Archäologische Beweise zeugen von Siedlungsgebieten an der Elbe und sie tragen einen eigenen Namen, die Jastorf Kultur[1]. Als einer der ältesten Archäologie Beweise gilt die sogenannte Jastorf –Kultur, benannt nach dem früheisenzeitlichen Gräberfeld bei Uelzen-ca. auf das 1.Jhd. nach Christus datiert. Das Urnengräberfeld gilt als Beleg für den beidseitigen Mittel- und Unterlauf der Elbe als Siedlungsgebiet. Die Verwandtschaft mit den südskandinavischen Gruppen, den dänischen Inseln und Südschweden, sowie den keltisch angesehenen Gruppen der “Hallstatt und Latene- Zeit“ ist hoch und sie beeinflussten sich mit beträchtlichen Gemeinsamkeiten. Die Ausgrabungen von Feddelsen Wierde zeigen einen freistehenden Einzelhof mit Zusammenschlüssen zu weiterartigen Kleinsiedlungen. Auch waren Wurtensiedlungen als germanische Fluchtburgen vereinzelnd an der Küste anzutreffen, die erhöht erbaut einen Zusammenschluss zu weiteren ermöglichten. Auch fand man bei Ausgrabungen bei Borremose in Dänemark, dem „freien Germanien“ vor 2000 Jahren, wo in großen Waldgebieten mit darin eingebetteten Lichtungsinseln durchaus mehr als eine Handvoll Gehöfte (bis zu 18) die mit Palisaden oder Wall versehen wurden.


Schiffstypen wurden früher unter 15 m Länge (Hjortsringfund-Nordjütland) gepaddelt und nicht gesegelt. Die 20 m langen und 3 m breiten für 20-30 Schiffe aus Eichen- und Kiefernholz wurden anfänglich gerudert und teilweise gesegelt. Diese völkerwanderungszeitlichen Schiffe sind im Gegenteil zu den Hjortsringfund konsequent auf einen Kiel gebaut. Die überlappenden Platten waren zum rudern geeigneter. Die Takelage war meist noch unbekannt, aber wie bei den Wikingern wurde es später durch das seitliche Ruder geführt. Der gestreckte Einbaum wurde in Karolinger Zeit mit aufgesetzten Seitenplanken versehen. Dieser Schiffstyp wurde für Westeuropa bestimmend, aber die bauliche Eigenheit begrenzte sicherlich das Größenwachstum dieses Schifftyps.

Boot aus vorrömischer Zeit
Boot aus vorrömischer Zeit

 

Nach Simek in “Die Germanen“ kann man das alte Germanien nicht als ethnische Einheit betrachten, „Germanen“ waren ein Sammelbegriff für Gruppen von Völkern.[2] Besser wären sie kulturgeschichtlich bei den betroffenen Völkerschaften ab Ende der nordischen Bronzezeit und dem Beginn der Eisenzeit in Südskandinavien, sowie der norddeutschen Tiefebene zu beschreiben bis sie, egal welche ethnischen Herkunft sie dann waren, den Charakter des germanischen angenommen haben.[3]

 

Hier werden wir versuchen, die Sprache der Germanen zu beschreiben. Es gab nur ein fiktives Urgermanisch, zusammengesetzt aus vielen verschiedenen Sprachfamilien. Aus der Sprachengruppe der Angeln, Sachsen, Jüten und wohl auch der Friesen entwickelte sich unser heutiges Englisch. Weitere Sprachengruppen waren deutsch und niederländisch. Die Nordgermanische Sprachengruppe weist wohl den größten Einfluss in Europa auf. Hieraus entwickelten sich Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Isländisch und Färingisch. Dagegen nicht Finnisch und Samisch. Ausgestorben ist das Gotische. Es wird nur noch in Norditalien krimgotisch und langobardisch gesprochen.

 

[1] R.Simek, Die Germanen, S. 11.

[2] Simek, „Die Germanen“, S.12f. 

[3] Simek, „Die Germanen“, S.12.

 

Die Jastorf-Kultur ist eine nordmitteleuropäische archäologische Kulturstufe und Kulturgruppe aus der Zeit von etwa 600 v. Chr. bis zur Zeitenwende (vorrömische Eisenzeit), die als Vorgängerkultur der Elbgermanen angesehen wird. Benannt wurde diese Kultur durch Gustav Schwantes nach einem Urnengräberfeld beim Ort Jastorf (Landkreis Uelzen) in Niedersachsen.

 

Die früher vermutete Einwanderung aus Dänemark und Südschweden(Skandinavien) wird von Archäologen nicht mehr vertreten. Heute wird angenommen, dass sich die Jastorf-Kultur aus der Hallstatt-Kultur unter Einfluss der weiter nördlich gelegenen nordischen Bronzezeit entwickelte. Mit der nachfolgenden keltischen La-Tene-Kultur ist ein starker kultureller Austausch nachgewiesen. Die Verbreitung der Jastorf-Kultur beschränkte sich zunächst auf Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Es folgte eine rasche Expansion Richtung Harz, und gegen 500 v. Chr. erreichte die Kultur das heutige Thüringen, den Niederrhein und Niederschlesien. Die Jastorf-Kultur und ihre zeitliche Entsprechung in der vorausgehenden nordischen Bronzezeit werden als germanische oder vorgermanische Kulturen angesehen. Die nordische Bronzezeit bildet eine eigenständige Kultur während der gleichzeitigen Existenz der nördlichen Urnenfelderkultur, die aus der zentralen Urnenfelderkultur hervorging. Die nördliche Urnenfelderkultur beziehungsweise Hügelgräberkultur war die vorgermanische Kultur der späten Bronzezeit. Chronologisches Gerüst und zeitliche Parallelisierung mit den gleichzeitigen Süd- und mitteldeutschen Kulturen:

 

• 600 - 500 v. Chr. Jastorf A entspricht Hallstatt D

• 500 - 400 v. Chr. Jastorf B entspricht Latene A

• 400 - 350 v. Chr. Jastorf C entspricht Latene B

• 350 - 120 v. Chr. Ripdorf entspricht Latene C

• 120 - 0 v. Chr. Seedorf entspricht Latene D

 

Gefunden wurden bisher hauptsächlich Bestattungen mit Hügelgräbern, Flachgräbern und Brandgrubengräbern. Grabbeigaben waren selten und dann eher ärmlich, Waffenbeigaben fehlen ganz. Die Forschung betrachtet die Jastorfkultur als Basis der aus ihr hervorgehenden germanischen Stämme und der germanischen Sprach- und Kulturgemeinschaft. Das Fundgut zeigt bereits eine gewisse Differenzierung, die sich in Kleidung, Schmuck und Keramik manifestiert.

 

Der 16-jährige Gustav Schwantes entdeckte 1897 in der Heitbracker Heide beim Jastorfer Moor einen unberührten Urnenfriedhof, den er mit seinem Bruder und zwei Freunden ausgrub. Die 42 gefundenen Urnen mit deren Inhalt aus Eisen- und Bronzeteilen brachte er in das Naturhistorische Museum Hamburg, wo sie der Latènezeit zugeordnet wurden. Schwantes bemerkte, dass sich die Beigaben seiner Urnen von den Fundstücken des Museum erheblich unterschieden. Auch weitere von Schwantes entdeckte Funde nördlich von Jastorf auf einem Sandfeld an der Ilmenau zeigten diese Abweichungen. Dort wurden im Verlauf einiger Jahre 160 Gräber mit Urnen gefunden. Durch die Unterschiede geriet die bis dahin geltende Theorie ins Wanken, dass das Eisen erst durch die keltische Latènezivilisation nach Nordeuropa gelangt ist. Schwantes stellte fest, dass die Jastorf-Kultur schon vor der Latènezeit begonnen hatte, was der Prähistoriker Carl Schuchardt 1935 als wissenschaftliche Leistung würdigte. Schwantes untersuchte noch weitere Urnenfriedhöfe im nordöstlichen Niedersachsen und das umfangreiche Fundmaterial ermöglichte es ihm, die Jastorf-Kultur zeitlich in drei Stufen (Jastorf A, Jastorf B, Jastorf C) zu unterteilen.

 

Auszug aus:www.wikipedia.org/wiki/Jastorf-Kultur

 

Im 6. Jh. v. Chr. bzw. am Ende der Hallstattzeit standen sich in Mitteleuropa zwei große, kulturell unterschiedliche Bereiche gegenüber: der der wirtschaftlich und sozial hochentwickelten Hallstattkultur im süddeutsch-österreichischen Alpenraum bis hin an den Rand des Thüringer Waldes, der später von den Trägern der Latène-Kultur, den Kelten, eingenommen wurde; und der nördlich daran anschließenden bis zur Nord- und Ostsee verbreitete und stark von den Kelten beeinflusste aber wirtschaftlich nicht so weit fortgeschrittene Bereich, in dem sich die Jastorfkultur herausgebildet hatte, deren Träger sicher die Germanen waren und die bis in das letzte Jahrhundert v. Chr. hinein unmittelbare Nachbarn der Kelten blieben.

 

Die Siedlungsgebiete im Norden standen unter dem Einfluss der Hallstatt- und später der Latènekultur. Vermittelt wurde nachweislich Kulturgut des persönlichen Bedarfs wie Nadeln und Fibeln. Das ästhetische Empfinden der Bevölkerung im Jastorfkulturbereich und darüber hinaus wurde dadurch maßgeblich mitbestimmt. Auch am Niederrhein findet man in der so genannten Grabhügelkultur Hallstattelemente. Über diesen Raum hinaus wurde das Gebiet westlich der Ems und das bis zur Weser und Aller beeinflusst.

 

Die Beziehungen der Germanen zu den Kelten wirkten sich anders aus als die der Kelten zu den Völkern des Mittelmeerraums. Abgesehen von der Grenzzone zwischen Germanen und Kelten, die eine Sonderstellung in kultureller Hinsicht durch die starke Aneignung hochwertiger keltischer Erzeugnisse aus Metall und scheibengetöpferter Keramik einnahm, tauchte im Kerngebiet des Jastorfkreises, das in NO-Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, der Altmark, der Priegnitz und dem Havelgebiet zu suchen ist, eine Reihe von Schmuckstücken, Trachtbestandteilen und Gebrauchsgegenständen auf, die eindeutig dem Formengut der Halstatt- und Latènekultur entlehnt worden sind (Schmucknadeln, Fibeln, Gürtelschließen, Arm- und Halsringe, Bekleidung).

 

Auszug aus:www.geschichtsforum.de/f35/woher-stammte-die-jastorf-kultur-43464

 

Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass der Name unseres lieben alten Jastorf bei Bevensen in aller Welt bekannt geworden ist durch den großen Urnenfriedhof, der ganz in der Nähe des Ortes am Ilmenau-Ufer liegt, am Wege von Jastorf nach Kl. Hesebeck. Noch heute ist das Gelände annähernd in demselben Zustand wie nach der Untersuchung der vielen Gräber, die im Jahre 1897 Herr Hofbesitzer H. Schröder, Jastorf, auf seinem Heidefelde fand. Die ersten Grabgefäße entdeckte man an einer sich nur wenig erhebenden Bodenanschwellung unmittelbar am steilen Abfall des Geländes zur Ilmenau beim Sandgraben. Mein Bruder Curt und ich erfuhren davon, weil wir damals in der weltentrückten Heide von Heitbrack einen kleinen Urnenfriedhof ausgruben und Abend für Abend, oft in jeder Hand eine in Tücher eingebundene Urne mit ihrem gesamten Inhalt, Jastorf passierten zu unserem Ferienwohnort Sasendorf. Herr Schröder führte uns an die Fundstelle und wir verabredeten, dass der von ihm gefundene neue Urnenfriedhof in der nächsten Schulferienzeit nach allen Regeln der Kunst, wie ich sie soeben von unserem ausgezeichneten Freund, Hofbesitzer Heinrich Meyer, Haarstorf gelernt hatte, ausgegraben werden sollte. Herr Meyer, der an mehreren Universitäten Landwirtschaft studiert hatte, machte dort die Bekanntschaft von Dr. Julius Naue in München und anderen Bekannten Urgeschichtsforschern, besuchte ihre Ausgrabungen und konnte so viele Erfahrungen sammeln, die mir völlig fehlten. Es gab damals ja auch noch keine Bücher, die über so etwas richtig unterrichteten. Groß war unser Kummer, als wir nach einigen Monaten die Jastorfer Fundstätte wieder aufsuchten: Das gesamte Heidefeld war völlig durchgewühlt, Grube an Grube und Sandhaufen neben Sandhaufen.

 

Was in der Einsamkeit von Heitbrack nicht eingetreten war, war auf dem Jastorfer Urnenfelde leider geschehen: Schulkinder aus der Nähe und der Ferne waren nicht selten klassenweise angetreten zum „Urnenbuddeln". Trotz dieser im ersten Augenblick hoffnungslos aussehenden Verwüstung haben wir doch auf dem Urnenfriedhof mehrere Jahre lang gegraben, wobei sich herausstellte, dass in den Räumen zwischen den einzelnen Gruben vieles unentdeckt geblieben war, so dass wir noch 160 Gräber untersuchen konnten. Die letzten Arbeiten erfolgten mit Unterstützung des Provinzialmuseums in Hannover, wohin auch die sämtlichen von uns gehobenen Funde überführt wurden. Zu ganz besonderem Dank sind wir jedoch Herrn Hofbesitzer H. Schröder in Jastorf verpflichtet, nicht nur für die Erlaubnis zur Ausgrabung, sondern auch für die liebenswürdigste Unterstützung und Hilfeleistung bei unseren Arbeiten.

 

Warum ist nun aber der Name des freundlichen Dorfes an der Ilmenau durch alle Welt getragen? Ganz richtig, nicht allzu viele Schritte vom Jastorfer Schulhause entfernt fand sich der Urnenfriedhof, aber solche Grabstätten gab es und gibt es noch heute im Hannoverlande und auch sonst in Norddeutschland in Menge. Das Jastorfer Grabfeld ist auch durchaus nicht einzigartig; schon das benachbarte bei Heitbrack und viele andere in der weiteren Umgebung von Bevensen gehörten der nämlichen Zeit an, mit denselben Töpfen, mit denselben eisernen und bronzenen Grabbeigaben darin. Während der Ausgrabung von Jastorf gelang jedoch die Lösung eines wichtigen wissenschaftlichen Problems, und da nun Jastorf ausschlaggebend dazu beigetragen hatte, fand ich es durchaus angemessen, die durch das Gräberfeld veranschaulichte urgeschichtliche Periode nach ihm zu benennen. Die Namen Jastorf-Zeit, Jastorf-Zivilisation, Jastorf-Kultur usw. wurden wissenschaftliche Begriffe, mit denen gut zu arbeiten war; so breiteten sie sich aus und geben heute einer sehr bedeutsamen Periode unserer germanischen Urgeschichte ihren Namen.

 

Was für ein Problem war es denn, das durch die Jastorfer Urnengräber so hell beleuchtet wurde? Man muss da ein wenig ausholen. Es handelte sich einmal um die Frage, woher das älteste Eisen den deutschen und skandinavischen Norden erreicht hatte, es handelte sich jedoch noch um einige andere damit verbundene Fragen. Ein norwegischer Forscher, Ingvald Undset, der Vater der berühmten Dichterin Sigrid Undset, hatte ein Buch über das erste Auftreten des Eisens in Nordeuropa verfasst, das von Johanna Mestorf in Kiel ins Deutsche übersetzt wurde und 1882 in Hamburg erschien. Undset wurde seinerzeit allgemein als der größte Urgeschichtsforscher des Nordens geschätzt. Er hatte auf weiten Reisen vom Mittelmeer bis zum Nordmeer die umfassendsten Studien mit der ihm eigenen Umsicht und Energie durchgeführt und so war ihm schon zuzutrauen, dass ihm auch die Lösung der noch immer offenen Frage nach der Einführung, der Kenntnis des Eisens in den erst steinzeitlichen, dann bronzezeitlichen Norden Europas glücken würde. Schon vor dem Beginn seiner Arbeit waren in Mitteleuropa bedeutsame Fundgruppen zu Tage gekommen, in denen sich das Eisen schon lange vor dem Auftreten der Römer in Gallien und Germanien zeigt. Die erste und älteste dieser Gruppen trat auf dem Salzberg bei Hallstatt im Salzkammergut zutage: Ein großes Gräberfeld mit teils unverbrannten, teils verbrannten Leichen und reichen Grabbeigaben in Bronze und Eisen. Die Formen auch der eisernen Waffen, Geräte und Schmuckstücke glichen noch in so hohem Maße denen der vorangegangenen Bronzezeit, dass man die sich in ihnen offenbarende Gesittung als eine Eisen-Bronzezeit bezeichnen könnte. Da verwandte Sachen auch im benachbarten Italien zutage getreten waren, war es nicht allzu schwer, auch die Zeit der sog. Hallstatt-Gesittung in großen Zügen anzudeuten: Sie musste in die erste Hälfte des letzten Jahrtausends v. Chr. fallen.

 

Noch leichter zeitlich zu bestimmen war die andere große Fundgruppe, die nach einer Untiefe im Neuenburger See in der Schweiz, im Volksmunde Latene genannt, die Latene-Gesittung getauft worden war. Das war bereits eine ausgesprochene Eisenzivilisation, auch in ihren Formen durchaus jünger als Hallstatt. Sie bezeichnete die erste reine Eisenzeit Mitteleuropas; ihre jüngsten Ausläufer verloren sich in dem Jahrhundert, in dem die Römer Gallien eroberten und sich anschickten, auch Germanien zu unterwerfen. Daraus ergab sich die Zeitstellung der Latene-Gesittung: Die letzte Hälfte des letzten Jahrtausends v. Chr.

 

Dass die Gewinnung des Eisens nicht in Europa ihre Heimat hat, dass sie z. B. im vorderen Orient erheblich früher betrieben wurde als in Mitteleuropa oder gar bei uns, war schon zu Undsets Zeiten eine feste Annahme, die sich auch weiter bestätigt hat. Für Undset galt es, den Wegen nachzuspüren, auf denen diese umwälzende Erfindung schließlich auch zu uns gekommen war. Seine Studien führten ihn zu der Vermutung, dass das Eisen denselben Weg gekommen sei wie eine besondere Sitte der Totenbestattung, die Urnenfriedhöfe nämlich. Diese waren gegenüber den Grabhügeln der Bronzezeit im Allgemeinen eine jüngere Form der Grabanlage, bei der die weithin sichtbaren Totenmale in Gestalt von Erdhügeln oder gar steinernen Monumenten fortfielen und die Asche der Verstorbenen zu ebener Erde bestattet wurde. Es hatte den Anschein, dass die Urnenfriedhöfe ganz allmählich vom Mittelmeergebiet über Mitteleuropa nach dem Norden vorgedrungen seien und das auf den durch die neue Begräbnissitte gekennzeichneten Wegen auch das Eisen zu uns gelangt sei; denn man hatte schon klar erkannt, dass die ältesten eisenhaltigen Gräber in Skandinavien und bei uns weniger in Erdhügeln zu finden seien als in Flachgräbern mit Urnen. Das Hauptergebnis der Studien, wie sie in Undsets großem Buch niedergelegt sind, besteht in der Annahme, dass das Eisen erst in der Latene-Zeit den Norden erreicht habe. Als Träger der Latene-Gesittung hatte man die Kelten erkannt. Einem keltischen Volk in der Schweiz gehörte auch der große Moorfund von Latene selber an. Offenbar hatten die Kelten, die ja einmal ihre große Zeit im geschichtlichen Verlauf der alten Welt hatten, die Kenntnis des neuen Metalls den benachbarten germanischen Stämmen übermittelt.

 

Mein erster Urnenfund im Uelzener Lande datiert aus dem Jahre 1896 und stammt aus der Umgebung eines Grabhügels ganz in der Nähe von Seedorf nördlich von der Chaussee, die nach Golste führt Hier war eine Urne von Landleuten beim Sandfahren entdeckt, auf den Boden der Sandgrube gesetzt und dabei zerbrochen. Als ich anschließend an der Stelle, eine kleine Grabung durchführte, kamen noch weitere Urnen zum Vorschein. Sie waren recht altertümlich, noch fast bronzezeitlich im Aussehen, standen zu ebener Erde, von einem Mantel kleinerer Steine umgeben und enthielten einige bronzene Nadeln und bronzene Ohrringe. Als ich diese Sachen in Hamburg; Herrn Dr. K. Hagen, der im Völkerkundemuseum auch die Vorgeschichte betreute, zeigte, sagte er: Latene. Aus Undsets Buch ersah ich, dass in der Tat solche Gräber mit meist kümmerlichen bronzenen und auch eisernen Grabbeigaben zur Gruppe der keltischen Latene-Gesittung gerechnet wurden. Ich war damals etwa 16 Jahre alt und es fiel mir nicht ein, auch nur die mindesten Zweifel an der richtigen Bestimmung meines freundlichen Helfers Dr. Hagen und meines großen norwegischen Gewährsmannes Undset zu hegen. Aber merkwürdig erschien mit doch damals schon, dass die kleinen Sachen in meinen Seedorfer Urnen eigentlich gar keine richtigen Latene-Formen zeigten, wie wir sie von den berühmten-keltischen Grab- und Opferplätzen oder auch Ansiedlungen kannten.

 

Die Auffindung dieser Urnen bei Seedorf war für meinen Bruder und mich ein geradezu ungeheures Ereignis. Sie bedeutete den Anfang unserer gemeinsamen Nachforschungen nach den Bodenaltertümern zunächst im engeren Kreise um Bevensen und Sasendorf, wo wir im Hause meines sehr geliebten und hochverehrten Onkels, des Hofbesitzers Heinrich Meyer, in allen Ferienwochen auf das gastlichste aufgenommen wurden. Wenig später nach dem geschilderten Seedorfer Erlebnis datiert ein anderes aus der Feldmark desselben Dorfes, die unmittelbar an das Ackergelände von Sasendorf angrenzt. Ein anderer Onkel von mir, Hofbesitzer Georg Meyer in Seedorf, hatte von seinem großen Gelände einen Teil abgetrennt und darauf einen Hof errichtet, den er Schweizerhof nannte. Er war damals an seinen Bruder, meinen Onkel Carl Meyer, verpachtet. Nun vernahmen wir eines Tages, dass die Leute auf dem Schweizerhof beim Ackern auf einer unmittelbar an der Chaussee von Celle nach Lüneburg belegenen Fläche eine Urne gefunden hatten. Der Pflug war gerade über die noch gut erhaltene Mündung hinweg geglitten und Onkel Carl hatte einige Schäden schon durch Verkitten ausgeglichen, als wir den Fund zu sehen bekamen. Außer den Knochen enthielt das Gefäß einen kleinen ringförmigen bronzenen Gürtelhaken und die Reste mehrerer Sicherheitsnadeln oder Fibeln von Eisen; alle diese Sachen waren von echter Latene-Form, trugen also keltisches Gepräge. Hier war also ein Gräberfeld gefunden, in dem echte keltische Latene-Sachen vorkamen.

 

Warum in aller Welt fehlten aber diese in den oben erwähnten älteren Urnen von dem ganz anderen Grabplatz bei Seedorf, warum fehlten sie in den Urnen von Heitbrack und Jastorf, die doch von den Sachverständigen als Latene-Friedhöfe bezeichnet wurden? Um dahinter zukommen, las ich immer wieder und wieder in Ingvald Undsets dickem Buch, sitzend auf der Bank in Onkel Heinrichs herrlichem Bienenzaun, diesem idyllischen Platz zum Ausruhen, wie ich ihn nie geeigneter gefunden habe, umschwärmt von den Immen, deren ruhiges Gebrumme wohltuend auf die Nerven wirkt wie etwa der monotone Wellenschlag am Strande. Wohl fand ich bei Undset zahlreiche Urnen und Metallsachen aus anderen norddeutschen Urnenfriedhöfen, die den unseren aufs Genaueste entsprachen. Warum aber führte der große Forscher sie unter dem Namen Latene, wo doch nichts an ihnen an die keltische Fundgruppe erinnerte? Anzunehmen, dass hier vielleicht ein Irrtum des verehrten Mannes vorliege, lag meinem damaligen Denken völlig fern. Wie sollte es angehen, dass ein Gelehrter von Weltruf wie Undset, Funde, die auf keltischem Gebiet nicht vorkommen, trotzdem mit dem Namen Latene belegte, wenn er dafür nicht voll berechtigt gewesen wäre? Der Zweifel aber blieb und nagte in mir weiter.

 

Der Leser hat nun einiges Recht zu fragen, was denn eigentlich auf dem Jastorfer Urnenfriedhof gefunden wurde. Die Urnen standen nur selten frei im Erdboden; in der Regel waren sie von einem Mantel aus kleineren Geröllsteinen umgeben und meistens mit einer Schale oder einem flachen Stein oder beidem zugedeckt. Grabhügel waren nicht zu sehen. Auf den sauber aus dem Scheiterhaufen ausgelesenen Gebeinen, seltener zwischen ihnen, lagen die nicht gerade reichlichen metallenen Beigaben aus Eisen oder Bronze. Die Frauen hatten oft bis zu einem Dutzend kleine Ohrringe aus Bronzeblech mitbekommen, deren Zierplatte segelartig aufgebläht war und die man daher Segelohrringe nennt; auf den Draht der Ringe waren häufig Perlen aus dunkel-kobalt-blauem Glas gezogen. Die Ohrringe bezeichneten ohne weiteres Frauengräber. Erst nach längerer Zeit lernten wir, dass auch die Gürtelhaken, die man neben einfachen Nadeln mit einer Ausbiegung am Halse fand, Frauengräbern eigen waren, nicht, wie zunächst von uns angenommen wurde, zur Männerausrüstung gehörten. Nur selten fanden sich auch broschenartige Gewandheften in den Frauenbestattungen, die man in der Wissenschaft mit lateinischem Namen Fibeln nennt. Sie waren vollständig von den so überaus charakteristischen Latene-Fibeln verschieden, wie sie sich in den Urnen vom Schweizerhof vorfanden. Da nun von allem keltischen Gerät gerade die Latene-Fibel außerhalb des echt keltischen Gebietes die weiteste Verbreitung gefunden hatte, rührte das völlige Fehlen solcher Gewandhaften wieder an die nagende Unstimmigkeit und die Frage, sind die Jastorfer Sachen wirklich keltisch?

 

Die reichst ausgestatteten Gräber waren Frauengräber. Männerbestattungen konnten nur ganz vereinzelt an Hand der ihnen beigegebenen Toilettensachen als solche bestimmt werden: Rasiermesser, ab und an der dazugehörige Stein zum Abziehen, und Pinzetten. Diese der Körperpflege dienenden kleinen Geräte waren schon in der jüngeren Bronzezeit kennzeichnend für die Männergräber. Da sie jedoch auf den Friedhöfen in der Art der Jastorfer nur selten vorkommen, scheint die größere Anzahl der Männerbestattungen vielleicht nur einzelne Nadeln zu führen oder frei von Beigaben zu sein. Dass Urnen mit nur einer einzigen Nadel als Männergräber deutbar sind, konnte man erst heutzutage klar erkennen, nachdem man Friedhöfe entdeckte, auf denen nur Männer bestattet wurden. Das war jedoch auf den Friedhöfen des Uelzener Landes in der Art des Grabfeldes von Jastorf nicht der Fall; hier waren die Geschlechter beieinander bestattet.

 

Die Urnen, meist grau, bräunlich oder auch gelblich, oder aber tiefschwarz mit glänzender Oberfläche, waren in der Regel durch einen hohen Hals ausgezeichnet, der nur an solchen Töpfen fehlte, die offenbar die jüngsten unter den Urnen waren und in ihrer bauchigen Gestalt mit scharf abgesetztem, nach außen gewandtem Rand an die Urnen vom Schweizerhof mit ihren keltischen Sachen erinnerten. Die hochhalsige Urne von Jastorf leitete Undset von den Tongefäßen ab, wie sie im süddeutschen Hallstatt-Kreise auftraten. Er verfolgte diese Form noch weiter über die Alpen hinaus nach Süden und fand sie auf italienischen Urnenfriedhöfen wieder. Das brachte ihn auf die Idee, dass der Brauch, Urnenfriedhöfe anzulegen, mit den dazugehörigen Urnenformen in Jahrhunderte langer Wanderung von Italien bis zu uns vorgedrungen sei.

 

In den ehrwürdigen Räumen der alten Hamburgischen Stadtbibliothek, die für meine wissenschaftliche Entwicklung von der größten Bedeutung wurde, und deren nie versagender Hilfsbereitschaft ich noch heute dankbar gedenke, hatte ich den neuesten Band des Archivs für Anthropologie bestellt und fand darin aus der Feder von Johanna Mestorf einen Aufsatz, der eigentlich die Besprechung eines neuen Buches des großen schwedischen Urgeschichtsforschers Oscar Montelius war. Montelius hatte hinsichtlich der ältesten Eisenzeit in Schweden festgestellt, dass sie, entgegen der Anschauung von Undset, nicht vom keltischen Latene herkomme, sondern von der noch älteren Hallstatt-Gesittung. Dies veranlasste Fräulein Mestorf zu einigen Ausführungen über den Beginn der Eisenzeit in Schleswig-Holstein. Sie sagte, Montelius stehe auf demselben Standpunkt wie sie, dass nicht Latene, sondern Hallstatt uns das Eisen brachte! Dieser Abend in der Stadtbibliothek war für mich, wie man verstehen wird, von geradezu ungeheurer Bedeutung, und ich empfinde noch heute, wie in mir alles in eine kochende und brodelnde Aufregung geriet und aus dem Wirbel der Gedanken schließlich die Erkenntnis hervortrat: Da hast du endlich die Lösung des Rätsels von Jastorf! Meine Zweifel an der Berechtigung des Undsetschen Standpunktes waren also richtig gewesen, nur war es mir nicht möglich, von mir aus zur Klarheit zu kommen, weil mich daran der gewaltige Respekt vor dem weltberühmten norwegischen Forscher hemmte. Also nicht nach Latene sollten weiterhin meine Gedanken schweifen, sondern nach Hallstatt, und das erste Ergebnis war schon in jener denkwürdigen Stunde die Erkenntnis, dass die Jastorfer Urne mit dem langen Hals (3, 7, 8), wie ich schon immer empfunden hatte, tatsächlich eine Hallstatt-Form darstelle, die sich bis nach Italien verfolgen ließ, wie sogar schon Undset angenommen hatte. Nun aber war auch alles andere, was wir bei Jastorf und Heitbrack gefunden hatten, endlich deutbar, eben aus dem großen Schatz der hallstättischen Formenwelt heraus, die ich bisher bei Vergleichen außen vor gelassen hatte. Und nun raffte ich mich im selben Winter noch zu einem Schritt auf, den zu unternehmen mir vorher unmöglich gewesen wäre: ich schrieb in den Weihnachtsferien am 28. Dezember 1899 in Sasendorf einen langen Brief an Fräulein Mestorf, die zu der Zeit schon Direktor des Kieler Museums vaterländischer Altertümer war, aber noch nicht, wie später, zum Professor ernannt war. Die Dame schlichthin mit Fräulein Mestorf anzureden, schien mir angesichts ihrer hohen wissenschaftlichen Bedeutung geradezu eine Ungehörigkeit zu sein. Was tun?

 

Ich hatte in all jenen Zeiten niemanden, dem ich mich in solchen Zweifelsfragen anvertrauen konnte und mochte, also erfand ich für meinen großen Zweck selber eine Titulatur und begann mein Schreiben mit der Anrede „Euer Autorität", und dann kam ein langer Bericht mit über 60 Bildern über die Ausgrabungen bei Heitbrack, Jastorf und Seedorf. Mit bangem Herzen sah ich den nächsten Tagen entgegen. Würde die hohe Dame wirklich Notiz von mir nehmen, mich überhaupt einer Antwort würdigen? Nach dem Tode Johanna Mestorfs schrieb mir Sophus Müller aus Kopenhagen über sie den einen bezeichnenden Satz, der wie kein anderer ihr Wesen kennzeichnet: Sie war ein edler Mensch. Und dieses Urteil rechtfertigte sie vom Anbeginn des Briefverkehrs an. Schon nach wenigen Tagen kam eine vorläufige Karte, und ihr folgte ein ausführlicher Brief vom 10. Januar. Darin stehen unter anderem folgende Sätze:

 

„Die Urnenfriedhöfe, die Sie so sorgfältig und ausführlich beschrieben, sind, wie ich schon auf einer Postkarte vom 1. Januar aussprach, in der Tat für uns von hohem Interesse. — — Sie dürften recht haben in der Annahme, dass sie hinter die Latenezeit zurückreichen. Es ist eine von der Hallstatt-Kultur stark beeinflusste Formenwelt, die von der Elbgegend (östl. Hannover, Altmark etc.) über die Elbe geht und dem Anschein nach bis nach Jütland hinauf, was auf Verwandtschaft der Bevölkerung in jener Zeit schließen lässt."

 

Mehrere Jahre dauerte von da an der lebhafte Gedankenaustausch zwischen Johanna Mestorf und mir. Ich fühlte mich mit einem Schlage in die Gemeinschaft der ernst zu nehmenden Forscher aufgenommen und sie nahm mich in echt mütterlicher Weise in Schutz, wenn mir, was auch vereinzelt vorkam, eine ungebührliche Behandlung seitens anderer Museumsleute zuteil wurde. Vor allem gewann mein Selbstvertrauen außerordentlich und befähigte mich aus vielen schon lange angestellten Beobachtungen; theoretische Schlüsse zu ziehen, die fast immer die Billigung der Forscherin fanden. Bei Weitem das größte Material dafür lieferte mir Jastorf. Schon im Oktober 1900 schrieb ich nach Kiel, dass der kleine Urnenfriedhof von Heitbrack älter zu sein schien als, manche Gräber von Jastorf, da hier bereits Gräber mit offenbar jüngeren Urnen und anderen Beigaben erschienen, und zwar die bereits erwähnten Urnen ohne den hohen Hals der Heitbracker und älteren Jastorfer Gefäße. Ich konnte eine Entwicklungsreihe solcher halslosen Töpfe aus den hochhalsigen heraus aufstellen und es war sehr reizvoll zu beobachten, wie allmählich sich diese Übergänge vollzogen, wie schließlich der nur noch sehr kurze Hals sich ganz der Schulter des Gefäßes angliederte und schließlich eingliederte, bis nur noch eine kaum sichtbare Furche oder Linie den früheren Ansatzpunkt 5 des Halses bezeichnete. Auf diesem Wege entstanden also die bauchigen und halslosen Töpfe vom Schweizerhof, die aber noch weit jünger sein mussten wegen der darin enthaltenen Beigaben. Diese veränderten sich auch auf dem Jastorfer Grabfeld bereits sehr auffällig. Vor allem wurden die kleinen Gürtelhaken durch größere und kräftigere ersetzt und neue Nadelformen begannen sich zu zeigen, während die Ohrringe verschwanden. Nichts erregt das Interesse des Ausgräbers mehr als diese zahlreichen Beobachtungen der Veränderung der Form. Man erlebt dann an Hand der Funde geschichtliche Vorgänge. Immer neue Ahnungen und Vermutungen bestürmen das Herz, und welch ein beglückendes Gefühl ist es, wenn man schließlich wie Pythagoras rufen kann: Heureka, ich habe es gefunden!

 

Ausgraben heißt demnach, die Fäden geschichtlicher Entwicklungen freilegen, oftmals von Entwicklungen, von denen wir aus der geschriebenen Geschichte nichts hören. Man hat nur die Funde und Befunde der Grabungen in der Hand, nichts mehr. Das ist gegenüber den geschichtlichen Zeiten außerordentlich wenig, aber es ist doch mehr als nichts. Man muss bedenken, dass alle Sachen, die man findet, von Menschenhand gefertigt wurden und dass diese unter der Leitung seines Geistes arbeitete. So sind denn alle oft so außerordentlich wechselnden Formen der Gräber und der darin sich befindenden Grabbeigaben Werkerzeugnisse, in denen sich der Geist derer spiegelt, die sie uns hinterlassen haben. Man bemerkt, dass Zeiten mit hohem Kunstgeschmack wieder ins Nichts versinken und in Verfallszeiten enden, genauso wie auch heute noch. Die Änderungen der Formen sind eine Spiegelung veränderter menschlicher Empfindungen und Gedanken; sie sind für jene schriftlosen Zeiten die einzigen. Zeugen der damals wirkenden seelischen Kräfte.

 

So war denn auch dieser langsame Wandel der Gestalten der Urnen, des Metallgeräts und schließlich auch der Gräber eigentlich das, was immer wieder zur Fortsetzung der Arbeit antrieb. Das, was in unzähligen Fällen den Altertumsfreund an das Sammeln urgeschichtlicher Funde heranbringt, die naive Freude daran, so uraltes Menschenwerk in den Händen halten und betrachten zu können, vergeht in der Regel zum guten Teil bald; völlig vergehen darf es aber nicht bei denen, denen das Aufbewahren der Funde zu Amt und Beruf geworden ist: Jene kindliche und naive Liebe muss immer noch mitschwingen, auch beim höchst entwickelten Forscher und Museumsmann. Die in der Regel langsame Veränderung der Gräber und Fundsachen ist eine Tatsache, deren Entdeckung im vorigen Jahrhundert großes Aufsehen erregte. Man fand, dass sich alle diese Dinge auf ähnliche Weise im Laufe der Zeiten wandeln und verändern wie die lebenden Wesen, deren Stammbäume man oft bis in die entlegensten Zeiten zurückverfolgen kann, in denen sie als Versteinerungen und Abdrücke in Gebirgsschichten auftreten, die oft viele, viele Millionen Jahre alt sind. Die bezeichnende Form, der so genannte Typus, veränderte sich also, und daher nannte der große und geniale schwedische Urgeschichtsforscher Oscar Montelius eine solche Veränderung Typologie, und die Arbeitsweise, die aus solchen Typologien heraus Schlüsse auf das Alter der Funde zieht, wurde von ihm als die typologische Methode der Urgeschichtsforschung bezeichnet. Er verglich auch die Typologie mit der grad weisen Formentwicklung der Pflanzen und Tiere. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass das, was sich hier im Grunde ändert, die Richtung der menschlichen Gedanken ist. So betrachtet kann man schließlich die typologischen Entwicklungsreihen unserer Funde und Befunde mit Grammophonplatten oder Magnetophonbändern vergleichen, deren Eindrücke und sonstigen Veränderungen durch die Sprache, also auch eine Ausdrucksäußerung des Menschengeistes, hervorgerufen wurden. Wie es nun möglich ist, diese Veränderungen wieder in tönende Worte und Musik zurück zu verwandeln, ist es in gewissem Umfang auch möglich, die typologischen Veränderungen der Fundsachen auf Empfindungen und Gedanken zurückzuführen, die unsere Altvorderen bewegten.

 

Auf dem Jastorfer Urnenfriedhof änderte sich alles: Gräber, Urnenformen und Gerät. Es bedurfte langer Zeit, ehe es gelang, die Entwicklungsreihen, also die typologischen Reinen der verschiedenen Formen, festzustellen. Die beiden Enden einer solchen Entwicklungsreihe können manchmal einander verzweifelt ähnlich sehen. Man ging in der Regel von einfachen und ursprünglichen Gebilden aus, die dann durch die Phantasie ihre Form änderten, bis sie schließlich wieder, den geistigen Gesetzen des Aufbaus und Verfalls folgend, im Primitiven endeten. Man kann also leicht das Ende einer typologischen Reihe wegen der Einfachheit der Form für deren Beginn halten und umgekehrt. Hier bedarf es bedeutender Erfahrung, vor allem jedoch eines angeborenen Talents für die Erkennung des Entwicklungsablaufs. Nicht jeder Urgeschichtsforscher ist auch ein guter Typologe.

 

Für Jastorf gelang die Entzifferung der Geheimschrift der typologischen Veränderungen vor allem an der Hand der Entwicklung der Tongefäße. Hier kamen mir die beim Schweizerhof gefundenen halslosen Töpfe zu Hilfe. Sie mussten nach den darin gefundenen Metallsachen von keltischer Form der jüngsten Latènezeit angehören, also ungefähr dem letzten Jahrhundert vor Chr. Es musste demnach die Mehrzahl der Jastorfer Urnen, die den hohen Hals in allen Formen des Aufbaus und der Verkürzung zeigten, älter sein als die ganz halslosen. Ganz am Anfang standen offenbar die hochhalsigen Töpfe, und unter diesen mussten wieder die die allerältesten sein, die noch gar nicht den breiten, scharfkantig umbrechenden breiten Rand hatten und darin den bronzezeitlichen Gefäßen noch sehr nahe standen. So ergab sich zunächst eine wundervolle Entwicklungsreihe der Urnen. Wie war es aber nun mit den darin enthaltenen Beigaben? Die immer wieder vorkommenden Gürtelhaken und Nadeln zeigten in der Tat ebenfalls bedeutende Veränderungen. In den ältesten Urnen lagen ganz einfache und sehr kleine schlichte Gürtelhaken wie, die so genannten Zungen-Gürtelhaken, weil sie mit Hilfe des umgebogenen breiten Endes am Gürtel befestigt wurden. Sie entwickelten sich zu längeren und breiteren Formen wie. An die typologische Reihe der Zungengürtelhaken schloss sich dann eine Reihe meistens viel größerer und höher entwickelter Formen, die der Gürtelhaken mit Haftarmen. Auch bei diesen waren wieder ältere und jüngere Typen unterscheidbar. Man versah den Haken an seinem breiten Ende mit Hilfe von Nieten mit einer Querplatte, an die nun der wohl immer breiter gewordene Gürtel viel sicherer und dauerhafter angeschlossen werden konnte als an die alten Zungenhaken. Aus den ältesten einfachen Gewandnadeln, die in der Regel eine seltsame kropfartige Ausbiegung am Schaft aufwiesen, entstanden „Kropfnadeln" mit einem dicken, kurzen Kopf, die sog. Holsteinische Nadel, und die gleichzeitige seltsam geformte sog. Flügelnadel. Schon wenn man nur diese Nadelformen nebeneinander betrachtete und verglich, konnte man ahnen, dass die oft jeder formenden und schmückenden Zutat entbehrenden schlichten Kropfnadeln älter sein mussten als die sich neben ihnen geradezu prächtig ausnehmenden Holsteinischen Nadeln und Flügelnadeln, und so war es auch; denn die entwickelten Nadeln lagen mit den entwickelten Gürtelhaken in den Urnen jüngerer Formgebung, und auf diesem Wege bekamen wir mehrere typologische Entwicklungsreihen, die in der nämlichen Richtung verliefen und die Vermutungen hinsichtlich ihres Alters auf das schönste bestätigten.

 

Aus der Eigenart der Gräber und der in ihnen enthaltenen Gefäße und des Metallgeräts ist es also verhältnismäßig leicht, die älteren Bestattungen von den jüngeren zu sondern. Man kommt damit zu einer so genannten bedingten Zeitrechnung, zu einer relativen Chronologie, die zunächst nur Aussagen darüber macht, ob ein Fund gleichaltrig ist mit gewissen anderen oder ob er älter oder jünger ist. Die Gewinnung dieser relativen Chronologie beschäftigt den Ausgräber schon bei der Feldarbeit in hohem Maße, und er sieht mit Erwartung dem Auftauchen jedes neuen Gegenstandes entgegen. Das kann natürlich ein bloßer Zuschauer kaum begreifen, erregt jedoch den Archäologen oft in viel höherem Maße als etwa die Gewinnung vermehrten Fundstoffes für seine Ausstellungen. Außerordentlich viel schwieriger ist die Gewinnung der absoluten Zeitrechnung, die auf die Beantwortung der Frage hinzielt, in welche Zeitspanne vor oder nach Christi Geburt ein Fund gehört. Die Gewinnung der absoluten Chronologie erfordert eine weitläufige Untersuchung, die uns hier zu weit führen würde, aber dass sie möglich ist und wie, mag doch an einem einzigen Fund erläutert werden. Abbildungen geben einen Grabfund wieder aus Württemberg, in dem neben einer süddeutschen Sicherheitsnadel oder Fibel eine echte Jastorfer Tuchnadel mit ausgebogenem Hals liegt, eine sog. Kropfnadel. Es ist eine Form, wie sie in den ältesten Jastorf-Gräbern vorkommt. Welchem Zweck die geheimnisvolle Ausbiegung des Halses diente, ist uns unbekannt.' Der Fund von Burrenhof zeigt neben ähnlichen, dass unsere ältesten Jastorfer Nadeln gleichzeitig mit den seltsamen „Schlangenfibeln" der Abbildung sein müssen; diese fallen in Süddeutschland der Zeit nach in das 6. vorchristliche Jahrhundert, auf Grund von Sachen, die aus dem Mittelmeerkreise nach Süddeutschland eingeführt wurden. Vor allem die Einfuhr griechischer Gegenstände, deren Zeitstellung man kennt, ermöglicht es, als Zeit für die Schlangenfibeln das 7. Jahrhundert v. Chr. zu ermitteln, und damit finden auch die ältesten Jastorfer Kropfnadeln ihre absolute zeitliche Einordnung. In Süddeutschland berührt sich in den Gräbern der sog. Hallstatt-Zeit das vorgeschichtliche Europa mit dem geschichtlichen; das ermöglicht uns, sogar für unsere norddeutschen Funde Andeutungen dafür zu ermitteln, in welche Zeit sie gehören. Die älteste Jastorfer Zeitgruppe (1—5) wird also noch vor 600 v. Chr. beginnen, während die jüngste Zeitgruppe (Jastorf, 15—19) um 300 v. Chr. zu Ende gehen wird (die Gründe dafür wird ein späterer Aufsatz über Ripdorf andeuten).

 

Die Erkenntnisse, die bei der jahrelangen Arbeit auf dem Jastorfer Urnenfriedhof gewonnen waren, fanden auf anderen und ähnlichen Grabplätzen ihre Bestätigung. So war es mit dem schon vorher untersuchten kleineren Urnenfriedhof von Heitbrack, und im Laufe der Jahre kamen noch mehrere verwandte Grabfelder hinzu. Wie schon die erwähnte Briefstelle von Johanna Mestorf andeutete, gab es Urnenfriedhöfe von der Art des Feldes von Jastorf auch jenseits der Elbe in Schleswig-Holstein. Die Erforschung der schleswig-holsteinischen Urnengräber derselben Art führte zur schönsten Bestätigung dessen, was uns Jastorf an Einsichten in die Entwicklung der ältesten Eisenzeit Niederdeutschlands vermittelt hatte. Ausgerüstet mit den im östlichen Hannover und Schleswig-Holstein herausgearbeiteten Erkenntnissen konnte dann auch die älteste Eisenzeit Mecklenburgs und weiterhin des westlichen Pommerns, dann auch Brandenburgs und der Altmark in derselben Weise gedeutet werden. In Hannover reichte der Kreis dieser Urnenfriedhöfe im Westen bis an die Aller, im Norden geht er bis nach Jütland hinauf, im Osten etwa bis an die Rega in Pommern.

 

Es gibt kaum einen Forscher, der nicht der Überzeugung ist, dass die Gräber der Jastorfer Art germanisch sind. Heutzutage lässt sich das an der Hand großer Urnenfriedhöfe, die in den letztverflossenen Jahrzehnten untersucht wurden, mit völliger Sicherheit beweisen. Mein Freund Heinrich Meyer, Haarstorf, grub bei Rieste einen großen Urnenfriedhof aus; zu gleicher Zeit untersuchten mein Bruder Curt und ich den herrlichen Urnenfriedhof von Gut Nienbüttel bei Natendorf, das reichste Gräberfeld der germanischen Zeit in Nordwestdeutschland. Hinzu kamen ferner ganz entsprechende große Grabfelder im Gebiet von Stade und Harburg, die W. Wegewitz mit der ihm eigenen Genauigkeit und Ausdauer erforschte. Bis auf einen liegen alle diese Urnenfriedhöfe im ehemaligen Bardengau, d. h. auf dem Gelände, das seinem Namen nach zur Römerzeit von den Barden oder Langobarden bewohnt wurde, und die geschichtlichen Nachrichten befinden sich im schönsten Einklang mit dieser Feststellung.

 

Da diese Gruppe von Urnenfriedhöfen genau bis in die Zeit hineinreicht, in der die Langobarden das Lüneburger Land innehatten, — man denke auch an Bardowick —, müssen die auf ihnen beigesetzten Menschen diesem berühmten Stamm angehört haben; kamen doch bei Nienbüttel und auf anderen Grabfeldern der genannten Gruppe sogar römische Bronzegefäße zum Vorschein. Auf den Friedhöfen von Nienbüttel und Rieste sind aber schon, in der vorrömischen Zeit Gräber angelegt; man fand dort dieselben Urnen und Beigaben wie beim Schweizerhof. Erst in jüngster Zeit machte uns Wegewitz mit langobardischen Gräberfeldern seines Forschungsgebietes bekannt, die aber noch viel weiter in die Vergangenheit zurückreichen, nämlich bis zu der Zeit von Jastorf. Wenn nun auf diesen Grabfeldern in der römischen Zeit germanische Langobarden bestattet wurden, so ist es völlig sicher, dass auch die älteren Gräber dieser zu bestimmten Ansiedlungen gehörenden Friedhöfe germanisch sein müssen. Die Urnen und Beigaben aus der Jastorfzeit dieser Grabplätze entsprechen völlig denen von Jastorf.

 

So gibt es wohl zurzeit kaum irgendwo einen Forscher, der daran zweifelt, dass der Urnenfriedhof von Jastorf germanisch sei. Da nun alle Gräber in der Art des Friedhofs von Jastorf sich auf dem vorhin umschriebenen Gebiet in größter Gleichartigkeit nachweisen lassen, habe ich sie als Fundgruppe von Jastorf bezeichnet. Die auf ihnen zu tage tretende Gesittung wurde danach Jastorf-Zivilisation, Jastorf- Kultur oder besser unter Vermeidung so oft falsch verstandener und hässlicher Fremdworte Jastorf-Gesittung genannt. Ein Überblick über das gesamte im Altertum von Germanen besiedelte Gelände Europas zeigte, dass auch außerhalb des zentralen Jastorf-Kreises so viele Entsprechungen oder Anklänge an die Formenwelt von Jastorf vorkamen, dass es gerechtfertigt erschien, den Begriff Jastorf-Gesittung auch auf das mehr randliche Gelände des Jastorf-Kreises im engeren Sinne auszudehnen. Nun steht jedoch gleich am Anfang der richtigen Beurteilung von Jastorf und aller ihm verwandten Funde die Erkenntnis, dass Jastorf ursprünglich nichts mit den Kelten zu tun hat. Schon die Funde vom Schweizerhof bei Seedorf zeigten jedoch, dass mit jüngeren Gefäßformen auch keltische Sachen im Lüneburger Lande erschienen. Durch umständliche Forschungen konnte ermittelt werden, da die alte und reine Jastorf-Gesittung etwa zur selben Zeit entstand, als bei den Kelten sich die Latene-Gesittung herausbildete. Beide haben ihre Wurzel im Hallstatt-Kreise. Daraus ergibt sich jedoch, dass die Jastorf-Gesittung der Stil der ersten mittel- und nordeuropäischen vollen Eisenzeit ist, der von den Germanen geschaffen wurde, zur selben Zeit, in der die Kelten ihren Latene-Stil entwickelten. Es hat langer Zeit und erheblicher Arbeit bedurft, um das zu erkennen. Da sich inzwischen die Benennung Jastorf für die germanische vorrömische Eisenzeit bereits international eingebürgert hat, lässt sich daraus ohne weiteres erklären, warum der Name Jastorf überall da in aller Welt wohlbekannt ist, wo man sich mit vorrömischer Eisenzeit, mit dem frühesten Auftreten der Germanen und ihren nachweislichen Spuren und ähnlichen Dingen beschäftigt. Dies meinen lieben Jastorfern einmal auseinanderzusetzen, war das Ziel dieser kleinen Abhandlung.

 

Auszug aus:www.schwantes2011.de/gustav-schwantes/jastorf-und-sein-urnenfriedhof