Die Sprache der Germanen besaß viele Gemeinsamkeiten in Grammatik und Wortschatz mit den Sprachen der Kelten, Römer, Griechen, Slawen, Armenier, Perser und Inder; aber fast keine Gemeinsamkeiten z.B. mit den Sprachen der Ägypter oder Chinesen.
 
Daher wird angenommen, daß alle erstgenannten Völker von demselben Urvolk abstammen: von den sogenannten Indoeuropäern, die um 2000 v.Chr. vermutlich zwischen Mitteleuropa und Südrußland siedelten. Mit den Einwanderungen der Indoeuropäer nach Indien und Europa setzte sich ihre Sprache durch und verdrängte die Sprachen, die dort bis dahin gesprochen worden waren. Doch im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich die indoeuropäischen Stämme auseinander. Aussprache und Wortschatz der gemeinsamen Sprache veränderten sich bei verschiedenen Stämmen in verschiedener Weise:
 
Bei den Stämmen, die sich im Norden Europas niedergelassen hatten, änderte sich z.B. ab etwa 500 v.Chr. die Aussprache der Laute 'p' und 'ph' zu 'f': Indoeuropäisch 'Pisko' klang nun wie 'Fisk' (und entwickelte sich viel später zu Deutsch 'Fisch' und englisch 'fish'). Dieser neue Dialekt wirkte härter und schärfer als die ursprüngliche indoeuropäische Sprache. Auch betonte man Satzteile nicht mehr durch Änderung der Tonhöhe, sondern der Tonstärke, wodurch der melodische Klang verlorenging. Langsam entstand so eine eigenständige Sprache: das Germanische; und trotz starker Ähnlichkeit mit den verwandten und benachbarten keltischen Stämmen mußte man die nordeuropäischen Stämme allmählich als eigenständiges Volk sehen, als Germanen.
Ab etwa 300 v.Chr. hatte sich das Germanische so weit von dem Keltischen entfernt, daß beide Völker einander nicht mehr verstehen konnten. Denn auch bei den anderen neu entstandenen Völkern hatten sich Aussprache und Betonung des Indoeuropäischen geändert: Im Lateinischen entwickelte sich z.B. 'Pisko' (='Fisch') nicht zu 'fisk', sondern zu 'piscis' (und viel später im Italienischen zu 'pesce'). Oder 'ich trage' hieß indoeuropäisch vermutlich 'bhero', mehrere Jahrhunderte später lateinisch 'fero' und griechisch 'phero', auf Sanskrit 'bharami', auf Altslawisch 'bera' und auf Althochdeutsch 'biru'. (Im Englischen gibt es heute noch 'to bear', im Deutschen sind die Worte 'Bürde', 'Bahre' und 'gebären' damit verwandt.) Diese neu entstandenen Sprachen veränderten sich im Lauf der Zeit natürlich ebenfalls. Während z.B. Latein zu Italienisch, Französisch und Spanisch wurde, nahm das Germanische folgende Entwicklung:


Innerhalb des Germanischen oder Niederdeutschen gab es die unterschiedlichen Dialekte der Nord-, West- und Ostgermanen. Der ostgermanische Dialekt wurde von Goten und Langobarden gesprochen und ist untergegangen, nachdem diese Germanenstämme die römischen Provinzen Hispania und Italia erobert und die Sprachen der zahlenmäßig überlegenen Besiegten angenommen hatten. Aus dem westgermanischen Dialekt entwickelten sich das spätere Englisch, Deutsch, Niederländisch und Friesisch; aus dem Nordgermanischen das spätere Schwedisch, Dänisch, Norwegisch und Isländisch. Das moderne Hochdeutsch entwickelte sich im süddeutschen Raum, wo bis 500 n.Chr. viele Reibelaute und Doppelhauchlaute dazukamen: 'pf', 'tz', 'kch', 'ff', 'hh', ss'. Diese hustend, grunzend, prustend und zischend klingenden Laute gaben der Sprache einen rauhen Klang: 'Water' wurde zu 'Wasser', 'slapan' zu 'slaffan' (später 'schlafen'), 'maken' zu 'machen'. Das melodische lateinische 'mentha piperita' wurde von den Germanen übernommen und entwickelte sich zum hochdeutschen derben Wort 'Pfefferminze'. Damit hat sich das Deutsche klanglich am weitesten vom alten Germanisch entfernt: Die anderen heutigen germanischen Sprachen haben keinen derartigen Lautwandel durchlaufen; das Englische ist z.B. bei 'water', 'sleep', 'make' und 'peppermint' geblieben. Trotz der Lautverschiebung kann man als heutiger Deutscher mit etwas Mühe das Germanische verstehen (oder zumindest den Inhalt eines Textes erahnen):
 
Der älteste erhaltene germanische Text sind die Merseburger Zaubersprüche aus dem 9.Jh. Darin heilt Wodan Baldurs Pferd:


'ben zi bena, bluot zi bluoda,'
(Deutsch: Bein zu Bein, Blut zu Blut)
(Englisch: Bone to bone, blood to blood)
'lid ze geliden, sose gelimida sin.'
(Gelenk zu Gelenke, als ob sie geleimt wären)
(joint to joint, as if they were limed (glued)).
 
Auch aus dem 9.Jh. ist ein Bruchteil des Hildebrand-Liedes erhalten: Der heimkehrende Held trifft auf seinen Sohn, der ihn nicht erkennt und ihn zum Kampf auffordert:
 
'Welaga nu, waltant got, wewurt skihit,'
(Deutsch: Weh nun, waltender Gott, Wehgeschick geschieht!)
(Englisch: Woe now, ruling God, harm is about to happen!)
'ih wallota sumaro enti wintro sehstic'
(Ich waltete der Sommer und Winter sechzig,)
(I have lived summers and winters sixty)
...
'nu scal mih suasat chind suertu hauwan,'
(Nun soll mich mein eigenes Kind mit dem Schwert niederhauen)
(Now shall my own child strike me down with the sword)
'breton sinu billju, eddo ih imo ti banin werdan.'
(mich mit seiner Axt strecken, oder ich ihm zum Mörder werden.)
(kill me with his axe, or I become his murderer.)
 
Die meisten Worte dieser Texte wird man als Deutscher wiedererkennen. Fast alle germanischen Worte finden sich im Deutschen wieder, wenn auch meistens lautlich und von der Bedeutung her verändert. Und während z.B. die italienische Grammatik gegenüber der lateinischen stark vereinfacht ist, bleibt das Deutsche etwa ebenso kompliziert wie das Altgermanische. Das Englische ist zwar lautlich dem Germanischen sehr ähnlich geblieben, hat sich aber im Wortschatz stark verändert: Seit der Eroberung Englands durch die Französisch sprechenden Normannen (1066 n.Chr.) hat das Englische zahllose romanische Worte aufgenommen. Außerdem hat sich die englische Grammatik stark vereinfacht (deutsch 'ich sehe, du siehst, er sieht, wir sehen, ihr seht, sie sehen'; englisch 'I/you see, he sees, we/you/they see').
 
Auszug aus: http://www.germanen-und-roemer.de/lex024d.htm