DIE KRIEGER AUS DEM NORDEN


Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. entsteht zwischen Weser und Ostsee die Keimzelle der germanischen Völker. Lange Zeit ist wenig bekannt über diese neue Kultur. Bis 120 v. Chr. einige Stämme ihre Heimat in Richtung Süden verließen - und das Römische Reich an den Rand des Untergangs bringen. Als die Römer 113 v. Chr. zum ersten Mal Germanen begegnen, wissen sie kaum etwas über ihre schon bald gefährlichsten Feinde. Und ihr Wissen bleibt noch für Jahrzehnte grotesk verzerrt, übertrieben und zumeist schlicht falsch. Die arroganten Herren der aufstrebenden Weltmacht haben noch nicht einmal einen eigenen Namen für das Volk aus dem Norden des Kontinents (etwa ab etwa 50 v. Chr. werden römische Schriftstellern ihren Lesern in der Tiber Metropole erklären, dass westlich des Rheins Gallier siedeln, die das Imperium Romanum vollständig unterworfen habe - östlich des Flusses aber wohnten die Germanen in einem unwirtlichen Land, das zu erobern sich nicht lohnte.


Die Chronisten entleihen das Wort "Germanen", mit dem wohl zuerst Kelten einige kleinere, am Niederrhein siedelnde Stämme benannt haben, und nutzen es fortan für alle Völkerschaften zwischen Rhein und Weichsel, Ostsee und den Alpen. Aus welcher Sprache die Bezeichnung "Germanen" stammt und was genau sie bedeutet ist bis heute umstritten. Viele Sprachwissenschaftler vermuten eine keltische Herkunft und übersetzen es mit "die Grimmigen" oder "die Schreier"; andere leiten den Begriff sogar aus dem Hebräischen ab. Sicher scheint nur. Die germanischen Stämme haben sich ursprünglich nicht so genannt. Auch als ein gemeinsames Volk haben sie sich nie begriffen. weder Kimbern und Teutonen, noch später Goten und Sachsen. Aber wie bei den amerikanischen Ureinwohnern in denen Kolumbus Bewohner Indiens sah, blieb auch in diesem Fall der falsche Name haften. Wenige Gerüchte nur gelangen ab etwa 325 v. Chr. über das Land der anonymen Fremden nach Italien. Es reiche vom Rhein bis zur Küste des Nordmeers, dem Ende der Welt nach Ansicht antiker Geographen. Unermessliche Urwälder verdunkelten das Land - von Sümpfen durchzogene Dickichte in denen Fabelwesen lebten. Einhörner und Auerochsen, fast so groß wie Elefanten. Der griechische Dichter Homer sei von dieser trostlosen rauen Gegend, so heißt es, zu seiner Schilderung des Totenreiches inspiriert worden.


Die dort hausenden Menschen sollen ungezähmte Primitive sein: Kannibalen, schmutzige Riesen die sich in Tierfelle hüllen und übel riechen, weil sie Butter in ihre rotblonden Haare schmieren. Ackerbau betrieben sie nicht, vermelden die spärlichen römischen Quellen; jedoch hielten sie Vieh- und schon zum Frühstück würden sie große Mengen Fleisch essen und Milch und unverdünnten Wein trinken. Den vertrügen sie aber schlecht und betrunken seien sie noch leichter erregbar als sonst und würden sich gegenseitig totschlagen. Weshalb auch sollte ein kultivierter Südeuropäer auch mehr wissen wollen über diese rückständigen Barbaren am Rand der Zivilisation? Die nicht schreiben können, keine Thermen, Tempel oder Steinhäuser bauen, die keine Städte, keinen Staat und keine Armee haben. Und die ganz offensichtlich keine Gefahr für die römische Republik bedeuten. Keine Gefahr? Da täuschen sich die Römer. Denn um 113 v. Chr. brechen die Barbaren in die Zivilisation ein. Und schon bald steht das sieggewohnte Römerreich unangefochtener Hegemon am Mittelmeer, beinahe vor dem Untergang.


Etwa sieben Jahre zuvor setzte sich wohl nördlich der Grenzen des Imperiums ein gewaltiger Zug in Bewegung. Germanen vom Stamm der Kimbern, und wohl auch der benachbarten Teutonen verließen ihre Heimat Jütland und marschierte in Richtung Süden: Zehntausende Männer, Frauen und Kinder mitsamt ihrer Habe und der Haustiere. Wahrscheinlich hatten Sturmfluten ihre Dörfer vernichtet, eine Hungersnot drohte. weiter südlich hofften sie freies Siedlungsland zu finden - vielleicht bei den wohlhabenden Kelten. Zunächst gelangte keine Nachricht über den Flüchtlingszug nach Rom. Doch die Aussicht auf fruchtbares Land ließ den Treck immer weiter anschwellen, einzelne Sippen und Dorfgemeinschaften, ganze Stämme schlossen sich an, bis er 300000 Köpfe stark war- zu viele Menschen, als dass ein anderes Volk ihnen ausreichend Land abtreten würde. Und bei weitem zu viele, um von Rom noch länger ignoriert zu werden. Im Jahr 113 v. Chr. schließlich erreichen die Flüchtlinge das heutige Kärnten, wo ein mit den Römern verbündeter keltischer Stamm siedelt. Der ruft seine Alliierten aus dem Süden zu Hilfe. der heranrückende römische Heerführer rechnet mit einem leichten Sieg, greift ohne Vorwarnung bei Noria an. Und unterliegt.


Vier Jahre später ziehen abermals Legionen gegen die Schar. Die Kimbern und Teutonen sind in der Zwischenzeit nach Westen ausgewichen - sie haben niemanden gefunden, der bereit war, ihnen Siedlungsland zu überlassen. An der Nordgrenze der Provinz Gallia Narbonensis (der heutigen Provence) treffen die Römer auf die Germanen. Und werden erneut geschlagen. Das sind zwei alarmierende Misserfolge, aber eine wirkliche Bedrohung scheine die Barbaren nicht zu sein, da sie nach ihrem Sieg nicht auf römisches Gebiet vorgedrungen sind, sondern weiterwandern. Das Imperium sei nach wie vor sicher, meinen die Senatoren und Beamten der Stadt am Tober. Doch erneut irren sich die Römer - der Abzug ist nur eine kurze Ruhepause, ehe die Germanen mit der Gewalt einer Naturkatastrophe in Italien einbrechen.


Im Jahre 105 v. Chr. verheeren Kimbern und Teutonen noch immer ohne Land zum ersten Mal römisches Gebiet. Sie plündern die Provinz Gallia Narbonensis. Die Herausforderung nimmt das Imperium ernst; zwei starke Heere sollen die Barbaren zurückwerfen. Am 6. Oktober kommt es bei Arausio an der Rhône zur Schlacht. Doch weil jeder der beiden römischen Feldherren den entscheidenden Sieg allein erringen will (und damit das Anrecht auf einen Triumphzug), ziehen ihre Armeen getrennt, ohne gemeinsame Taktik in den Kampf- und in den Untergang. Als die halbnackten bemalten Krieger aus dem Norden mit Kriegsgebrüll auf die Kohorten der Römer stürzen, angefeuert von Trommelklängen und den Schreien ihrer Frauen, ist der Widerstand nur schwach. Schnell wird erst die eine, dann die andere Streitmacht an den Fluss gedrängt, umzingelt und niedergemetzelt.


Am Ende des Tages sind vermutlich rund 80000 Legionäre sowie 40000 Trossknechte gefallen- es ist wohl die verlustreichste Niederlage, die das Großreich in seiner jahrhundertelangen Geschichte erleidet. Nur zehn Mann sollen überlebt haben, notiert ein antiker Chronist. Sie tragen die Unglücksbotschaft in die Heimat. Vielleicht noch größeres Entsetzen als die Nachricht von der Niederlage lösen in Rom die Berichte über die Massaker nach dem Ende der Schlacht aus. Denn die Germanen steigern sich in einen Blutrausch, opfern ihre Gefangenen, indem sie ihnen die Kehlen durchschneiden, oder sie an Bäumen aufhängen, ertränken die Pferde der Römer in der Rhône, zerhacken sämtliche Beute und versenken sie im Fluss: Waffen, Brustpanzer der Legionäre, Kleider, Schmuck. "Furor Teutonicus" nennen dies angstvoll lateinische Dichter: teutonische Raserei. Die sich jetzt, damit rechnen alle, unweigerlich gegen Italien richten wird.

Auch heutige Historiker wissen über die Menschen aus dem Norden, die ihre Heimat verließen und die überragende Militärmacht ihrer Zeit herausforderten, nur wenig mehr als die antiken Schriftsteller vor über 2000 Jahren. Zudem sind alle schriftlichen Informationen zu den frühen Germanen von den Griechen und Römern überliefert - also von den Feinden.


Wer aber waren diese Stämme und wo kamen sie her?


Um 1000 v. Chr. siedelten mehrere große Bevölkerungsgruppen in dem Raum zwischen Alpen und Ostsee- unter anderem das Resultat der indoeuropäischen Wanderung: Einige Jahrhunderte zuvor waren große Stammesverbände in die bereits teilweise in die bereits besiedelte Region vorgedrungen. Die ursprüngliche Heimat diese nach ihrer Hauptwaffe benannten "Streitaxtleute" ist in der Forschung umstritten, möglicherweise lag sie in Südrußland oder Anatolien.


DIE STÄMME DER GERMANEN:


Von ihrem Ursprung nordöstlich der Weser breiten sich die Germanen ab dem 6. Jh. v. Chr. bis zur Donau, Weichsel und nach Skandinavien aus. Um 100 n. Chr. gibt es fast 70 Stämme in dieser Region. Vin den meisten ist kaum mehr als der Name bekannt - oft nicht einmal, wo genau ihre Dörfer und Felder lagen.


Chatten: Fast permanent streiten die Namensgeber der heutigen Hessen mit ihren germanischen Nachbarn um Siedlungsland und gegen römische Eindringlinge, die die Chatten zweimal kurz unterwerfen. Besonders gefürchtet sind chattische Sonderkämpfer, die sich nie rasieren oder die Haare scheren und allein für den Krieg leben. Im 5. Jh. n. Chr. schließt sich der Stamm möglicherweise den Franken an.


Chauken: Anfangs lebt dieses Volk an der Unterweser. Um 37 n. Chr. überfällt es die gallischen Küsten und erobert später weitere Territorien an der Emsmündung. Von einem Einfall in das Römische Reich lassen sich die Chauken durch Geldzahlungen abbringen. Später gehen sie wohl im Großverband der Sachsen auf.


Cherusker: Zwistigkeiten zwischen einzelnen Clans spalten den Stamm, der 9 n. Chr. drei römische Legionen in der Varusschlacht niedergemetzelt hat. Arminius etwa, der siegreiche Anführer in dem Gefecht fällt einem Mordanschlag seiner Verwandten zum Opfer. Vom dauernden Streit geschwächt, werden die Cherusker rund 100 Jahre nach ihrem Triumph über das Imperium endgültig von den Chatten vernichtet.


Friesen: Das Volk siedelt an der Nordseeküste zwischen Rhein- und Emsmündung. Um Christi Geburt ist es Rom tributpflichtig, befreit sich jedoch nach mehreren Aufständen von der Oberhoheit. Bis 100 n. Chr. errichten die Friesen in Marschen und Randgebieten von Mooren mehr als 1500 Siedlungen.


Goten: Als um die Mitte des 2. Jh. n. Chr. ihre Bevölkerung immer mehr anwächst, verlassen die Goten ihre Siedlungen an der Weichselmündung und ziehen zum Schwarzen Meer und zur Donau. Um 290 teilt sich das Volk auf. Die Westgoten plündern 410 als erster Germanenstamm Rom und gründen später ein Reich in Südwestgallien. Die Ostgoten erobern 493 Italien.


Kimbern: Nicht alle Stammesangehörigen schließen sich 120 v. Chr. dem großen Treck in den Süden an. Einige verbleiben in der Heimat im Norden Jütlands und entgehen so der Vernichtung durch die römische Armee. 5 n. Chr. reiste eine kimbrische Delegation zu Kaiser Augustus, um den Angriff ihrer Vorfahren auf das Imperium zu sühnen, mit dem wertvollsten Gegenstand des Stammes, einem Kessel.


Langobarden: Die wehrhafte kleine Gruppe Ackerbauern, wohl nur wenige 10000 Menschen, siedelt anfangs an der Niederelbe. Im Jahr 568 n. Chr. ziehen die Langobarden unter König Albion nach Norditalien und gründen dort ihr eigenes Reich. Mit diesem letzten großen Einfall eines Germanenstammes in ehemals römisches Territorium endet die Zeit der Völkerwanderung.


Um 375 n. Chr. geraten die Germanen in Bewegung. Vor den Hunnen fliehend, verlassen viele Stämme ihr Siedlungsgebiet - so die Burgunder, die vom Rhein zum Genfer See und an die Rhône ziehen - oder werden von Großverbänden wie den Franken unterworfen. Nur wenige bleiben in der Heimat, etwa die Friesen.

 

Auszug aus: GEO-EPOCHE: Die Germanen: Die Krieger aus dem Norden