Modelle und viele Fragen

 

Zu den vielen Fragen, die durch die archäologische Auswertung der Funde am Harzhorn und Kahlberg aufgeworfen werden, zählt an vorderer Stelle die nach dem Zeitpunkt, an dem sich dieses Ereignis abgespielt hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit fällt des Harzhorn – Ereignis nach den archäologischen und naturwissenschaftlichen Datierungen in das Jahr 235 oder 236 n. Chr. und vor 244 n. Chr. Die beteiligten römischen Truppen befanden sich offenbar auf dem Rückweg von einer ausgedehnten Operation, die bis in die norddeutsche Tiefebene geführt hatte.

 

Sowohl die topographische Situation des Harzhornes als auch die Schießmuster im Passbereich belegen einen römischen Anmarsch von Norden. Als wahrscheinliche Jahreszeit ergibt sich daraus der Herbst, also die klassische Jahreszeit zur Beendigung eines Feldzuges und Rückkehr in die Winterquartiere. Das die römischen Bogenschützen ausgiebig von den feuchtigkeitsempfindlichen Kompositbögen Gebrauch machen konnten, dürfte ein Hinweis darauf sein, dass es am Tag des Gefechts selbst trocken war. Möglicherweise wurden den Maultieren die Hipposandalen nicht erst mit Blick auf den steilen Anstieg am Harzhorn untergebunden, sondern ihre Anbindung ist auch wegen der Feuchtigkeit des Bodens denkbar. Vielleicht hatte es an den Vortagen geregnet. Die römischen Truppen hatten offenbar ihr vorheriges Lager verlassen und waren auf dem Marsch zum nächsten, so dass die Kampfhandlungen wohl gegen Mittag einsetzten.

 

Als Befehlshaber einer professionellen Berufsarmee war den römischen Offizieren mit Sicherheit die Bedrohung in dem unübersichtlichen Gelände am Harzhorn und Kahlberg bewusst. Es ist wahrscheinlich, dass die exploratores (Aufklärer), über die die römische Armee verfügte, bereits einige Zeit vor erreichen des Passes Hinweise auf die germanische Präsenz registriert hatten. In diesem Fall dürften zwei Gründe dafür ausschlaggebend gewesen sein, dass der römische Marsch nach Süden in Richtung auf das Leinetal unverändert fortgeführt wurde: Zum einem hätte ein Ausweichen auf eine alternative Route einen Umweg erfordert, der zunächst bis in den Raum Hildesheim zurückgeführt hätte und durch den die Armee wahrscheinlich auf eine bereits beim Anmarsch genutzte Route geraten wäre, wo schon alle Nahrungsressourcen aufgebraucht waren. Zum anderen waren sich die römischen Offiziere wahrscheinlich ihrer militärischen und technischen Überlegenheit bewusst, so dass sie es nicht für zwingend notwendig hielten, einer möglichen Konfrontation aus dem Wege zu gehen.

 

Im Rahmen von Modellen können teilweise die erarbeiteten Situationen 1-8 in einen hypothetischen zeitlichen Ablauf eingebaut werden. Am unproblematischsten ist die Modellbildung für den Kahlberg, wo nur die beiden Situationen 5 und 6 miteinander in Verbindung gebracht werden müssen. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass die Trosskarren in der für sie ungünstigen Position an dem Steilhang oberhalb der Quelle Auslöser der folgenden Ereignisse gewesen sein müssen. Daraus ergibt sich die Abfolge von Situation 5 zu Situation 6.

 

Darauf aufbauend lässt sich ein Modell entwickeln, dass die beiden Situationen 5 und 6 miteinander verknüpft: Römische Trosskarren näherten sich vom Nordwesten dem Hang oberhalb der Quelle. Wahrscheinlich weil der Abstieg zu der Quelle mit Schwierigkeiten verbunden war, staute sich hier der Tross. Germanische Kämpfer nutzen die Chance und griffen vom unübersichtlichen Kahlberggelände aus an. Die im Umfeld der Wagen gefundenen Äxte und dolabrae dienten möglicherweise Trossknechten als Waffen. Die Schirrungsteile geben einen Hinweis darauf, dass Zugtiere getötet wurden. Wahrscheinlich erfolgten während des Angriffes schon erste Plünderungen. Sehr schnell erfolgte als Reaktion eine Attacke römischer Reiterei, die die Germanen zum Rückzug zwang. Die Verbreitung der dabei eingesetzten Wurfspeere erweckt den Eindruck, dass es sich um eine Einheit handelte, die bereits bei der Quelle angelangt war und mit Beginn des germanischen Angriffs umgekehrte. Das alles ereignete sich so schnell, dass keine Zeit blieb, römische Bogenschützen herbeizuholen. Nachfolgende römische Fußtruppen vertrieben die letzten Germanen weiträumig vom Osthang des Kahlberges. Danach rückten die Römer schnell nach Süden unter Zurücklassung vieler Ausrüstungsteile ab: Offenbar befürchteten sie weitere germanische Angriffe und wollten sich keinen unnötigen Gefährdungen aussetzen. Das Kahlberg- Ereignis stellt sich damit als ein spontaner Überfall von Germanen auf einen Teil des römischen Trosses dar, der im schwierigen Gelände besonders gefährdet war. Die römische Reaktion muss sehr schnell erfolgt sein und führte zur Vertreibung der Angreifer. Bei dieser Rekonstruktion muss allerdings berücksichtigt werden, dass möglicherweise nur der Teil eines größeren Ereignisses gefasst wurde – das aufgrund der Bodenverhältnisse und der damit verbundenen Erhaltungsbedingungen nur in der Fundkonzentration am Kahlberg überliefert ist. Schwieriger gestaltet sich die Modellbildung für das Harzhorn, wo sechs Situationen miteinander verknüpft werden müssen.

 

Das Harzhorn ist von den Germanen mit klarem Blick für die strategische Situation gewählt worden. Es bildet auf der am leichtesten begehbaren Terrasse zwischen norddeutscher Tiefebene und der hessischen Senke bzw. dem Oberrheingraben auf weiter Strecke sowohl nach Norden als auch nach Süden die engste Stelle. Auf maximal 200 m Breite schrumpft das begehbare Areal zwischen der nach Norden aufsteigenden Wand des Harzhornes im Westen und dem ausgedehnten Sumpf und aufragenden Bergen im Osten. Diese besondere Situation muss für die Germanen bei der Planung der Kämpfe eine entscheiden Rolle gespielt haben.

 

Der Angriff auf den römischen Heerzug erfolgte hier nicht an seiner Spitze, sondern nachdem ein größerer Teil einschließlich von Trosseinheiten passiert hat. Diese Kämpfe sind aufgrund der schlechten Erhaltungsbedingungen nur im westlichen Bereich archäologisch nachweisbar, so dass wir über die Ausdehnung nach Osten nur spekulieren können. Durch die Engstelle war der Weg des römischen Heerzuges vorhersehbar, so dass der Angriff der Germanen gut geplant werden konnte. Gezieltes Beutemachen, war möglich, der Rückzug über Wege im Sumpf gesichert.

 

Möglicherweise noch vor dem Angriff im Pass, wahrscheinlich aber zur gleichen Zeit wurde der Tross am Hauptkamm attackiert. Dabei kam den Angreifern zugute, das durch die Kämpfe am Pass der Zug unterbrochen wurde und das römische Militär gebunden war, so dass nicht befürchtet werden musste, dass von Osten nachrückende Truppen sofort und mit Wucht den Angriff zunichte machten. Die Trosskarren waren mit Sicherheit nicht isoliert unterwegs, sondern gehörten zu weiteren Verbänden, von denen einige den Hauptkamm bereits überquert hatten, während sich andere von Osten näherten. Es ist vorauszusetzen, dass weitere Auxiliareinheiten als Flankenschutz im Umkreis unterwegs waren. Der Angriff der Germanen am Hauptkamm erfolgte aus Westen und besonders am Fibelberg und hat offenbar die römischen Trossmannschaften unvorbereitet getroffen. Um den Tross entwickelte sich ein turbulentes Geschehen aus Einzelkämpfen und Plünderungen. Der Angriff beschränkte sich allerdings nicht aus den Hauptkamm, sondern Germanen griffen auch in die Kämpfe weiter im Osten ein – wenn die Interpretation von Situation 1 als plündern eines gefallenen Römers zutrifft, muss sie zu diesem Zeitpunkt erfolgt sein.

 

Zwischenzeitlich hatten die in die Kämpfe am Pass verwickelten römischen Einheiten den Überfall auf die vor ihnen marschierenden Truppen registriert und entsandten schnelle Auxiliareinheiten nach Westen, um über die Erosionsrinnen den Kamm zu ersteigen und den Tross Entlastung zu bringen. Im Passbereich hatten die Römer sich formiert und trieben die germanischen Angreifer mit gezieltem Einsatz von Torsionsgeschützen und durch Bogenschützeneinheiten zurück.

 

Während die Römer jetzt ihrerseits vom Pass zum Hauptkamm vorrückten, hatten die nach Westen ausgeschickten Auxiliare die Erosionsrinnen erreicht, über die sie auf die dem Hauptkamm vorgelagerten Plateaus gelangten. Dort konnte im Schutz der Bogenschützen die Infanterie ihre Kampfreihen formieren und die Torsionsgeschütze aufstellen. Während die römischen Truppen von Osten und Norden angriffen, setzten sich die Germanen nach Westen in Richtung Äbtissinnenberg/Kühler ab, wobei Teile der Beute wieder verloren gingen. Bei einen von mehreren mitgeführten erbeuteten römischen Karren gingen die Zugtiere durch, er stürzte den Steilhang hinab. Danach löste sich das Kampfgeschehen schnell auf.

 

Die Modelle zeigen, dass es sich bei den Kämpfen am Kahlberg und Harzhorn und möglichen weiteren heute nicht mehr nachweisbaren Aktionen im Gebiet dazwischen nicht um eine klassische Feldschlacht im offenen Gelände handelte, sondern um eine Serie von Gefechten, die durch Überfälle auf römische Trosseinheiten ausgelöst wurden. Weder Harzhorn noch Kahlberg sind Plätze, die ein römischer Befehlshaber für eine Schlacht auswählen würde, sie sind aber geeignete Orte für unerwartete Überfälle durch einen hochmobilen Angreifer. Unter diesen Gesichtspunkten ist auch die immer wieder gestellte Frage nach den Siegern der Kämpfe zu beantworten: Um den Sieger zu benennen, muss man die Kriegsziele der Beteiligten kennen. Bei den Römern dürfte das die Rückkehr in die Winterquartiere gewesen sein. Das Kampfziel der Germanen bestand offenbar nicht darin, den Römern den Weg zu versperren und sie in ein größeres Gefecht zu verwickeln, sondern darin, im Rahmen einer Hit-and-run-Taktik den Tross zu attackieren, den Gegner zu schwächen, möglichst viel Beute zu machen und sich vor dem Eintreffen kampfkräftiger römischer Einheiten schnell zurückzuziehen.

 

Eine weitere häufig gestellte Frage ist die nach der Größe der beteiligten Verbände. Dazu wäre es von ausschlaggebender Bedeutung, zu wissen, ob neben den Gefechten am Kahlberg und am Harzhorn weitere Angriffe erfolgten. Da es ausgesprochen unwahrscheinlich ist, dass nur in den Bereichen gekämpft wurde, in denen sich die Überreste der Schlacht auch 1800 Jahre später noch erhalten konnten, muss letztendlich von einem größeren Kampfgeschehen ausgegangen werden. Unklar ist auch, ob die Angriffe gleichzeitig erfolgten, was einen Hinweis auf eine große Menge Beteiligter abgeben würde, oder ob sich dahinter eine zeitliche Abfolge verbirgt, so dass mehrere Male dieselben Gegner aufeinander getroffen wären. Es gibt bisher keine einzige archäologische Beobachtung, die eine Aussage hierzu zulassen würde. Erfolgten die Angriffe am Harzhorn und am Kahlberg simultan, würde das für einen römischen Heerzug von beeindruckender Länge sprechen. Ansonsten lässt sich die Größe der beteiligten römischen Truppen abschätzen und anhand der beteiligten Einheiten und der Minimalgröße, in der diese operieren konnten. Als Minimalgröße ergibt sich eine Zahl von 2000 Kämpfern, was zwei Vexillationen entsprechen würde.

 

Die Maximalgröße eines derartigen Heeres dürfte im Bereich zwischen 8000 und 10000 Mann anzusiedeln sein, weil darüber hinaus deren Versorgung im armen Germanien ein ernsthaftes Problem darstellen würde. Die Angabe der Bonner legio I Minervia auf ihrem Siegesdenkmal in Bonn- Beuel aus dem Herbst 231 n. Chr., dass sie zusammen mit ihren Auxilien eine militärische Operation – vermutlich in das Innere Germaniens – durchgeführt hatte, wirft ein interessantes Schlaglicht auf die Größe derartiger Verbände. Es dürfte sich dabei um ca. 5000 bis 6000 Kämpfer gehandelt haben. Allerdings wissen wir nicht, ob eine größere Armee bei einer derartigen expeditio Gemanica nicht auch in mehreren Marschsäulen operierte, so wie bei dem Feldzug des Severus Alexander gegen die Sassaniden 232/233 n. Chr., wo dieses aufgrund von Kommunikationsproblemen zwischen den beteiligten römischen Einheiten zu einer Katastrophe geführte hatte. Es ist also gut möglich, das an Kahlberg und Harzhorn die Germanen – und 1800 Jahre nach ihnen die Archäologen (!) – nur mit einer Marschsäule einer viel größeren römischen Armee konfrontiert waren.

 

Wie lang war ein solcher Heerzug? Gehen wir von 6000 Mann und für germanische Wege eher großzügigen Annahme aus, dass vier Soldaten nebeneinander marschieren konnten, dann ist allein die Marschsäule bei einer Beinfreiheit von 2 m zwischen den Soldaten 3 km lang. Die Länge erhöht sich nochmals wesentlich durch den mitgeführten Tross, erbeutete Tiere und möglicherweise auch Gefangene, so dass von etwa 5 km ausgegangen werden kann. Wenn die letzten Truppen die Engstelle am Harzhorn passierten, war das erste Drittel des Zuges bereits am Kahlberg vorbeimarschiert. Auch wenn das römische Aufgebot wesentlich geringer gewesen sein sollte, wird doch deutlich, wie „raumgreifend“ das römische Heer gewesen war.

 

Noch weniger lässt sich die Größe der germanischen Verbände abschätzen, die im Bereich vom Harzhorn und Kahlberg den Römern gegenüberstanden. Aufgrund der Kampfweise und Kriegsführung, wie sie hier angenommen wird, ist nicht vorauszusetzen, dass sie von der Größe her den Römern ebenbürtig waren. Vielmehr wäre das aus Gründen der Beweglichkeit sogar hinderlich gewesen. Um effektive Angriffe auf marschierende römische Verbände durchzuführen, waren vergleichsweise kleine, aber hochmotivierte und aggressiv operierende Gruppen am geeignetsten.

 

Ein letzter Aspekt soll abschließend angesprochen werden. Im Zusammenhang mit der Entdeckung der Harzhornfunde in den Medien sehr schnell die Rede von „die Geschichte umschreiben“ und „historischem Ereignis“ gewesen. Beides ist natürlich in der Form, wie es in die Öffentlichkeit transportiert wurde, weit übertrieben. Zum einem schreibt zwangsläufig jede Generation die Geschichte neu, und das auch ohne spannende archäologische Neufunde. Zum anderen hat der Ausgang der Gefechte mit Sicherheit keinerlei Auswirkungen auf den Ablauf der germanischen und der römischen Geschichte in der Mitte des 3. Jh. n. Chr. besessen. Das unterscheidet Harzhorn und Kahlberg von einem historischen Ereignis wie Kalkriese/Varusschlacht, durch das der weitere Ablauf der römisch – germanischen Geschichte in neue Bahnen gelenkt wurde.

 

Es gibt aber noch einen zweiten Typ des historischen Ereignisses das „erklärende Ereignis“. Gemeint sind ereignisgeschichtliche Momente, die in besonderer Weise und Anschaulichkeit exemplarisch für eine bestimmte Entwicklung stehen. Und hier lassen sich ohne Zweifel Harzhorn und Kahlberg einreihen: Nirgendwo ist mit archäologischen Methoden die Dramatik der römisch - germanischen Auseinandersetzungen zwischen 16 n. Chr. und dem Beginn der Völkerwanderung 375 n. Chr. in derartiger Anschaulichkeit und Detailliertheit nachvollziehbar. Ein Zitat des berühmten französischen Historikers Ferdinand Braudel wirkt, als sei es direkt auf das Harzhorn bezogen:

 

„Ereignisse sind Staubkörnchen: Sie blitzen kurz im Lichtstrahl der Geschichte auf und fallen alsbald dem Dunkeln und häufiger der Vergessenheit anheim. Jedes Ereignis aber, so kurzlebig es sein mag, erhellt ein Stückchen der Geschichtslandschaft und bisweilen auch ein großes Panorama.“

 

Auszug aus: Roms vergessener Feldzug-Die Schlacht am Harzhorn, S.342 ff, WBG Verlag, 2013

 

Modellreihe 1-8, Harzhornereignis:

Modell 1- Tod und Plünderung (Hotspot 1)

Modell 2- Abgestürzt. Der Verlust eines römischen Karrens (Hotspot 5)

Modell 3-Die Spur der Sandalennägel (Hotspots 3, 4, 6)

Modell 4- Die Kämpfe im Passbereich (Hotspot 1, Sektor 9/10)

Modell 5+6- Die Kämpfe am Kahlberg

Modell 7+8- Im Zentrum der Kämpfe (Hauptkamm, Fibelberg, Münzsteinbruch, Hotspot 1)

 

Auszug aus: Roms vergessener Feldzug, Die Schlacht am Harzhorn, Modellreihe 1-8, S. 310 ff.