Der Baum ist an seinen herzförmigen, am Rande gesägten Blättern und den bleichgelben, in Trugdolden stehenden, duftenden Blüten ohne weiteres zu erkennen. Eine etwas engere Verbreitung als die Winter-Linde hat die Sommer-Linde (Tilia platyphyllos) mit weichbehaarten, auf beiden Seiten gleichfarbigen Blättern. Ach die Linde, Baum des Schutzes, der Liebe, des Glückes und der Unsterblichkeit. Baum der Göttin Freya und neben der Eiche, einer der heiligsten Bäume Europas. Unter Ihren Ästen fanden Thingversammlungen statt, Jahrhunderte hat dieser Brauch die Alten überlebt als Gerichtslinde oder als Zentraler Hof und Dorfbaum... Im Baumkult werden der Linde Opfer dargebracht. So goss auf dem Hofe Lien eine alte Frau, wenn sie am Sonnabend gebuttert hatte, die Buttermilch in eine alte und hohe Linde. Die Linde ist der Mittelpunkt der elbischen Rosengärten. Die drei schwedischen Familien, Linnaeus (aus der der berühmte Botaniker Linné stammte), Lindelius und Tiliander führten ihren Namen angeblich nach einem und demselben Baum. Aus Linden entquillt Blut.

 

In Sagen erscheinen gewisse Linden häufig als Sammelplätze der Hexen. Es handelt sich hier wohl oft um Bäume, die in der Heidenzeit verehrt und dann zu Hexenbäumen gestempelt wurden. In vielen Sagen schlägt ein verdorrtes in die Erde gestecktes Lindenreis zum Zeichen der Unschuld aus. Im Kreise Lauenburg pflanzt man bei der Geburt eines Mädchens eine Linde, "weil man sie bald durch Verheiratung los sein möchte", in Hochzeitssitten spielt die Dorflinde oft eine bedeutsame Rolle. In Oberbayern gibt es zahlreiche nach der Linde benannte Wallfahrtsorte. Die Linde und ihre Teile haben apotropäische Eigenschaften, wie ja auch die Dorflinde oder einzelne alte Linden als Schutzbäume der ganzen Gemeinde bzw. einzelner Höfe gelten. Wenn man Linden ums Haus pflanzt, können die Hexen nicht ankommen. Am Walpurgisabend werden Lindenreiser in den Düngerhaufen gesteckt, vgl. Birke. In der mährischen Walachei steckt man an Pfingsten zum Schutz gegen Hexen Lindenzweige in Haus und Stall), in Niederösterreich tat man das gleiche am Johannismorgen vor Sonnenaufgang.

 

Damit die Hexen in der Johannisnacht keinen Zutritt zu den Ställen haben, bindet man die Tiere mit Lindenbast an oder bindet ihnen Lindenbast um die Hörner). Mit einem Lindenstock kann man den Teufel prügeln, mit Lindenbast ihn binden. Verzauberte Kühe beräuchert man mit getrockneten Blättern der Runkelrübe und Lindenblüten. Lindenbast bei sich getragen, galt als Talisman gegen Zauber und Hexen; Äckern, die mit Lindenasche bestreut wurden, blieb das Ungeziefer fern. Unter einer Linde ist man vor dem Blitzschlag sicher, in Posen begründet man dies damit, dass die hl. Familie während der Flucht darunter ausgeruht hat, vgl. Hasel. Nach statistischen Feststellungen werden jedoch gerade unter Linden häufig Menschen vom Blitz erschlagen. Wer Wurst im Schornstein hat, darf kein Lindenholz brennen. Ähnliche Meinungen gehen über das Verbrennen des Holzes vom Holunder. In Sagen wird die Pest in gewisse Linden verpflockt. Das Kind bekommt nie Zahnweh, wenn man ihm den ersten Brei mit Lindensprossen, die am Karfreitag beim Zwölfeschlagen geschnitten wurden, anrührt. Rauch von Lindenholz vertreibt die Filzläuse, die Rinde ist gut für die Rose. Bei den Letten wird der Leidende einigemale mit Lindenbast um das Haupt gemessen und muß hernach durch diesen Bast durchkriechen. In Siebenbürgen stellt man am 1. Mai vor dem Hause Kranker Lindenzweige auf, aus deren Rinde man nach drei Tagen mit Zucker, Zwiebel und Hanfsamen, einen Brei kocht, dessen eine Hälfte der Kranke verzehrt; die andere Hälfte wird in fließendes Wasser geworfen, damit die Krankheit weg fließe. Ebendort begründet man die Heilkraft der Lindenblüten damit, dass Jesus einst unter dem Baume ausgeruht hat. Die in der Dreisgenzeit gesammelten (rötlichen) Samen der Linde helfen gegen die rote Ruhr. Schwämme, die auf Linden wachsen, sind ein Mittel gegen das Viehsterben. Rötlich blühende Linden gehören für die Männer, weiße für die Frauen. Wer an einen Lindenstamm pisst, bekommt zur Strafe eine "Warre" (Gerstenkorn, hordeolum) ans Auge; um diese zu vertreiben, bestreicht man sie mit drei Lindenblättern.

 

Diese Textpassage spiegelt sich in den Büchern des Literaturverzeichnisses wider.