Das Maiglöckchen hat große, eiförmige Laubblätter und duftende, weiße, kugelig-glockige, in einseitig wendiger Traube angeordnete Blüten. In Laubwäldern und unter Gebüsch ist es ziemlich verbreitet. Es hat giftige Eigenschaften. Der Name »Maiblume« wird ab und zu auch für die verwandte Weißwurz gebraucht. Weiter Namen sind Augenkraut, Chaldron, Faldron, Galleieli, Glasblümli, Herrenblümli, Maiblume, Maiblümchen, Maienlilie, Maizauken, Marienglöckchen, Marienriesli, Niesekraut, Schillerlilie, Schneetropfen, Springauf, Tallilie, Zaucken.

 

Das Maiglöckchen erscheint manchmal in Sagen. So steht am Fuße des Berges Slabitschken (Böhmen, Kr. Leitmeritz) eine Marienstatue, in deren Nähe jedes Jahr im Frühling zahlreiche Maiglöckchen wachsen. Nicht selten erscheint hier eine weiße Frau, die den Wanderer abhält, die Maiglöckchen zu pflücken. Die schatzhütende Jungfrau trägt in der Hand einen Strauß Maiblumen. Die »saligen Fräulein« werden in Tirol »Talgilgen« (= Lilie der Täler, nach der mittelalterlichen Bezeichnung des Maiglöckchens als »lilium convallium«) genannt. Wie viele andere Frühlingsblumen (s. Aronstab, Katzenpfötchen), die im Aberglauben eine Rolle spielen, muss auch das Maiglöckchen am Himmelfahrtstag vor Sonnenaufgang gesucht werden. In Paris ist übrigens der 1. Mai der »Tag der Maiglöckchen« (la journée du muguet). Manche glauben, daß, wer Maiglöckchen an diesem Tag bei sich trage, das ganze Jahr Glück habe. Die Maiblume unter die Schwelle des Kuhstalls eines Feindes gesteckt, verhext dessen Kühe und deren Milch. Hier liegt möglicherweise eine Verwechslung mit der Weißwurz vor. Wenn der Bauer vor Georgi Maiglöckchen sieht, die innen in der Blütenkrone rote Streifen haben, so wird die Ernte viel Arbeit machen, aber gar keinen Nutzen bringen. Überhaupt ist es ein schlimmes Zeichen. So wollen im Frühjahr 1914 (Weltkrieg!) viele Leute solche Maiglöckchen gesehen haben.

 

Junge Maiglöckchen vor Sonnenaufgang gepflückt und unter das Gesicht gerieben, verhindern die Sommersprossen. Übrigens heißen die kleinen Sommersprossen im Schwäbischen auch »Maienblümlein«. Daß das Maiglöckchen in alten Kräuterbüchern so häufig gegen Schlagflüsse empfohlen wird, geht vielleicht auf die tropfenähnliche Blütengestalt zurück und beruht demnach auf der Signaturenlehre. Nach alter humoralpathologischer Lehre fällt beim Schlagfluss ein »Tropfen« ins Hirn. Ähnlich wird in der rumänischen Volksmedizin das Maiglöckchen(Maiglöckchen lacrimoare) als Absud gegen Augenkrankheiten gebraucht, indem die Blüten wegen ihrer Form als »Tränchen« bezeichnet werden. Der Morgentau auf Maiglöckchen gilt im Allgemeinen als Schönheitsmittel. Eine getrocknete Maiglöckchenrispe soll ein guter Talisman bei Prüfungen sein...

 

Diese Textpassage spiegelt sich in den Büchern des Literaturverzeichnisses wider.