Das Wort Indogermanen – daneben wird der weniger glücklich gewählte Name Indoeuropäer gebraucht – hat man geprägt, um damit das Volk oder die Völker anzudeuten, die eine von der Sprachwissenschaft erschlossene gemeinsame Sprache gesprochen haben. Aus dieser Ursprache sind die teils noch lebenden, teils seit langem verschollenen Sondersprachen hervorgegangen, die nach der Behandlung der Gutturalen in zwei Gruppen getrennt werden: eine östliche oder satem-Gruppe, die das Indische, Iranische, Baltische und Slawische umfasst, und eine westliche oder centum-Gruppe, zu welcher das Griechische, Italische, Keltische und Germanische gerechnet werden.

 

Aber das in Turkestan sog. Tocharische gehört doch wieder zur westlichen Abteilung. Die nahe zusammenhängende indische und iranische Sprache fasst man oft als arisch zusammen, nach dem Wort ârya– »Volksgenosse, Freund«, mit dem sich diese Völker benannten; der Gebrauch dieses Wortes für die Gesamtheit der Indogermanen ist unrichtig. Die Sprachwissenschaft hat allmählich mit großer Genauigkeit Lautgesetze festgestellt, nach denen sich die Wörter im Laufe der jahrtausendelangen Geschichte geändert haben; man kann dadurch ungefähr bestimmen, wie ein Wort in der Ursprache gelautet hat, und erfahren, welche Wörter ursprünglich sind. Durch diese »linguistische Paläontologie« hat man festgestellt, daß das Urvolk sich auf der Kulturstufe der Jungsteinzeit befand, aber schon ein Metall gekannt hat.

 

Heimat

 

Schwieriger ist es, die Heimat des Urvolkes zu bestimmen; darüber sind weit auseinandergehende Meinungen geäußert worden. Nachdem man anfänglich in Überschätzung der altindischen Sprache (Sanskrit, die Sprache der Vedas!) an Asien gedacht hatte, wurde später wieder Europa bevorzugt, entweder die südrussische Steppenlandschaft (O. Schrader) oder das thüringische Mittelgebirge (Schuchhardt), ja sogar das norddeutsche-skandinavische Gebiet (Kossina, Hirt). Die linguistische Paläontologie hat dabei die besten Dienste geleistet (die Namen der Buche und des Lachses). Der neueste Versuch von Paul Thieme kommt zu dem – freilich noch recht fraglichen – Ergebnis, daß die Heimat durch das Gebiet der Lachsflüsse bestimmt sei: also westlich der Buchengrenze, östlich des Rheins bis zur Ost- und Nordsee hin, etwa das Stromgebiet von Weichsel, Oder, Elbe und vielleicht Weser.

 

Wichtiger ist die Frage, wie sich aus dieser Ursprache die Sondersprachen entwickelt haben. Anfänglich dachte man an eine allmähliche Aufspaltung des Urvolkes, bes. durch Wanderungen, durch die das Gebiet zwischen Indus und Atlantik besiedelt wurde; die Sprachen verhielten sich zueinander wie die Glieder einer Familie (Stammbaumtheorie). Dem Charakter des Sprachwandels trug mehr Rechnung die von Johannes Schmidt verteidigte Erklärung: An mehreren Orten entwickelten sich Lautänderungen, die sich in kleineren oder größeren Kreisen ausdehnten; wo die Grenzen zusammentrafen, entstand eine mehr oder minder scharfe Trennung, die man als Sprachgrenze auffassen kann. Diese sog. Wellentheorie setzt also eine auf ziemlich großem Gebiet verbreitete Sprache voraus, die durch immerfort auftretenden Lautwandel differenziert wurde. Die Geschichte der Sprachen kennt aber neben Perioden der Aufspaltung und Dialektbildung auch solche der Vereinheitlichung, und es wäre denkbar, daß die rekonstruierte Ursprache selbst schon das Ergebnis eines Ausgleiches zwischen früheren dialektisch gefärbten Sprachen war. Das Problem wird dadurch noch weiter erschwert, daß man mit Substratsprachen rechnen muss, d. h. mit älteren, ganz andersartigen Sprachgebilden, die später vom Indogermanischen überlagert wurden.

 

Rasse

 

Die Ursprache zeigt durch ihren Formenreichtum einen eigentümlichen Charakter, der sicherlich eine lange Entwicklung voraussetzt; man denke an die Formen der Deklination und Konjugation, besonders an die Rolle, die der Ablaut in der Grammatik und in der Wortbildung spielt. Daraus darf man folgern, daß diese Sprache von einem Volke geschaffen wurde, das eine besondere, gewiss nicht »primitive« Geistesart hatte. Damit ist aber über die Rasse nichts ausgesagt. Man hat gerne an die sogenannte »nordische« Rasse gedacht (blond, blauäugig, langköpfig), und in der Tat weisen die Überlieferungen der Mittelmeervölker, etwa der Griechen und Römer, auf einen derartigen Rassenbestand hin.

 

Wenn sich aber das Urvolk schon auf einem ziemlich ausgedehnten Gebiet verbreitet hatte, ist Rassenmischung sehr wahrscheinlich; im allgemeinen dehnt sich eine Sprache leicht über Völker der verschiedensten Rassen aus; die »blonden« Indogermanen können ihre Sprache von einer ganz anderen Rasse übernommen haben. Solange die Fragen nicht gelöst sind, wie das Verhältnis des Indogermanischen zu den semitischen Sprachen einerseits, zu den finnisch-ugrischen andererseits zu bestimmen ist, muss es bei einem »non liquet« bleiben. Schon der Umstand, daß das Indogermanische im 3. Jt. v. Chr. Lehnwörter aus dem Sumerischen und Akkadischen aufgenommen hat, weist auf bis in vorhistorische Zeiten hinaufreichende Beziehungen zu den alten Kulturvölkern des Orients hin.

 

Religion

 

Die Ansichten über die Religion der Indogermanen haben im Laufe der Zeit stark gewechselt. Die großen Erfolge der Sprachvergleichung im Anfang des 19. Jh. haben dazu geführt, auf sprachlichem Wege zu bestimmen, ob und welche Götter dem Urvolke zugeschrieben werden dürfen. Die »vergleichende Mythologie« von Forschern wie Adalbert Kuhn und Max Müller (Germanistik) führte zwar zu überraschenden Ergebnissen und baute ein vielgliedriges Pantheon auf, aber nachher meldeten sich Einwände, bes. nachdem die immer genauer ausgearbeitete Sprachvergleichung die Unhaltbarkeit der aufgestellten Gleichungen nachgewiesen hatte.

 

Der evolutionistische Historismus des 19. Jh. erwog die Möglichkeit, daß es im Laufe der langen Entwicklung zu Entlehnungen gekommen Indogermanen so blieb schließlich nur ein gemeinsamer »Himmelsgott«, dessen Name in altindischen Dyaus pitar, griech. Zeus patêr, lat. Jupiter, germanisch Tíwaz bewahrt worden ist; aber sogar der germanisch Tíwaz gibt Anlass zu berechtigtem Zweifel. Zu wenig hat man aber wohl beachtet, daß die Lautgesetze der menschlichen Sprache nicht dieselbe Gültigkeit für die »Sprache der Götter und Geister« zu haben brauchen (sakrale und Tabusprachen!). Nachdem die Götter ausgeschaltet waren, blieb nur eine Art Animismus über, und man nahm allen Ernstes an, die Teilvölker hätten ihr Dasein mit einer Religion angefangen, die nur Dämonen und Ahnengeister kannte, nur mit einem Hochgott (Hochgottglaube), etwa im Sinne des Urmonotheismus; also eine Religionsform wie etwa die der Australische Ureinwohner. Dagegen wurde berechtigter Einspruch erhoben.

 

Götterwelt

 

Ein Fehler der vergleichenden Mythologie war überdies, daß man die Götter als Naturmächte (Naturmythologie) dachte, als Sonne, Mond und Sterne oder als Donner, Regen oder Wind (Gewitter). Eine gewisse Beziehung zu Naturerscheinungen ist immer vorhanden, sie ist aber nicht primär: Wodan ist im Grunde ebenso wenig ein Windgott wie Donar ein Gott des Donners (Germanische Religion, 9). Sie sind darüber hinaus etwas Wesentlicheres. Das funktionelle Denken der Neuzeit hat hier zu richtigeren Einsichten geführt: Man muss festzustellen versuchen, wie die Götterwelt als System funktioniert. Es ist dem französischen Forscher Georges Dumézil zu verdanken, daß wir zu einer besseren Einsicht gelangt sind. Die Götterwelt spiegelt die Vielschichtigkeit der sie verehrenden menschlichen Gesellschaft wider; diese trennt sich in drei Stände: die Repräsentanten der königlichen Gewalt, den kriegerischen Adel und das Landvolk.

 

Das Besondere des Göttersystems der Indogermanen ist nun, daß die erste, königliche Funktion aus zwei einander entgegengesetzten Aspekten besteht: einer mehr sakral-legalistischen Seite und einer magisch-schöpferischen. So stehen sich bei den Indern Mithra und Varuna, bei den Germanen Tíwaz und Wodan nahe und doch gegenüber. Zum Adel gehört ein Kriegsgott, den wir in Indra und Donar vorfinden. Zur dritten Funktion gehören mehrere naturgebundene Gottheiten, manchmal ein Bruderpaar wie die indischen Ashvins oder die griechischen Dioskuren; daneben finden wir hier bes. weibliche Göttergestalten. Das System ist so einzigartig, daß man es als eine originelle Schöpfung der Indogermanen auffassen darf; das Urvolk beweist seine hohe Veranlagung nicht nur durch seine durchgebildete Sprachform, sondern auch durch dieses Göttersystem.

 

Priesterstand

 

Obgleich sich bei mehreren indogermanischen Völkern ein ausgebildeter Priesterstand findet (z. B. die Brahmanen in Indien, die flamines in Rom, die Druiden bei den Kelten; Priestertum: I), hat man doch gemeint, die Indogermanen hätten ursprünglich keinen eigenen Priesterstand gekannt. Tatsächlich weisen die ältesten Überlieferungen der Griechen und Germanen darauf hin, daß der Kult äußerst einfach gewesen sein muss: ohne Tempel und ohne Priesterstand. Fraglich bleibt immerhin, ob das Rückbildungen sind, die das Priesterwesen eingeschränkt und zurückgedrängt haben. Jedenfalls gibt es Übereinstimmungen zwischen den Brahmanen und den flamines (vielleicht sind sogar die Namen verwandt), die darauf hindeuten können, daß priesterliche Funktionen mit ganz bestimmten Charakterzügen in sehr frühe Zeit zurückreichen. Diese sind dann wohl bes. im Umkreis des sakralen Königtums anzunehmen.

 

In den Volksschichten war jedenfalls der pater familias der Vollzieher der Opferhandlungen. Aber Dumézil hat hervorgehoben, daß wir bei mehreren indogermanischen. Völkern ähnliche Mythen vorfinden; es gibt sakrale und magische Formeln, die bis in die Zeit der Spracheinheit zurückreichen können. Dann möchte man doch wohl an kultische Traditionsträger denken, die man sich kaum anders als Priester vorstellen kann. Auch die Initiationsriten, die man mit immer größerer Sicherheit hat nachweisen können, setzen einen Priester voraus. Die großen allgemeinen Kultfeste fanden wohl ebenfalls unter priesterlicher Führung statt. Schließlich setzen das Gottesurteil und das Orakel sachkundige Männer voraus. Alles deutet darauf hin, daß man sich die Religion der Indogermanen nicht zu einfach und primitiv vorstellen darf.

 

Auszug aus:www.asatru-forum.de/index.php/Thread/19787-Indogermanen