Entwicklung

 

1. Jahrhundert

 

Roms ökonomisches Modell war die stetige Ausbreitung seines Machtbereichs. Die auswärtigen Eroberungen hatten sich für die Kriegsherren der späten Republik als probates Mittel erwiesen, durch Ausplünderung der besetzten Gebiete große Vermögen zusammenzuraffen und dadurch in höchste Machtpositionen zu gelangen. Im Mittelmeerraum bildeten zunächst Städte und größere Siedlungen wichtige Land- und Begrenzungsmarken für Kernzonen, von denen aus das die neu eroberten Länder verwaltet und überwacht werden konnte. Den Anfang zur Etablierung des Limes machte Augustus, indem er die Legionen an die Grenze verlegte. Sie hatten dort die Aufgabe nicht nur Barbareneinfälle abzuwehren, sondern auch Angriffskriege durchzuführen. Mit der stetigen Expansion des Reiches im frühen 1. Jahrhundert breitete sich sein Territorium im Norden Europas aber auch auf unterentwickelte, mit teils dichten Wäldern überwucherte Regionen ohne Verkehrswege und größere Siedlungen aus. Diese konnten auf hunderte Kilometer nicht mehr durch natürliche Hindernisse (Flüsse oder Gebirge) gesichert werden. Im Süden des Reiches, in Nordafrika, am Übergang von der Steppe in die Wüste, fanden die Römer ebenfalls auf riesige, wenig ertragreiche und nur dünn besiedelte Gebiete vor. Unter Claudius wurde schließlich mit Etablierung der Provinz Mauretania Caesariensis in den Reichsverband auch die letzte Lücke an der südlichen Mittelmeerküste geschlossen, sodass die Römer nun zu Recht von „innerem Meer“ (mare internum) sprechen konnten. Das gleiche Bild bot sich im Osten, in den Steppen und Wüsten jenseits der Flüsse Euphrat und Tigris. In Germanien, Kleinasien und Nordafrika hatte Rom somit dasselbe Problem, nämlich diese großen Gebiete dauerhaft zu halten, sowie politisch und wirtschaftlich zu beherrschen. Die großen Ströme im Westen und Osten waren nicht nur ein physisches Annäherungshindernis, sondern für die Römer auch lebenswichtige überregionale Handels- und Verkehrswege, die ebenfalls ständig unter Kontrolle gehalten und überwacht werden mussten. Aber erst mit der Bildung eines großen stehenden Berufsheeres, nach Abschluss des Überganges von der Republik zum Kaiserreich, war die Voraussetzung für die Entstehung fester Grenzen gegeben.

 

Zwischen 58 und 50 v. Chr. wurde das keltische Gallien bis zum Rhein unterworfen. Bis 9 v. Chr. waren alle Gebiete rechts der Donau im heutigen Ungarn von den Römern annektiert worden, 15 v. Chr. standen die Legionen auch an der mittleren und oberen Donau. Schon Gaius Iulius Caesar war auf seinen Feldzügen in Gallien mit dem Problem dichter und fast unzugänglicher Wälder konfrontiert, in denen sich Roms ortskundige Feinde rasch zurückziehen und verbergen konnten. Um ihrer habhaft zu werden, ließ er erstmals durch seine Soldaten lange Schneisen in die Wälder schlagen, eine Vorgangsweise, die in Verbindung mit seinem überragenden strategischen Geschick letztendlich auch erfolgreich war.

 

Den Plan, auch die nördlich von Rhein und Donau gelegenen Gebiete der germanischen Stämme (Barbaricum) dem Imperium einzugliedern, hatte Rom auch nach dem Verlust von drei Legionen in der Varusschlacht 9 n.Chr. nicht zur Gänze fallengelassen. Er konnte aber nur in kleineren Umfang in die Tat umgesetzt werden (Dekumatland und Dakien). In den folgenden dreißig Jahren wurde versucht, die Nordgrenze des römischen Reiches bis zur Elbe vorzuverlegen. Die Feldherren Drusus, Tiberius und Germanicus führten großangelegte Feldzüge in den Stammesgebieten östlich des Rheins (Germania magna) durch. Zu diesem Zweck ließen sie – nach dem Vorbild Caesars – ebenfalls großflächig die Wälder abholzen und befestigte Wege anlegen, auf denen das Heer und sein umfangreicher Tross besser vorankamen. Die Holzstämme wurden an den Seiten zu Barrieren aufgeschichtet, die so auch einen guten Schutz vor Überraschungsangriffen der Germanen boten und später auch zum Bau von Marschlagern verwendet werden konnten. Die Schneisen dienten in weiterer Folge als provisorische Verkehrs- und Signalwege für diese nicht gänzlich eroberten Gebiete östlich des Rheins und wurden entlang ihres Verlaufes auch durch hölzerne Wachtürme und Kastelle gesichert. Laut dem Historiker Velleius Paterculus bildeten sie für Jahre hindurch die wichtigsten römischen Aufmarschwege, auch wenn sie teils nicht immer freigehalten werden konnten und rasch wieder von der Vegetation überwuchert wurden.

 

Trotz großer Anstrengungen scheiterten die Römer im Norden in verlustreichen Kleinkriegen gegen die germanischen Stämme und zogen sich um 16 n.Chr. – nach Aufgabe aller rechtsrheinischen Siedlungen (etwa Waldgirmes) und der meisten Kastelle – wieder hinter Rhein und Donau zurück. Die beiden großen Ströme sollten im Großen und Ganzen für den Rest der Geschichte des Römerreiches die Grenze bilden. An ihren nördlichen und östlichen Ufern wurden als zusätzliche Sicherungsmaßnahme – mittels Drohungen oder Verträge – Sperr- und Pufferzonen eingerichtet, in denen es den Germanenstämmen untersagt war, sich niederzulassen. 43 n.Chr. besetzten Claudius’ Legionen Britannien, drei Jahre später auch das alte Königreich Thrakien an der unteren Donau. Nach den Chattenkriegen wurde versucht, die Linie der Kastelle und Wachtürme weiter zu optimieren und die einzelnen Anlagen möglichst in Sichtweite voneinander aufzubauen. Durch die Kenntnis der Entfernung zwischen den einzelnen Kastellen konnten die Grenztruppen viel effektiver eingesetzt werden. Für die Besetzung und Bewachung des Limes wurden neue Rekruten für die Hilfstruppen (auxilia) ausgehoben.

 

Unter Claudius (41–54 n.Chr.) entstanden an Rhein und oberer Donau die ersten durchgehenden Ketten aus Wachtürmen und Beobachtungsposten, die die Verbindungswege zwischen den Siedlungen und Kastellen sicherten. Bedeutende Städte wie Köln, Mainz, Augst, Wien, Budapest, Belgrad etc. gehen in ihren Kern auf die großen Legionslager oder Hilfstruppenkastelle zurück, die nun in rascher Folge an den Ufern der beiden Ströme entstanden und meist an den Einmündungen anderer Flüsse in den Strom angelegt wurden. Die flavischen Kaiser annektierten im 1. Jahrhundert auch das Gebiet zwischen den Oberläufen von Rhein und Donau, das sogenannte Dekumatland. In den Chattenkriegen kehrten die Römer fast 70 Jahre nach Aufgabe des rechtsrheinischen Germaniens wieder dorthin zurück. Zu diesem Zweck wurde das Aufmarschgebiet der Invasionsarmee mit insgesamt 177 km langen Schneisen gesichert. Im Zuge der weiteren Konsolidierung der obergermanischen Provinz wurden die dortigen provisorischen Lager um das Jahr 90 auf Dauer eingerichtet und stärker befestigt. Mit Etablierung der Odenwald-, Neckar- und Alblinie wurden im Rhein-Main-Donaugebiet zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Route zwischen Rhein und Donau wurde beträchtlich verkürzt und die im Vorfeld der großen Flüsse liegenden fruchtbaren Landstriche für das Reich hinzugewonnen. Die Strategie zur Unterwerfung der britischen Inselstämme war im Prinzip dieselbe wie in Germanien. Während ihrer mehr als 400 Jahre andauernden Herrschaft über Britannien gelang es den Römern aber nie, die vollständige Kontrolle über die ganze Insel zu erringen.

 

Zu den Zeiten der römischen Republik gab es noch keine feste Ostgrenze, die Verteidigung der Randgebiete wurde den mit den Römern verbündeten Klientelkönigreichen überlassen, die eine Pufferzone zwischen Rom und Parthien bildeten. Rom begnügte sich zunächst noch mit der Ausübung einer indirekten Herrschaft. Der Übergang zu einer direkten Herrschaft erfolgte erst gegen Ende der Republik und folgte keinen festen Regeln. 64 v. Chr. gründete Gnaeus Pompeius Magnus auf den Trümmern des Seleukidenreiches die römische Provinz Syria. Die neue Provinz lag günstig an der östlichen Peripherie des römisch beherrschten Mittelmeeres und ermöglichte mit ihren Flussübergängen den direkten Zugang zu parthischen und asiatischen Handelsrouten. Ein Schwachpunkt war jedoch der Grenzabschnitt am Mittellauf des Euphrat, der gefährlich nahe an die Hauptstadt Antiochia heranreichte und somit keinen Schutz vor den hochmobilen Reiterarmeen der Parther bot. Das neu eroberte Gebiet wurde durch ein über 1000 Kilometer langes Straßensystem erschlossen und ebenfalls mit Wachturm- und Kastellketten gesichert. Zusätzlichen Schutz boten die Stadtfestungen von Samosata, Zeugma, Hierapolis, Sura und Dura Europos, die mehrere Voraussetzungen wie strategische Lage, Garnisonsstandort und Handelsplatz in sich vereinigten. Der Verlauf und die einzelnen Schutzbauten des orientalischen Limes sind bis heute nicht genau bekannt. Zum Unterschied der Rhein-Donau-Grenze im Westen konnte sich der östliche Limes aufgrund der ausgedehnten Wüstensteppen, der ständig wechselnden Gebietsgewinne und Rückzugsgefechte Roms gegen die Perser zwar nie als durchgehender Schutzwall etablieren. Dennoch gelang es den Römern, ihre Vormachtstellung im Nahen Osten für die nächsten 700 Jahre zu behaupten.

 

2. Jahrhundert

 

Beim Tode Trajans, 117 n. Chr., hatte das Imperium seine größte Ausdehnung erreicht und erstreckte sich von Britannien bis an den Persischen Golf. Sein Nachfolger Hadrian musste erkennen, dass sich ein Reich dieser Größe nur mehr unzureichend kontrollieren ließ. Er gab daher einige von seinem Vorgänger eroberte Provinzen wieder auf. Roms Feldzüge brachten wohl auch nicht mehr genügend Profit ein, um den dafür notwendigen enormen Aufwand abzudecken. Die ertragreichsten und am besten entwickelten Regionen der damals bekannten Welt waren bereits in der Hand der Römer. Landschaften wie Germanien, Caledonien und die Steppen des Ostens waren nur dünn besiedelt, ohne nennenswerte Infrastruktur und wirtschaftlich weitgehend unattraktiv. So war Hadrian in erster Linie darum bemüht, das bestehende Reich zu bewahren, anstatt seinen Einfluss noch auf weitere unterentwickelte und ertraglose Barbarenländer zu erweitern. Die Eroberungskriege wurden daher eingestellt und das Heer grub sich hinter den – teilweise wieder zurückverlegten – neuen Grenzen ein. Die von den Römern besetzten fruchtbaren Hochebenen und Wüstenrandzonen Nordafrikas mit ihren riesigen landwirtschaftlichen Latifundien waren eine der wichtigsten Kornkammern der Hauptstadt Rom. Münz- und Keramikfunde bestätigen die Errichtung des afrikanischen Wall- und Grabensystems in hadrianischer Zeit (fossatum Africae). Sie untermauern damit noch weiter die Grundidee des Kaisers, das Reich mit festen und gut sichtbaren Grenzanlagen zu sichern, um damit letztendlich auch Soldaten einsparen zu können.

 

Hadrians Organisationsreform wandelte den Limes von einer weitgehend offenen Postenkette in ein geschlossenes System um. Diese Umstrukturierung war so einschneidend wie die Wandlung der Milizarmee der frühen römischen Republik zur stehenden Söldnerarmee des Kaiserreiches. Es war der Versuch die römische vor der nichtrömischen Welt so weit wie möglich abzuschotten. Eine Passage der Historia Augusta fasst die Maßnahmen des Kaisers im Wesentlichen so zusammen:

 

„In dieser Zeit und auch später wurden an vielen Orten, an denen die Barbaren nicht durch Flüsse, sondern durch Schneisen abgeteilt wurden, jetzt mit großen Pfählen, die in der Art einer Mauer tief gegründet und verbunden waren, die Barbaren abgesondert.“

 

Jedem Eindringling war nun klar, dass Tag und Nacht zwischen dem Barbaricum und dem Römischen Reich kampfbereite Soldaten bereitstanden, obwohl diese nicht jeden Angriff sofort aufhalten konnten. Aber speziell für kleinere Räuberbanden (latrunculi) stieg nun das Risiko an, schon beim Überqueren der Grenze gestellt zu werden, bevor sie noch irgendwelchen Schaden anrichten konnten. Hadrians Regierungszeit wurde später als ein Goldenes Zeitalter für das Reich angesehen und so damit auch seine Leistungen für den Fortbestand und das Zusammenwachsen des Imperiums gewürdigt. Als er 138 starb, hatte sich entlang den Reichsgrenzen ein gut organisiertes Grenzschutzsystem, bestehend aus einem vorzüglich ausgebauten Netzwerk aus Kastellen, Wallanlagen und Straßen, entwickelt. Im späten 2. Jahrhundert hatten es die Römer in nur zwei Generationen geschafft, durch einen weiteren großzügigen Ausbau der Limesinfrastruktur und die Stationierung fast des gesamten Heeres an der Grenze seine Randzonen zu befrieden und wirtschaftlich wesentlich weiterzuentwickeln. Diese positiven Entwicklungen waren zum Teil auch auf die Neuorganisation des Limes zurückzuführen.

 

Dies endete unter Mark Aurel aber abrupt mit der raschen Ausbreitung der aus dem Osten eingeschleppten Antoninischen Pest und einem massiven Einfall der Markomannen und Quaden in das Reichsgebiet. Dieser Kaiser sollte fast seine gesamte Regierungszeit damit beschäftigt sein, Invasoren abzuwehren bzw. zu vertreiben, den Limes wieder zu stabilisieren und die verheerenden wirtschaftlichen und demografischen Auswirkungen der Seuche in den Griff zu bekommen, der er schließlich selbst in seinem Feldlager erliegen sollte. Diesseits von Rhein und Donau siedelten überwiegend germanische Stämme, viele von ihnen standen unter dem Schutz Roms. Im Norden gerieten jedoch die Völker zunehmend in Bewegung und wanderten immer weiter nach Süden. Dabei trieben sie die schwächeren Stämme vor sich her, die ihrerseits nun in die Gebiete der Klientelvölker der Römer eindrangen. Schon bald standen die ersten der bedrängten Stämme am Limes und baten um Aufnahme ins Reich. Der Kaiser hielt sie zunächst hin, denn die Ansiedlung so großer Völkerscharen war ein unkalkulierbares Risiko. Daraufhin überschritten sie die Grenze gewaltsam, ein erster Vorgeschmack auf kommende Völkerwanderungen. Mark Aurel überschritt wiederum mit seiner Armee den Limes, erlitt aber jenseits der Donau eine empfindliche Niederlage. Im Anschluss daran strömten die Markomannen und ihre Verbündeten ungehindert über die Grenze und dringen bis Norditalien vor. Sie waren seit 300 Jahren die ersten feindlichen Krieger, die wieder in Italien erschienen. Andere Gruppen zogen plündernd durch den Balkan, zahlreiche Kastelle am Donaulimes wurden dabei zerstört und viele ihrer Besatzungen, die schon durch die Ausfälle infolge der reichsweit grassierenden Seuche geschwächt waren, wurden nun komplett aufgerieben. In Britannien brannten die Caledonier einige Kastelle am Hadrianswall nieder, auch in Ägypten brach ein Aufstand los und Wüstennomaden fielen in die nordafrikanischen Provinzen ein. 172 wendete sich das Kriegsglück endgültig zu Gunsten der Römer, die Barbarenstämme konnten jetzt auf ihren eigenen Gebiet bekämpft werden, wo der Kaiser und seine Generäle eine rücksichtslose Strategie der verbrannten Erde und des Terrors gegen die Zivilbevölkerung verfolgten. Ein Stammesführer nach den anderen bat nun um Frieden. Bei manchen zögerte der Kaiser, da viele Verträge bald wieder gebrochen wurden. Im Fall der Jazygen sprach sich Mark Aurel sogar für deren völlige Ausrottung aus. Dennoch war das Konzept der Abschottung angesichts der später rasch wiedererstarkenden Völker im Norden und Osten überholt und funktionierte in der neuen, gefährlichen Situation, in der sich das Reich befand, nicht mehr. Dass es ihm dennoch gelang, nach langen Kämpfen die Grenzprovinzen wieder zu befrieden, verdankte er auch einer Politik, die ein späterer Biograph so beschrieb: … emit et Germanorum auxilia contra Germanos („er erkaufte sich auch die Hilfe von Germanen gegen Germanen“). Da die Staatskasse leer war, teilte er ihnen Siedlungsland im Grenzgebiet zu. Sie bekamen den Status halbfreier Bauern zugesprochen (coloni) und im Kriegsfall mussten sie sich als Soldaten zur Verfügung stellen. Der Kaiser ließ daraufhin kleinere Stämme – die besser kontrolliert werden konnten – in verödeten Gebieten Norditaliens ansiedeln. Die neuen Siedler stellten bald erstklassige Rekruten für die Armee und sie verteidigten die Grenzen auch besser, als es römische Bürger je vermocht hätten, die ohnehin immer weniger dazu bereit waren, in die Armee einzutreten.

 

Am Limes herrschte nach den Markomannenkriegen aber nur die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Mark Aurels Nachfolger, Commodus, ließ um 185 n. Chr. an der unteren Donau weitere Kastelle und Wachtürme gegen die sog. „heimlichen Räuberchen“ (clandestini latrunculi) errichten. Diese Bezeichnung war jedoch eine stark untertriebene Verharmlosung der Bedrohung, die sich wieder jenseits der Grenze langsam aber stetig aufbaute.

 

3. Jahrhundert

 

Zeitleiste zum „Limesfall“ und dem 3. Jahrhundert

 

Die lange Friedensperiode sowie stetige Solderhöhungen unter den severischen Kaisern hatten den Grenzprovinzen zunächst wieder einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung beschert. Großangelegte Bau- und Stiftungstätigkeiten an öffentlichen und privaten Gebäuden zeugen davon. Das Wohlstandsgefälle zu den germanischen Nachbarn wurde jedoch dadurch erheblich verschärft und weckte jenseits der Grenzen große Begehrlichkeiten. 150 Jahre lang hatte die befestigte Grenze das Reich zwar vor seinen Feinden geschützt, jedoch auch das stetige Fortschreiten einer existenzbedrohenden Entwicklung verborgen. In Rom interessierte man sich nur noch wenig dafür, was in den Stammesgebieten jenseits von Rhein und Donau vorging, da es dort kaum etwas zu holen gab, was der Mühe wert war. Man war froh, sich nicht mit den unkultivierten „Wilden“ mehr befassen zu müssen als nötig. Neue Völker wie die Goten, die nun plötzlich am Limes auftauchten, hielt man anfangs noch für Skythen, da nur diese aus der Literatur bekannt waren. Doch im Barbaricum hatte man – auch mit Hilfe des Imperiums – inzwischen große Fortschritte gemacht. Diejenigen Krieger, die in der römischen Armee gedient hatten und wieder in ihre Heimatregionen zurückkehrten, gaben ihr dort erworbenes waffentechnisches und militärstrategisches Wissen an ihre Stammesgenossen weiter. Umfangreiche Waffenfunde von offenbar besiegten Feinden in einigen Seen und Mooren Norddeutschlands und im Süden Skandinaviens stammen zwar von innergermanischen Konflikten, bezeugen aber zugleich seit der Zeit um 200 n.Chr. eine zunehmend bessere Bewaffnung und die Durchsetzung einer militärischen Organisation nach römischem Vorbild. Mit ihnen strömte auch ein dort bislang nie gekannter Reichtum in Form von Geld, als Sold, für gelieferte Waren, Raubgut und Geschenken in die Stammesterritorien. Dies fachte das Verlangen nach immer neuen Gütern aus Rom bei den Germanen aber nur noch weiter an. Die Rekrutierung von Germanen für die römische Armee hatte zwar eine lange Tradition wurde aber besonders ab dem 3. Jahrhundert forciert. Ab diesem Zeitpunkt begann sich das ethnische Gefüge des römischen Heeres deutlich zu verändern. Es ermöglichte den Germanen im 4. Jahrhundert in immer höhere Führungspositionen der Armee und ab dem 5. Jahrhundert bis in die höchsten Ämter aufzusteigen die das Reich zu vergeben hatte.

 

Ebenfalls fast unbemerkt hatten sich viele Stämme jenseits des Limes zusammengeschlossen und waren dadurch beständig größer geworden, wobei die Praxis des Imperiums, ausgewählte Anführer gezielt zu fördern, um durch sie das Vorland zu kontrollieren, nun ihre Kehrseite offenbarte. Durch den Zuzug anderer, kaum romanisierter Völker aus den Gebieten an Elbe und Weichsel kam zusätzliche Unruhe auf. Auch die andauernden Strafexpeditionen bei Unbotmäßigkeit und die auf Schürung von Zwietracht unter den Stämmen ausgelegte Diplomatie der Römer ließen sie niemals zur Ruhe kommen und nötigten ihre Anführer geradezu, sich schließlich gegen die römische Übermacht zusammenzuschließen. Stammesverbände, die sonst nie oder nur selten Außenstehende aufgenommen hatten, verschmolzen mit anderen und gründeten neue Völker. Erfolgreiche und charismatische Krieger erhoben sich zu Heerkönigen und scharten in manchen Fällen bis zu 10.000 Bewaffnete um sich die ihnen folgten solange sie ihre Bedürfnisse nach Kampf und reicher Beute erfüllen konnte. War dies nicht mehr der Fall, wurde ein neuer Anführer auf den Schild gehoben. Diese Gefolgschaften waren gut ausgerüstet und gedrillt. Wahrscheinlich verfügten 50 % der Kämpfer schon über Lanzen und Schwerter aus römischer Produktion. Ihr Ziel war es, am Reichtum des Imperiums Anteil zu haben, entweder als bezahlte Verbündete des Kaisers oder notfalls als Plünderer.

 

Bis zum Jahr 220 n.Chr. waren daher drei neue Völkerverbände an den nördlichen Reichsgrenzen entstanden:

 

Jenseits der Donau, im Gebiet zwischen Karpaten, Schwarzem Meer und Don tauchten um 220 die Goten auf. Diese waren entweder eingewandert – sie stammten angeblich aus Skandinavien und hatten sich schon vor vielen Generationen auf ihren Zug nach Südosten begeben – oder im Zuge einer Ethnogese vor Ort, unweit der römischen Grenze, durch den Zusammenschluss mehrerer Gruppen entstanden. Beide Möglichkeiten werden in der Forschung diskutiert.

 

Zwischen Main und Oberrhein vereinten sich Semnonen, Sueben und die hier schon lange ansässigen Chatten zum Volk der Alamannen, eigentlich eine Bezeichnung für einen wilden und zügellosen Heerhaufen, die 213 erstmals bei Cassius Dio erwähnt werden. Der Geschichtsschreiber Asinius Quadratus nannte sie im 3. Jahrhundert „zusammengelaufene und vermischte Männer“.

 

An Mittel- und Niederrhein verbündeten sich einige Stämme unbestimmter Herkunft zum Volk der Franken, den „Mutigen“.

 

Ihre Übergriffe auf das Reich wurden immer bedrohlicher und nötigten die Römer zu scharfen Gegenmaßnahmen. Im Jahr 213 rühmten die inschriftlich erhaltenen Akten der fratres arvales (Bruderschaft des Ackers) in Rom eine großangelegte Strafexpedition Caracallas in Rätien:

 

Am 3. Tag vor den Iden des August [11. August] kam die Bruderschaft der Arvalen vor dem Tempel der Iuno Regina zusammen, weil unser Herr, der heiligste, fromme Kaiser Marcus Aurelius Antoninus Augustus, Pontifex Maximus, im Begriff ist, über den Limes Raetiens (per limitem Raetia) in das Land der Barbaren einzudringen, um die Feinde zu entwurzeln (ad hostes extirpandos barbarorum terram introiturus est) […]

 

Sowohl der Begriff „Limes“ als auch das Überschreiten der Reichsgrenze sind hier einzigartig dokumentiert. Anlässlich dieses Feldzuges ließ der Kaiser beim heutigen Dalkingen ein Ehrentor mit Prachtfassade und einem Bronzestandbild errichten, das seinen Feldzug feiern sollte. Die Errichtung dieses Bauwerkes markiert den Höhepunkt der Bedeutung des Limes. Die Verherrlichung des (in früheren Jahrhunderten oft üblichen) Überschreitens des Limes als Zeichen für außerordentliche Tapferkeit lässt erahnen, wie stark das Symbol einer festen Grenze für das Selbstverständnis des Reiches und im Gegenzug, wie fremd und unheimlich die Länder jenseits des Limes den Römern in der Zwischenzeit geworden waren. Dies zeigt sich 212 n.Chr. auch in der Verleihung des Bürgerrechtes an alle freien Einwohner des Reiches durch Caracalla. Der Limes schuf die Möglichkeit zur exakten Unterscheidung, d. h. wer wohin gehörte. Aber trotz der erfolgreichen Feldzüge Caracallas wurden nur wenige Jahre später wieder einige Kastelle am Rätischen Limes von Germanenstämmen zerstört. Dies sollte nur der Auftakt zu immer massiveren Einfällen von Barbarenstämmen sein. Sie konnten zwar jedes Mal wieder vertrieben, das Problem damit aber nicht gelöst werden.

 

In den Markomannenkriegen hatte sich besonders der Limesabschnitt an der mittleren und unteren Donau als besonders gefährdet erwiesen. Nun baute sich hier, ausgelöst durch die Ankunft der Goten an der Peripherie des Reiches eine neue Bedrohung auf. Damit nicht genug, putschte sich im Osten, im Partherreich, 224–226 eine neue Dynastie, die persischen Sassaniden, an die Macht. Ihre Herrscher erhoben bald Besitzansprüche auf die meisten römischen Ostprovinzen, was jahrzehntelange und verlustreiche Kriege heraufbeschwören sollte. Das straff organisierte Sassanidenreich war den Römern in vielen Belangen militärisch ebenbürtig. Sein zweiter König, Schapur I. verfolgte eine aggressive Westpolitik. Bereits 231, noch unter seinem Vater, überrannten persische Armeen erstmals die römischen Garnisonen in Mesopotamien und drangen zeitweilig bis nach Kappadokien vor. Als daraufhin das Gros der Grenzsoldaten im Norden zum Kampf gegen die stetig vorrückenden Perser im Osten abgezogen werden musste, konnte dies auch Roms Gegnern im Westen nicht entgehen; die nahezu schutzlosen Grenzen in Germanien, Rätien und Dakien gerieten augenblicklich in den Fokus der dort ansässigen Barbarenstämme. Als die Alamannen 233 den Limes am Oberrhein und Donau überschritten und zu ihrer Verwunderung dort größtenteils nur schwach besetzte oder sogar leere Kastelle vorfanden, stand ihnen das ganze obergermanische und rätische Hinterland zur ungehinderten Plünderung offen. Auch an den anderen Limesabschnitten eskalierten die Konflikte: Sarmaten, Goten, Carpen und Gepiden bedrohten nun die unteren Donauprovinzen.

 

Drei gleichzeitig aufflammende und noch dazu so weit auseinanderliegende Krisenherde überforderten die militärischen Möglichkeiten der römischen Armee. In diesen entscheidenden Jahren regierte ein junger Mann das Reich, Severus Alexander, entscheidungsschwach und mutmaßlich dominiert von seiner Mutter Julia Mamea und ihren Ratgebern. Die Katastrophe von 233 n.Chr. scheint die Provinzbevölkerung am Limes völlig unvorbereitet getroffen zu haben. Zerstörungshorizonte aus dieser Zeit sind archäologisch vor allem in der Wetterau, am Mainlimes und im Westrätien nachweisbar. Der Kaiser sah sich gezwungen, den Perserfeldzug zu äußerst ungünstigen Friedensbedingungen abzubrechen und mit seinem Heer rasch zurück in den Norden zu marschieren. Im Winter 234–235 sammelte er seine Armee bei Mogontiacum am Rhein, griff die Alamannen jedoch nicht an, sondern setzte stattdessen auf Verhandlungen, um durch Zahlungen an die mit Rom verbündeten Fürsten ohne einen kostspieligen Krieg wieder Ruhe und Ordnung herzustellen. Seine darüber über alle Maßen empörten Soldaten, von denen viele aus den Kastellen an Rhein und Donau kamen und deswegen nach Rache dürsteten, erschlugen daher im März 235 den Kaiser samt seiner Mutter und erhoben einen hohen Offizier aus dem Ritterstand, Gaius Iulius Verus Maximus, später genannt „der Thraker“, zum neuen Imperator. Mit diesem Mord brach für das Reich die unheilvolle Ära der Soldatenkaiser an, die das Imperium für fast 50 Jahre in Chaos und Anarchie stürzen sollte.

 

Der tatkräftige und energische Maximinus Thrax (235–238) konnte den Limes wieder stabilisieren, indem er eine neue Brücke über den Rhein errichtete, die Germanen auf ihrem eigenen Territorium angriff und dort unter anderem eine für ihn siegreiche „Schlacht im Sumpf“ schlug. Die römischen Truppen drangen dabei offenbar tief ins Feindesland vor, wie 2008 entdeckte Militariafunde eines Gefechtes zwischen Römern und Germanen am Harzhorn annehmen lassen. Die Germanengefahr konnte damit für fast zwei Jahrzehnte gebannt werden. Aber im Inneren des Römischen Reiches herrschte weiter Aufruhr. Immer häufiger waren es jetzt Teile der Armee, die revoltierten und in rascher Folge ständig neue Herrscher auf den Schild hoben. Die Soldaten trieb dabei meist die Angst um, nicht ausreichend bezahlt oder im Stich gelassen zu werden. Sie verlangten nach Kaisernähe. Fatalerweise erhoben sie darum meist dort, wo die Kriegsgefahr am größten war, besonders in den Lagern an Rhein und Donau und im Osten, eigene Thronkandidaten. Alle diese vom Heer in rascher Folge eingesetzten Soldatenkaiser standen aber vor für sie allein kaum zu bewältigenden Problemen. Sie waren bedroht von ihren eigenen Soldaten, deren Disziplin immer weiter sank und die sie schon bei der geringsten Unzufriedenheit ohne Skrupel absetzten bzw. meist durch Mord beseitigten. Eine weitere große Gefahr waren die Usurpatoren, die von anderen Legionen unterstützt wurden und gegen die fast ständig Krieg geführt werden musste. Zu guter Letzt wurden sie auch von den stets aufmerksamen Barbaren jenseits des Limes bedrängt, die sofort jede innerrömische Auseinandersetzung ausnutzten, um ins Reich einzufallen.

 

Trotz rasch eingeleiteter Wiederaufbaumaßnahmen erholte sich die Infrastruktur der nördlichen Limesgebiete von den großflächigen Zerstörungen nicht mehr. Die Zivilsiedlungen scheinen oft entweder gar nicht mehr oder nur noch im reduzierten Ausmaß wieder aufgebaut worden zu sein. Notdürftige Reparaturen belegen zwar eine Weiterbewirtschaftung der Gutshöfe, jedoch auf weit niedrigerem Niveau als vorher. Der mittlerweile weit abgesunkene Lebensstandard in den Grenzregionen ist für die Archäologen besonders anhand der Verkleinerung oder gar Umnutzung von Thermenanlagen als Wohn- oder Wirtschaftsgebäude erkennbar. Aber nicht nur die kriegsbedingte Zerstörung von Produktionsanlagen, sondern auch die Folgen eines jahrzehntelangen Raubbaus am Waldbestand beschleunigten den Zusammenbruch wichtiger Wirtschaftszweige, denn der Hauptenergielieferant Holz wurde zunehmend knapp.

 

Nur wenige Jahre nach dem unrühmlichen Friedensschluss im Osten bereitete Kaiser Gordianus III. (238–244) im Jahr 243 einen neuen großen Perserfeldzug vor. Mehrere Münzhorte aus Limeskastellen und Lagerdörfern, die mit Prägungen dieses Kaisers abschließen, belegen, dass der fortgesetzte Aderlass an militärischen Ressourcen eine wirksame Grenzverteidigung unmöglich machte. Die Besitzer der vermutlich vor Abmarsch der Truppe in den Kastellen verborgenen Horte waren nicht mehr in der Lage, diese wieder zu heben, denn der Perserkrieg endete in einer schweren römischen Niederlage. Die entstandenen Personallücken in den Limeskastellen dürften daher nicht mehr wie sonst üblich durch Rückkehrer bzw. Neuaushebungen ausgeglichen worden sein. Die bisherige Struktur des Limes begann sich dadurch langsam aufzulösen. Archäologische Befunde deuten darauf hin, dass die oberste Militärführung versuchte, die wesentlich verringerten Truppenstärken am Limes unter anderem durch Baumaßnahmen zu kompensieren. Die Umwehrung einiger Kastelle, insbesondere solche an weniger akut gefährdeten Grenzabschnitten, wurden für die erheblich verringerten Besatzungen reduziert, so z.B. die Lager von Kapersburg, Kastell Eining und Miltenberg. Durch die personelle Verringerung der Truppen verebbte aber auch der Zufluss von Münzgeld in die Grenzregionen. Der regelmäßig ausgezahlte Sold hatte lange Jahre hindurch eine gleichbleibend hohe Kaufkraft garantiert und war Hauptindikator für die regionalen Wirtschaftskreisläufe. Den hauptsächlich von Handwerk, Handel und Dienstleistungen lebenden Lagerdorfbewohnern kam nun die zahlungskräftigste Käuferschicht abhanden. Nach 233 setze aufgrund dessen ein merklicher Bevölkerungsschwund ein, der sich durch Tod und Verschleppung durch die Plünderer noch weiter verschlimmerte und unter anderem auch die Anwerbung von Saisonarbeitern für die Landwirtschaft immens erschwerte. Offenbar versuchte man diesen Engpässen durch Neuansiedlung von verbündeten Germanen zu begegnen, deren Gegenwart sich auch deutlich im archäologischen Fundmaterial dieser Zeit niederschlägt.

 

Um eine Rebellion niederzuschlagen, zog Valerian, der Statthalter Rätiens, 253 im Auftrag des Kaisers Trebonianus Gallus Truppen zusammen, die ihn prompt zum Gegenkaiser ausriefen. Mit diesem Heer, in das offensichtlich auch wieder das Gros der Limestruppen eingereiht wurde, marschierte er zur Durchsetzung seines Herrschaftsanspruchs zunächst an die mittlere Donau, ein Jahr darauf brach er zu einem erneuten Feldzug gegen die Perser in den Osten auf, der wiederum verlustreich scheiterte. Dass seine Soldaten jemals wieder in ihre angestammten Limeskastelle zurückkehrten, ist daher unwahrscheinlich. Die Germanen nutzten ihren Abzug sofort zu neuen ausgedehnten Plünderungszügen, wobei das rätische Limesgebiet wieder besonders schwer getroffen wurde. Spätestens diese Ereignisse müssen der Zivilbevölkerung und noch verbliebenen Restbesatzungen ihre dramatische Lage vor Augen geführt haben. Der Tiefpunkt war erreicht, als Kaiser Valerian 260 auf einem weiteren Perserfeldzug durch Verrat in Feindeshand fiel. Mit ihm gerieten auch Zehntausende römischer Soldaten in sassanidische Gefangenschaft, aus der die meisten nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren sollten. Unter der Alleinherrschaft seines Sohnes Gallenius (253–268) brach die Grenzverteidigung in Rätien nun weitgehend zusammen. Infolgedessen konnten die Alamannen Augsburg und Kempten zerstören und sogar bis nach Mailand vordringen. Einmal mehr trafen diese Raubzüge vor allem die am Limes ansässige Zivilbevölkerung besonders hart. Das Dekumatland war jetzt nicht mehr zu halten und wurde in der Folgezeit schrittweise von Armee und Verwaltung geräumt. Selbst am Rheinlimes, im Legionsstandort Mogontiacum (Mainz), wurde in großer Eile eine Stadtmauer errichtet, die, hauptsächlich aus Spolien erbaut, nur mehr die Kernbereiche der Zivilstadt einbezog. Einen kurzen Einblick auf die katastrophalen Zustände am oberen Donaulimes in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts vermittelt uns die Inschrift des Augsburger Siegesaltar. Sie berichtet von einem siegreichen Gefecht einer zusammengewürfelten Truppe aus rätischen Provinzialen und Heeresangehörigen, unterstützt von Soldaten der Nachbarprovinz Obergermanien, gegen ein Heer iuthungischer Plünderer, die mit ihrer Beute und zahlreichen römischen Gefangenen bei Augusta Vindelicorum (Augsburg) gestellt und vernichtet worden waren (24. und 25. April 260). Anscheinend konnten die Iuthungen vorher ungehindert den stark unterbesetzten Limes überschreiten, bis nach Italien vordringen und nach einer Niederlage bei Mailand fast problemlos wieder an die Grenze zurückkehren. Die räumliche Tiefe dieses Vorstoßes lässt weiters vermuten, dass die Grenzgebiete bereits weitgehend ausgeraubt waren.

 

Durch die Bildung des Imperium Galliarum Ende 260 sowie durch die später erfolgte Errichtung des Teilreichs von Palmyra unterstanden um 267/68 lediglich Italien, der Balkanraum (einschließlich Griechenlands), die Provinz Africa sowie Teile Kleinasiens der direkten Kontrolle von Gallienus. Diese zentrifugalen Tendenzen im Reich waren wohl auch eine direkte Folge der ungenügenden Verwaltungseffizienz, was später zu einer deutlich stärkeren Zentralisierung der Administration führen sollte, sowie der Überbeanspruchung des Heeres. Die Kaiser standen dabei jedes Mal vor denselben Dilemma. Es mussten Truppen von der einen Grenzzone abgezogen werden, die damit gefährlich entblößt wurde, um feindliche Einbrüche an anderer Stelle zu bekämpfen, die noch dazu teilweise fast gleichzeitig stattfanden. Das Militär war aber mit einer Verteidigung an allen Fronten heillos überfordert, sodass es bisweilen regional aufgestellten Bürgermilizen oblag, diese Aufgabe zu übernehmen. Dies war besonders im Osten nach der Niederlage Valerians in großem Umfang geschehen. Mitte des 3. Jahrhunderts wurden als Reaktion darauf fast alle Reiterverbände aus den Grenztruppen herausgezogen und weiter ins Landesinnere verlegt, eine Vorstufe auf die spätere Trennung in mobile und stationäre Truppen.

 

Diese wurde dann unter Diokletian (284–305) eingeleitet, mit dem man die Spätantike beginnen lässt. Der Kaiser führte zahlreiche grundlegende Reformen durch, wobei er Ansätze aufgriff, die bereits seine Vorgänger Gallienus, Aurelian und Probus entwickelt hatten. Es gelang ihm, die Lage des Imperiums erneut zu stabilisieren, und ab etwa 290 wurden zudem an Rhein und Donau zahlreiche neue Festungsanlagen errichtet. Dieser neue, spätrömische Limes hatte einen anderen Charakter als früher, da er weniger als Friedensgrenze denn als militärische Sicherungsmaßnahme konzipiert war. Der Druck auf die römischen Grenzen ließ nicht nach, und die Römer hatten erkennen müssen, dass das bisherige Grenzsystem der neuen Lage nicht mehr angemessen war.

 

4. Jahrhundert

 

Spätantiker Donau-Iller-Rhein Limes: Die konservierten Reste des Osttores von Kastell Divitia, Köln (D)

 

Der spätrömische Limes sollte im Wesentlichen dieselbe Funktion erfüllen wie sein Vorgänger in der frühen Kaiserzeit. Man versuchte mit so geringem militärischen Aufwand wie möglich ein Maximum an Sicherheit an den Grenzen zu erreichen. Die neu erbauten Befestigungen unterschieden sich jedoch deutlich von den militärischen Bauten des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. Auch die dafür eingesetzten Truppenformationen und diplomatischen und militärischen Verwaltungsstrukturen änderten sich. Dies war die Reaktion darauf, das sich die Bedrohung des Reiches an zwei Fronten, in Europa und in Vorderasien, massiv verschärft hatte. Für die Wiederherstellung und dauerhafte Stabilisierung des Limes nach den politischen Wirren des 3. Jahrhunderts waren dennoch gewaltige Anstrengungen notwendig.

 

Allein die Truppenstärke erhöhte sich unter Diokletian von 300.000 auf schätzungsweise 435.000 Soldaten. Diese Tendenz setzte sich auch nach dessen Abdankung fort, man schätzt, dass am Ende dieser Entwicklung vermutlich bis zu 600.000 Mann unter Waffen standen, was zwar enorme finanzielle Belastungen für den Staatshaushalt mit sich brachte, ihn aber noch nicht überforderte. Gleichzeitig wurde versucht, die neuen Grenzbefestigungslinien verstärkt nach rationalen Gesichtspunkten anzulegen. Gebietsverluste wurden dabei in Kauf genommen, mussten aber in manchen Fällen – besonders im Osten – auch unfreiwillig akzeptiert werden. Die dadurch freigewordenen Kräfte konnten dafür wieder an anderen Brennpunkten eingesetzt werden. Die tiefgreifenden Reformen der römischen Militärorganisation brachten um das Jahr 300 auch die endgültige Teilung in stationäre und mobile Einheiten mit sich. Die Garnisonstruppen wurden auf mehr Standorte als zuvor verteilt, waren nun der Befehlsgewalt der jeweiligen Statthalter entzogen und wurden unter das Kommando von duces (Heerführern) gestellt, deren Zuständigkeit manchmal auch mehrere Provinzen umfassen konnte. Diese neue Aufgabenteilung der Armee zeigte, wie erheblich sich mittlerweile die Situation verändert hatte. Dass räuberische Barbaren nun auch weit im Inneren des Reiches umherstreiften, war bis dahin die Ausnahme gewesen. Nun musste man auch hier mit einer dauerhaften militärischen Präsenz für Ruhe und Sicherheit sorgen. Das Grenzheer spielte dabei nur noch eine sekundäre Rolle. Man versuchte nun auch die Truppen nicht mehr primär zur Abwehr der Feinde im Kampf Mann gegen Mann, sondern vielmehr zur Aufrechterhaltung der diplomatischen und politischen Voraussetzungen eines langfristigen Friedens einzusetzen. Aber selbst in der an Krisen nicht armen späteren Kaiserzeit war an großen Abschnitten des Limes lange keine spürbare Verschärfung der politischen und militärischen Lage zu erkennen. Viele Grenzkastelle in Nordafrika fungierten eher als Kontaktpunkte und nicht zur Abwehr zu den in der Sahara lebenden Nomadenstämme, das gleiche Bild bot sich auch weit im Norden, am Hadrianswall. Aber selbst an den hart umkämpften Regionen am Limes riss der kulturelle und wirtschaftliche Austausch mit den Nachbarvölkern nicht ab. Denn noch immer stellte das römische Militärpersonal – auch für die Barbaren – eine bedeutende Einnahmequelle dar.

 

Konstantin I. (306–337) setzte die Kriege zur Konsolidierung der römischen Grenzen energisch fort. Er war mit seiner Armee in den frühen 330er Jahren besonders an Rhein und Donau aktiv, wo er bedeutende Siege für das Reich erringen konnte. Gleichzeitig initiierte der Kaiser ein umfangreiches Festungsbauprogramm, in dem sich auch die Umverteilung und Neuorganisation des Militärs widerspiegelte (Donau-Iller-Rhein-Limes). Nach den Kämpfen wurden – mit unterschiedlichem Erfolg – mit Besiegten und Neusiedlern Verträge ausgehandelt, die sie verpflichteten, als halbautonome foederati in den ihnen zugewiesenen Abschnitten auch die Grenzverteidigung zu übernehmen. Diese Germanenpolitik sollte den Bruderkrieg an den Grenzen immer wieder von neuen anfachen und gleichzeitig die Gefahr die von den feindlichen Stämmen für die Römer ausging abschwächen. Um eine Überbevölkerung in den Grenzzonen von vornherein zu unterbinden, wurde einigen Gruppen gestattet, sich weiter im Reichsinneren anzusiedeln, andere wiederum wurden wieder aus dem Vorfeld des Limes vertrieben. Zu groß gewordene Stammesföderationen wurden entweder zerschlagen oder ihre Anführer durch den Römern gegenüber loyale Anführer ersetzt. Um sie ruhig zu halten, wurde auch wieder auf das altbewährte Mittel von Subventionszahlungen zurückgegriffen. Es kam trotzdem immer wieder zu neuen Plünderungszügen. Viele römische Siedlungen in Grenznähe mussten ihre Verteidigung darum selbst in die Hand nehmen und umgaben sich deswegen mit massiven Wehrmauern oder wurden kurzerhand auf schwer zugängliche Höhen verlegt. Große Operationen der römischen Truppen an den Grenzen erfolgten zunächst noch regelmäßig, wurden aber im Verlauf des 4. Jahrhunderts seltener und unterblieben schließlich ganz. Der letzte bekannte Feldzug jenseits des Rheins erfolgte 378 unter Kaiser Gratian.

 

Einen guten Einblick auf die Zusammensetzung der Grenztruppen im 4. Jahrhundert, hier speziell für den Abschnitt der Provinz Raetia secunda, bot das Inventar des Urnengräberfelds von Friedenhain-Straubing. Die dort aufgefundene Keramik zählt zur Fundgruppe Friedenhain-Prestovice, sie wurde überwiegend von Elbgermanen benutzt und findet sich in dieser Provinz ansonsten nur auf Militärplätzen. Dies legt den Schluss nahe, dass die Grenztruppen an diesem Teil des Donau-Iller-Rhein-Limes größtenteils durch elbgermanische Söldner gestellt wurden. Den Quellen nach zu urteilen, wurden Germanen aber nicht nur für die Armee angeworben sondern auch beim Wiederaufbau verwüsteter Grenzprovinzen eingesetzt. Bei den Konsolidierungsmaßnahmen in Raetien mussten vermehrt germanische Stämme im fast völlig entvölkerten Voralpengebiet angesiedelt und naturgemäß auch die Limes-Kastelle mit Söldnern dieser Stammesgruppen bemannt werden. Das Gräberfeld von Neuburg an der Donau war von ca. 330–390 mit elbgermanisch-alamannischen und ab dem letzten Jahrzehnt des 4. Jahrhunderts hauptsächlich mit ostgermanisch-gotischen Soldaten belegt worden. Aus all diesen Grabfunden lässt sich daher schließen, dass entlang der Grenze der Raetia II wahrscheinlich fast ausschließlich germanische Einheiten in den Kastellen lagen. Auch am Ober- bzw. Mittelrhein und am Bodensee wurde ähnliches beobachtet.

 

Insgesamt gelang es den Römern aber im 4. Jahrhundert größtenteils noch, die militärische Oberhand am Limes zu behalten. Weniger günstig war die Situation im Osten, wo die Sassaniden nach wie vor das Römische Reich hart bedrängten. Dennoch herrschte auch hier am Ende des Jahrhunderts weitgehend eine nur selten durch Übergriffe gestörte Stabilität. Auch einige Grenzprovinzen konnten sich zumindest teilweise noch einmal wirtschaftlich erholen. Im Schnitt bedurfte es an den drei Hauptabschnitten des europäischen Limes – Rhein, mittlere und untere Donau nur alle 25 Jahre eines größeren Feldzuges. Zwar wurden Nordgallien und das Rheinland nach 350 unter Ausnutzung eines innerrömischen Bürgerkrieges von Germanen massiv ausgeplündert, doch Julian konnte die Situation um 360 erneut zu Gunsten Roms klären. Der Offizier und Chronist Ammanius Marcellius berichtet, dass sein Nachfolger Valentinian I. den Limes im Westen ab 370 noch einmal erheblich durch Neubauten verstärkte. Über die Baumaßnahmen am Rhein schreibt er folgendes:

 

„Valentinian schmiedete bedeutende und nutzbringende Pläne. Den ganzen Rhein, angefangen von Raetien bis zur Meerenge des Ozeans, ließ er mit großen Dämmen befestigen und auf der Höhe Militärlager und Kastelle, ferner in dichten Abständen an geeigneten und günstigen stellen Türme errichten, soweit sich die gallischen Länder erstreckten. Zuweilen wurden auch Gebäude jenseits des Stromes angelegt, wo er das Land der Barbaren berührt. […]“

 

– Res gestae 28,2

 

Aus dieser Textstelle lässt sich schließen, dass Valentinian ein umfangreiches Festungsbauprogramm initiierte. Meist handelte es sich dabei aber nur um Renovierungen bzw. „Modernisierungen“ schon vorhandener Kastelle. Trotz der mühsamen Wiederherstellung der Machtbalance war der Untergang des Limes durch die politischen Entwicklungen jenseits der Grenze aber schon absehbar. Als besonders fatal sollte sich in diesem Zusammenhang die Tatsache erweisen, dass die Eliteeinheiten der weströmischen Armee im Jahr 394 im Bürgerkrieg zwischen Eugenius und Theodius I. erheblich geschwächt wurde, so dass dem Westen nach der Reichsteilung von 395 für die Germanenabwehr kaum mehr schlagkräftige Truppen im größeren Ausmaß zur Verfügung standen.

 

5. Jahrhundert

 

Der Frankenkönig Childerich in der Ausrüstung eines spätrömischen Offiziers des 5. Jahrhunderts (Rekonstruktionsversuch nach dem im 17. Jahrhundert entdeckten Grabbeigaben)

 

Die politische und militärische Vorherrschaft Roms gehörte im 5. Jahrhundert schon lange der Vergangenheit an. Blieb die Rekrutierung von germanischen Söldnern und Bauern im 4. Jahrhundert noch in einem kontrollierbaren Rahmen, entglitt im weströmischen Reichsteil diese Praktik mit dem Anbruch der Völkerwanderung vollkommen. Nach der katastrophalen Niederlage der Westarmee in der Schlacht von Frigidus gegen die östlichen Streitkräfte unter Theodosius I., mussten ganze Stammesverbände als Föderaten im Reich angesiedelt werden die schließlich zur Unterwanderung der staatlichen Institutionen führte und in die Bevormundung bzw. der faktischen Entmachtung der regierenden Kaiser durch ihre germanischen Heermeister mündete.

 

Zwischen 401/402 wurden vielerorts noch einmal Ausbesserungen und Verstärkungen an den weströmischen Grenzfestungen vorgenommen. Im Sommer oder Herbst des Jahres 406 floh aber eine große Gruppe der Asdingen-Vandalen vor den Hunnen entlang des Rheins nach Norden und stieß am Mittelrhein auf die mit den Römern verbündeten Franken, deren Widerstand gewaltsam gebrochen wurde. Die regulären römischen Grenztruppen waren hier zu diesem Zeitpunkt nur mehr schwach vertreten, denn der Heermeister Stilicho hatte viele Einheiten abziehen müssen, um das Kernland Italien gegen den Rebellen Alarich zu verteidigen. Da sich im Süden schon die Alamannen festgesetzt hatten, wählten die Neuankömmlinge am 31. Dezember des gleichen Jahres das Umland um die alte Stadt und Legionsfestung Mogontiacum mit ihrer großen Brücke für ihren Übergang über den Rhein. Sie plünderten dabei die schutzlose Stadt aus und zogen danach eine Spur der Verwüstung durch Gallien. Den restlichen an der Rheingrenze verbliebenen Grenztruppen war es offenbar nicht mehr möglich, den Angreifern wirksamen Widerstand zu leisten. Der Usurpator Konstantin III: setzte mit seinen Truppen von Britannien nach Gallien über, bekämpfte dort die vandalischen und alanischen Eindringlinge und drängte sie nach Spanien ab, wo sie sich für einige Jahre festsetzen konnten, um schließlich Mitte des 5. Jahrhunderts in Nordafrika ihr eigenes Reich zu gründen. In den Jahren ab 411 gelang es Constantius III:, die Rheingrenze noch einmal zu stabilisieren.

 

Mit der Eroberung großer Gebiete in Nordafrika durch die Vandalen und Alanen unter Geiserich wurde das Ende des Limes in Afrika eingeläutet. 435 schloss die weströmische Regierung einen Vertrag mit den Eroberern, der ihnen das Siedlungsrecht in Mauretanien und Numidien zugestand. 439 wurde unter Bruch des Vertrags auch Karthago besetzt, nach der alten Hauptstadt Rom die größte Stadt des Westens, wobei den Vandalen auch ein dort stationierter römischer Flottenverband in die Hände fiel. Geiserich errichtete in den reichen afrikanischen Provinzen Byzacena und Proconsularis ein unabhängiges Königreich, das 442 auch von Valentinian III. anerkannt wurde. Als Folge davon brach der Regierung in Ravenna mit einem Schlag ein beträchtlicher Teil ihrer Steuereinnahmen weg.

 

Das Ende des „klassischen“ Limes vollzog sich deswegen auch am sichtbarsten im Westteil des Reiches, und hier vor allem am Donau-Iller-Rhein-Limes. Er hielt das Römische Reich weder kulturell noch räumlich mehr zusammen, konnte aus finanziellen Gründen nicht mehr ausreichend bemannt werden und war daher für die barbarischen Eindringlinge schon längst kein ernstzunehmendes Hindernis mehr. Das Konzept der wie auf einer Perlenkette aufgereihten, statischen Befestigungswerke wurde längst nicht mehr den veränderten politischen und militärischen Bedingungen gerecht, die diese Zeitperiode mit sich brachte. Als undurchlässige Barriere war der Limes ohnehin nie gedacht gewesen, doch auch als Grenzmarkierung und Kontrollinstanz zwischen dem Reich und dem „Barbaricum“ taugte er nun nicht mehr, zumal sich die Randregionen durch die Gründung germano-romanischer Königreiche auf bisherigen Reichsgebiet kulturell immer mehr anglichen. Eine der Hauptursachen für das Ende des Limes im Westen, die ständig leere Staatskasse, wird unter anderem auch in einer Passage der Vita Sancti Severini des Eugippius angeführt:

 

„Zur Zeit, als das römische Reich noch bestand, wurden die Soldaten vieler Städte für die Bewachung des Limes aus öffentlichen Mitteln besoldet (publicis stipendiis alebantur). Als diese Regelung aufhörte, zerfielen sogleich mit dem Limes auch die militärischen Einheiten.“

 

Diese fatale Entwicklung setzte bereits um 400 ein, als Westrom verstärkt zwar kostengünstigere, aber faktisch unabhängige und disziplinlose foederati zur Wiederauffüllung seiner stark dezimierten Grenztruppen anwerben musste. Die Erosion seiner Armee beschleunigte sich vermutlich massiv ab den späten 460er Jahren, dies auch als Folge von zwei erfolglosen Marineoperationen zur Rückeroberung der für das Westreich lebenswichtigen Provinzen in Nordafrika: Zuerst scheiterte Kaiser Majorian, nachdem die weströmische Flotte bereits an ihrem Sammelpunkt bei Carthago von vandalischen Geschwadern vollkommen aufgerieben worden war. Einige Zeit später wurde auch eine gemeinsame west- und oströmische Invasionsflotte unter ihrem Admiral Basiliskos nahe Karthago durch Brander vernichtet. Nach diesen desaströsen Misserfolgen war die Wiedereroberung von Nordafrika in noch weitere Ferne gerückt, denn auch die militärischen und finanziellen Möglichkeiten des Oströmischen Reiches waren nun ausgeschöpft. Da die Kassen Ravennas dadurch weiterhin leer blieben, verfielen Verwaltung, Heeresorganisation und Disziplin zusehends, und das Kaisertum büßte seinen letzten Rest an Autorität ein. Im Endstadium des Westreiches hatten Militärs die politische Kontrolle übernommen, wodurch es zu anarchischen Zuständen kam. Die Kommandeure der noch einsatzfähigen Armeen, Römer wie Nichtrömer, rangen um Macht, Land und den Zugang zu den verbliebenen Ressourcen. Die Angehörigen der romanischen Zivilbevölkerung am Limes, die nicht getötet oder geflohen waren, mussten nun selbst für ihre Sicherheit sorgen. Sie zogen sich hinter die Mauern der noch benutzbaren Legionslager und Kastelle zurück und stellten zu deren Verteidigung eigene Wachtrupps (vigiles) auf. Da wohl die meisten der ehemaligen Grenzsoldaten Familie hatten und für ihr Überleben kleine Landwirtschaften betrieben, zogen nicht alle von ihnen ab, sondern harrten weiter an ihren alten Stationierungsorten aus.

 

Nach Auswertung neuer Forschungsergebnisse existierte der Rheinlimes auf dem Gebiet der Provinz Germania II mit ziemlicher Sicherheit noch weit über die Katastrophe des Jahres 407 hinaus. Der – wohl nur vorübergehende Abzug – der Grenztruppen unter Stilicho, 401/402, änderte zunächst nur wenig. Die verbliebenen römischen Truppen wurden dabei zunächst von föderierten Burgunden, ab etwa 435 dann zunehmend durch fränkische Söldner verstärkt. Viele Kastelle blieben so auch weiterhin bemannt. Um 420 kontrollierten sie gemeinsam mit regulären Einheiten noch einmal den Rhein in seiner gesamten Länge. Um 450 beschleunigte sich dann aber zunehmend der Zerfall der römischen Herrschaft nördlich der Alpen, 459 wurde Köln von den Franken besetzt. Spätestens mit der Niederlage des „Rex Romanorum“ Syagrius gegen die Franken 486/87 endete die römische Kontrolle über Gallien. Die Verbände der Rheinarmee dürften sich danach geschlossen in den Dienst des Frankenkönigs Chlodwig gestellt haben. Die nebenstehende Abbildung stammt von einer alamannischen Silberplatte des 7. Jahrhunderts. Die betont klassische Form der Darstellung ist möglicherweise nur ein künstlerisches Zugeständnis, aber sie könnte einen jener, durch die germanische Landnahme abgeschnittenen, gallo-römischen Soldaten zeigen, denen es gelang ihre Kultur und Traditionen bis ins 6. Jahrhundert zu bewahren. Auch viele der Limeskastelle überdauerten das Ende des Weströmischen Kaisertums wohl noch um mehrere Jahrzehnte, was durch die archäologische Auswertung von Kastellfriedhöfen sowie Münzfunde, besonders von solidi, belegt ist. Die Garnisonen am Limes verschwanden daher sicher nicht von einem Tag auf den anderen, sie wurden aber mit der Zeit personell immer schwächer und gingen schließlich in Bürgermilizen auf, deren Loyalität nur mehr ihren unmittelbaren Befehlshaber oder örtlichen Königen galt.

 

Die größte Gefahr für den Limes an der unteren Donau ging in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts von den Hunnen Attila's aus. Wiederholt fielen sie in die Donauprovinzen ein und forderten als Gegenleistung für ihren Abzug von den Oströmern immer höhere Tribute. Als Kaiser Theodosius II. ihnen diese schließlich verweigerte, plünderten die Hunnen weitere Landstriche aus. In der Folge wurden die meisten Kastelle in der Moesia secunda und seinen Nachbarprovinzen zerstört oder aufgegeben. Von den Verwüstungen erholte sich die Region nur sehr langsam.

 

6. Jahrhundert

 

Im Osten blieb die römische Grenzverteidigung auch nach dem Ende des weströmischen Kaisertums 476 weiter bestehen. Kaiser Anastasius (491–518) ließ an der Donau und an der Grenze zum Sassanidenreich mehrere Befestigungen ausbessern oder neu errichten. Im Jahr 534 gelang Ostrom die Rückeroberung Nordafrikas; um die Mauren abzuwehren, ordnete Justinian (527–565) hier die Erbauung zahlreicher Festungen an. Unter diesem Kaiser wurde das letzte große Festungsbauprogramm am Limes initiiert; so wurde etwa im Donauraum eine Vielzahl an Kastellen errichtet, die auch archäologisch nachweisbar sind und deren Namen Prokopius von Caesarea in De Aedificiis auflistet. Auch der orientalische Limes, der den Festungsgürtel in Armenien und Nordmesopotamien unter Einschluss der Strata Diocletiana umfasste, wurde unter Justinian noch einmal massiv verstärkt.

 

All diese Anstrengungen konnten jedoch nicht mehr verhindern, dass die Verteidigung des unteren Donaulimes schon einige Jahre nach Justinians Tod zusammenbrach. Die Römer kontrollierten zwar weiterhin den Fluss, nicht aber das Hinterland, das ungehindert von Plünderern durchzogen wurde und schließlich mehr und mehr an slawische Einwanderer verloren ging. Zwischen 600/602 wurde der Limes an der unteren Donau von Awaren, Slawen und anderen Wandervölkerern überrannt. Die Oströmische Armee musste alle ihre Stützpunkte zwischen der Donau und dem Balkangebirge räumen und sich bis ins heutige Südbulgarien zurückziehen. Das bedeutete das endgültige Ende des Donaulimes. In Ostrom bestanden spätantike Limites noch bis ins 7. Jahrhundert. Ihr endgültiger Untergang setzt mit dem Beginn der Islamischen Expansion ein. Sie ließ das östliche Imperium Romanum auf einen byzantinischen Rumpfstaat zusammenschrumpfen, der eine vollständige militärische Reorganisation und strategische Neuorientierung mit sich brachte.

 

Auszug aus: www.wikipedia.org/wiki/Limes_(Grenzwall)