Völker entstehen nicht in einem Jahr oder gar an einem bestimmten Tag. Und so lässt sich auch nicht ein Zeitpunkt benennen, an dem die Menschen an Elbe, Rhein und Donau zu Deutschen wurden. Wenn man allerdings ein Ereignis angeben möchte, ohne das vermutlich alles anders gekommen wäre, dann ist es die Schlacht von Fontenoy, geschlagen von Tausenden Rittern am 25. Juni 841 südlich von Auxerre. Drei Enkel Karls des Großen traten dort mit ihren Truppen an, weil sie über das Erbe stritten: auf der einen Seite Kaiser Lothar, auf der anderen seine Brüder Ludwig, König von Bayern, und Karl, König von Westfranken. Das Ergebnis war grauenhaft: „Felder starren, Wälder starren, Sümpfe auch von Blute rot“, berichtet ein Chronist, der in der ersten Reihe focht und „allein von vielen übrig“ blieb. Niemals seien die Gebote des Christentums derart verletzt worden: „Verflucht sei der Tag, gestrichen aus dem Kreis des Jahres, ausgeschabt aus dem Gedächtnis! Mit ihm auch die Nacht, die bittere Nacht, die allzu harte Nacht, in der die Heldenfielen.

 

Mehrere tausend Opfer soll das Hauen und Stechen gehabt haben, und mit Blick auf das 20. Jahrhundert mag es wie ein Menetekel erscheinen, dass auf diese Weise alles anfing. Denn das fränkische Imperium Karls des Großen, bis heute Symbol für die Einheit Europas, zerbrach infolge der Schlacht. Die Brüder teilten den Vielvölkerstaat auf, der den Großteil der gesamten Christenheit umfasst hatte. König Ludwig erhielt den östlichen Part, und sein ostfränkisches Reichwurde zum „Ausgangspunkt“ (Historiker Rolf Große) für etwas ganz Neues: Deutschland und die Deutschen. In der sanften Hügellandschaft des heute französischen Burgund begann damit jene Kausalkette, ohne die es das zahlenmäßig größte Volk West- und Mitteleuropas nicht gegeben hätte, nicht seine Leistungen, den Buchdruck, den „Faust“, den Otto-Motor, aber auch nicht die Verbrechen, die Weltkriege und den Holocaust. Früher haben Wissenschaftler geglaubt– und so lernten es auch Generationen in den Schulen –, einst habe zwischen Alpen und Nordsee das Volk der Deutschen gesiedelt, das sein Schicksal in die Hand nahm, sich einen König wählte und ein Reich gründete. Eine romantische Vorstellung.

 

Heute weiß man: Die Ethnogenese, wie Experten das Entstehen von Völkern be-zeichnen, ist bei den Deutschen in umgekehrter Reihenfolge verlaufen. Am Anfang war das Reich, erst darin entstand ein Volk. Die Menschen empfanden sich zu Zeiten von Lothar, Ludwig und Karl nämlich keineswegs als Deutsche, sondern als Franken („Freie“), Alemannen („die Gesamtheit der Männer“) oder Baiuwaren („Männer aus Böhmen“). Das Wort „deutsch“ war nur in einer Vorform bekannt, dem lateinischen „theodiscus“. Es leitete sich vom fränkischen „theoda“ gleich Volk ab, und gemeint waren damit die Sprachen der einfachen Leute, die das Lateinische nicht beherrschten: Fränkisch, aber auch Englisch, Gotisch oder Normannisch. Erst das ostfränkische Imperium bot einen verlässlichen Rahmen, innerhalb dessen die deutschen Stämme –als eigenständige Völker leben konnten.

 

Auszug aus: Der Spiegel 4/2007