Die heidnischen Sachsen rebellierten mehr als drei Jahrzehnte lang gegen den christlichen König Karl. Später verschmolzen sie mit den Franken und anderen Stämmen zum Volk der Deutschen.

 

Sie war hölzern und mit Schnitzarbeiten verziert, die große Säule, die den Unfrieden auslöste. Die Irminsul galt den Sachsen als zentrales Heiligtum. Kein Wunder, dass es den ganzen Volksstamm erbitterte, als Soldaten des fränkischen Königs Karl den Kultort heimsuchten und das totempfahlartige Mal umlegten. Die Zerstörung der Pilgerstätte bei Paderborn im Jahre 772 schürte bei den Bauern und Kriegern des germanischen Stammes ungeheuren Hass. Seit Jahrhunderten siedelten die Sachsen in der Gegend zwischen Nordsee und Harz, Elbe und Ruhr. Sie lebten von Fischfang, Jagd und Viehzucht. Ihre Äcker bearbeiteten sie mit hölzernen Pflügen.

 

Die Sachsen waren frei von Königs- und Priesterherrschaft; die Macht lag in den Händen regionaler Fürsten. Man frönte Fruchtbarkeitsriten und einem Phalluskult. Vielweiberei und Blutrache gestalteten das Leben keineswegs langweilig. Sie beteten die Sonne an, auch Bäume und Quellen, so der Historiker Hermann Dörries. Den Sachsen waren Lebensgesetz und religiöse Vorstellung eins. Mit anderen Völkern des Nordens verband sie der Glaube an Wotan (Odin) und an Donar (Thor), den Wetter- und Gewittergott. Kulte übten die Sachsen im Freien aus. An den Herdfeuern ihrer Holzhäuser erzählten sie sich die Sage vom Untergang der Burgunden. Sie trugen auswendig gelernte Poesie vor wie das Hildebrandslied über germanische Kämpfer. Der Totenkult und die Überlieferung der Ahnen prägten das Lebensgefühl. Seine Gemeinsamkeit demonstrierte der Stamm alljährlich auf einer Versammlung von Führern und Weisen in Marklo an der Weser. Die Sachsen kannten kein stehendes Heer. Im Falle eines Krieges wählten sie einen Feldherrn, der die wilden Haufen in die Schlacht führte. Bewaffnet waren die Fußtruppen mit Speeren, Schilden und Schwertern. Ihren Kopf bedeckten Strohhüte.

 

Die christliche Lebenswelt des benachbarten fränkischen Königreichs war ihnen fremd - so fremd wie die Liebe zu Büchern und dem Wissen darin, wofür König Karl sich einsetzte. Als Nachfahre jener Germanen, die einst den römischen Feldherrn Varus in die Verzweiflung und in sein Schwert getrieben hatten, konnte ein Sachse die von Rom inspirierte Reichsidee des Frankenkönigs nur als Einbruch von etwas bedrohlich Fremdem empfinden. Zwei Welten stießen hier aufeinander: sächsische Vitalität und fränkische Weitsicht. Naturverbundene Hinterwäldler standen gegen die Begründer eines neuen Stils, der sich in Kirchenbauten wie dem Aachener Dom und in den Häusern wachsender Städte ausdrückte.

Dieses fränkische Reich musste seiner imperialen Logik nach die Mitte des europäischen Kontinents beherrschen. Auch sah Karl bereits in Mag-deburg und Erfurt Umschlagplätze für den wachsenden Handel mit den ostslawischen Gebieten des späteren Russland. Schon um dieser Entwicklung willen brauchte das fränkische Reich an seinen nicht exakt markierten Grenzen Ruhe und konnte keinen Rivalen dulden; zumal kein Gemeinwesen wie das der Sachsen. Denen waren Raubüberfälle in Nachbargegenden seit Jahrhunderten zum Lebenselixier geworden.

 

Als der junge König Karl 772 von Worms aus seinen ersten Feldzug gegen die Sachsen antrat, war das der Auftakt zu einem 32 Jahre langen, erbitterten Kampf. Sächsische Aufstände und fränkische Vergeltungsschläge, Brandstiftungen und Überfälle machten die Sachsenfeldzüge zum "blutigsten und langwierigsten aller Kriege" des Karolingerreiches, urteilt schon der zeitgenössische Chronist Einhard. Karls Truppen zogen 772 um den Taunus herum durch die heutigen Städte Gießen und Marburg nordwärts. Seine Soldaten trugen eiserne Helme und Ärmel, metallene Panzer auf Brust und Schulter. Bewaffnet waren sie mit Lanzen, runden Schilden, Pfeil und Bogen, Wurfspießen und Streitäxten. Sie bewegten sich mit ihren Pferden auf Pfaden vorwärts, die nur gelegentlich als Bohlenwege befestigt waren. Ihr Ziel war die Eresburg an der Diemel, das heutige Obermarsberg im Sauerland. Die Burg war ein Vorposten der Sachsen.

 

Die Zerstörung der nahe gelegenen Irminsul sollte den Kriegsgegnern den zentralen Ort ihrer Stammesidentität rauben. Die Franken wollten den Heiden die Schwäche ihrer Religion vor Augen führen - und die Überlegenheit des christlichen Glaubens. Zudem kamen die am heidnischen Heiligtum liegenden Opfergaben Karl überaus gelegen. Den Silber- und Goldschmuck ließ er aufpacken und mitnehmen. Der teure Feldzug sollte sich auf diese Weise auch materiell auszahlen. Langfristig wollte der König die Sachsen für sein Reich gewinnen. Doch vorerst wehrten sich die Angegriffenen verzweifelt. Kein Chronist hat überliefert, wie sich sächsische Männer in ihren Bauernhäusern in zornigen Gesprächen für neue Schlachten motivierten. Wie von Met berauschte Kämpfer mit Bärten sich in Rage redeten. Und wie sie dabei ihre Sitten und den Glauben ihrer Ahnen beschworen. Zwar sandten die Sachsen Späher zu den fränkischen Posten aus, so wie ihr Gott Odin seine beiden Raben Hugin und Munin auf Rundflug über die Welt schickte. Doch im Kampf gegen Karls besser gerüstete Streitmacht gingen ihre mit Strohhüten bedeckten Kämpfer nur allzu oft blutig zu Boden. Der gegnerischen Reiterei unterlegen, setzten die Sachsen auf Guerillataktik. Aber Karl ließ nicht locker. Schon 775 zog er erneut mit einem Heer gen Nordosten. Seine Truppe nahm die Sigisburg ein, am Zusammenfluss von Ruhr und Lenne, nahe Dortmund. Die heutige Hohensyburg war damals ein strategisch wichtiger Punkt. Den Sachsen gelang es zwar, die bereits von den Franken eroberte Eresburg zu stürmen, die Sigisburg aber blieb fortan in fränkischer Hand.

 

Da es im Sachsenland keine größeren Städte gab, waren Burgen militärisch besonders wichtig. Im Feldzug 775/776 nahmen die Franken abermals die Eresburg ein und brachen auch den sächsischen Widerstand an der Brunisburg bei Höxter in Westfalen. Von den erhöhten, befestigten Orten aus kontrollierten sie nun die Verkehrswege. Ihre Niederlage im Burgenkrieg offenbarte die strategische Schwäche der Sachsen. Die Franken machten den Unterlegenen ein Angebot, das viele, vor allem Adlige, annahmen: Die Sachsen konnten sich in Massentaufen zum Christentum bekehren lassen. Solche Veranstaltungen widersprachen zwar dem Kirchenrecht; das sah nur individuelle Taufen vor, vorgenommen von Priestern. Aber die Massenchristianisierung führte allen vor Augen, wozu das fränkische Reich fähig war, und sie legte den Keim einer neuen Identität, die auch das römische Erbe einschloss. Deutlicher konnte Karl nicht demonstrieren, dass er die christliche Religion als Hebel ansah, um seine Macht zu festigen. Und dass er kein Befehlsempfänger der Kirche war.

 

Obwohl das fränkische System der Okkupation und Mission im Sachsenland noch nicht gefestigt war, wähnte sich Karl 777 schon als Sieger. Im Sommer jenes Jahres kamen Adlige, Franken und Sachsen, zu einer Reichsversammlung bei der Karlsburg ins sächsische Paderborn. Die befestigte Pfalz hatte Karl errichten lassen, um seine Macht in der Region zu demonstrieren. Wie überzeugt er war, dort Herr der Lage zu sein, zeigte er, indem er zu der Veranstaltung sogar Gesandte aus Spanien bat.

 

Die anwesenden sächsischen Fürsten unterzeichneten in Paderborn Verträge, in denen sie dem Frankenkönig und seinen Söhnen Treue gelobten. In Gönnerlaune bewirtete der Monarch seine Gäste mit vier Gängen auf goldenen Tellern, wie in Chroniken überliefert ist. Sänger und Sängerinnen verbreiteten Feststimmung, Possenreißer sorgten für Lachsalven - Comedy auf Karolingisch. Doch die Siegeslaune erwies sich als trügerisch. Schon im darauffolgenden Jahr, Karl war zu einem Feldzug nach Spanien gezogen, brach in der Krisenregion erneut die Rebellion aus. Sächsische Aufständische überwältigten die Bewacher der Karlsburg und drangen plündernd auf fränkisches Gebiet vor, bis nach Köln und zur Mündung der Mosel. Die Empörer führte ein Mann, der bald zu einer mythischen Gestalt werden sollte: Widukind. Der westfälische Adlige hatte an der Reichsversammlung in Paderborn nicht teilgenommen und sich zeitweilig nach Dänemark abgesetzt. Eine Legende erzählt, er sei mit der Tochter des dänischen Königs verheiratet gewesen, die ihm Söhne und Töchter gebar. Der Sachsenführer stützte sich auf den niederen Adel und die ländliche Bevölkerung.

 

Viele einfache Sachsen betrachteten die fränkischen Missionare, die, bewacht von Soldaten, Kreuze durch die Gegend trugen und fromme Lieder sangen, als feindliche Eindringlinge. Dass der fränkische König verbot, Volksversammlungen der Sachsen wie jährlich in Marklo abzuhalten, musste ihnen als dreiste Anmaßung eines Fremdherrschers erscheinen. Der Volkskrieg, den Widukind führte, richtete sich auch gegen einheimische Edelleute, die sich mit der fränkischen Macht arrangiert hatten. Die Rebellen töteten sächsische Adlige, die sich von den Franken zu Grafen hatten ernennen lassen. Und natürlich verjagten und erschlugen sie fränkische Priester. Welche militärische Kraft das widukindsche Bauernheer entwickeln konnte, zeigte sich 782 bei der Schlacht am Süntel, einer 440 Meter hohen Erhebung im Weserbergland. Dort vernichtete die sächsische Volksarmee eine ganze Heeresabteilung der Franken. Deren Marschall Geilo und weitere Anführer kamen ums Leben. Die Sachsen lockten Karls Reiter in Gräben und Fallgruben. Sie dezimierten die Gegner im Nahkampf. "Beinahe alle Franken blieben auf dem Kampffeld", resümiert der französische Karl-Biograf Jacques Delperrié de Bayac. Immer wieder unterschätzten die Franken den Hass, der ihnen entgegenschlug. Kurz vor der Schlacht am Süntel hatte Karl sächsische Adlige auf einer Reichsversammlung in Lippspringe auf seine strengen Gesetze verpflichtet. Wer dem Monarchen die Treue brach oder seine Soldaten angriff, den erwartete die Todesstrafe. Die Hinrichtung drohte allen, die Kirchen oder Priester attackierten, aber auch jedem, der einen Leichnam nach sächsischer Tradition und heidnischem Brauch einäscherte. Möglicherweise waren es gerade diese unerbittlichen Gesetze, die dem Geist des Aufruhrs neuen Zunder gaben.

 

Der sächsische Sieg am Süntel muss die Franken in erbitterte Wut versetzt haben. Welchen Zorn Karl und seine Umgebung gegen die "treulosen" Sachsen empfanden, zeigen Aufzeichnungen des wichtigsten Beraters am Königshof, Alkuin. Der nannte den widerständigen Stamm ein "nichtswürdiges Volk" und eine "verfluchte Generation". Dieses Denken verleitete Karl zu einem politisch motivierten Massaker. Bei Verden an der Aller ließ der Frankenkönig 782 bis zu 4500 Sachsen enthaupten - genaue Zahlen gibt es nicht. Geblieben ist die Erinnerung an eine Gräueltat.

 

Widukind war es unterdessen gelungen, sich nach Dänemark zu retten. Von dort aus steuerte er eine Weile den Partisanenkampf gegen die Franken, bis er dann - mit noch größerem Rückhalt unter seinen Stammesgenossen - zurückkehrte. Zwar zogen Karls Truppen, bisweilen auch vom König selbst geführt, durch das Sachsenland, um ihre Macht zu demonstrieren. Doch in offener Feldschlacht war Widukind nicht zu besiegen. Der Kampf gegen ihn war mühsam und aufwendig. Die Franken mussten hölzerne Festungen auf Waldlichtungen bauen und mit Lastkähnen über Flüsse setzen, um ihre vorgeschobenen Positionen zu verteidigen und zu versorgen. Da entschloss sich der Frankenherrscher zu einem politischen Schritt, um den Krieg zu beenden. Er sandte sächsische Boten zu Widukind und dessen Adlatus Abbio. Beide lud er ein, mit ihm Frieden zu schließen.

Nach anfänglichem Zögern reisten die beiden in der Weihnachtszeit 785 zu Karls Königspfalz Attigny am Ufer der Aisne im heutigen Nordfrankreich. In Attigny feierten die bisherigen Feinde gemeinsam Weihnachten - was für ein Symbol! Mit Gespür für diplomatisches Zeremoniell setzte der König seine Gastfreundschaft als Waffe ein. Widukind und Abbio ließen sich taufen, Karl war Taufpate. Der König schenkte dem zum Glaubensbruder bekehrten Sachsenführer ein goldenes Reliquiar. Beeindruckt haben muss Widukind auch die Klugheit des Monarchen, der Kunst und Wissenschaft förderte. Die Bekehrung des Rebellenführers brachte die Wende im Sachsenkrieg. Von 785 an kehrte zunächst Ruhe ein im Sachsenland. Die Kirche mühte sich, die befriedete Bevölkerung für das christliche Reich zu gewinnen. Der Glaube sollte als Bindemittel Bekehrer und Bekehrte dauerhaft vereinen. Vor allem entlang der Weser ließ Karl Kirchen errichten. Ein führender Kopf der Sachsenmission war Willehad. Der Missionar aus Northumbrien im Nordosten Englands war seit 770 im heidnisch geprägten Friesland aktiv gewesen; 787 ernannte Karl ihn in Worms zum ersten Bischof von Bremen.

 

Willehad weihte 789 den noch bescheidenen Bremer Dom, einen Holzbau auf einer Düne. Der Kirchenführer schonte sich nicht. Wenig später verstarb Willehad mit Ende vierzig bei kaltem Novemberwetter auf einer Reise in der Gegend des heutigen Nordenham. Am liebsten hätte es Karl gesehen, dass dem Stamm Widukinds die frohe Botschaft durch Landeskinder gepredigt würde. Damit aber kam es nur sehr langsam voran. Immerhin konnte er noch 806/807 den Sachsen Hathumar ("Der im Kampf Berühmte") zum ersten Bischof von Paderborn ernennen; auch dort war bald ein Dom fertiggestellt.

 

Die Missionierung hingegen währte erheblich länger. Erst unter Karls Sohn Ludwig konnten die Bistümer Hildesheim und Hamburg gegründet werden. Als Ludwig 826 den Dänenkönig Harald samt großem Gefolge in Ingelheim taufen ließ, befreite ihn das von mancher Sorge um die Sicherheit des Reiches. Denn die Dänen hatten sächsischen Aufrührern lange Unterschlupf gewährt. Auch durch Widukinds Taufe war, entgegen ersten Hoffnungen, der sächsische Widerstandsgeist nicht ausgelöscht worden. So brach 792 in Nordalbingien, im heutigen Holstein, und am Unterlauf von Elbe und Weser ein neuer Aufstand aus - getragen vermutlich von jenen jungen Leuten, die noch von streng heidnischen Müttern geboren worden waren und nun ins waffenfähige Alter kamen. Empörung über die beharrliche Forderung der Priester nach dem kirchlichen Zehnten, also einer Abgabe von zehn Prozent des Erwirtschafteten, war nur einer der Gründe für den Aufstand. Auch die beginnende Korruption im neocäsarischen Karolingerreich dürfte die Sachsen aufgebracht haben. Staatsbeamte durch Gaben gnädig zu stimmen, wie es im Frankenreich üblich wurde, widerstrebte ihnen.

 

Die Lage ihrer Region kam den neuen Aufrührern zur Hilfe: In den schwer zugänglichen Elbsümpfen versuchten sie als freie Bauern ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sie wollten ihre Welt konservieren, in der heidnische Opferaltäre unter Eichen rauchten. Im südlichen Sachsen dagegen standen abhängige Bauern Grundherren gegenüber. Eine Chance zum Sieg über die gut organisierten Franken hatten die Sachsen diesmal allerdings noch weniger als je zuvor. Kühles Kalkül kann es kaum gewesen sein, das sie motivierte. Eher waren es ihre traditionellen Begriffe von Ehre und Freiheit, die sie noch einmal in den Kampf gegen das Imperium Karls ziehen ließen, vermutlich auch der Mut der Verzweiflung.

 

Der König reagierte wie früher mit Härte. Seine Soldaten verschleppten Tausende von Sachsen, auch Frauen und Kinder, weit ins fränkische Reich, so der Historiker Siegfried Epperlein. Dort ließ der Herrscher sie verstreut ansiedeln. Das entvölkerte Land übergab Karl an Vasallen. Grafen und fränkische Siedler nahmen Haus und Hof der Vertriebenen in Besitz. Im Osten Holsteins siedelte der König Slawen vom Stamm der Abodriten an. Die hatten ihn im Kampf gegen die Aufständischen unterstützt. Um seinen Sieg zu festigen, zeigte sich Karl erneut von seiner milden Seite. Im Oktober 797 lud er auch sächsische Adlige in seine Pfalz zu Aachen. Dort verkündete er Änderungen der Gesetze von 782, die bei Vergehen gegen die christliche Religion die Todesstrafe vorgesehen hatten. Statt des Henkerbeils drohten bei Verstößen künftig nur noch Geldbußen. 802 wandte der Kaiser sich auf einem Reichstag in Aachen mit einer weiteren versöhnlichen Geste an die Sachsen. Er erkannte ihr altes Recht an, ließ es schriftlich fassen und stellte sie auf diese Weise juristisch mit den Franken gleich. Dass dies kein Zeichen von Schwäche war, zeigte Karl 804 mit seinem letzten Feldzug gegen sächsische Rebellen. Von Lippspringe aus marschierte er nordwärts nach Hollenstedt südwestlich von Hamburg. Dort brachen seine Truppen den Widerstand endgültig. Zäh, beharrlich und mit eiserner Wucht war Karl Herr über die Sachsen geworden.

 

Unerbittlich hatte er den langen Kampf geführt. Aber die Vernichtung der heidnischen Widersacher war nie sein Ziel gewesen. Früh schon hatte der Herrscher um die Gunst der Sachsen als militärische Verbündete geworben, wissend um ihre kriegerischen Qualitäten. Seit 787 konnten sächsische Verbände an fränkischen Feldzügen teilnehmen. Auch beim Heerzug gegen die Awaren, der 791 bei Regensburg begann, reihten sich Sachsen von Anfang an mit ein. Die Loyalität dieses Stammes war Karl umso wichtiger, als er bis 806 auch die Sorben unterwarf, ein slawisches Bauernvolk. Dieses kleinste der slawischen Völker wurde später ein Teil der deutschen Nation. Doch seine kulturelle Identität und die dem Tschechischen verwandte Sprache sollte es bis ins 21. Jahrhundert bewahren.

 

Wie sehr er die kampferprobten Sachsen schätzte, bewies Karl in seinen letzten Regierungsjahren: Er übertrug dem sächsischen Grafen Ekbert ein Grenzschutzkommando im Nordosten, wo Slawen und Wikinger als Bedrohung galten. Der Graf war verheiratet mit einer Fränkin. Verwandte Karls wiederum ehelichten sächsische Frauen. So wuchs zwischen Rhein und Elbe allmählich zusammen, was zusammengehörte, eine Stammesverbindung, aus der die späteren Deutschen hervorgehen, gemeinsam mit anderen Stämmen wie den Bayern, Thüringern oder Alemannen. Das zeigte auch das Schicksal der Nachkommen Widukinds. Ein Enkel wuchs am fränkischen Königshof auf und machte eine feierliche Wallfahrt nach Rom. Ein Urenkel des Sachsenhelden wurde gar Bischof von Bremen. Eine Nachfahrin Widukinds, Mathilde, war es auch, die im November 912 in Memleben im heutigen Sachsen-Anhalt jenen Otto gebar, der als "der Große" erster deutscher Kaiser werden sollte. Karls mühsame Unterwerfung und Christianisierung der Sachsen hatte im Laufe eines Jahrhunderts ein zukunftsfähiges Gemeinwesen jenseits der Stammesfeindschaften hervorgebracht.

 

Auszug aus: www.Spiegel Online, SPIEGEL GESCHICHTE 6/2012