Die Steinzeit in der Harzregion

 

Als Steinzeit wird ein Zeitabschnitt der Menschheitsgeschichte bezeichnet, von dem man annimmt, dass der Mensch als Werkstoff für Werkzeuge vorrangig Stein verwendet hat. Die Steinzeit ist somit die älteste und mit großem Abstand längste Epoche der Menschheitsgeschichte und begann vermutlich vor etwa 2,6 Millionen Jahren und endete mit Beginn der Bronzezeit. Die Steinzeit wird in die drei Abschnitte Alt-, Mittel- und Jungsteinzeit untergliedert.

 

Die ältere Steinzeit oder Altsteinzeit, fachlich als Paläolithikum bezeichnet, benennt für Mitteleuropa die Epoche des steinzeitlichen Jägers. Die ältesten Spuren menschlichen Lebens im Umland des Harzes wurden in der Steinrinne bei Bilzingsleben nahe Artern gefunden. Seit dem Jahr 1974 wurde dort gegraben. Es handelt sich um eine der reichhaltigsten und besterhaltenen Freilandfundstätten des Altpaläolithikums in Europa. Unter den Kulturresten wurden Schädelteile und Backenzähne von Urmenschen gefunden, die dem Homo erectus (Frühmensch mit kleinerem Gehirn und stärkerem Gebiss) zugeordnet wurden. Das Alter des Fundhorizontes wird derzeit mit zirka 370.000 Jahren angegeben. Unzählige weitere Artefakte wie Werkzeuge aus Stein, Knochen, Geweihe, Holz und Elfenbein wurden dort ausgegraben und der älteste Nachweis der Feuernutzung in Deutschland erbracht. Seit dem Jahr 2003 sind die archäologischen Grabungen beendet und die spektakuläre Hauptfundfläche, sowie zahlreiche Funde, wurden mit einer Halle überbaut, die heute als Museum dient. Nicht viel jünger aber genau so bedeutend sind die im Nordharzer Vorland gefundenen Schöninger Speere. Diese insgesamt acht hölzernen Wurfspieße wurden zwischen den Jahren 1995 und 1998 in einem Braunkohlentagebau bei Schöningen gefunden. Ihr Alter wird auf etwa 270.000 bis 400.000 Jahre geschätzt. Die Schöninger Speere gelten als die ältesten, vollständig erhaltenen Jagdwaffen von Angehörigen der Gattung Mensch (Homo). Auch an diesem Fundort, der als Jagdlager angesehen wird, wurden unzählige weitere Artefakte gefunden und wird ein öffentlich zugängliches Forschungszentrum gebaut.

 

Ein weiterer bedeutender Fundplatz menschlichen Lebens ist dem Mittelpaläolithikum zu zuordnen und liegt bei Salzgitter-Lebenstedt. Der Fundhorizont wird einer Zeitspanne vor 50.000 bis 100.000 Jahren zugeordnet. Besonders günstige Umstände machten es möglich, dort 1952 und 1977 in 4 bis 6 Metern Tiefe eine 1 Meter starke Kulturschicht zu untersuchen, die einen altsteinzeitlichen Lagerplatz widerspiegelt. Viele Feuersteinabschläge zeigen, dass die Werkzeuge an Ort und Stelle gefertigt wurden. Auch wurden reichlich Tierknochen gefunden, die uns über das vielfältige Jagdprogramm dieser Zeit informieren.


Auf dem damaligen Speiseplan stand demnach das Ren an erster Stelle, unmittelbar gefolgt vom Mammut. Darüber hinaus fanden sich Reste von Wisenten, Wildpferden, Wollhaarnashörnern und verschiedenen Vogel- und Fischarten. Auch eine Reihe von Tierknochen- und Geweihgeräten, so zum Beispiel angespitzte Mammutrippen, die zum Ausgraben von Wurzeln benutzt worden sein könnten, wurden geborgen. Durch die Funde lassen sich auch Erkenntnisse auf die damalige Vegetation gewinnen. Es herrschte eine grasreiche Froststeppe vor, in der nur wenige Bäume wuchsen. Also alles in Allem eine feindliche Umwelt, die ihren Bewohnern viel abverlangte. Auch in Königsaue bei Aschersleben konnte ein Nachweis steinzeitlichen Lebens erbracht werden. In einem Tagebau wurden im Jahr 1963 an drei Stellen zusammen mehrere tausend Artefakte geborgen, vorwiegend Steinwaffen und -werkzeuge, aber auch Reste der Jagdbeute. Das Alter der Funde wurde auf 57.800 Jahre datiert.


Im Südharz bei Scharzfeld befindet sich die „Einhornhöhle“, eines der größten Höhlensysteme des Harzes. Jahrhunderte lang wurde sie von Knochensammlern heimgesucht. Bereits im Jahr 1583 wurde über das Graben nach „Einhörnern“ berichtet, was für damalige Verhältnisse anscheinend eine lukrative Einnahmequelle war. Denn es war eine ergiebige Fundstelle und „Einhörner“ waren als Medizin und Heilmittel gefragt. Bereits im 17. Jahrhundert wurde aber erkannt, dass es sich bei den Knochen um fossile Reste von Höhlenbären handelte. Die sagenumwobenen Einhörner hat es leibhaftig nie gegeben, dem Fabeltier verdankt die Höhle aber ihren Namen. Die Höhle wurde in vergangenen Jahrhunderten auch von namhaften Forschern und Naturwissenschaftlern wie Leibniz, Goethe und Virchow untersucht. Die Forschungen hatten vor allem ein Ziel, die Existenz des Urmenschen nachzuweisen. Dies gelang auch, aber erst im Jahr 1985 mit den Funden altsteinzeitlicher Werkzeuge. Die folgenden Ausgrabungen bis zum Jahr 1985 erbrachten den Nachweis, dass die Höhle vor über 100.000 Jahren über längere Zeiten von Neandertalern genutzt und besiedelt war.


Eine Besonderheit dieser Region stellen die häufiger gefundenen Quarzit-Geräte dar, die zum Beispiel entlang der Teufelsmauer im Landkreis Quedlinburg gefunden wurden; denn üblicherweise produzierte der Mensch zu jener Zeit seine Werkzeuge aus Feuerstein. Diese Funde werden in die Magdalénien-Zeit (benannt nach dem französischen Fundort La Madaleine in der Dorgogne) eingeordnet, was der Zeit um 10.000 bis 8.000 vor Christus entspricht. Auch aus dieser Zeit stammen die Reste von 2 bis 3 Zelten sowie Feuersteinartefakte, die in den Jahren 1955 und 1956 bei Bad Frankenhausen gefunden wurden. Die derzeit bewiesene, längste und ununterbrochene Besiedlung der Harzregion, die mir bekannt ist, kann wahrscheinlich auf dem Schlossberg in Quedlinburg verortet werden. Die ältesten Spuren menschlicher Besiedlung stammen dort aus der Endsteinzeit und lassen sich bis heute fortführen, also über etwa 10.000 Jahre. Artefakte aller prägenden Kulturen der Steinzeit über die Metallzeit, bis ins späte Mittelalter, lassen sich dort nachweisen. Dass auch Menschen zu dieser Zeit schon im Oberharz gelebt haben oder sich aber zumindest zeitweise dort aufgehalten haben, bezeugen die Funde aus der Baumannshöhle bei Rübeland.


Auch um den Wurmberg bei Braunlage rankt sich der Mythos einer frühgeschichtlichen Kultstätte. Dieser Mythos ist seit dem Jahr 2000 endgültig zerstört. Nach über zweijähriger archäologischer Grabung verkündete Dr. Michael Geschwinde seine Forschungsergebnisse. Von der Heidnischen Kultanlage bis zum römischen Tempel reichten die Spekulationen. In Wahrheit diente das Steinfundament auf dem Plateau einem Turm, der als topografischer Messpunkt um 1820 angelegt wurde. Im Jahr 1930 wurde dieser abgerissen. Wieder gefundene alte Fotos belegen dies eindeutig. Auch der Steinweg ist nicht älter als 200 Jahre wie ein unter den Steinplatten gefundener Hosenknopf von 1800 belegt. Nicht einmal die Hexentreppe ist mystisch, wie Geologen herausfanden. Sie ist natürlichen Ursprungs, durch Erosion entstanden und wohl durch den Menschen später ausgebaut.


Auszug aus Die Harz Geschichte Band 1, S. 45ff, B. Sternal, 2011