Römer - und Germanen
Römer - und Germanen

Ariovist[1] wurde als Germane neuen Typs behandelt, ausgestattet mit Persönlichkeit, Tugenden, Mut, Disziplin, Kalkül und Denken. Ca. ein Jahrhundert vor Christus war er anfänglich Heerführer der Triboker, welche eine Ansammlung von Stämmen während ihrer Beutezüge waren. Ca. 70 vor Christus gab es einen Hilferuf der Sequaner an Ariovist, da sie mit ihren Erzfeinden den Häduern im erbitterten Streit über Zölle an der Saône standen. Die Häduer waren Römerfreunde. Ariovist zog mit circa 15000 Mann über den Rhein und verhalf den Sequanern zu ihrem Recht. Es kam zu einem jahrelangen Kleinkrieg und zu einer Entscheidung bei „Admagetobriga“ oder „Magetobriga“ 61 vor Christus mit den Häduern. Ariovist verschanzte sich aufgrund seines Kalküls und strategischen Genies im Lager über Wochen, bis die Häduer, insbesondere aufgrund von Nahrungsmangel, gefrustet waren. Durch einen tollkühnen Vorstoß Ariovists kam es zu einer vernichtenden Niederlage der Häduer. In ihrem Friedensvertrag diktierten die Sequaner, dass alle Häduer die Römer nie mehr um Hilfe bitten durften und Tribute an Ariovist zu zahlen hatten. Die Sequaner erhofften sich den Rückzug Ariovists über den Rhein, doch den Germanen gefiel es bei den Kelten, Ariovist wollte Land. Es erfolgten Landnahmen bei Straßburg, Speyer und Worms, die Neuansiedlung der Germanen nahm Überhand. Circa 120.000 Mann siedelten sich in den Gebieten neu an. Daraus folgten neue Landforderungen, bald beherrschte Ariovist ganz Ostgallien. Ein germanisches Fürstentum auf gallischen Boden war gegründet, heute ist es französisch. Ariovist heiratete die Schwester des Königs von Noricum, heutiges Salzburg, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten. Vorerst unterhielten sie freundliche Beziehung zu Rom, Ariovist erhielt den Ehrentitel Rex, ein mit Rom befreundeter Herrscher.

 

Zu dieser Zeit war Gaius Julius Cäsar[2] Statthalter der römischen Provinz Gallia. Er trieb derzeit die Helvetier zurück und wollte nun ganz Gallien für Rom, für sich selbst Ruhm und Macht. Nur Ariovist stand diesem Vorhaben im Weg. Er forderte Ariovist auf, alle Geiseln der Häduer freizulassen, keine Truppen mehr über den Rhein zu setzen und seine Angriffshaltung zu unterlassen, sonst würde er gegen ihn marschieren! Dieses Ansinnen lehnte Ariovist ab; Cäsar solle doch kommen! Cäsar ließ ein gallisches Konzil halten und malte ein fürchterliches Bild der Germanen, barbarisch, jähzornig und eine gewaltige Gefahr! Cäsar brach in Richtung Versontio (heutiges Besançon) auf, die damalige Hauptstadt der Sequaner. Die strategisch äußerst wichtige Stadt wurde erobert. Doch die „Germanenangst bis hin zu Meutereien“ unter den Römern blieb. Cäsar verbrauchte circa 6 Legionen (36.000 Mann). Er hielt eine glorreiche Rede an seine Truppen mit anschließenden Tages- und Nachtmärschen in die elsässische Ebene, ca. 36 km von Ariovist entfernt. Hier befahl Cäsar die Verschanzung im Nachtlager, 660 m Seitenlänge, mit Lanzen abgesichert und Gräben ringsherum. Eine Gesandtschaft von Ariovist zur Unterredung auf einem Hügel und je 10 Mann zu Pferd wurde daraufhin geschickt. Caesar hielt Ariovist die Wohltaten Roms vor wie den Titel rex und amicus, die Geschenke und Ehrungen. Die Häduer waren Thema als Beweis, dass Rom niemals Bundesgenossen im Stich lies, er wiederholte seine Forderungen nach Rückgabe der Geiseln und nach Einstellung der Feinseligkeiten sowie einen Abbruch der Invasion.

 

Ariovist argumentierte mit entwaffnender Logik und polemischer Stärke, dass die „Freundschaft Roms mir zur Ehre und Sicherheit dienten, nicht aber zum Schaden“. Die Überführung der Germanen über den Rhein war zum Schutz und zur Sicherheit, nicht als Angriff auf Gallier zu sehen. Er, Ariovist, kam auf Bitten der Gallier, nicht zum Erobern, der Krieg mit den Häduern sei ein reiner Verteidigungskrieg gewesen. Ariovist entlarvt Caesars Häduern Vorwand und empfiehlt dessen Rückzug und bietet dann anschließende ewige Freundschaft bis hin an Roms Seite zu kämpfen.

 

Caesar lehnt den Vorschlag ab, auch weil Boten mit der Nachricht von ersten Scharmützeln germanischer Reitereskorten berichteten. Das kann als glaubhaft gesehen werden, da germanische Truppenführer ihre Einheiten selten in Schach halten konnten. Ariovist zog sich in seine Wagenburg zurück, entsandte aber weiterhin Unterhändler, um Zeit zu gewinnen. Er wusste auch, dass weitere germanische Verstärkungen im Anmarsch waren; bis dahin versuchte Ariovist und seine Führer die Verbände vom Abwarten zu überzeugen. An dieser Stelle sollte man bedenken, dass germanische Heeresführer oder Könige keine uneingeschränkte oder willkürliche Befehlsgewalt hatten. Nur, wenn sie rasch und hervorragend selbst in vorderster Linie kämpften, erweckten sie Bewunderung und damit Gehorsam! Militärische Disziplin erwirkte einen außergewöhnlichen Ehrenkodex. Nachlässigkeit oder Feigheit schlossen automatisch aus der Gemeinschaft aus, allein der Verlust des Schildes machte einen Mann ehrlos (keine Thingbeteiligung mehr), oft beendeten dann viele selbst ihr Leben und erhängten sich.

 

Vor der Schlacht erfolgte seitens Ariovists ein blitzschnelles taktisches Manöver. Unter raffinierter Ausnutzung des Geländes waren die Germanen dicht an den Römern vorbei gezogen und hatten sich ihnen in den Rücken gesetzt. Somit waren die Römer von ihrem Nachschub aus der Etappe abgeschnitten. Dieses Umgehungsmanöver ist bis heute bei den Militärs berühmt. Ariovists Plan war aufgegangen und Caesar war nun gezwungen zu handeln. Caesar ließ Truppen vor der Burg aufmarschieren, doch ohne Erfolg. Ariovist wartete nur auf einen Rückzug der Römer, um sie samt Tross zu überfallen. Er schickte Doppelkämpfer (einen Reiter und einen zusätzlichen Kämpfer auf gleichem Pferd) zur Demoralisierung mit täglichen Scharmützeln und hohen römischen Verlusten.

 

Caesars Plan war genial. Mit seiner Hauptstreitmacht verließ er das Hauptlager, um circa 600 Schritte hinter der germanischen Wagenburg ein 2. Lager zu errichten, für 2 Legionen. Somit konnten die Römer zwischen 2 Lagern wechseln und er hatte Ariovist an 2 Seiten flankiert und zusätzlich neue Nachschubwege eröffnet. Ariovist reagierte indem er seine Truppen im Morgengrauen aus Streben, Haruden, Markomannen, Tribokern, Wangionen, Nemetern, Sedusiern in Schlachtordnung antreten ließ. Die Schlachtfeldordnung war eine reine Angriffsformation mit rammstoßartiger Offensive, die keine Defensive vorsah. Flächenschilder in Angriffskeilen (Keil- oder Eberkopf) an der Spitze, die bestbewaffneten Leute (Edle, Besitzende) dahinter. 58 vor Christus kam es zu einem sehr heftigen Zusammenprall der beiden Heere, ohne Speersalven, mit sofortigem Nahkampf. Die meisten Keile (Eberkopf) blieben stecken und das Gros der Krieger quoll zur Phalanx an, Kampf Mann gegen Mann, Caesars Garde (X. Legion) drückte den linken Flügel der Germanen zurück, an der rechten Seite, war es aber umgekehrt, die Streben steigerten sich in berserkerhafte Wut, in einen extatischen Kampfrausch. Caesars Glück im Unglück war ein junger unbekannter römischer Reiterführer, Publius Licinius Crassus. Ohne dazu Befehl bekommen zu haben schritt er ein und stützte den bedrohten Flügel Caesars; dies war somit schlachtentscheidend. So bravourös die Germanen ihre Angriffe vortrugen, so hilflos waren sie in der Defensive (keine Auffangstellungen oder strategische Reserven oder geordnete Rückzüge). Die Germanen flüchteten kopflos, zäh verfolgt von römischen Reitern, die sie an den Ufern des Rheins stellten und ins Wasser trieben.Antike Autoren sprechen von 80.000 gefallenen Germanen, was aber meist übertrieben von den Römern war. Sorgfältige Berechnungen anhand von germanischen Siedlern in Beziehung zu den Wehrfähigen ergab, das Ariovist über 12.000 Doppelkämpfer und 16.000 Fußsoldaten verfügte, das heißt, dass er den 6 Legionen (1 Legion = 6000 Mann) weit unterlegen war!

 

Zwei Jahre später setzten Usipeter und Tenkterer über den Rhein (circa 300.000 Mann samt Tross) und baten um Land und Frieden, sie selbst wurden verfolgt von den Streben rechts seitig des Rheins. Caesar rückte mit 8 Legionen und 5000 gallischen Reitern an.

 

Rheinbrücke Caesars
Rheinbrücke Caesars

Er forderte sie zum Verlassen dieser Rheinseite auf und verlangte, dass sie sich rechtsseitig bei den Ubiern (späteren Kölnern) Land zu suchen. Die Gesandten der Germanen erbaten drei Tage Bedenkzeit. Als 800 germanische Reiter (Rest der Hauptstreitmacht) auf die 5000 gallischen Reiter trafen, griffen die Germanen ohne Angriffsbefehl an und vertrieben die Gallier. Ab diesem Zeitpunkt war Caesars Argwohn bestätigt. Gesandtschaften aus Fürsten und Adligen der Usipeter und Tenkterer, die sich für den Zwischenfall entschuldigen wollten, ließ Caesar in Ketten legen und entschied sich für einen sofortigen Angriff. Es folgte eine erbarmungslose Menschenjagd, da Usipeter und Tenkterer kopflos und panisch waren. Cäsar ließ alle Krieger töten und alle Frauen und Kinder niedermetzeln, Fliehende wurden im Fluss ertränkt. Caesar verteidigte sich in außergewöhnlicher Art und Weise in seinen Kommentaren zum gallischen Krieg, wie hinterlistig und betrügerisch die Barbaren einschließlich ihrer Gesandten doch seien und dass er nicht anders hätte handeln können. Allerdings verschaffte die Vernichtung der Usipeter und Tenkterer Rom nur eine Atempause, mehr nicht. Es folgten fast monatlich Rheinübertretungen germanischer Stammesverbände, um zu plündern und zu rauben, sowie um gallische Aufstände zu unterstützen. Zur beispiellosen Demonstration römischer Macht erließ Caesar[3] den Befehl zum Brückenschlag über den Rhein. In nur 10 Tagen wurde eine Brücke über den Rhein gebaut, die fast 100 m lang und 12 m breit war. 18 Tage blieb Caesar rechtsseitig des Rheins und brandschatzte Dörfer und Felder, doch die ins Landesinnere geflohenen Germanen zu verfolgen, wagte er nicht[4].

 

 



[1] Die ersten Deutschen, S. Fischer- Fabian, S.108ff..

[2] Die ersten Deutschen, S. Fischer- Fabian, S.111ff..

[3] Die ersten Deutschen, S. Fischer- Fabian, S.135f..

[4] Die ersten Deutschen, S. Fischer- Fabian, S.136ff..