Wulfila

 

Am Anfang war das Wort. So beginnt das Evangelium des Johannes. Und so könnte auch die Geschichte jener welthistorischen Wende beginnen, die Mitte des 4. Jh. n. Chr. ihren Anfang nimmt. Zu jener Zeit überträgt en gotischer Flüchtling die Worte des Johannes in seiner Muttersprache. Ohne es zu wissen, legt er damit den Grundstein zur Christianisierung vieler Germanenvölker.

 

Seine Ziele aber sind ungleich bescheidener. Wulfila, der Bischof, den gotische Stammesbrüder zuvor aus dem Gebiet des heutigen Rumänien vertrieben haben, denkt zunächst nur an die Gemeinde, die mit ihm ins römisch beherrschte Mösien (heute Bulgarien) geflohen ist. Er will, dass sie in der neuen Heimat die heiligen Worte versteht, welche die Priester im Gottesdienst vorlesen. Deshalb stellt er sich der Aufgabe, die Bibel in ihre Sprache zu übertragen. Das Ergebnis ist eine intellektuelle und kulturgeschichtliche Großtat. Denn für die Übertragung der Bibel fehlt die wichtigste Voraussetzung. Die Goten haben keine eigene Schrift. Ehe er übersetzen kann, muss Wulfila erst einmal ein gotisches Alphabet erfinden. Er quält sich, jahrelang. Müht sich Buchstaben für die germanischen Laute zu finden, gotische Wörter für die griechischen. Zeichen um Zeichen schafft er ein Alphabet. Vers um Vers überträgt er Altes- und Neues Testament. Schließlich gelingt ihm das nie Dagewesene. Die Schöpfung der gotischen Schrift, die Übersetzung der Bibel in eine bis dahin schriftlose Barbaren Sprache. Ein Meilenstein in der Geschichte des Christentums. Denn was so als Glaubenszeugnis einen Verband von Hirten an den Hängen des Balkangebirges entsteht, bahnt wenige Generationen später dem Christentum den Weg unter die ersten jener germanischen Völker, die auf römischem Boden eigene Reiche gründen.

 

Am Anfang steht ein wortgewandter Gote im Exil. Aber die Wurzeln seiner historischen Tat reichen weit zurück. Zurück in die Zeit, in der Raubzüge der Germanen gegen Rom begannen. Im 2. Jahrhundert n. Chr. verlässt der ostgermanische Stamm der Gutonen seinen Wohnsitz an der Weichsel. Die Menschen wandern stromaufwärts, dann weiter nach Osten. Sie gelangen in die Steppe, an den Don, auf die Krim. Zahlreiche Völker nimmt der Verband auf. So entsteht das Volk der Goten. Im Jahr 238 fallen die Krieger über die römischen Provinzen auf dem Balkan her, dann über Kleinasien. Die Goten tauchen auf, plündern, verschwinden wieder. Ein Teil der Beute besteht aus Menschen, darunter viele Christen. Rom schlägt zurück. Legionen rücken aus, treiben Truppenverbände der Goten auf. Schließlich aber überlässt das Imperium seine Provinz nördlich der Donau den Angreifern und bewirkt so die Spaltung der Goten in zwei einzelne Völker. Denn während in der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres das Königreich der Greutungen entsteht, bilden die westlichen Stämme, die nun allmählich in das vormals römische Gebiet zwischen Donau und Dnjestr einrücken, einen eigenen Verband; die Terwingen (später wird man die beiden Völker "Ost"- und "Westgoten" nennen). Die Terwingen/Westgoten haben keinen König. Nur wenn sie angegriffen werden, wählt der Rat der Großen einen "Richter", der für die Frist der Gefahr den Oberbefehl führt. Ansonsten gebieten ungebundene Fürsten und Häuptlinge über die Stämme der Clans.

 

Und immer wieder überfallen Westgoten die Grenzgebiete des Römischen Reiches; andere verdingen sich als Hilfstruppen in den Kriegen und Bürgerkriegen der Römer. Als Kaiser Konstantin im Jahre 324 die Alleinherrschaft erringt, enden die inneren Kämpfe des Imperium Romanum vorübergehend. Der Herrscher tritt an, das Reich zu erneuern - und zwar auch unter christlichen Vorzeichen. Denn er glaubt sein Schlachtenglück dem gekreuzigten Heiland zu danken. Der Kaiser privilegiert jene Religion, die manche seiner noch verfolgt haben. Zugleich beginnt er im Osten des Mittelmeeres mit dem Bau einer neuen Kapitale dort, wo sich bislang das Griechen- Städtchen Byzantion erhob: Konstantinopel.

 

Auszug aus:Geo-EPOCHE Die Germanen, Wulfila- Im Namen des Herrn, S. 118 ff.