Eines der berühmtesten Werke der Geschichtsschreibung beginnt mit den Worten:


„Germanien in seiner gesamten Ausdehnung wird von den Galliern, Rätern und Pannoniern durch den Rhein und die Donau geschieden, von den Sarmaten und Dakern durch gegenseitige Furcht der Völker voneinander und durch Gebirgszüge. Die Nordgrenze wird vom Meer gebildet, das breite Landzungen und Inseln von unermesslicher Ausdehnung umgibt. Es ist noch nicht lange her, dass wir einige Völker dieser Landstriche und ihre Könige kennengelernt haben: der Krieg hat sie uns erschlossen.“


Der lateinische Titel heißt „De origine, situ, moribus et populis Germanorum“- „Über den Ursprung, die Lage, die Sitten und die Völker der Germanen“, kurz „Germania“.

 

Es herrscht viel Unkenntnis im heutigen Deutschland über die „Germania“. Sie ist nicht verstaubt oder langweilig und schon gar nicht weitschweifend, sondern unübertrefflich in ihrer Klarheit und ihrer Gliederung. Anschauliche Schilderungen und Knappheit im Ausdruck brillieren in der „Germania“. Sie ist kurz und darum bemüht, in jedem Satz die größtmögliche Information zu pressen und das wiederum macht die Arbeit des Erklärens und Deutens so schwierig. Die „Germania“ ist um 98 nach Christus entstanden und wurde in Rom rasch zum Bestseller, da von brennender Aktualität. Es wird ein Volk mit einer Mischung aus Furcht und Respekt geschildert, welches man hasste und doch insgeheim bewunderte, lag man doch schon seit über 210 Jahren mit ihm im Krieg. Tacitus registrierte kopfschüttelnd „Ein merkwürdiger Widerspruch liegt in ihrem Wesen…“ Für die übrige Welt blieben sie immer rätselhaft, von gefährlicher Unergründlichkeit, und niemals glaubte man sich vor dem sicher, was die Römer den furor Teutonicus nannten. Von Anbeginn trugen sie „zwei Seelen in ihrer Brust“, die ersten Deutschen. Sie waren Bauern, die Krieger sein mussten, und Krieger, die gern Bauern waren. Doch die Germania geriet allmählich in Vergessenheit.

 

Anderthalb Jahrhunderte nach Tacitus wurde ein Gesetz erlassen, wonach alle Werke des Tacitus zehnmal im Jahr abgeschrieben werden mussten und zwar auf Staatskosten um so den öffentlichen Bibliotheken zur Verfügung gestellt zu werden. Ebenso musste jede öffentliche Bibliothek seine gesamten Werke führen. Der Gesetzgeber war Kaiser Marcus Claudius Tacitus 274 nach Christus. Er wollte, dass Tacitus der Nachwelt erhalten bleibt, und er war der unbekannteste aller römischen Cäsaren (regierte nur 6 Monate). Die nachkommenden Cäsaren und später die Kirche versuchten, ihn mit allen Mitteln totzuschweigen, er war ihnen zu republikanisch, und er nannte das aufkommende Christentum „verderblicher Aberglauben“.

 

Die Schriften gingen verloren für eine lange Zeit. Humanisten, denen die Wiederentdeckung der antiken Literatur eine Herzensangelegenheit war, fanden im Kloster Hersfeld drei unbekannte auf Pergament geschriebene Schriften, von denen eine die „Germania“ war. So zwischen 1450 und 1455 gelang es einem Bücheragenten des Papstes, den Abt des Klosters Hersfeld zu überzeugen, dass die Werke römischer Autoren am besten in ihrem Ursprungsland aufgehoben seien. Und so kehrte die „Germania“ wieder nach Italien zurück.

 

Wer war Tacitus? Er wurde 55 nach Christus als Sohn eines Landadligen geboren. Er studierte in Rom die „Kunst der Rede“ und heiratete die Tochter eines Statthalters in Britannien. Er bekleidete verschiedene hohe Staatsämter und wurde Gouverneur einer außeritalienischen Provinz. 93 nach Christus kehrte er nach Rom zurück und überlebte die Schreckensherrschaft des Domitian. Bis dahin war er nur Redner und Anwalt. Ab den Kaisern Nerva und Traian war es erlaubt, zu fühlen und zu schreiben, was man wollte. Tacitus „Historien“ und „Annalen“ waren dazu da, „dass tapfere Taten nicht vergessen werden und die Furcht vor der Schande erhalten bleibt, mit der die Nachwelt verworfene Worte und Taten bedenkt.“ Mit diesen beiden Werken schrieb er sich das von der Seele, was er als eigene Schuld empfand. Die „Germania“ wurde eigentlich auch aus diesem Beweggrund von ihm geschrieben. Nüchtern betrachtet ist sie jedoch ein ethnographischer Exkurs, ein Ausflug in die Völkerkunde. Geschildert wurde der Krieg gegen die germanischen Donausweben. Mehr und mehr wurde der Exkurs zum Hauptanliegen, die Völker jenseits der Alpen faszinierten ihn, sie besaßen Tugenden, die seinem eigenen Volke längst abhanden gekommen waren. So wohnten die Götter nicht in Tempelbauten, sondern in Wäldern und Hainen. Als größte Schande galt, wenn man dem Gefolgsherren die Treue brach und ohne ihn aus der Schlacht zurückkehrte. Die germanischen Frauen waren keusch und sittsam, Fremden wurde immer ein Dach über dem Kopf angeboten. Leichenbegräbnisse waren keine Schaugepränge, sondern es herrschte eine lange und aufrichtige Trauer. Jünglinge und Mädchen lernten erst spät den „Liebesgenuss“ kennen. Es galt die Heiligkeit der Ehe, die Ehepaare waren Gefährten in guten und schlechten Zeiten. Aber Tacitus zeigte auch die andere Seite der Germanen, wie den Hang zur Trunksucht, den Hang zum Faulenzen, den Hang zur Streitsucht, ihre Menschenopfer und ihre Spielsucht. Die Germanen erfanden den Würfelbecher, daher kommt auch „alles aufs Spiel setzen“. Für Tacitus hieß die „Wahrheit“ zu finden, eine Antwort zu finden auf die Fragen: Warum diese Menschen den Römern so gefährlich hatten werden können, was sie ihre Tugenden hatte bewahren lassen, woher ihre durch nichts zu bändigende Kraft kam, was sie dazu befähigte, sich trotz vernichtender Niederlagen immer wieder zu erholen?

 

Diese Textpassage spiegelt sich in den Büchern des Literaturverzeichnisses wider.