Der Anlass, dem die Archäologen später ihren spektakulären Fund verdanken, mutet zunächst profan an. In Enger, einem unscheinbaren Ort in Ostwestfalen, sollen Bauarbeiter 1971 die Kirche renovieren und eine Fußbodenheizung installieren. Bei dieser Gelegenheit wollen die Forscher durch Grabungen die Baugeschichte der Kirche rekonstruieren. Mit etwas Glück, so hoffen sie, könnten sie dabei Hinweise auf einen Mann entdecken, von dem bis dahin kaum mehr greifbar ist, als ein weit über 1.000 Jahre alter Mythos.

 

Denn wohl seit dem Hochmittelalter gilt die Stiftskirche in Enger als Ruhestätte des bekanntesten Volkshelden der Region: eines Stammesherzogs der Sachsen, dessen Abbild mit Spangenkrone und Lilienzepter als lebensgroßes Sandsteinrelief an einem Grabmal hinter dem Altar liegt. Aber niemand weiß, wie dieser Mann ausgesehen haben mag, wann er geboren wurde und wo er tatsächlich begraben liegt. Und ob er wirklich so hieß, wie man ihn heute nennt: Widukind. Ein erbitterter Feind Karls des Großen ist dieser Herzog gewesen, so viel steht fest. Widukind hat im 8. Jahrhundert den verzweifelten Widerstand der Sachsen gegen die übermächtigen Franken organisiert, bis er sich schließlich als Zeichen der Unterwerfung taufen ließ. Mit ihm und seinen Sachsen endete das heidnisch- germanische Zeitalter in Mitteleuropa, hob das katholisch- christliche Mittelalter endgültig an.

 

Monatelang graben sich die Archäologen Schicht um Schicht zurück durch die Jahrhunderte, bis es schließlich die Zeit um das Jahr 800 erreichen- jene Epoche, in der wahrscheinlich noch zu Lebzeiten des Legendären Sachsenführers die Kirche von Enger errichtet wurde. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts thront der kleine Sakralbau auf einer Hügelkuppe zwischen Wiehengebirge und Teutoburger Wald. Er ist 14 Meter lang und 6,50 Meter breit und wurde von erfahrenen und vermutlich weit gereisten Handwerkern aus dem Frankenreich errichtet. Stein ist in dieser Gegend ein bis dahin wenig genutzter Baustoff- und Gotteshäuser sind noch ein seltener Anblick in diesem Gebiet, dessen Bewohner über Jahrhunderte hinweg heidnischen Bräuchen gefolgt sind, und es mitunter nach wie vor tun. Wer sich noch nicht zu Jesus Christus bekennt, der glaubt an eine Welt von Göttern, verbrennt seine Toten, statt sie zu begraben, und ermittelt sein Schicksal mithilfe von Losbefragungen und Orakeln. Seher lesen die Zukunft wohl immer noch so, wie es der römische Historiker Tacitus 98 n. Chr. beschrieben hat, aus Eingeweiden, dem Wiehern von Schimmeln, dem Flug der Vögel.

 

Sachsen werden die hier siedelnden Stämme erstmals in römischen Schriften des 4. Jahrhunderts genannt, Vermutlich rührt der Name von dem altgermanischen Wort für Messer her: sahs. Ein Volk sei es, berichtet im 5. Jahrhundert ein spanischer Geschichtsschreiber, das am Gestade eines Ozeans und in unzugänglichen Sümpfen wohne und durch seine Tapferkeit und Beweglichkeit gefürchtet sei. Und noch um das Jahr 730 beschränkt sich das gelehrte wissen auf Aufzeichnungen wie die des spanischen Enzyklopädisten Isidor von Sevilla. das Gebiet östlich des Rheins werde von rohen Stämmen bewohnt, die sehr wild seien und durch unbarmherzige Gewohnheiten abgehärtet. In friedlichen Zeiten züchten die Sachsen Pferde, Schafe, Schweine und Rinder. Häufig bestellen sie auch Felder, bauen Rogge und Weizen an, sowie Flachs, den sie zur Herstellung von Stoffen nutzen. Immer wieder aber verlassen die Männer ihre Siedlungen zwischen Nordsee und Harz, Elbe und Rhein und gehen auf Raubzüge. sie sind gute Seefahrer und im 4. und 5. Jahrhundert wird ihr Name zum Synonym für "Piraten".

 

Lange Abschnitte der gallischen und britannischen Küste nennen die Römer litus Saxonicum. Nicht etwa, weil an der "Sächsischen Küste" Sachsen lebten, sondern weil diese die dortige Bevölkerung immer wieder heimsuchten. Im 8. Jahrhundert grenzt das Gebiet der Sachsen im Westen an das reich der Franken, das gut zwei Jahrhunderte zuvor entstanden ist. Damals schuf der germanische Stammesführer Chlodwig mit List, Verrat und Gewalt aus mehreren kleinen germanischen Reichen das fränkische Einheitsreich, das sich inzwischen von der Garonne im Südwesten bis über den Rhein hinaus erstreckt. Ihren Namen haben ihnen Zeitgenossen gegeben: Franken- die Kühnen.

 

Ander Nordostgrenze des Frakenreiches treffen Christentum und germanischer Götterglaube aufeinander. Denn unter dem Einfluss seiner katholischen Frau hat Chlodwig im Jahr 498 Göttern wie Donar und Wotan entsagt und sich taufen lassen. Die Franken sind Christen geworden. Zangengleich liegt ihr Reich um das der heidnischen Sachsen. Doch es ist zunächst wohl kein Missionierungswille, der Chlodwigs Nachfahren zu Feldzügen in das benachbarte Land treibt: Teils aus Vergeltung für sächsische Überfälle, teils getrieben von Machtwillen rücken die Franken immer wieder in das Nachbarland vor.

 

Über Jahrzehnte flammen die Feindseligkeiten zwischen den Völkern auf, auch weil es zwischen ihnen keine klare Grenze gibt: Nur dort, wo Bergrücken oder unbewohnte Wälder sich zwischen die Siedlungsgebiete in der Ebene schieben, sind die Territorien deutlich voneinander getrennt. Und so nehmen "Totschlag, Raub und Brandstiftung auf beiden Seiten kein Ende": Das zumindest überliefert der Biograf Karls des Großen, der Hofgelehrte Einhard. Karl ist 771 zum Alleinherrscher von Franken aufgestiegen und macht sich schon bald daran, sein Großreich zu erweitern. Im Inneren bemüht sich der Herrscher um eine neu gestaltete Verwaltung, gibt eine einheitliche Gesetzgebung vor und schafft die letzten Stammesherzogtümer ab- jene selbstständigen Herrschaften, die sich zu Zeiten schwächerer Könige auf fränkischem Boden hatten etablieren können. Selbst zeitlebens Analphabet lässt der Herrscher Klöster und Schulen bauen, fördert Bildung und Wissenschaft, eine Hochkultur entsteht, die an das Land von Stämmen grenzt, die nicht einmal ein eigenes Schrifttum kennen: das der Sachsen. Schon früh beschließt der König, die Unruhen an der nordöstlichen Grenze für immer zu beenden und das Frankenreich zu erweitern- eine Entscheidung, die zu seinem längsten und grausamsten Krieg führen wird. Im Jahr 772 zieht Karl mit seinen Soldaten erstmals gegen die Sachsen.

 

Zunächst erzielen die fränkischen Truppen rasche Erfolge. Sie erobern die Eresburg, eine mächtige Wallanlage im heutigen Sauerland und zerstören ein nahegelegenes Heiligtum der Sachsen. An strategisch wichtigen Stellen östlich des Rheins legen die Franken nun Befestigungen und Aufmarschrouten ein. Zudem ruft Karl einige sächsische Führer zusammen und lässt sich von ihnen Geiseln stellen. Die heidnischen Nachbarn, so muss es dem König erscheinen, haben sich der fränkischen Übermacht ergeben. Doch 774, Karl ist gerade auf einem Feldzug in Italien, üben die Sachsen Vergeltung. Sie zerstören den fränkischen Stützpunkt auf der Eresburg, verwüsten die hessischen Grenzgebiete.

 

Daraufhin wirft Karl seinen Feinden Ehr- und Treulosigkeit vor. Ihm ist vermutlich klar, dass die Sachsen ein loses Gefüge größerer und kleinerer Stämme sind, die keine gemeinsamen Herrscher oder gar Könige kennen, nur Oberhäupter von Siedlungsgemeinschaften. Ein Schwur oder ein Friedensvertrag ist deshalb wohl allein für jene Gruppen bindend, die ihn geleistet oder geschlossen hat. Ein solcher Stammesführer ist wahrscheinlich auch jener Mann, den der Münsteraner Bischof Altfried die "Wurzel allen Übels" nennt, aber auch dux Saxonum, "Herzog der Sachsen". Widukind. Über seine Herkunft, seinen Stellung und seinen Rang wird wohl nie Klarheit herrschen. Denn Aufzeichnungen der Sachsen gibt es nicht, das wenige Wissen über ihn stammt allein aus den Quellen seiner Gegner.

 

Eines jedoch lässt sich sagen: Widukind wird seine Heimat viele Jahre lang grimmig entschlossen gegen Karls Armeen verteidigen. Vermutlich kämpft er schon auf wichtigen Posten bei den Sachsen mit, als die Franken im Jahr 775 erneut einmarschieren um "das treulose und vertragsbrüchige Geschlecht der Sachsen zu besiegen und der christlichen Religion zu unterwerfen oder es gänzlich zu vernichten", so Karls Bischof Einhard.

 

Nun geht es dem König nicht mehr um die Sicherheit der Grenze und die Ausweitung des fränkischen Machtbereichs, sondern um kompromisslose Unterwerfung und Missionierung eines Feindes. Bei Höxter überschreiten die fränkischen Truppen die Weser, bezwingen Stämme wie die Ostfalen, die Engern, die Westfalen. Widerstand leisten die Sachsen dabei kaum - die Armee des Gegners ist übermächtig, vor allem beim Kampf im offenen Gelände. Auf vormals feindlichem Gebiet errichten die Franken eine Festung an der Lippe, die Karlsburg. In Massen empfangen heidnische Sachsen hier die Taufe und schwören:

 

"Ich entsage allem Teufelswerk, Donar, Wotan, Saxnot und allen Unholden, die ihre Genossen sind."

 

777 hält Karl erstmals einen Reichstag in Paderborn ab. Die sächsischen Adligen schwören ihm die Treue. Sachsen scheint endgültig unterworfen. Doch unter den Abgesandten fehlt einer: Widukind der "als Rebell im Bewusstsein seiner vielen Freveltaten aus Furcht vor dem König" mit seinen Anhängern zum Dänenkönig Sigfrid geflohen ist, wie ein Chronist festhält. Weshalb Widukind sich nicht beugt, welche Motive ihn antreiben, ja selbst wie er aussieht, das verrät keine der Schriften über Karls Widersacher. Doch mehr als 1200 Jahre später können Forscher zumindest zu letzten Frage plausible Vermutung anstellen. Denn im Spätsommer 1971 stoßen die Archäologen nach monatelangen Grabungen im Chorraum der Stiftskirche von Enger auf 3 Skelette. Die Gräber liegen direkt vor dem Altar, ein ungewöhnlicher Platz. Es könnten Gräber für den Auftraggeber der Kirche und dessen Angehörige sein.

 

Hatte der getaufte Sachsenherzog nicht der Sage nach die Bevölkerung dreier Orte zum Bau eines Gotteshauses ermutigt und versprochen, sich in der zuerst vollendeten Kirche begraben zu lassen? Und ist eben dies nicht den Einwohner Engers gelungen, weil sie zunächst auf den Bau des Turmes verzichteten und ihn erst später errichteten? Noch heute steht der Engeraner Glockenturm, eine Konstruktion aus dem 14. Jh, ungewöhnlich frei neben der Stiftskirche. Doch es existiert noch eine andere, verlässlichere Quelle: Eine Chronik aus dem 10 Jh. beschreibt Widukind als gottesfürchtigen Mann, der nach seiner Taufe mehrere Kirchen errichten ließ, darunter die "cellula Aggerinensis", die Kirche in Enger. Ab 2001 werden die Skelettfunde von Anthropologen mit modernen Methoden untersucht: Könnte der Tote im mittleren Grab der Sachsenherzog Widukind sein? Ein kraftstrotzender Mann war der Verstorbene auf jeden Fall, etwa 60 Jahre alt, 1,82 m groß. Wahrscheinlich ist er bis ins hohe Alter körperlich aktiv gewesen, denn alle Skelettteile haben besonders ausgeprägte Ansatzstellen für Muskeln; vergleichbar kräftig sind heute etwas Schwerathleten. Die Oberschenkelknochen sind säbelartig gebogen, einige Wirbel des Rückgrats zeigen knöcherne Überbrückungen. Die Bandscheiben müssen stark abgenutzt gewesen sein, Knochen rieb auf Knochen, Indiz für chronische Überbeanspruchung der Wirbelsäule - sein ganzes Leben hat der Mann wohl im Sattel verbracht. Auch ist das rechte Schlüsselbein dicker als die erhaltenen Stücke des linken. Ein Krieger, vermuten die Anthropologen, der möglicherweise über Jahre hinweg mit der rechten Hand Speer und Schwert geführt hat. Von anderem Alter und Körperbau war der Tote im linken Grab: ein 14 bis 16 jähriger junger Mann, etwa 1,66 m groß. Der dritte, im rechten Grab Bestattete könnte Abbio gewesen sein, ein langjähriger Weggefährte Widukinds: etwa 60 Jahre alt und 1,82 m groß, robust gebaut, massiger Schädel. So könnten sie also ausgesehen haben, die zwei kampferprobten Hünen, die sich nach ihrer Rückkehr aus Dänemark im Jahr 778 erneut gegen die fränkischen Besatzer stellen. Einer endlosen Schleife gleich wiederholen sich Treuegelöbnisse und gebrochene Schwüre, Aufstände, Eroberungen und Rückeroberungen, Verwüstungen, Unterwerfungen und Massentaufen - sowie Fluchten jenes Mannes, der sich nicht beugen will.

 

Auszug aus: Widukind, Der letzte Germane, GEO-EPOCHE-Nr. 34 Die Germanen, S. 142 ff