass man keine kleinen Gänse bekommt, wenn man die Blumen vor dem Ostersonntag pflückt.

 

Auszug aus: Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Butzmann Verlag, 1927