Die Eisenzeit im Harz

 

Die Eisenzeit in Deutschland ist in zwei Zeitabschnitte einzuteilen: die frühe Eisenzeit, etwa 800 bis 500 vor Chr. und die entwickelte Eisenzeit um etwa 500 vor Chr. bis zur Zeitenwende.


In dieser Zeit hielt der Temperaturrückgang weiter an. Die fortschreitende Klimaverschlechterung, verbunden mit vielen Niederschlägen, förderte eine weitere Entwicklung des Waldes. Das hatte zur Folge, dass sich auch Waldpflanzen und Waldtiere weiter ausbreiten konnten. Auch fand eine stetige Entwicklung der einheimischen germanischen Kultur statt.


Ackerbau und Viehzucht waren weiterhin die Kulturgrundlagen. Zu den bisher angebauten Getreidearten kam der Roggen hinzu. Der Hakenpflug wurde zum Räderpflug weiterentwickelt.


Der bedeutende Kulturfortschritt war die Gewinnung und Verarbeitung des Eisens. Es wurden Verarbeitungstechnologien wie Schmieden, Gießen und Härten entwickelt. Bronze wurde mit Silber und Gold zum Schmuckmetall.


In unserer Harzregion saß in der frühen Eisenzeit noch die Bevölkerung aus der Bronzezeit, die sich aber durch stetiges Ein- und Auswandern verschiedenster Völker zunehmend durchmischte und deren Kulturentwicklung stetig fortschreitend und immer stärker durch das Metall beeinflusst wurde. War anfangs das Eisen noch selten und wurde daher hauptsächlich als Schmuckmetall genutzt, so wurde es nach der Entdeckung und Verarbeitung des einheimischen Raseneisenerzes unserer sumpfigen Niederungen und anderer heimischer Erzvorkommen wie zum Beispiel am Iberg bei Bad Grund nach und nach zum Werkmetall.


Eisen hat zwar eine erheblich höhere Schmelztemperatur gegenüber Kupfer, ist aber wesentlich leichter zu schmelzen und zu schmieden, denn Kupfer muss erst noch zu Bronze legiert werden. Auch hat Eisen erheblich bessere Gebrauchseigenschaften bei Waffen und Arbeitsgeräten und was neu war, war teuer und wertvoll. Also mussten neue technologische Verfahren erdacht werden, um Eisen in größeren Mengen herstellen zu können. Es wurden aus Lehm und Weidengeflecht Öfen gebaut, die zum Schmelzen der „Luppe“ geeignet waren. Diese Öfen werden als Rennöfen bezeichnet.


Die gewonnene Luppe wurde dann in weiteren Arbeitsgängen gereinigt und so zu schmiedbarem Eisen. Der Eisenanteil dieses „Ureisens“ war extrem hoch. Fast reines Eisen, was eine Korrosion beziehungsweise Oxidation der Eisenprodukte weitestgehend verhinderte. Es ist zu einem großen Teil diesem Umstand zu verdanken sowie den entsprechenden Bodenverhältnissen, dass uns bis heute gut erhaltene Eisenartefakte erhalten geblieben sind. Die Qualität des Eisens, insbesondere seine Korrosionsbeständigkeit und die seiner Produkte nahm über die Jahrhunderte mit steigendem Bedarf ständig ab, bis zur Erfindung des nicht rostenden Stahls.


Dies ist auch die Ursache dafür, dass viele germanische sowie römische Funde nicht als solche erkannt werden, sie sehen einfach noch zu frisch aus und ihre Form unterscheidet sich nicht von spätantiken Artefakten.


Kulturgeschichtlich wird die frühe Eisenzeit in unserer Region insbesondere durch Ihre Totenbestattung und Totenehrung geprägt. Die Totenverbrennung und die Bestattung der Asche in Urnen wurden, wie schon beschrieben, wahrscheinlich durch die Schnurkeramiker in Norddeutschland verbreitet. Vielfältig und zum Teil gut erhalten sind die Funde an Grabgefäßen aus dieser Epoche in der Harzregion. Prägnant sind dabei die so genannten Haus- und Gesichtsurnen. Vielfach zeigen uns die Hausurnen eine Abbildung der damaligen Behausungen, wie wir sie zum Beispiel auch von den Etruskern kennen. Schon in früheren Zeiten hatte man versucht, die Ruhestätte der Toten den Wohnungen der Lebenden nachzuempfinden. Dazu hatte man über den Toten richtige Dächer aus Eichenholz errichtet, über die man dann den Grabhügel aufschüttete. Dieser Gedanke, den Toten eine Behausung zu geben, wirkte somit auch fort, als man die Toten verbrannte. Die Asche brauchte nicht viel Raum, und in Ton ließen sich die Behausungen leicht nachbilden.


Als runde Hütten mit Kuppeldach, die viele Hausurnen zeigen, haben noch 600 Jahre später die Römer die Behausungen der Germanen dargestellt. Unter Fachleuten wird neuerdings auch die Meinung vertreten, dass die Hausurnen nicht Nachbildungen von Wohnhäusern sondern solche von Speichern sind. Wie dem auch sei, auf jeden Fall sind es Nachbildungen von Baulichkeiten unserer Vorfahren. Den Gesichtsurnen dagegen wird eine Dämonenabwehr zugeschrieben, indem man stilisierte Gesichtsabbildungen auf den Totengefäßen anbrachte.

Moderne Feuerbestattung setzt eine religiöse Weltanschauung voraus, wie sie unsere eisenzeitliche Bevölkerung nicht hatte. Es ist anzunehmen, dass der Urglauben an Licht und Sonne in der religionsgeschichtlichen Entwicklung der nordischen Völker zu suchen ist. Denn ein solcher Glaube kann nur dort entstehen und sich entwickeln, wo Licht und Sonne entscheidende Auswirkungen auf das Leben der Völker ausübten. Also in nordischen Gefilden, mit ihrem Tag- und Nachthalbjahr.

 

Auszug aus Harz Geschichte, S. 80ff, B. Sternal, 2011