Auf Bäumen und Sträuchern schmarotzende Pflanze mit holzigem, vielfach gabelig verzweigtem Stamm. Die Blätter sind lederartig, immergrün und stehen einander paarweise gegenüber. Die gelbgrünen Blüten sind sehr unscheinbar. Auffälliger sind die weißen Beeren. Die Mistel kommt auf vielen Laub- und Nadelbäumen vor. Äußerst selten wächst sie auf der Eiche. Gerade aus diesem Grunde spielt die »Eichen-Mistel« im Zauberglauben eine besondere Rolle. Ab und zu dürfte unter der Eichen-Mistel eine Verwandte der Mistel, die auf Eichen schmarotzende, sehr seltene Riemenblume (Loranthus europaeus) – in Deutschland nur bei Pirna in Sachsen, in Österreich an mehreren Stellen – gemeint sein.

 

Der Name Mispel, wie die Mistel auch ab und zu im Volk genannt wird, kommt eigentlich einem aus den östlichen Mittelmeerländern stammenden, bei uns hin und wieder angebauten Kernobstbaum, der Mispel (Mespilus germanica), zu. Ab und zu hält das Volk die Mistel nicht für eine besondere Pflanzenart, sondern lediglich für einen krankhaften Auswuchs des Baumes, auch in St. Gallen behaupten die Bauern, die Mistel sei die Folge, nicht die Ursache der Erkrankung des Obstbaumes, sie entstehe aus dessen schlechten Säften. Ja es soll sogar für den Baum schädlich sein, wenn man den Schmarotzer entfernt. Mistelholz soll das härteste Europäische Holz sein und soll für Pfeilspitzen verwendet worden sein. Die Mistel ist sowohl Symbol für Balder als auch Loki, dem Grünen Mann soll sie heilig sein. Ein Kränzchen aus Misteln auf dem Köpfchen soll die Verbindung mit der Anderswelt erleichtern. Ein Amulett aus Mistelholz soll Glück bei der Jagd und Glück bei der Liebe bringen. Die Mistelbeeren, zermatscht bilden einen guten pflanzlichen Kleber, der früher für die Vogeljagd auf Ruten geschmiert wurde, an denen die Vögel dann kleben blieben. Ein Amulett aus Mistelholz webt einen starken Schutz.

 

Die Mistel erscheint in der Baldersage, deren Hauptquelle die jüngere Edda (Snorri) ist und die als eine Erscheinung der Wikingerzeit (nicht des Hochmittelalters) anzusehen ist. Nach ihr wird Balder durch einen Mistelzweig (mistiltein), den der blinde Hönir auf Veranlassung des Loki auf den Gott wirft, getötet. Der Goldene Zweig des Aeneus soll eine Mistel gewesen sein. Das wichtigste Zeugnis über den Mistelkult im Altertum stellt der Bericht des Plinius, wo er über die Mistelverehrung der Gallier schreibt. Die Priester der Gallier, die Druiden, kennen nichts Heiligeres als die Mistel und den Baum, worauf sie wächst, besonders wenn dies eine Wintereiche (»robur«) ist. Sie verehren den Baum aufs höchste und betrachten alles, was darauf wächst, als Himmelsgabe. Man findet die Mistel aber nur sehr selten auf ihr (in der Normandie, in einigen anderen Gegenden Frankreichs und des südlichen Englands, also im Wohngebiet der alten Kelten kommt die Mistel, wenn auch sehr selten. Wenn man sie findet, wird sie mit großer Feierlichkeit geholt.

 

Sie heißen in ihrer Sprache die Mistel die "alles heilende" (omnia sanantem). Nachdem sie unter dem Baume die gehörigen Opfer und Mahlzeiten veranstaltet haben, führen sie zwei weiße Stiere herbei, deren Hörner dann zunächst bekränzt werden. Der Priester, mit weißem Kleide angetan, besteigt den Baum und schneidet mit goldener Sichel die Mistel ab. (Bronzene Sicheln sind wahrscheinlicher) In einem weißen Mantel wird sie aufgefangen, da sie beim Bodenkontakt Ihre Kraft verlieren soll. Dann schlachten sie die Opfertiere mit dem Gebet, die Gottheit möge ihre Gabe denen günstig werden lassen, welche sie damit beschenkt haben. In den Trank getan solle die Mistel alle unfruchtbaren Tiere fruchtbar machen und ein Heilmittel gegen alle Gifte sein. An einer späteren Stelle schreibt Plinius, dass manche (von den Galliern ist hier nicht die Rede!) glauben, die Mistel werde durch Beobachtung frommer Bräuche und wenn man sie beim Neumonde ohne eisernes Werkzeug sammle und sie die Erde nicht berühre, wirksamer. Die Mistel gilt, wie dies auch aus dem Bericht des Plinius hervorgeht, als schützende Pflanze. Mit Bier abgekocht gibt sie einen Heiltrank für bezaubertes Vieh. Schon in der Antike wurde bei Viehseuchen ein Aufguss der Mistel in Wein dem Vieh in die Nase eingegossen. Gegen Hexen und böse Geister wird die Mistel im Haus oder im Stall aufgehängt, gegen Druden ein Mistelzweig an der Türschwelle befestigt, unter das Dach gesteckt schützt sie das Haus vor Unglück. Ähnliches gilt auch in England, in Schweden, in der Bretagne. In Posen legen die Weiber, um Krankheiten der Schweine zu verhüten, am Markustage (25. April) gepflückte Misteln ins Futter; der Kuh, die beim Melken ausschlägt (also »bezaubert« ist), muss man mit einer Mistel drei Schläge geben.

 

Nach einem alten Aberglauben der Siebenbürger Sachsen schneidet man von Mähne und Schweif eines Pferdes, das nicht bei der Herde bleiben will, einige Haare ab und bindet diese zusammen mit einer Mistel vom Birnbaum in ein Tüchlein. Wenn nun das Pferd im Stalle steht, so bohrt man ein Loch in die Schwelle der Stalltür, steckt das Zusammengebundene hinein und verschließt mit einem Pflock aus Haselholz. Hierauf führt man das Pferd so weit heraus, dass es mit dem einen Fuß über die Schwelle tritt, zeichnet den Huf des herausgesetzten Fußes auf der Erde ab und schneidet dann diese Erde mit einem Messer heraus; in das Loch streut man eine Handvoll Salz und deckt es mit der herausgenommenen Erde wieder zu. Wenn sich beim »Wettern« die Hexen an die Baumwipfel ansetzen, so ist es gut, einen M.kranz um den Baum zu ziehen; dann sind die Hexen »gesperrt« und das Wettern hat ein Ende. Die Misteln heißen auch »Hexenbesen«, »Marentaken« oder »Alfranken«. Sie entstehen da, wo eine Mar auf dem Baume gerastet hat. Vor allem wurde die Mistel als Amulett getragen: »henkens den jungen kindern an die hälß / der meinung / es soll den selben kindern kein zauberei oder gespenst schaden«. Nach altem Jägerglauben macht die Mistel ihren Träger glücklich im Jagen und Schießen; sie macht ihn auch hieb- und stichfest. In der magischen Medizin diente eine Mistelsalbe gegen angezauberte Impotenz. Die Mistel gilt überhaupt als Glückspflanze. Sie bringt Glück ins Haus, ein Glaube, der besonders in England und z.T. auch in Frankreich gilt. "No mistletoe, no luck" heißt es in Wales.

 

Als Glückspflanze findet die Mistel in siebenbürgischen Hochzeitsbräuchen Verwendung, in der französischen Schweiz trug die Braut einen Kranz von Weizenähren, Eisenkrautblüten und Mistelzweigen. Findet ein Mädchen eine Mistel auf einem Apfelbaum, so wird es bald Braut. Bei dieser Verwendung in Hochzeitsbräuchen spielt vielleicht auch die M. als Lebensrute (nach Plinius fördert sie auch die Fruchtbarkeit der Haustiere) mit herein. – Hierher gehört wohl auch die alte englische Sitte, die Mistel an Weihnachten an der Zimmerdecke aufzuhängen. Das Mädchen, das unter einem solchen Mistelbusch von einem Manne angetroffen wird, muss sich von diesem küssen lassen. Vielleicht ist hier der Zweig das Symbol des Vegetationssegens, der Fruchtbarkeit und des Wachstums. Die Mistel als Weihnachtsschmuck, wie sie in den letzten Jahrzehnten besonders in deutschen Städten aufkam, ist lediglich eine Nachahmung des englischen Brauches, also mehr eine Modesache als ein Volksbrauch. Nur selten tritt die M. als »böse« Pflanze auf. In einer Posener Sage wirft ein rachsüchtiger Bettler einem Bauern Misteln von einer (durch den Blitz gefällten) Pappel in den Stall. Alles Vieh liegt am nächsten Morgen tot am Boden. Um weiterem Unglück vorzubeugen, fällte man auch die übrigen Pappeln, damit sich die Mistel, das "Satanskraut", nicht wieder einschleichen könne. Wenn Misteln auf Weiden oder Erlen (Unglücksbäume im Mittelalterlichen Aberglauben) wachsen, so ist es eine schlimme Zeit. Ab und zu erscheint die Mistel in Schatzsagen. Sie zeigt da Berührungspunkte mit dem Farn, der Hasel, der Springwurz und besonders der Wünschelrute glaubt, dass die goldschimmernde Farbe des welkenden Zweiges als eine Art Homöopathie Zauber (Gold des Schatzes) hier wirksam war. An dem Ort, wo eine Mistel (auf einer Weißhasel) wächst, liegt ein verborgener Schatz und zwar so tief unter der Oberfläche als die Mistel über der Erde wächst. Zum Glück habe ich einen Klappspaten...

 

Auf dem Pillberg (Ostpreußen) liegt ein Schatz unter einer Hasel, die eine Mistel trägt, ebenso unter einem eine Mistel tragenden Weißdorn. Botanisch sei hierzu bemerkt, dass die Mistel auf Weißdorn recht häufig ist, auf der Hasel ist sie seltener. Vereinzelt steht, wenigstens auf deutschem Boden, der Glaube da, dass die Mistel vor dem Blitz schütze. Bäume, auf denen Misteln wachsen, sollen nicht vom Blitz getroffen werden. Es handelt sich hier wohl um uralte mythische Beziehungen, die sich eng an den Glauben vom Hexenbesen, Donnerbesen anschließen. Schon Plinius sagt, dass die Mistel das Feuer lösche. Der Botaniker Linné schreibt, dass der gemeine Mann (in Westgotland) glaube, die Häuser, in denen sich eine Mistel befinde, seien vor der Feuersbrunst sicher. Der an Weihnachten aufgehängte Mistelzweig schützt das Haus vor Einschlagen des Blitzes. Wenn es donnert, wirft man in. Nièvre Mistelbeeren ins Feuer. Die Beziehung zum Feuer sieht man darin, dass nach dem Volksglauben die Mistel durch einen Blitzstrahl auf den Baum fällt. Die Mistel ist eine Verkörperung des Blitzes. (Thor) In der Zaubermedizin findet die Mistel vor allem gegen die Epilepsie, eine Krankheit, die ja nach primitiver Anschauung vor allem ein Werk der Dämonen ist, Anwendung, wie überhaupt die der Mistel zugeschriebenen Heilkräfte großenteils auf mythische Anschauungen zurückgehen: Wie die auf dem Baum wachsende Mistel nicht auf die Erde fallen kann, so kann auch der Epileptiker (Fallsüchtige) nicht fallen, solange er eine Mistel bei sich hat oder von ihrer Abkochung getrunken hat.

 

Auszug aus: Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Butzmann Verlag, 1927