Bronzeschmied
Bronzeschmied

Der Kern der germanischen Gesellschaft war der Stamm, der sich aus mehreren Sippen rekrutierte und ein gemeinsames Gebiet besiedelte. Er war in der Regel Rechts- und Kulturgemeinschaft mit gemeinsamer Religion und besaß auch eine gemeinsame kultische und geografische Herkunft. Die Frühgermanen der Eisenzeit zwischen Rhein und Elbe gliederten sich nach Tacitus in drei große Stammesgruppen: Im Nordwesten Europas siedelten die Ingväonen, im Nordosten jenseits der Oder die Istväonen und im südlichen Mitteleuropa die Hermionen. Die Grundeinheit der Sippe behielt sich ihre Bedeutung im Großverband eines Stammes, der Stamm selbst aber zeigte sich der Einverleibung neuer Sippen und Kleinstämme aufgeschlossen. Die germanische Stammesgesellschaft war eine offene und mobile Gesellschaft. Das Mittel dieser Machterweiterung war nach anfänglicher Unterwerfung die Eingliederung aufgrund der Bejahung derselben gesellschaftlichen Werte. Das dies mit dem Gebrauch einer gemeinsamen Sprache verbunden war, liegt auf der Hand.

 

Die ersten Stämme waren im Norden die Dänen, Schweden, Norweger, Isländer und Färinger und die Färöer, welche einen extra Dialekt sprachen und sprechen. Im Osten waren es die Bastarnen, Skiren, Gepiden und Heruler, die Ost- und Westgoten, die Burgunder und Vandalen. Sie waren im heutigen Spanien, Italien, Frankreich und Nordafrika angesiedelt. Der Westen beherbergte die Kimbern und Teutonen, die Sweben (Schwaben), die Cherusker und Friesen, die Semnonen (Mark Brandenburg), die Sugambrer (zwischen Lippe und Westerwald), die Bataver im Rheindelta, die Usipeter und Tenkterer im heutigen Oberhessen, die Brukterer (Winkel zwischen Ems und Lippe), die Chatten (Hessen), die Ubier (Köln), die Markomannen (Bayern) und die Angeln, Sachsen und Jüten – heutige Engländer. Sie alle gründeten Staaten von Dauer, deren Sprache bei den Briten, Friesen, Holländern und Deutschen weiterlebt. Sie sind unsere unmittelbaren Vorfahren, die zum westgermanischen Verband zählenden Elb- und Weser-Rhein Germanen. Die Germanisierung Mitteleuropas fand während des kulturgeschichtlichen Übergangs von der Bronze- zur Eisenzeit ab 800 vor Chr. bis 100 vor Chr. statt. Währenddessen wurden die Kelten von den Germanen verdrängt. Auch die keltischen Siedlungsgebiete wurden durch die Germanen besetzt. Tacitus selbst rechnete alle Germanen zwischen Donau und Ostsee zu den Sueben, einem kriegerischen Stammesverband. Die Sueben waren ausgeprägte Krieger und wurden vom Expansionsdrang getrieben. Ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet an Elbe und Saale erweiterten sie nach Westen, Süden und vermutlich nach Norden. Zu den Sueben zählten die Markomannen, Semnonen, Quaden, Hermunduren und Langobarden. Der mächtige Bund der Sueben zerfiel in Splittergruppen. Das passierte im Laufe der germanischen Geschichte mit vielen Stammesverbänden. Sie veränderten sich oder verschwanden ganz. Zusammenschlüsse fanden dagegen zu den heutigen Franken statt. Sie entstanden aus den Usipetern, Sugambrern und Tenkterern. Die Semnonen und die Juthungen wurden im 4. Jhd. die Alemannen.

 

 

Die Germanen waren keine naturwüchsige basis-demokratische Stammgesellschaft. Die politische Macht lag in Händen einer kleinen Adelsschicht. Die germanischen Könige waren die Vertreter dieser Adelsschicht. Eine strenge hierarchische Gliederung galt auch unterhalb der Adelsschicht. Es gab Freie, Halbfreie und die Freigelassenen und Sklaven, welche meist Kriegsgefangene anderer Stämme waren.

 

Nach Simek[1] in „Die Germanen“ war nur der freie (auch vollfreie) Bauer wehrfähig, besitzfähig und hatte eine Stimme im Thing. Die germanische Eisenzeit war eine Sklavenhaltergesellschaft, Sklaven waren Sachbesitz, welche zum Hausstand gehörten oder Kleinpächter waren, die selbst wirtschaften durften. Während der Völkerwanderungszeit und in der Wikingerzeit wurde Sklavenhandel mit expandierenden Reichen, wie Omajaden oder Abasiden im Orient betrieben. Die Sklaven waren rechtlich nicht eigenständig, sondern ein Sachgegenstand, so wie unsere Tiere heute. Freigelassene Sklaven waren halbfrei, unterschieden sich aber in sozialer Stellung nicht von den Vollsklaven. Auch sie arbeiteten als Knechte in Haus und Hof.

 

[1] R.Simek, „Die Germanen“, S. 25.


Die Stammesverbände im freien Germanien

 

Im Jahrhundert der Zeitenwende erstreckte sich das freie Germanien von Skandinavien im Norden bis zur Donau im Süden, von der Weichsel im Osten bis zum Rhein im Westen. Im Norden siedelten die Friesen, Chauken und Sachsen (= Nordsee-Germanen), südlich anschließend die Tenkterer, Brukterer, Cherusker und Chatten (= Rhein-Weser-Germanen), östlich anschließend die Angeln, Langobarden, Semnonen, Hermunduren, Markomannen und Quaden (= Elbgermanen), weiter östlich die Lugier, Wandalen und Goten (= Oder-Warthe- Germanen) sowie die Burgunder und Rugier (= Weichsel-Germanen).

 

Ein »nationales« Zusammengehörigkeitsgefühl aller germanischen Stämme untereinander hat es nicht gegeben; die ältere deutsche Geschichtsschreibung ist darum im Unrecht, wenn sie Hermann den Cherusker als nationalen Heros feierte. Das verträgt sich unmöglich mit dem Stammespartikularismus, der den frühen Germanen zu Eigen war. Den Römern war dieser übrigens höchst willkommen, fügte er sich doch trefflich ihrem alten politischen Grundsatz des »Teilens und Herrschens« (lat.: Divide et impera!). An der Spitze eines Stammes stand der Stammesfürst, im Krieg der Herzog. Wahlkönige wurden in der Heeresversammlung auf den Schild gehoben und den anwesenden freien Kriegern so dargeboten. Das Aufgebot für einen Feldzug (»Heerbann«) war durch Treue und Gefolgschaft getragen. Diese »Werte« schweißten die germanischen Krieger zusammen. Der griechische Philosoph und Historiker Plutarch (* um 50, † um 125 n. Chr.) überliefert bei seiner Schilderung der Schlacht von Vercellae, die Kimbern des ersten Gliedes ihrer Angriffsformation seien »mit langen, am Gürtel befestigten Ketten aneinandergebunden « gewesen, »um ein Zersprengen ihrer Schlachtreihe zu verhindern. « Im Prinzip hatte jeder freie Krieger zugleich auch den Status als freier Bauer, weshalb die zentralen germanischen Rechtsbegriffe der »Treue« und der »Gefolgschaft« auch im zivilen Leben einen bestimmenden Einfluss hatten. Das Bauernvolk der Germanen, immer auf der Suche nach neuen Siedlungsräumen, war begierig nach römischer Waffentechnik. Viele andere Errungenschaften der mittelmeerischen Zivilisationen, etwa die hoch stehende römische Schriftkultur, interessierten sie zunächst rein gar nicht.

 

Das Bild von den blutrünstigen, stets angriffsbereiten Barbaren, die sich in keilförmiger Aufstellung und mit wildem Kampfgeschrei (»Barditus«) auf ihre Gegner werfen, ist aber nur die halbe Wahrheit. Die Germanen waren auch friedliche Bauern und Handwerker, darum keine nomadisierenden Horden, als die sie antike Schriftsteller gern sahen. Sie kleideten sich mit feinen Webstoffen, wohnten in robusten Holz- und Fachwerkhäusern, siedelten in Einzelhöfen oder Dörfern und führten ein patriarchalisches, jedoch kultiviertes Familienleben. Die Achtung, die der Frau galt, basierte auf der offenkundig großen Verantwortung, die sie in der einfachen germanischen Hauswirtschaft für Haus, Hof und Feld wahrzunehmen hatte. Ihre Wirtschaftsgüter tauschten die Germanen gern mit ihren keltischen oder provinzial römischen Nachbarn. Schon seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert soll der Einstrom römischer Erzeugnisse ins freie Germanien spürbar angestiegen sein. Dabei handelte es sich um Metallgefäße aus Bronze (gelegentlich auch aus Silber), ferner um Glasgefäße, um Terra Sigillata, Fibeln und Gürtelgarnituren sowie auch um Toilettengegenstände, wie zum Beispiel Bronzespiegel. Die Germanen boten neben regionalen Besonderheiten (wozu der oben beschriebene Bernstein gehören konnte) auch die zufälligen Überschüsse ihrer bäuerlichen Hofwirtschaft an – Häute und Felle beziehungsweise Pelze und Leder. Sie haben an die Römer auch Sklaven verkauft. Im Einzugsgebiet der provinzial römischen Grenzen versorgten sie die Legionäre mit Vieh, Schinken, Getreide, Gänsefedern, Frauenhaar, Seife etc. Heute lässt sich nur noch schwer ermessen, wie intensiv der Handel des freien Germanien mit der zivilisierten Welt des Mittelmeerraumes tatsächlich gewesen ist. Die Archäologen haben regionale Schwerpunkte ausmachen können und, verblüffend genug aus heutiger Sicht: diese lagen durchaus auch in grenzfernen Regionen.

 

Auszug aus: Römer und Germanen, Die Stammesverbände im freien Germanien, S. 17