Von dieser Zeit - etwa von 100 - 400 n. Chr.- haben wir wenig Kunde über Vorkommnisse und Entwicklungen in der Harzregion. Es gibt trotzdem einiges Interessantes zu berichten, was insbesondere die Gestaltung der Gesellschaft betrifft, denn die nahm insbesondere in dieser Epoche Gestalt an. Da waren zuerst die germanischen Völker in der Harzregion, wie Cherusker, Chatten, Langobarden usw., die in der Wissenschaft als Kulturverband des elbgermanischen Kulturkreises bezeichnet werden. Gern fast man die Elbgermanen auch unter der Stammesgruppe der Sueben (auch Sweben, Suewen) zusammen Dieser Kulturverband bildete Stämme heraus, die wichtiger Bestandteil für das politische Geschehen und das staatliche und gesellschaftliche Leben darstellten. Die Römer pflegten diese Stämme in ihren Aufzeichnungen vornehmlich „Civitas“ zu nennen. Der strukturelle Vergleich des Stammes mit dem eines heutigen Bundeslandes hat sicher einiges gemeinsam. Ein solcher Stamm waren die Cherusker. Das Stammesgebiet war wiederum in Gaue aufgeteilt. So hatten z.B. die Cherusker ihr Stammesgebiet in 4 bekannte Gaue mit Namen Flenithi, Astfala, Ambergo und Derlingo aufgeteilt. Die Gaue scheinen eine Verwaltungs-, Rechts und Thingfunktion, anlehnend an den heutiger Landkreise, ausgeübt zu haben. Die Grenzen der genannten Gaue hatten lange Zeit Bestand, zum Teil bis ins 9-10. Jahrhundert. Innerhalb der Gaue entwickelten sich Sippen, die man auch als Familienverbände bezeichnen könnte. Seit der Entstehung der Stämme und Gaue und der Festschreibung von Grenzen begannen sich auch die adeligen Sippen herauszubilden. Sippen können auch als Verwandtschaftsverband angesehen werden. Kurzum die Sippen gehörten zum Grundbestand des gesellschaftlichen Lebens und dessen Ordnung. Die kleinste gesellschaftliche Einheit bildete die Familie auf deren Bedeutung wohl nicht weiter eingegangen werden muss. Entscheidend in dieser Epoche der Gesellschaftsbildung für die vielen folgenden Jahrhunderte war die Herausbildung adliger Sippen. Stammes- und Gaufürsten wurden nicht von der Gemeinschaft gewählt, auch nicht der Stärkste oder Tapferste wurde zum „Anführer“. Diese Rang- und Besitzansprüche wurden vererbt.

 

Nachdem die Germanischen Völker, insbesondere die des Elbgermanischen Kulturkreises, die Römer zu Beginn des 1. Jahrhunderts endgültig besiegt hatten und ihnen im wahrsten Sinne des Wortes ihre „Grenzen“ aufgezeigt hatten, herrschte anscheinend Ruhe im freien Germanien und so auch in der Harzregion. Zahlreiche Funde von römischen Gebrauchsgegenständen, römischem Schmuck sowie römischen Münzen deuten darauf hin, dass man sich arrangiert hatte. Ob die Funde ausschließlich Handelsgut waren, wie die Mehrzahl der Historiker und Archäologen glauben, oder ob auch Römer im freien Germanien ständig anwesend waren, wird kaum zweifelsfrei zu belegen sein. Wie dem auch sei. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts war es mit der Ruhe im Norddeutschen Raum vorbei. Zwischen Ostsee und schwarzem Meer geraten die Völker in Bewegung. So auch die der Suebische Stammesgruppe. Die sogenannte erste germanische Völkerwanderung nimmt seinen Anfang. Die Gründe dafür sind nicht bekannt.

Die Geschichte hat aber gelehrt das Völkerwanderungen im Wesentlichen von zwei Faktoren beeinflusst wurden: - Armut durch Unterdrückung oder Armut und Hunger durch Missernten. Armut durch Unterdrückung kann für das freie Germanien ausgeschlossen werden. Bleibt Armut und Hunger durch Missernten. Und diese Situation ist fast immer auf Klimaveränderungen und lang anhaltenden Schlechtwetterperioden zurückzuführen. Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass nach dem Jahr 174 ein großer Suebenauszug begann, der das Land von der Havel bis zum Harz zum Teil entvölkerte. In die verlassenen und somit freien Gebiete wanderten z.B. die aus Schonen in Schweden stammenden Völker der Warnen und Heruler ein. Schonen ist ein Gebiet in Südschweden, dass schon 500 v. Chr. sehr dicht besiedelt war. Insbesondere in den nordöstlichen Harzregionen haben sie sich niedergelassen wie uns die Stammsilbe -leben in den späteren Ortgründungen wie Wegeleben, Harsleben, usw. verraten. Auch der Name der schon mehrfach genannten ehemaligen Siedlung bei Quedlinburg mit dem Namen Marsleben dürfte diesen Ursprungs sein. Auf jeden Fall drängten ab dieser Zeit germanische Völker nach Süden und andere nordische Völker nahmen ihren Platz ein und vermischten sich mit der verbliebenen Bevölkerung. Schriftliche Aufzeichnungen wurden von den damaligen germanischen Stämmen noch nicht gemacht.

 

Die übliche Tradition der Totenverbrennung erschwert den Fund deutbarer Hinterlassenschaften. Und auch die römischen Chronisten sahen scheinbar keinen Grund mehr über das freie Germanien zu berichten. Die mit der Wanderung der Teutonen und Kimbern ca. 1000 Jahre zuvor begonnene Suche nach neuem Lebensraum, erhielt einen neuen Aufschwung. Es folgte die „2. Germanische Völkerwanderung“ im 4. nachchristlichen Jahrhundert. Juten, Sachsen, Schwaben, Franken, Burgunder, und Thüringer waren die neuen germanischen Volksstämme, die sich auf der Suche nach neuen Lebensräumen erbitterte Kämpfe lieferten.

 

Auszug aus: „Die Harz-Geschichte", Band 1, B.Sternal, L. Berg, S.111f.