Rauch zieht zwischen den Hütten hindurch, der Wind hat sich von Ost nach West gedreht und treibt den beißenden Rauch in die kleine Siedlung von Grubenhäusern. In einiger Entfernung befüllt gerade ein Schmied den Schlot eines Schmelzofens. Dazu schüttet er klein geschlagenes und geröstetes Erz zusammen mit Holzkohle ein. Dann facht er mit einem Blasebalg die Glut im Inneren des Lehmschlotes an. Ständig wirft er prüfende Blicke in den Schlot, der heute als Rennfeuerofen bezeichnet wird. An den Farben der Flammen erkannte er die Temperatur. Und er weiß, welche Temperatur erforderlich ist um das Eisen vom Erz zu trennen. Wir wissen heute, dass zum Schmelzen von Eisen 1.530º C erforderlich sind. Soviel Temperatur war mit diesen Lehmöfen nicht zu erreichen. Aber entsprechende Experimente haben bewiesen, 1.300º C können sehr wohl mit diesen einfachen Konstruktionen erreicht werden. Und diese Temperatur reicht aus, den so genannten Eisenschwamm entstehen zu lassen. Diese Eisenschlacke rinnt dann in die unter dem Lehmschlot befindliche Grube. Daher der Name „Rennfeuerofen“. Und dieser Eisenschwamm kann im erkalteten Zustand ausgeschmiedet werden. Das der Harzraum, zumindest die Region Blankenburg/ Quedlinburg zur Zeitenwende wesentlich dichter besiedelt war als bisher angenommen, zeigen die neuesten Grabungen und Forschungen entlang der künftigen Trasse der B 6n in den Jahren 2002-2006. Die in den vorherigen Abschnitten bereits mehrfach erwähnte Siedlung Marsleben gibt auch für diese Epoche entscheidende Erkenntnisse preis. Insbesondere die 30 Rennöfen zur Eisenherstellung aus dieser Zeit, lassen auf eine umfangreiche Besiedelung der Region sowie auf eine Art „vorindustrieller Fertigung“ schließen, die weit über den Eigenbedarf hinausging. Eine Datierung durch die C-14 Methoden ergab die Zeit um Christi Geburt. Auch eine Siedlung aus dieser Epoche wurde gefunden. Um 100 n. Chr. sollte die Christianisierung auch im Harzraum beginnen. So schrieb der Evangelist Lukas im Kap. 10,1: "Danach sonderte der Herr andere Siebzig aus und sandte Sie je zween und zween vor ihm in alle Städte, da er wollte hinkommen". Zwei dieser Jünger, so erzählt die Sage, St. Egistus und St. Maternus, kamen an den Harz und verkündeten das Evangelium. Eines Tages rasteten sie am Katharinenborn bei Blankenburg und fanden bei den Edlen des Volkes gastliche Aufnahme. Es gibt da auch ein Gedicht, geschrieben 1772 von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, welches zum Nachdenken anregt:

 

Der Harz

Herzlich sey mir gegrüßt, werthes Cheruskerland! Land des nervigen Arms und der gefürchteten Kühnheit, freieres Geistes, denn das blache Gefild umher!

Dir gab Mutter Natur aus der vergeudeten Urne männlichen Schmuck, Einfalt und Würde dir! Wolkenhönende Gipfel, Donnerhallende Ströme dir!

Im antwortenden Thal wallet die goldene Fluth des Segens, und strömt in den genügsamen Schooß des lächelnden Fleißes, Der nicht kärglich die Garben zählt.

Schaafe weiden die Trift, auf der gewässerten Aue brüllt der Stier, stampft das gesättigte Roß, die bärtige Ziege klimmt den zackigen Fels hinan. Wie der schirmende Forst deinem erhabenen Nacken schattet! Er nährt stolze Geweihe dir! Dir den schnaubenden Keiler, der entgegen der Wunde rennt!

Dein wohlthätiger Schooß, selten mit goldenem Fluche schwanger, verleiht nützendes Eisen uns, das den Acker durchschneidet und das Erbe der Väter schützt.

Dir gibt reine Luft und die teutonische Keuschheit Jugend von Stahl: moosigen Eichen gleich, achten silberne Greise nicht der eilenden Jahre Flug.

Dort im wehenden Hain wohnt Begeisterung; Felsen jauchzten zurück, wenn sich der Barden Sang Unter bebenden Wipfeln durch das hallende Thal ergoß.

Und Dein Hermann vernahms! Sturm war sein Arm! Sein Schwert Wetterflamme! Betäubt stürzten die trotzigen Römeradler, und Freiheit strahlte wieder im Land Teuts!

Doch des Heldengeschlechts Enkel verhüllten Hermanns Namen, bis ihn (auch er dein Sohn!) Klopstock’s mächtige Harfe sang der horchenden Ewigkeit.

Heil, Cheruskia, dir! Furchtbar und ewig steht, gleich dem Brocken, dein Ruhm! Donnernd verkünden dich Freiheitsschlachten! Und donnernd dich unsterblicher Lieder Klang.

 

Woher nahm F.L. Graf Stolberg die Kenntnisse oder Aussagen in seinem Gedicht? Das Geschlecht der Grafen von Stolberg ist ein altes, ein sehr altes Adelsgeschlecht. Bis ins 12. Jahrhundert, also über 800 Jahre, lässt es sich zurückverfolgen und beurkunden. Aber diese Adelsgeschlechter tauchten im Mittelalter nicht wie „Phönix aus der Asche“ auf. Sie hatten sich schon weit zurückliegend aus den germanischen Völkern hervorgetan. Diese Fürstengeschlechter hatten schon in frühen Zeiten Chronisten und Gelehrte in Ihren Diensten, die wissenschaftlich tätig waren und das Wissen rund um Ihre Geschichte bewahrten. Auch ist bekannt, dass die Vorfahren von F.L. Graf Stolberg über viele Generationen als Übersetzer griechischer und lateinischer Schriften, als Geschichtsforscher und als Staatsmänner tätig waren. Was wusste dieses alte Adelsgeschlecht über die Varusschlacht, über Römer und Cherusker, über Varus und Arminius, was wir heute nicht mehr wissen? Suchten doch die alten stolbergischen Chronisten vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert die Wurzeln des Geschlechts in der römischen Geschichte. Dieser Mythos ist aber leider urkundlich nicht zu belegen. Friedrich Leopold Graf zu Stolberg wurde 1750 geboren. Sein Bruder Christian 1748. Nachdem Ihr Vater Christian Günther Graf zu Stolberg 1765 verstorben war, kümmerte sich der Freund des Hauses Friedrich Gottlieb Klopstock als väterlicher Freund um die beiden Grafen. Sollte Klopstock, der bereits 1769 das erste Werk seiner Hermannstriologie „Hermanns Schlacht“ schrieb, Ideengeber für F.L. Stolberg und dessen Harzgedicht gewesen sein? Oder war gar Graf Stolberg der Initiator für Klopstocks Hermannswerke? Das Geschlecht Stolbergs ist aufs engste mit dem Harz verbunden und Klopstock stammt aus Quedlinburg.

 

Auszug aus: „Die Harz-Geschichte", Band 1, B.Sternal, L. Berg, S. 87 und 108 f.