Immer weiter dringen die erfahrenen Soldaten des römischen Imperiums um die Zeitenwende in die Germanengebiete östlich des Rheins vor. Viele Stämme müssen sich den Besatzern unter dem Kommando des Provinzstatthalters Publius Qunctilius Varus unterwerfen - bis der Cheruskerfürst Arminius im Jahre 9 n. Chr. heimlich das Signal zum Aufstand gibt.

 

Ein gewaltiger mehrere Kilometer langer Heereszug schiebt sich an diesem Frühsommertag des Jahres 9. n. Chr. über die sorgfältig planierte, gut 30 Meter breite und von Gräben eingefasste Römerstraße den Fluss Lippe entlang nach Osten. An der Spitze: Krieger auf Pferden. die nach römischer Art mit Wurfspießen und Schilden bewaffnet sind mit Schwertern und Dolchen. Ihre Helme glänzen in der Sonne. Nur an der Sprache erkennen die Menschen, die aus den Dörfern am Wegesrand herbeigelaufen sind, dass die Reiter Germanen sind. Darunter Männer vom Stamm der Cherusker, als Hilfstruppen in römischen Diensten.

 

Hinter den Reitern marschieren jeweils zu sechst in einer Reihe, die etwa 10.000 Soldaten der 17. 18. und 19. römischen Legion. Elitetruppen, seit Jahren vertraut mit den Ländern des Nordens und stolz darauf, noch nie einen Kampf verloren zu haben. Auf ihren mit Leder bezogenen Schilden ist ein Blitz abgebildet: die Waffe Jupiters, des höchsten Gottes der Römer. Rüstungen, hergestellt aus je 30.000 vernieteten Eisenringen, schützen die Körper bis zum Knie wie eine zweite Haut. Die eisernen Helme mit Wangen- und Nackenschutz durchschlägt kein Pfeil. Über den Schultern tragen die Legionäre ihren Wurfspeer, an der Seite das kurze Schwert. Ihre Kommandeure sind am roten Offiziersmantel zu erkennen.

 

Jeder Legion ist auf langer Stange ihr Adler vorangetragen. Ein ausgesuchter tapfrer Soldat, dessen Schultern mit dem Fell eines Wolfes bedeckt sind, reckt das Feldzeichen empor. Die Vögel Jupiters sind aus Gold gearbeitet, in seinen Krallen hält er vernichtend Blitze. Der Adler ist die Seele der Legion. Ein Verlust wäre die größte denkbare Schande. Inmitten der Legionäre reitet umringt von seiner Leibgarde Publius Quinctilius Varus. Statthalter der Provinz und Kommandeur der Rheinarmee. Der kräftige Offizier von Mitte 50 ist schon von Weitem an seinem kostbaren, dem Brustkorb genau nachgebildeten Muskelpanzer zu erkennen, an seinem prachtvoll gearbeiteten Helm und an seinem purpurnen Mantel - allesamt Insignien desjenigen Mannes, der Roms Macht zwischen Alpen und Nordsee verkörpert.

 

Vor Varus schreiten dessen zwölf Amtsdiener. Als Zeichen seiner strafenden Gewalt über Leben und Tod tragen sie Rutenbeutel, in die ein Richtbeil eingebunden ist.

 

Größer als sonst bei Feldzügen üblich ist der Tross der Armee: Hunderte zwei- und vierrädriger Karren, gezogen von Maultieren, sowie eine große Menge weiterer Lasttiere folgen den Legionen. Viel Gepäck muss mitgeführt werden: Reservekleider und Ersatzwaffen, Kochutensilien und Getreidemühlen, Äxte zum Ausbessern der Wege, Pfeilgeschütze und vorgefertigte Holzpalisaden für Lagerbefestigung. Aber auch Weizen und Speck für die Soldaten und Futter für Pferde und Zugtiere: Germanien ist ein armes Land und kann eine so gewaltige Masse von Menschen und Tieren nicht ernähren.

 

Zudem ist Varus der Repräsentant des Imperiums. Er muss jene germanischen Fürsten beeindrucken, deren Territorien in den vorangegangenen Jahrzehnten Stück für Stück erobert hat. Und dazu sind Pracht und Luxus, die besten Mittel. Deshalb führen die Trossknechte für Gastmähler und Treffen große Zelte mit. sowie Liegesofas, Sessel, Teppiche, Tische, Mischkrüge und Becher, kostbares Geschirr und geschliffene Gläser. Auch haben die Römer Dutzende Amphoren dabei, gefüllt mit ausgesuchten Weinen, mit Oliven, Öl, Spargel, Nüssen, Gewürze, Saucen: alles Lebensmittel zur eigenen Versorgung und zugleich Zutaten für Gerichte, mit denen sie den Germanen die eigene Kochkunst demonstrieren wollen. Zudem tragen die Maultiere Behälter und Rüstungen und prunkvolle Waffen, mit Schmuck und edler Keramik: Geschenke für die Stammesführer.

 

Der Tross ist gefährlich schwer beladen, aber Varus hat sich auch nicht auf einen Feldzug gemacht, sondern auf eine Inspektionsreise, durch die nördlichste Provinz des Imperiums Romanum. Und da sein Ziel die Weser ist, wird er dort bei Freunden sein. Bei den Cheruskern. Gleichwohl verfolgt er auch eine strategische Absicht: Er will Stärke zeigen. Denn vermutlich fürchtet er, dass Marbod - einer der letzten unabhängigen Germanenherrscher - von Osten aus die von den Römern unterworfenen Gebiete attackieren könnte.

 

Nach etwa zehn Tagesmärschen befiehlt Varus seinen Männern ein Lager zu errichten. Sie stehen jetzt kurz vor oder direkt an der Weser. Binnen Kurzem erbauen die Krieger eine Stadt, größer als jede germanische Siedlung östlich des Rheins. Denn obwohl die drei Legionen nicht in voller Kampfstärke angetreten sind - einige Einheiten sind am Rhein zurückgeblieben oder wurden zur Sicherung von Straßen in anderen Gegenden Germaniens kommandiert -, ist dies eine gewaltige Menschenmenge in einem Land, dessen Dörfer kaum mehr als 200 Einwohner haben.

 

Das Schauspiel der Macht wirkt: Marbods Männer wagen sich nicht vor, kein Scharmützel stört das Leben in der Lagerstadt. Mehrere Monate lang spricht Varus von hier aus Recht, vermittelt zwischen dem umliegenden Stämmen, ehrt besonders romtreue Stammesfürsten mit Einladungen. Und er zieht Abgaben ein:. wahrscheinlich Pelze und Tierhäute, vielleicht auch Vieh und Getreide.

Schließlich im September, befiehlt der Statthalter Roms, die Zelte wieder abzubrechen. Ehe der Herbst einsetzt, will er zurück sein in den Winterquartieren der Legion am Rhein.

 

Auch fast alle germanischen Hilfstruppen schickt er zurück in ihre Heimat. Hunderte Cherusker verlassen mit ihren Waffen das Lager und reiten in ihre Dörfer. Ihr Anführer aber bleibt zurück: ein Fürst namens Arminius. Die römischen Soldaten sind noch mit den Vorbereitungen für den Abmarsch beschäftigt, als sich Arminius bei Varus melden lässt: Etwas weiter nordwestlich, nicht allzu weit vom Lager entfernt, hätten sich mehrere kleinere Stämme gegen Rom erhoben. Arminius schlägt dem Statthalter vor, die Rebellion auf dem Rückmarsch zum Rhein niederzuwerfen, wobei schon das Erscheinen der schwer bewaffneten Legionen den Sieg garantieren dürfte. Kein Risiko also.

 

Stimmt Varus dem Plan zu - oder zögert er? Die Historiker wissen es nicht. Eigentlich will er auf jener Route zurückmarschieren, die er im Frühsommer genommen hat: auf der römischen Heerstraße entlang der Lippe, der kürzesten Trasse zum Rhein. Zudem liegen an Ufern des Flusses mehrere große Militärstützpunkte, die mit Gräben, Wällen und Palisaden umfriedet sind und in denen auch im Winter Truppen Dienst machen. Zöge er stattdessen in das von Arminius beschriebene, schlecht zugängliche Rebellengebiet, wäre das Risiko groß, mit seiner Armee bei schlechtem Wetter im Schlamm stecken zu bleiben.

Wahrscheinlich wägt Varus ab. Einerseits gebietet es ihm die Pflicht, einzugreifen. Andererseits ist er für das Heer verantwortlich. Ohne die cheruskischen Reiter, deren Aufgabe es ist Rebellen aufzuspüren und die Flanken der Legionen zu sichern, will er sicher nicht aufbrechen.

 

Doch Arminius, seit einem halben Jahrzehnt in römischen Diensten und als Offizier bewährt, redet ihm die Bedenken aus. er schlägt eine Route vor, die Roms Legionäre von ihren Zügen durch das Germanenland bereits kennen: eine alte Handelsverbindung. Sie führt von der Weser am nördlichen Rand des Wiehengebirges entlang in die Gegend um das heutige Osnabrück und dann an den Niederrhein. Zudem versichert Arminius seinem Befehlshaber, dass er die bereits von dannen gezogenen cheruskischen Reiter ohne Probleme wieder zusammenrufen könne. Noch ehe Varus das Gebiet der Rebellen erreichte, werde er mit seinen Männern wieder dazu stoßen. Der Römer willigt ein.

 

Am Abend gibt Varus ein Abschiedsmahl. Geladen sind einheimische Fürsten, die er zuvor reich beschenkt hat. Ein letztes Mal beeindruckt Varus sie mit den Genüssen seiner Tafel. Lässt den Germanen im taghell erleuchtete Speisesaal Delikatessen der Mittelmeerküche vorsetzen: lukanische Würstchen, gefülltes Huhn, Linsen mit Muscheln. Einer der Gäste, der Cheruskerfürst Segestes, nimmt den Statthalter plötzlich beiseite. Unter vier Augen berichtet er ihm von einer Verschwörung: Arminius plane das römische Heer zu vernichten. Es gebe gar keine Rebellion in Germanien; vielmehr hätten die von Arminius angeführten Hilfstruppen beschlossen abtrünnig zu werden. Auf keinen Fall, warnt Segestes, dürfe Varus den Cheruskerfürsten abreisen lassen. Noch am Abend müsste er Arminius und die andere Stammesführer gefangen nehmen und verhören, auch ihn selbst, damit kein Verdacht auf ihn falle.

 

Varus kann nicht glauben, was ihm Segestes, ein Parteigänger Roms erzählt. Eine Verschwörung gegen ihn, gegen Rom? Arminius ein Verräter? Der 25- jährige Cherusker hat sich wie kein anderer Germane auf Feldzügen des Imperiums ausgezeichnet. Er hat nicht nur wie Segestes das römische Bürgerrecht, sondern ist von Kaiser Augustus sogar zum Ritter erklärt worden:. dem zweithöchsten gesellschaftlichen Stand des 50- Millionen- Reiches gerade einmal 20.000 Menschen an.

 

Varus vermutet eine Intrige. Er hat als Statthalter schon viele Jahre Provinzen verwaltet und kennt den Drang von Unterworfenen, sich die Gunst der neuen Herren zu verdienen. Vielleicht weiß er auch um das schlechte Verhältnis zwischen den beiden cheruskischen Fürsten. Arminius will Thusnelda heiraten, die Tochter des Segestes, doch der Vater versucht das um jeden Preis zu verhindern. Er hat Thusnelda einem anderen versprochen. Soll Varus jetzt einem bloßen Verdacht nachgehen und einen seiner wichtigsten Kommandeure festnehmen lassen? Ist Arminius nicht das beste Beispiel dafür, was aus einem Barbaren werden kann, wenn er sich für Rom entscheidet?

Und würde es nicht alles infrage stellen, was Rom im Kampf um Germanien erreicht hat? Er weist Segestes zurück.

 

Seit mehr als einem Jahrzehnt schon treibt das Reich die Unterwerfung des Landes westlich und östlich des Rheins voran. Die Römer bauen Straßen, legen Bohlenwege durch Sümpfe, gründen Städte und halten Märkte ab, auf denen sie mit den Germanen handeln. Pachtgesellschaften aus Italien und Spanien erschließen die Bodenschätze Germaniens. Blei im Sieger- und Sauerland, Eisen an der Lahn. Roms Abgesandte handeln ohne Gefahr für Leib und Börse, denn die Okkupationsmacht hat überall im Land Wachposten Dabei hatten Roms Herrscher anfangs gar nicht vor, in die germanischen Wälder vorzudringen. Zwischen 58 und 51 v. Chr. erobern die Legionäre des Gaius Julius Caesar die Region Gllien, ein Siedlungsgebiet der Kelten (das heutige Frankreich, Belgien und die Westschweiz) und schieben die Reichsgrenze bis an den Rhein vor. Caesar erklärt den Fluss zur Grenze zwischen Barbarenland und Imperium. Wildnis und Zivilisation. Denn anders, als das reiche Gallien, in dem etliche Städte blühen, boten die Gebiete östlich des Rheins "einen traurigen Anblick", wie der römische Chronist Tacitus später notiert. Sie seien voller "schauriger Wälder, grässlicher Sümpfe" und rauher Gebirge, die Rinder unansehnlich noch schön. Bodenschätze wie Gold und Silber gebe es wohl auch nicht. Kurz: Das Land sei in jeder Beziehung "hässlich".

 

Tatsächlich leben die meisten Germanen auf Gehöften inmitten ihrer Äcker, oder in Dörfern, die oft nicht mehr als zehn, selten bis zu 30 Häuser umfassen. Und während die Römer in Gallien gut ausgebaute Straßen und Flusswege vorgefunden haben, gibt es östlich des Rheins nur wenige überregionale Handelswege, die den Ansprüchen der Römer genügen. Die germanischen Stämme haben meist weder Fürsten noch Könige. Stattdessen streiten die adeligen Familien eines Stammes ständig um die Macht.

 

Anführer scharen Gefolgschaften um sich, doch ehrgeizige Krieger schließen ich nun jenen Fürsten an, unter deren Befehl sie Ruhm, Ehre und reiche Beute erwarten- gleich welchem Clan die Fürsten angehören. Und so überqueren immer wieder Kriegergruppen aus mehreren Stämmen den Rhein, um in Gallien all das zu rauben, was daheim fehlt: Gold und Silber, Ringe, Ketten, Armbänder, Wein, bessere Lanzen und Schwerter, keltische und römische Pferde. Rom schenkt den gelegentlichen Plünderungszügen der Germanen zunächst kaum Beachtung- Kaiser Augustus führt in anderen Ländern Kriege. Seine Soldaten erobern Nordspanien, Illyrien (das heutige Kroatien, Slowenien und Serbien), die Alpentäler und die Pässe vom Brenner bis zum großen St. Bernhard. Bei diesen Feldzügen zeichnen sich die Stiefsöhne des Augustus aus. Tiberius und Drusus. Und Varus, der Kommandeur der 19. Legion.

 

Im Jahr 16 v. Chr. aber provozieren einige Germanenhorden den Kaiser mit einem Angriff auf Gallien: Die Krieger schlagen eine Legion in die Flucht und rauben die Feldzeichen der Soldaten, den goldenen Adler. Und was besonders schwer wiegt: Kommandeur der Truppe ist Marcus Lollius Paulinus, ein Vertrauter des Augustus. Ungünstiger hätte der Zeitpunkt für jene solche Niederlage nicht sein können. Ein Jahr zuvor hat der Kaiser bei einem pompösen Fest in Rom ein neues, goldenes Zeitalter verkündet und allen Einwohnern Frieden und Schutz vor äußeren Feinden versprochen.

Augustus bleibt keine Wahl: Will er sein Ansehen retten, muss er die Rebellen unterwerfen. Zuerst lässt er entlang dem Rhein Stützpunkte errichten, in denen bis zu 15.000 Soldaten Dienst tun: Städte wie Noviomagus (Nimwegen) und Castra Vetera (Xanten). Novaesium (Neuss), Mogontiacum (Mainz) und wohl auch Bonna (Bonn).

 

Die Legionäre dieser Garnisonen kontrollieren- verstärkt durch Augustus' Rheinflotte- die nach Germanien führenden Nebenflüsse des Rheins wie etwa den Main sowie bedeutende Handels- und Heerstraßen; die Stützpunkte sind zugleich Basislager für Vorstöße nach Germanien. Zum Befehlshaber an der Rheinfront ernennt Augustus seinen Stiefsohn Drusus. Ab 12 v. Chr. dringt der Feldherr mit seinen Legionen bis zur Elbe vor. Beeindruckt von deren Waffenmacht, verbünden sich germanische Stämme wie Bataver, Friesen und Chauken mit den Römern; andere werden unterworfen. Selbst als sich im Jahr 10 v. Chr. fast alle übrigen Stämme zwischen Rhein und Elbe - Cherusker und Chatten, Sueben und Sugambrer, Marser und Brukterer, Usipeter und Tenkterer - zusammenschließen, bleibt Rom siegreich.

 

9 v. Chr. stirbt Drusus, kaum 30 Jahre alt, durch einen Sturz vom Pferd. Sein Bruder Tiberius übernimmt das Kommando in Germanien und treibt die Unterwerfung weiter voran. Die Sugambrer etwa, die sich der Macht des Imperiums widersetzen, siedelt er auf das westliche Rheinufer in die Nähe von Castra Vedera um, wo sie - unter römischer Kontrolle - dem Reich nicht mehr gefährlich werden können. Als kein germanischer Krieger es mehr wagt, die Rheingrenze zu überschreiten, zieht Tiberius als Sieger durch Germanien. Stamm um Stamm unterwirft sich nun der Macht Roms: Unbewaffnet ziehen die Germanen vor den Feldherrn, beugen die Knie und stellen die Kinder führender Adeliger als Geiseln. Deren Aufenthalt in gallischen oder italischen Städten führt sie zur römischen Kultur: Sie lernen lesen, schreiben, Latein - sowie die Ehrfurcht vor dem Imperium. Der Kaiser behandelt die Stämme je nachdem, wie sie sich zuvor gegenüber Rom verhalten haben. Von manchen verlangt Augustus hohe, von anderen geringe Abgaben; einigen, die gleich auf die römische Seite übergetreten sind, erlässt er sie ganz.

 

Bevorzugt behandelt werden die Friesen, die Batever am Niederrhein, die an der Wesermündung lebenden Chauken und die Cherusker, deren Siedlungen sich am Mittellauf der Weser erstrecken. Wer sich zum Imperium bekennt, kann mit kostbaren Geschenken, vor allem aber mit politischer Unterstützung innerhalb seines Stammes rechnen..

 

Führende Adelige und deren Familien erhalten das begehrte römische Bürgerrecht: Sie zahlen fortan weder Kopf- noch Grundsteuer, können bei den römischen Hilfstruppen Karriere machen und jenes Kleidungsstück tragen, das einen Römer von einem Nichtrömer unterscheidet: die Toga. Den richtigen Faltenwurf dieses Gewands zu beherrschen, ist schwierig; es anzulegen, bei allen offiziellen Anlässen Pflicht.

 

Segimer, der angesehenste Fürst der Cherusker, nimmt die Toga entgegen, als er um 8 v. Chr. mit seinem etwa zehnjährigen Sohn Tiberius besucht und von ihm die Rechte eines Römers empfängt. Wie sein Vater nimmt der Junge einen römischen Namen an: Gaius Julius Arminius. Wie Arminius zuvor hieß, ist nicht überliefert. Ebenso bleibt ungewiss, wo der Fürstensohn die nächsten Jahre verbringt. Begleitet er Tiberius, als der in die Hauptstadt zurückkehrt? Für die Erfolge in Germanien zeichnet Augustus seinen Stiefsohn mit dem Konsulat aus, der höchsten Amtswürde, die ein Römer erlangen kann. Zudem gewährt er ihm die Ehre, am 1. Januar des Jahres 7 v. Chr. in einem Triumphzug an der Spitze seiner Truppen in Rom einzuziehen.

 

Möglich, dass Arminius, der junge Cherusker, in Rom eine jener Fürstenschulen besucht, in der führende Adelige aus den unterworfenen Ländern - Araber, Parther, Nabatäer, Palmyrener- im römischen Sinne erzogen werden.

Möglich aber auch, dass Arminius erst später vertraut wird mit der römischen Lebensart. Denn in der Zeit um Christi Geburt tobt im cheruskischen Adel vermutlich ein Kampf um Macht und Einfluss, den die Familie des Arminius verliert: Seine Sippe flüchtet- wohl zu den Römern. Gut möglich, dass der nun 16 Jahre alte Arminius erst hier, im Exil, Latein lernt und eine militärische Ausbildung erhält. Eines scheint sicher: In seiner Heimat an der Weser setzen sich die Gegner Roms durch. Jedenfalls ist Arminius an der Seite des Tiberius, als der 4 n. Chr. erneut das Kommando in Germanien übernimmt, um in dem von Unruhen erschütterten Gebiet für Frieden zu sorgen. Nachdem Tiberius in das Land der Cherusker einmarschiert ist und die Feinde des Imperiums vertrieben hat, nimmt Segimer seine Rechte als Stammesfürst wieder wahr. Und schon bald wird Arminius zum Befehlshaber der cheruskischen Hilfstruppen befördert: Fortan begleitet er Tiberius auf Kriegszügen - und wird ein Bewunderer seines militärischen Genies.

 

Ebenso tief aber beeindruckt den jungen, ehrgeizigen Cherusker wohl ein germanischer Fürst, der sich der römischen Übermacht entgegenstellt: Marbod, königlicher Herrscher der Markomannen im heutigen Böhmen. Marbod, fast 20 Jahre älter als Arminius, hat eine Zeit lang in Rom gelebt. Beeindruckt von der politischen und kriegerischen Kunst der Römer, ist es ihm nach seiner Rückkehr als erstem Germanenfürsten gelungen, die mächtigen Adeligen seines Stammes zurückzudrängen und sich zu König seines Volkes zu machen.

 

Sein Heer umfasst rund 70.000 Fußsoldaten und 4000 Reiter - so zumindest berichten es römische Historiker, die allerdings meist übertrieben hohe Zahlen nennen, um die Gegner des Imperiums mächtiger erscheinen zu lassen. Marbod trainiert seine Männer im römischen Formationskampf und erzieht sie zu eiserner Disziplin. Mit seinem schlagkräftigen Heer weitet er nach und nach seinen Einflussbereich aus, der bald bis an die Ostsee reicht. Obwohl der Germanenherrscher offiziell gute Kontakte zum Imperium unterhält, wird er für Rom gefährlich: Marbod gewährt Rebellen Unterschlupf. die aus den römisch besetzten Gebieten zwischen Rhein und Elbe geflohen sind. Eine solche Macht kann Augustus an den Grenzen des Imperiums nicht dulden. Im Frühling des Jahres 6 n. Chr. greift sein Feldherr die Markomannen an.

 

Mit 80.000 Soldaten zieht Tiberius gegen das Reich des Markomannenkönigs. Es soll der Schlussakt werden im bereits 20 Jahre andauernden Kampf um Germanien. Mit Marbods Reich will Tiberius den letzten Widerstand der Barbaren vernichten und für immer Ruhe im Norden garantieren. Doch ein für Rom höchst gefährlicher Aufruhr der Völker Pannoniens (aus dem Gebiet des heutigen Ungarn und angrenzender Staaten) zwingt die Römer, den Feldzug gegen die Markomannen abzubrechen- und mit Marbod einen Frieden zu schließen, der für den König sehr vorteilhaft ist: Rom bestätigt ihm die Unabhängigkeit seines Reiches.

 

Vor allem aber ist es für Tiberius. den Feldherrn der Weltmacht Rom, demütigend, dass er mit Marbod, dem Barbarenherrscher, auf Augenhöhe verhandeln muss. So etwas ist seit Menschengedenken nicht vorgekommen

"Von zwölf Legionen unter der Führung des Tiberius angegriffen, habe ich den Ruhm der Germanen unversehrt erhalten", prahlt Marbod später. Zum ersten Mal erlebt Arminius, der als Befehlshaber der Hilfstruppen die Friedensverhandlungen vermutlich verfolgt hat, die Grenzen römischer Macht.

Und die Völker Pannoniens rebellieren mit unverminderter Härte gegen Rom. Tiberius konzentriert sich jetzt ganz auf den Kampf gegen die Aufständischen, das Kommando über die Rheinarmee legt er nieder Möglicherweise schlägt er persönlich seinen Nachfolger vor, einen erfahrenen Politiker und Feldherrn, der mit einer Großnichte des Kaisers verheiratet ist und Tiberius seit Jahrzehnen nahesteht. Varus.

 

Publius Quinctilius Varus hat rasch Karriere gemacht. Bereits in einem öffentlichen Amt bewährt, begleitete er als 25-Jähriger Kaiser Augustus auf einer Reise durch den Orient. Sieben Jahre später, 15 v. Chr. kämpft er mit Tiberius in den Alpen. Und gemeinsam mit Tiberius übernahm er kurz darauf auch das höchste Amt, die Konsulwürde. Als Stadthalter verwaltete er später zwei der wichtigsten Provinzen des Reiches: Zunächst Africa (das heutige Tunesien und Teile Libyens), dessen Getreide die Versorgung der Hauptstadt garantiert. Zwei Jahre danach Syrien, das Zentrum der römischen Herrschaft im Orient. Von dessen Hauptstadt Antiochia aus befehligte Varus das größte Heer des Ostens: An der Grenze waren drei Legionen stationiert, um die Provinz gegen die benachbarte Großmacht der Parther zu schützen.

 

Zudem überwachte er als Stadthalter die Klientelstaaten: von Rom abhängige Länder wie etwa das Königreich Judäa. Hier Frieden zu halten, setzte großes diplomatisches Geschick voraus, aber auch den Willen, im richtigen Moment zu den Waffen zu greifen. Varus ist als oder richtige Mann, die fünf Legionen der Rheinarmee zu kommandieren. Zumal er dort die Offiziere und Soldaten der 19. Legion wiedertreffen wird, die bereits im Alpenkrieg unter ihm gedient haben. Spätestens im Frühjahr des Jahres 7 n. Chr. übernimmt Varus das Kommando über die Rheinlegionen. Vom Rhein aus bereist er Germanien. Legt Abgaben fest, setzt Stammesfürsten ein, bestätigt andere in ihren Ämter, verteilt Geschenke, schlichtet Streitfälle - folgt also jener Strategie, die Roms Stadthalter seit Jahrzehnten in neu unterworfenen Provinzen anwenden.

 

In Pannonien übt sich Arminius derweil weiter in den Taktiken und Strategien der römischen Streitmacht, denn er kämpft mit Tiberius den dortigen Aufstand nieder. Dabei lernt er Soldaten zu führen in einer Landschaft, die mit ihren Sümpfen und dichten Wäldern seiner Heimat in Germanien gleicht. Arminius macht rasch Karriere. Ein Legionskommandeur beschreibt ihn als "feurigen Geist, tüchtig im Kampf, rasch und beweglich im Denken".

 

Um 7 n. Chr. müssen seine Leistungen die Vorgesetzten so beeindruckt haben, dass der mittlerweile 23- Jährige mit einem Offiziersrang ausgezeichnet wird. Wohl kein Germane steigt in dieser Zeit im römischen Heer höher auf. Nachdem endlich der Sieg erfochten ist, befördert Tiberius den größten Teil der Hilfstruppen in ihre Heimat zurück. Spätestens im Frühjahr 9 n. Chr. kehrt Arminius nach Germanien zurück. Schickt Tiberius ihn mit einem Auftrag in die Heimat? Soll er Varus künftig als Berater dienen? Und ihn warnen, wenn von den Germanen Gefahr droht? Es muss den römischen Feldherrn sinnvoll erscheinen, Varus einen Mann zur Seite zu stellen, der sich über Jahre bewährt hat. Wem Tiberius vertraut, dem kann auch Varus vertrauen. Die germanischen Stämme, auf die Arminius nach seiner Rückkehr trifft, sind zutiefst gespalten. Einige Sippen haben sich schon seit Langem mit Rom verständigt, andere sehen die Fremdherrschaft nach wie vor mit Argwohn. Viele Einheimische erleben die neue Ordnung als Zumutung, den verordneten Frieden als Bevormundung, als Angriff auf ihre Gebräuche.

 

Denn Konflikte mit Waffengewalt zu lösen, ist in Germanien weder verpönt noch unehrenhaft. Ohne Stammesfehden, ohne Plünderungszüge können sich Fürsten und Krieger keinen Namen machen. Können keine Gefolgschaft von Kämpfern um sich sammeln - was ja Ruhm und Ansehen der Fürsten ausmacht. Zudem müssen sie Steuern an die römischen Herren zahlen. Darüber hinaus gilt zwischen Rhein und Elbe neben der traditionellen germanischen Rechtsprechung nun auch das römische Recht, symbolisiert durch das Rutenbündel mit eingestecktem Beil, das die Amtsdiener Varus voraustragen. Der Stadthalter kann sogar die Todesstrafe verhängen - für Menschen, die dieses Recht nicht einmal ihren Anführern zugestehen, eine Anmaßung.

Voller Argwohn beobachten die meisten Germanen vermutlich auch die neuen, stetig wachsenden Militärstädte zwischen Rhein und Elbe. Arminius hat in Pannonien noch weitaus größere römische Siedlungen kennengelernt, die von ihren Bewohnern stolz "Rom in der Fremde" genannt werden.

 

In den Städten leben vor allem ehemalige Legionäre. In Pannonien haben diese Veteranen schnell Felder, Weiden und Arbeitskräfte zusammengerafft: Plötzlich waren die eben noch freien Bauern nur mehr Pächter oder Knechte. Für die Römer sind die Städte der Schlüssel zur Zivilisierung der Barbaren. Denn dort, so formuliert es der römische Feldherr Gnaeus Julius Agricola, "gewöhnen sich die zerstreut lebenden und rohen und deshalb zum Krieg neigenden Menschen durch Wohlleben an Ruhe und Muße".

 

Segestes, der Gegner des Arminius, plädiert dafür, sich Roms Willen zu unterwerfen. Und Arminius' Bruder Flavus steigt in die Offiziersränge der Legion auf. Aber viele Germanen wollen nicht in die Städte ziehen, sondern ihre eigene Lebensweise beibehalten. Und so rebellieren die Krieger bald die Fremdherrschaft, weil "sie schon längst über die mit Rost bedeckten Schwerter und untätigen Pferde traurig waren", wie der römische Historiker Florus schreibt.

Und ausgerechnet Arminius, durch seine Vergangenheit und Karriere dazu prädestiniert, sich den Parteigängern Rom anzuschließen, der größte Gewinner der Umbrüche in Germanien, der Mann, den Augustus vor allen anderen Fürsten ausgezeichnet hat, schlägt sich auf die Seite der Gegner Roms.

Weshalb? Vielleicht spürt der Cherusker, dass er, trotz Ritterrang und militärischem Kommando für viele Römer immer ein verachtenswerter "Barbar" bleiben wird. Vielleicht erbost ihn der Dünkel der Legionäre, die als römische Bürger auf die Soldaten der Hilfstruppen herabsehen - obwohl die germanischen Reiter stets in vorderster Front eingesetzt werden, bei Kämpfen hohe Verluste erleiden und berühmt sind für ihre Tapferkeit. Möglicherweise ärgert sich Arminius darüber, dass ihn Varus nicht unterstützt, als er im Machtkampf gegen Segestes zum mächtigsten Fürsten der Cherusker aufsteigen will.

Oder will er gar König werden? Ganz sicher ist Arminius bewusst, dass das Imperium stets Gehorsam verlangen wird. Niemals könnte er als Herrscher so unabhängig sein wie der Markomannenfürst Marbod. Gleich diesem will vielleicht auch Arminius ein eigenes Reich. Und das wird er niemals mit Rom erringen - sondern nur gegen Rom.

 

Was auch immer den Umschwung bewirkt in den Monaten zwischen dem Ende des Jahres 8 n. Chr. und dem Herbst des Jahres 9: Arminius kündigt Rom innerlich die Gefolgschaft auf.

 

Dabei aber geht er raffinierter vor als alle, die sich vor im gegen die Römer aufgelehnt haben. Statt offen den Aufstand auszurufen und damit den Legionen Gelegenheit zu geben, sich vorzubereiten, plant der Cherusker kühl den Verrat und weiht nur jene ein, auf die er sich verlassen kann und die sich dem Heer des Varus unverdächtig nähern können: die germanischen Hilfstruppen. Nichts dringt über seine Pläne nach außen. Und deshalb schenkt Varus der Warnung des Segestes im September des Jahres 9 keinen Glauben.

 

Der römische Heereszug, der am Morgen darauf in Richtung Rhein aufbricht, ist mehr als 10 km lang. Hinter jeder Legion rumpeln ihre Gepäckwagen und treiben Knechte die Maultiere voran. Beim Tross laufen auch die Händler und Sklaven mit. Einige Einheiten der Hilfstruppen, die ebenfalls am Rhein ihre Lager haben, marschieren an der Spitze, darunter eine Abteilung Bogenschützen, die über die Feuchtigkeit in Germanien klagt, da die ihre aus mehreren Schichten Holz verleimten Bogen unbrauchbar mache. Nach freundlichem Abschied ist Arminius aufgebrochen um angeblich so bald wie möglich mit seinen zurückgerufenen cheruskischen Hilfstruppen zu Varus zu stoßen. Da sich der Stadthalter im Gebiet befreundeter Stämme glaubt, lässt er seine Legionen ohne Flankensicherung marschieren.

 

Wie ihm Arminius am Abschiedsabend geraten hat, schlägt Varus jene Rute ein, die ihn von der Weser am Rand des Wiehengebirges entlang nach Westen führt. Ein Karrenweg mit mehreren parallel laufenden Spuren, je nach Gelände mal breiter, mal schmaler. Der Weg verläuft ohne größere Steigungen - eben deshalb wird er seit Uhrzeiten als leicht zu begehende Trasse genutzt. Heide, Äcker, Weiden wechseln ab mit waldigen Abschnitten. Meist sind es Eichen oder Buchen unter deren dichten Kronen kaum Unterholz wächst. In den Bachtälern dagegen, in denen bei Bedarf von den römischen Pionieren Bohlen verlegt werden, um den Marsch des Heeres nicht stocken zu lassen, ist die Vegetation aus Erlen, Birken und Weiden abseits der Strecke fast undurchdringlich.

 

Arminius muss nicht weit reiten, um die Cherusker zu sammeln - sie warten bereits auf seinen Einsatzbefehl. In den Wäldern verborgene Späher beobachten das Varusheer und berichtem ihm über dessen Vormarsch. Der Cherusker kennt sowohl die Route als auch die feindlichen Truppen. Da macht es wenig aus, dass er höchstwahrscheinlich zunächst nicht mehr Männer aufbieten kann als die Römer. Wo immer er den Zug der 10.000 angreifen lässt, wird er taktisch überlegen sein. Dann gibt er das Signal zum Angriff. Die Reiter, die wahrscheinlich schon am ersten Marschtag den Legionären entgegen galoppieren, erschrecken die Römer zunächst nicht. An den Helmen und Waffen erkennen sie ihre germanische Hilfstruppen: Die von Arminius versprochene Hilfe trifft ein. Doch weshalb formieren sich die Männer plötzlich und heben die gut 2 Meter langen Lanzen? Aus kurzer Entfernung fliegen die tödlichen Geschosse gegen die völlig überraschten Römer. Legionäre brechen zusammen, Zugtiere werden getroffen, Wagen stürzen um, Sklaven und Trossknechte suchen vermutlich Deckung hinter Bäumen. Den Römern stehen nicht wie sonst Stammeskrieger gegenüber, die mit nackter Brust ohne Helm und Rüstung in die Schlacht ziehen, keine Bauern, die Speere schleudern - sondern Berufssoldaten, ebenso gut bewaffnet wie sie, im römischen Kampf erfahren, diszipliniert.

Die Legionäre trifft der Angriff vollkommen unvorbereitet - ihre Schilde liegen wahrscheinlich auf dem Trosswagen und können so rasch nicht herbeigeschafft werden. Nur die Helme, die jeder vor die Brust geschnallt trägt, sind rasch aufgesetzt und schützen den Kopf.

 

Die antiken Historiker berichten nur in knappen Worten über diesen unerhörten Angriff. Doch sehr wahrscheinlich bricht unter den Römern jetzt Panik aus. Die Zenturionen werden aber sicher bald die Abwehr organisiert haben.

Vermutlich prügeln sie mit Rebstöcken, den Zeichen ihres Ranges, auf die Soldaten ein, um Disziplin und Gehorsam zu erzwingen: die Stärken der römischen Armee. Gruppe für Gruppe formiert sich, bildet Gefechtslinien an den Flanken des Trosses, legt die Verwundeten auf die Wagen und schützt sich mit den endlich herbeigeschafften Schilden. Diese rechteckigen Panzer- 1,30 Meter hoch, sechs Kilo schwer, aus mehreren verleimten Holzschichten, Leder und eine Metallbuckel hergestellt- bilden eine Mauer der Abwehr, die erst einmal hält. Irgendwann an diesem Tag ziehen sich die Germanen zurück: vermutlich weil sie den Nahkampf gegen die Römer scheuen. Bald darauf gelingt es den römischen Truppen, ein Lager aufzuschlagen, ungefähr 20 Kilometer westlich der Weser. Es sei für drei Legionen angelegt, berichtet Tacitus, mithin können die Verluste an diesem Tag nicht allzu groß gewesen sein.

 

Das Marschlager für die Nacht wird strikt nach Vorschrift errichtet, ein drei Meter tiefer Graben, dessen Aushub den Wall bildet, darauf werden die auf den Maultieren mitgeführten zwei Meter hohen Palisaden gesteckt. Den raschen und präzisen Bau üben die Legionäre im Frieden. Errichtet man ein Lager im Krieg, sichern mehrere Einheiten das Terrain, damit die anderen in Ruhe arbeiten können. Arminius kennt den Ablauf- und spart sich einen Angriff, der doch nichts ausrichten würde. Während auf den Wällen die Wachen aufziehen, die Verwundeten versorgt werden und die Kochfeuer aufflammen, versammelt sich im Zelt des Statthalters der Kriegsrat, dem neben Varus die höheren Offiziere angehören. Die Autorität des Kommandanten ist erschüttert. Er hat sein Vertrauen einem Verräter geschenkt. Heftig streiten die Männer über die jetzt einzuschlagende Taktik.

 

Einige Offiziere plädieren wahrscheinlich dafür, im Lager zu bleiben und dieses weiter zur Verteidigung auszubauen. Doch groß ist die Gefahr, dass die Aufständischen Verstärkung von benachbarten Stämmen bekommen könnten und dass aus der Meuterei der Hilfstruppen ein allgemeiner Aufstand wird. Auch hat die Streitmacht zu wenig Proviant dabei, um eine Belagerung zu riskieren.

Also bleibt den Legionären kein anderer Ausweg, als sich zu ihrem Militärlager am Rhein durchzukämpfen. Häufig sind die Römer auf ihren Feldzügen in Germanien in Hinterhalte geraten, doch jedes Mal gelang den Legionen der Gegenschlag, sobald die Feinde den Nahkampf wagten. Was also hat man zu fürchten? Unehrenhaft wäre es, wenn die römische Rheinarmee den Angriff im Lager erwarten würde. Um den Weitermarsch am nächsten Tag zu beschleunigen, beschließt Varus alles Überflüssige an Material, Luxusgütern und Waffen verbrennen zu lassen. Das ist unbestreitbar ein Zeichen der ungebrochenen Kampfmoral- hätten die Römer die wertvollen Güter dem Feind zur Plünderung überlassen, wären sie vermutlich nicht sofort von den Germanen verfolgt worden und hätten so kostbare Zeit gewonnen. Kampfbereit verlässt Varus am nächsten Morgen das Lager. Die Legionen nehmen die im Krieg vorgeschriebene Marschordnung ein: Reiter zur Aufklärung an der Spitze, dahinter die beste Legion, um den Weg freizukämpfen, in der Mitte und rechts und links von Soldaten flankiert der Tross, dahinter die übrigen Truppen. Eine Formation, in der sich die Legionen seit Jahrzehnten durch Germanien bewegen.

 

Und doch erleiden die Römer am jetzt beginnenden zweiten Kampftag "blutige Verluste" - so zumindest heißt es bei Cassius Dio, jenem römischen Geschichtsschreiber, der am ausführlichsten über die Katastrophe in Germanien berichtet (allerdings erst 200 Jahre später). Am schwersten trifft es die Legionäre in den Wäldern, wo sie "auf engem Raum zusammengepresst, damit Reiter und Fußvolk gemeinsam dem Feind entgegen stürmen könnten, vielfach aufeinander oder gegen die Bäume stießen". Doch nicht der Wald ist fatal für die Römer - sondern die Kampfkunst des Cheruskerfürsten. Als Begleiter und Beobachter römischer Feldzüge hat Arminius gelernt, die Legionen niemals frontal anzugreifen, eine offene Feldschlacht zu vermeiden. Seine Taktik besteht darin, durch einen Geschoßhagel zu Vorstößen zu reizen, sie dann ins Leere laufen zu lassen und schließlich in ihren ungeschützten Flanken anzugreifen.

Sich zu formieren, Schild an Schild zu schließen. kostet Kraft. Den Angriff immer wieder gegen einen Gegner vorzutragen, der einfach wegläuft, sich entzieht - das erschöpft und macht mutlos. Beständig mit Geschossen eingedeckt zu werden, ohne den Feind fassen zu können, zerrt an den Nerven. Alles zusammen zerrüttet die Kampfmoral.

 

Inzwischen haben die benachbarten Stämme der Cherusker- Bukteren, Marser und Chatten- durch Boten des Arminius von der Not des römischen Heeres erfahren. Die Aussicht auf Beute lässt immer mehr Krieger herbeieilen, die sich Arminius anschließen. Ein Sieg über drei Legionen würde ungeahnte Reichtümer einbringe. Pferde, Maultiere, unzählige Sklaven, dazu Luxuswaren wie Stoffe, Schmuck, Wein, Glasgefäße, Tafelgeschirr.

 

Vor allem aber haben es die germanischen Krieger auf Waffen abgesehen. Zehntausend römische Schwerter, dazu Rüstungen und Helme. Sie selbst kämpfen- anders als die von den Römern ausgerüsteten Hilfstruppen des Arminius- meist mit der Frame, einem oft mit einer eisernen Spitze versehenen Holzspeer. Nur Adelige und deren Gefolgsmänner besitzen ein Schwert. Im Nahkampf haben auch sie kaum eine Chance gegen die römischen Soldaten, da weder Panzer noch Helme sie schützen. Dafür sind sie flinker als ihre Feinde: Die Legionäre tragen zehn Kilogramm Eisen am Leib.

 

Immer wieder attackieren die Truppen des Arminius die Legionäre- unterstützt von den leicht bewaffneten germanischen Verbündeten. Am Abend wird die Kraft der Römer gerade noch ausreichen, um ein notdürftiges Lager aufzuschlagen. Mehr als 20 Kilometer weiter nach Westen sind sie nicht gekommen. Am dritten Tag peitscht starker Regen, Wind frischt auf, wird im Verlauf des Tages zum Sturm. "Sie konnten sich nicht mehr mit Erfolg ihrer Speere oder der ganz und gar durchnässten Schilde bedienen", schreibt Cassius Dio.

 

Doch genügten tatsächlich ein oder zwei Tage mit Dauerregen um die römischen Waffen unbrauchbar zu machen? Vermag die Armee des Augustus nur bei strahlendem Sonnenschein zu siegen? Nur schwerlich hätte sie so ein Imperium erobert. Und kaum vorstellbar, dass Arminius einen Feldzug plant, dessen Erfolg von Regen und Sturm abhängt. Verbissen kämpfen sich die römischen Verbände weiter voran. Der Weg führt durch Wälder, dann wieder über offenes Land. Auch die erfahrenen Legionäre im Stab des Kommandeurs verlieren vermutlich immer mehr die Hoffnung.

 

Überfälle und Hinterhalte hat es auch bei ihren früheren Feldzügen in Germanien gegeben. Aber niemals zuvor haben die Barbaren eine solche Disziplin gezeigt wie unter Arminius. Sie lassen sich nicht wie sonst zu ungeplanten Nahkämpfen verleiten, sondern beschränken sich auf den Fernkampf und versuchen, die Legionäre aus ihren geschlossenen Formationen herauszulocken. Endlich scheint sich vor den Römern die Landschaft zu öffnen. Aber was von fern wie eine weite Ebene wirkt, ist ein Moor - unpassierbar für die Soldaten.

 

Zwischen dem Sumpf und den Ausläufern des Wiehengebirges verläuft der Weg in einer lang gezogenen Senke. Kaum einen Kilometer breit ist sie und so feucht, dass zum Marschieren ein nur rund 200 Meter breiter, trockener Streifen direkt am Rande des bewaldeten Berges bleibt; an seiner schmalsten Stelle engt er sich gar auf gerade mal 100 Meter ein. Ein Umgehen oder Ausweichen ist unmöglich. Als die römischen Truppen in den Engpass einschwenken, spielt es schon keine Rolle mehr, was ihre Späher melden, es gibt kein Zurück.

Denn an dieser Stelle, eingezwängt zwischen Moor und Bergrücken, würde ein Befehl zur Umkehr die Legionen unweigerlich ins Chaos stürzen. Es existiert keine Alternative: Die geschwächte Armee muss weitermarschieren, muss den Durchbruch erzwingen.

 

Am Waldrand, an der engsten Stelle zwischen Berg und Niederung, haben die Kundschafter einen von Germanen besetzten Wall parallel zum Weg entdeckt: ein Erdwerk aus Sand und Grassoden, mit vorspringenden Bastionen, etwa 400 Meter lang, zwei Meter hoch und teilweise mit einer Brustwehr versehen.

Auf diesen Moment hat Arminius gewartet. Der Cheruskerfürst, der weiß dass die Römer nur hier passieren können, hat an dieser Stelle einen Hinterhalt geplant. Binnen weniger Tage haben seine Soldaten den Wall errichtet. Und jetzt erst, nachdem in den Gefechten der vorangegangenen zwei Tage bereits zahllose Römer gefallen und die noch lebenden Legionäre vom ewigen Kämpfen erschöpft sind, stellt sich Arminius den Legionen zur Schlacht. Durch 15 Durchlässe im Wall stürmen seine Krieger hinunter in die Senke.

Aber selbst nach drei Tagen fast pausenlosen Kämpfen sind die Legionäre noch mutig und diszipliniert. Endlich zeigt sich der Gegner, weicht nicht mehr aus, sondern bietet die Möglichkeit zum Gegenschlag. Tief gestaffelt. Schild an Schild, treiben die Römer die Germanen zurück zu deren Verschanzung. Sie attackieren den Wall, überrennen ihn. Teile der improvisierten Konstruktion brechen unter dem Gewicht der kämpfenden Männer zusammen. Einer vorpreschenden Gruppe von Legionären gelingt es wahrscheinlich sogar, die Germanen vorübergehend in den Wald abzudrängen. Doch die Rebellen tatsächlich zu schlagen, dazu reicht die Kraft der Römer aus der Deckung heraus zu attackieren. Und die Überreste des Walls erlauben es ihnen immer noch, die Römer aus der Deckung heraus zu attackieren.

 

Nach und nach lösen sich nun die Legionen des Varus auf. Die Reiter lassen die Truppe im Stich, manche Krieger, die das Gemetzel im Engpass überlebt haben, weichen nach Süden aus, andere wenden sich nach Nordosten, wo am Rand des Moores eine gangbare Trasse entlangführt. Aber überall lauern Germanen und erschlagen viele Fliehende. Nur wenige entkommen.

 

Spätestens in diesem Chaos aus schreienden Verwundeten, durchgehenden Pferden, bockenden Maultieren und umgestürzten Wagen muss Varus erkennen: Arminius hat ihn in eine tödliche Falle gelockt. Umzingelt von den cheruskischen Angreifern, bereits verwundet und gewiss, seine Legionen ins Verderben geführt zu haben, wählt er, getreu der römischen Tradition, den Freitod.

Er kniet nieder und stürzt sich in sein Schwert. Die Truppenführer folgen seinem Beispiel. "Eine schreckliche, aber notwendige Tat", urteilt später der römische Historiker Casius Dio. Denn in germanische Gefangenschaft zu geraten, hätte Schimpf und Schande bedeutet: Kriegsgefangene, ob einfache Soldaten oder Offiziere, darf es laut dem Ehrencodex der römischen Armee nicht geben. Wer zum Feind überläuft oder sich freiwillig ergibt, existiert für Rom nicht mehr und wird für Tod erklärt; sein Bürgerrecht erlischt, sein Besitz fällt an den Staat.

Nach dem Selbstmord des Varus zerbricht die militärische Ordnung vollends. Viele Legionäre stürzen sich wie ihr Kommandeur in ihre Schwerter, andere werfen die Waffen weg und lassen sich niederhauen oder gefangen nehmen. Die letzten, erbittertsten Kämpfe entbrennen und die Feldzeichen. Ein Adler nach dem anderen sinkt zu Boden, jubelnd erbeutet von den Germanen. Einige Getreue versuchen, die Leiche ihres Feldherrn zu verbrennen, damit sie den Germanen nicht in die Hände fällt. Es gelingt ihnen nur zum Teil, und auch der Versuch, ihn zu begraben, scheitert. Denn schon sind die Germanen da, reißen den halbverkohlten Leichnam in Stücke und schlagen ihm den Kopf ab, so jedenfalls berichtet es der Geschichtsschreiber Velleius Paterculus.

 

Die römischen Chronisten empören sich später über diese "Wildheit" der Germanen. Der Abscheu gilt freilich nicht der Sitte an sich, sondern der Tatsache, dass es Barbaren wagen, so mit einem Römer umzugehen.

Überall auf dem Schlachtfeld werden die Leichen gefleddert. Die Sieger reißen die Waffen von den Gürteln, ziehen den Toten die Rüstungen aus, die Helme vom Kopf. Sehr begehrt sind die silbernen oder vergoldeten Gesichtsmasken der römischen Reiter, die Äxte der Pioniere, die Lote und Senkbleie zum Vermessen, die Knochenheber, Scheren der Ärzte. Pferdegeschirre werden aufgehoben, Sättel und Zaumzeug, selbst die Radnaben von zerbrochenen Wagen abmontiert. Zerwühlt wird das Gepäck, durchsucht nach Münzen und Schmuck.

Zu den plünderten Kriegern gesellen sich die Bewohner der umliegenden Dörfer. Jeder Handwerker sucht Metall. Schon eine einzige römische Sandale enthält Dutzende eiserner Nägel. Aus Eisen sind auch die Schildbuckel und Gürtelbeschläge, die Scharniere der Panzer und die Halsglocken der Maultiere.

Auf Arminius' Befehl tragen Boten das Haupt des Varus zu Marbod. Ihn, den König der Markomannen, sein großes Vorbild, will der Cherusker Fürst für ein Bündnis gewinnen. Doch der Herrscher denkt nicht daran, das Imperium zu provozieren. Pietätvoll sendet er den Kopf weiter nach Rom.

 

Am Ort des Sieges zelebrieren die Germanen ihren Dank an die Götter. Auf rasch errichteten Altären opfern sie die gefangenen römischen Offiziere. Gut möglich, dass sie ihnen - wie einst bei den Kimbern und Teutonen üblich - die Kehlen durchschneiden und das Blut in Behältern auffangen. Je nachdem, welcher Gottheit ihr Opfer gilt, wählen sie für die anderen Gefangenen unterschiedliche Todesarte: den Galgen für all jene, die man den Himmlischen weiht, Martergruben für die Erdgottheiten Bestimmten. Die Schädel der Toten befestigen die Krieger an den Bäumen - so beschreibt es Tacitus.

Auch Pferde werden geopfert, Waffen der Feinde zerbrochen, verbogen und zu Opferbergen gehäuft. Trotz der Göttergabe bleiben für die Angreifer genügend Beutestücke übrig, Waffen, Pferde, Gefangene, silbernes Geschirr. Siegestrunken und schwer bepackt ziehen die Krieger zurück in ihrer Dörfer. Die begehrtesten Trophäen überreicht Arminius jenen Stämmen, die sich ihm während der Schlacht angeschlossen haben. Die entfernter siedelnden Chatten, die erst später zu ihm gestoßen sind, werden mit Sklaven belohnt, Cherusker, Brukterer und Marser aber tragen die kostbaren Legionsadler als Zeichen des Sieges über die mächtigen Eindringlinge zurück in die Heimat. Der Ruhm des Arminius verbreitet sich binnen Kurzem in ganz Germanien. Dass er seinen Sieg durch Verrat und einen Hinterhalt errungen hat, scheint sein Ansehen nicht im geringsten zu mindern. Beweist es nicht vielmehr besonderes Geschick, die Römer in die Falle gelockt, ihre Leichtgläubigkeit ausgenutzt zu haben?

 

Im fernen Rom kann Kaiser Augustus das Geschehene nicht fassen. "Varus, gib mir meine Legionen wieder", ruft er gemäß seinem Biografen Sueton aus, als er die Nachricht von der Niederlage erhält. Die Schlacht wird als eine der größten militärischen Katastrophen in der Geschichte des Imperiums in die Werke römischer Literatur und Historiker eingehen.. Und nie wieder wird ein Kaiser die Nummern 17., 18. und 19., im römischen Heer vergeben. Als der Bote des Markomannenkönigs Marbod das abgeschlagene Haupt des Varus nach Rom bringt, lässt Augustus das Haupt im Familiengrab der Quinctilii bestatten. Ehrenvoll. Das Land zwischen Weser und Rhein geht dem Imperium nach der Schlacht fast vollständig verloren. Alle Kastelle und Stützpunkte werden von den Germanen zerstört. Die Sorge der Römer, Arminius könnte über den Rhein vordringen, die nur schwach besetzten Legionslager erobern und den Aufstand bis nach Gallien tragen, erfüllt sich indes nicht.Der Stellvertreter von Varus sichert den Fluss durch die Rheinflotte und die ihm noch verbliebenen Legionen.

Für Arminius ist nun die Zeit gekommen, seine persönliche Beute zu holen. Er entführt- mit ihrem Einverständnis- Thusnelda, die Tochter des Segestes und nimmt sie zur Frau. Fortan wartet Segestes auf den Tag der Rache. Offiziell ist er zwar gezwungen, den Angriff auf das römische Imperium gutzuheißen- er hat sogar mitgekämpft, um nicht als Verräter zu gelten. Im Geheimen aber bereitet er den Sturz seines ehrgeizigen Schwiegersohnes vor.

Genau der römischen Devise, einmal erobert, niemals aufzugeben, erscheint schon im Jahr darauf Tiberius mit sechs Legionen am Rhein. Doch als vorsichtiger Stratege, dem es stets zuerst um die Sicherheit des Heeres geht, begnügt er sich zunächst mit Vorstößen in das Land östlich des Stroms. Erst unter Germanicus, dem Neffen des Tiberius, beginnen im Jahr 15 n. Chr. groß angelegte Offensiven, bei denen römische Truppen bis ins Zentrum des Widerstands vordringen, ins Land der Cherusker an der Weser.

 

Nun, sechs Jahre nach der Schlacht sieht auch Segestes seine Chance auf Vergeltung gekommen. Längst hat er Kontakt zu den Römern aufgenommen. Und statt wie Arminius die Cherusker zum Widerstand gegen das mächtige Rom anzustacheln, ruft er zum Frieden und zur Unterwerfung auf und schart die Römerfreunde des Stammes um sich. Eine Reise von Arminius ausnutzend, raubt er die sich heftig wehrende Thusnelda- dass sie inzwischen schwanger ist, macht sie noch wertvoller- und ruft den neuen Statthalter Germanicus zu Hilfe. Anschließend folgt Segestes den Römern über den Rhein und siedelt sich mit seinen Gefolgsleuten westlich des Flusses an. Thusnelda wird den Römern übergeben und bringt in der Gefangenschaft ihren Sohn Thumelicus zur Welt.

Wahrscheinlich noch im selben Jahr zieht Germanicus zu jenem Schlachtfeld, auf dem die Soldaten des Varus den Tod gefunden haben. Der Marsch ist ein Akt der Pietät: Unbestattete Tote finden nach römischem Glauben in der Unterwelt keinen Frieden.

 

Längst skelettiert, von Tieren angenagt und von Gestrüpp überwuchert, bedecken die Knochen der gefallenen Legionäre den Boden. Die römischen Soldaten heben Gruben aus, um darin die Überreste ihrer Kameraden zu bestatten. Der Feldherr persönlich sticht das erste Rasenstück für den das Schlachtfeld bezeichnenden Grabhügel aus. Obwohl Germanicus im darauffolgenden Jahr gegen Arminius mehrere Siege erringt, sind die Verluste der Römer so hoch, ist der militärische Aufwand der Wiedereroberung des Landes so groß, dass Tiberius - seit 14 n. Chr. Kaiser in Rom - seinem Statthalter befiehlt, alle Operationen in Germanien abzubrechen und sich endgültig hinter die Rheinlinie zurückzuziehen.

 

In einem Triumphzug, den Germanicus, der Realität zum Trotz, im Jahr 17 n. Chr. in Rom zelebriert, werden Thusnelda und ihr Sohn den Römern präsentiert. Ihr Vater Segestes verfolgt als Ehrengast in der Loge des Kaisers das Schauspiel.

In Ravenna, dem üblichen Aufenthaltsort für germanische Adelige, die man zwar standesgemäß behandelt, aber unter Kontrolle halten will, beschließt Thusnelda ihr Leben - wann ist nicht bekannt. Ihr Sohn, so geht ein Gerücht, sei Gladiator geworden. Trotz der Niederlagen bleibt Arminius Sieger im germanisch-römischen Krieg. Er ist der einzige Aufrührer, den Rom niemals zur Rechenschaft ziehen kann, dessen Land der Kaiser nicht erobert. Doch nun, fünf Jahre nach dem Abzug der Römer trifft ein, was Tiberius bereits lange zuvor prophezeit hat: Wenn man die Germanen sich selbst überlasse, erledige sich das Problem von selbst.

 

Ohne den gemeinsamen Feind versinkt das Land in den alten Zustand dauernder Fehden innerhalb der Stämme, ebenso wie zwischen ihnen. Trotz seiner Erfolge verweigern die Cherusker Arminius die Königswürde. In der Adelsgesellschaft der Gleichen will man keinen, der an Einfluss und Macht die anderen überragt.

Und da sie seinen Ehrgeiz fürchten, töten ihn im Jahr 21 n. Chr. die eigenen Verwandten. Hinterrücks. Seinen Ruhm, die "Herren der Welt", wie die Römer sich selbst sehen, besiegt zu haben, schmälert dies nicht. Doch wüssten wir nichts von seinem Leben und seinen Taten, hätten nicht seine Feinde seine Geschichte aufgeschrieben. Tacitus, ihr größter Historiker, verfasst um 110 n. Chr. einen Nachruf - und findet Worte, die den Fürsten der Cherusker unsterblich machen:

 

"Unstreitig war er der Befreier Germaniens, der das römische Volk nicht in den ersten Anfängen der Macht, wie andere Könige und Heerführer, sondern in der höchsten Blüte des Reiches herausgefordert hat. In den Schlachten von wechselndem Erfolg begleitet, im Krieg unbesiegt, währte 37 Jahre sein Leben, zwölf seine Macht und noch heute besingt man ihn bei den Barbarenvölkern."

 

Auszug aus:Geo-EPOCHE Die Germanen, Marsch ins Verderben, S. 26 ff.