Irgendwo in der Einöde, am Rand eines kleinen Teichs, liegt zwischen Heide und Buschwerk etwas, das einem moosbewachsenen Stein gleicht. Aber auf einmal öffnet der Stein die Augen und starrt hinaus in den grauenden Tag. Ein abgehackter Kopf ist es, der dort liegt, ein Riesenschädel. dem der Leib fehlt. Und doch ist Leben in ihm, denn die Zunge leckt die kalten Lippen und die Nase hebt sich wie die Nüstern eines witternden Tieres gegen den Wind. Zwei große Ohren lauschen auf ein Geräusch, das immer näher kommt. Wer ist der, der da über die Heide reitet? Es ist ein Pferd mit acht Beinen, und der Reiter, der da absteigt, ist alt und grau.

 

Odin ist es, der sich zu dem abgehauenen Kopf niederbeugt und ihn in die Arme nimmt. > Sei mir gegrüßt <, neigt sich der Kopf und Odin antwortet: > Endlich sehe ich dich wieder, Mime, mein alter Freund aus der Zeit der Jugend. <Sie lassen sich am Ufer ins Heidekraut nieder. Der Teich ist Mimes Brunnen, die Quelle der Weisheit. Einst hat Odin sich selber ein Auge ausgerissen, um davon trinken zu dürfen. Aber das ist eine andere Geschichte. Nicht von jeher ist Mime ein Kopf ohne Leib gewesen. Feinde haben ihm das angetan. Damals hat Odin den Tod von seinem Riesenhaupt abgewaschen, hat ihm die Stirn mit heilenden Kräutern gesalbt und seinem Freund Gedanken und Sprache wiedergegeben. Auch das ist eine andere Geschichte. Es ist genug zu wissen, daß Odin jedes Mal, wenn ihn Zweifel bedrücken, hierherkommt, auf die windgepeitschte Heide von Utgard, um Rat bei Mime zu suchen. Die beiden kennen sich seit so langer Zeit, und es gibt keinen, dem Odin lieber zuhört. Die Zukunft freilich kann keiner von beiden vorhersagen. Dennoch, eines weiß Odin. Das Ende der Welt, so wie er sie kennt, ist nahe. Nichts kann ewig dauern. Bald werden Götter und Riesen ein letztes Mal ihre Kräfte messen. Wer wird den Sieg davontragen? Wer wird unterliegen? Den Zeichen des Vogelzuges, die er am Himmel liest, traut Odin nicht mehr, und was die warmen Eingeweide geschlachteter Tiere verraten, gibt ihm keine Gewissheit. Die einzigen aber, die die Antwort wissen, die drei Nornen an Urds Brunnen -sie wenden sich ab und schweigen. Auch unter den Menschen gibt es einige, die weiter als andere in die Zukunft sehen können. Deshalb wendet Odin sich nun nach Mitgard, und Mimes Haupt nimmt er mit auf den Weg, denn zwei hören mehr als einer. Die Frau, die sie auf einer kleinen Lichtung treffen, ist weder jung noch alt. Sie steht auf und grüßt, indem sie einen kleinen Stab hoch in die Luft hebt. Der Griff ihres Stabes schimmert in glänzendem Messing. > Ich habe euch erwartet<, sagt sie. Der weite Mantel, den sie umhat, ist mit farbigen Edelsteinen geschmückt. Sie trägt eine Kette aus Perlen um den Hals und eine schwarze Mütze aus Lammfell auf dem Kopf. An ihrem Gürtel hängt ein großer lederner Beutel. Ihre Handschuhe sind aus Katzenpelz gemacht, und an den Füßen trägt sie Schuhe aus zotteligem Kalbfell. Sie ist eine Volve. Solche seltenen Frauen heißen nach dem Vol, dem Stab, den sie tragen und auf dem sie reiten können, um ihre Seele in andere, unsichtbare Welten zu tragen. Odin wendet sich ihr zu und fragt: > Weißt du denn, wen du vor dir hast? < - > Du bist mein Gott<, antwortet die Volve und fällt vor ihm auf die Knie. Es ist nicht das erste Mal, daß Odin sich an eine Wahrsagerin wendet. Einmal hat er sogar eine von ihnen aus dem Grab geholt. Aber in dieser Nacht möchte er lieber mit einer sprechen, die am Leben ist und die ihm wohlwill.

 

>Kannst du für mich in die Zukunft sehen? < fragt Odin. >Manche Tage<, erwidert die Volve, >sind klar und deutlich, aber andere verbergen sich hinter dunklen Türen. < - >Was liegt hinter diesem Herbst und dem nächsten Winter? < - > Wie weit soll ich schauen, Herr?< - > So weit du nur kannst< , sagt Odin. > Auch wenn es eine ganz andere Zukunft ist, als du dir wünschst? < - > Auch dann. Du sollst mir alles sagen! < ruft der Götterkönig. > Alles, bis zum Ende der Welt. <Sogleich beginnt die Volve mit ihrem Werk.

 

Aus dem Beutel an ihrem Gürtel holt sie eine Salbe aus Bilsenkraut und Stechapfel hervor, mit der sie, erst summend, dann mit lauter, hoher Stimme singend, ihren Stab einsalbt. Mit einem Satz nimmt sie den Stab zwischen die Beine und springt auf ihm umher. Der Stab ist ihr Pferd. Sie schließt die Augen, wirft den Kopf hin und her, ruft und singt. Am Ende sinkt sie zu einem unförmigen Haufen in sich zusammen. Der weite Mantel deckt sie ganz zu. Still liegt sie da, ohne einen Laut von sich zu geben. Nichts regt sich. Odin wartet geduldig. Er lehnt mit dem Rücken an einem Kiefernstamm. Mimes Haupt liegt neben ihm im Gras. > Musst du denn immer wissen, was dir bevorsteht? < sagt Mime. > Das gibt mir Zeit zum Nachdenken <, brummt Odin. Der Kopf des Riesen seufzt. > Warum gibst du dich nicht mit dem Tag zufrieden? < In Odins Augen blitzt es, doch bevor er antworten kann, regt sich der dunkle Haufen wieder. Die Volve erhebt sich. Sie öffnet ihre Augen. >Hört mich an<, sagt sie, > und seht! Das erste Zeichen sind drei Hähne, die wie aus einem Munde krähen, und alle Welt wird sie hören. Der eine ist rot. Er kräht in Jotunheim und in Utgard. Er weckt alle toten Riesen und Zwerge. Der zweite Hahn ist schwarz wie Ruß. Er weckt in Hels Reich alle Toten auf und ruft Garm, ihren gewaltigen Hund, herbei. Der dritte Hahn hat einen goldenen Kamm. Er kräht in Asgard und weckt alle Gefallenen in Walhall. Überall folgen die Toten diesem Ruf. Sie wissen, daß sie bald den Lebenden wieder begegnen werden. Nun ist sie angebrochen, die Zeit, da alles, was wir kennen untergehen muss. <Odin räuspert sich. > Hat sie einen Namen, die Zeit, von der du sprichst? < - > Alles hat einen Namen<, antwortet die Volve, >sogar die Finsternis. Ragnarok wird sie genannt, die Zeit, da die Asen den Verstand verlieren und vergessen zu atmen.

 

Ragnarok heißt sie, die Zeit, da Mächte vergehen wie Eis an der Sonne.<>Erzähle weiter<, bittet Odin sie. > Ich sehe Axt und Schwert<, sagt sie. > Ich sehe Unfrieden überall und blutiges Ringen. Ich sehe drei Jahre, in denen der Bruder dem Bruder in den Rücken fällt und der Sohn den eigenen Vater nicht verschont. < > Daran ist nichts Neues! < ruft Odin. > So ist es seit Menschengedenken zugegangen. Aber sprich! Was kommt noch alles auf uns zu? < - > Drei Jahre, die wie ein einziger Winter sind<, antwortet die Volve. > Der Schnee weht über die Welt, und die Sonne wärmt die Welt nicht länger. Fimbul heißt dieser längste und furchtbarste aller Winter. Viele werden einschneien, in finsteren Eisspalten ertrinken, unter gewaltigen Lawinen begraben werden. Andere werden in ihren Betten erfrieren und sich blau vor Frost auf den Weg ins Totenreich machen. Eine Riesin sehe ich, weit im Osten, im Eisenwald. Sie gebärt Trolle in Wolfsgestalt. < - > Das tut sie seit eh und je<, knurrt Odin. > Ich kenne sie und ihr räudiges Pack! <Da schreit die Volve auf. > Ich sehe zwei ihrer zotteligen Kinder, Skoll und Hate, die beiden Wölfe am Himmel, die seit Erschaffung der Welt hinter der Sonne und dem Mond herjagen. Jetzt ist es soweit! Jetzt packen sie zu! Skoll verschlingt die Sonne und Hate den Mond, und die Wolken sind rot von Blut! <Die Volve fröstelt. Sie hebt ihren Stab und zeigt hinauf. > Seht nur! < flüstert sie. > Nicht einmal die Sterne leuchten mehr. Jetzt fängt die Erde an zu beben. < Sie erhebt ihre Stimme und schreit. > Die Berge stürzen ein. Die größten Bäume werden aus dem Boden gerissen und schießen wie Speere durch die Luft. Die Weltesche Yggdrasil kracht und schwankt. Der Winter löst seinen kalten Griff, und alles, was fest war, wird in Stücke gerissen. < - > Alles? < Odin runzelt die Stirn. > Alles<, wiederholt die Volve. > Ich weiß, was du fürchtest. Doch sieh selber! Dann wirst du mir glauben. < Und Odin blickt auf und sieht alles, was sie verkündet hat. Er sieht den Fenriswolf, wie er an seinen Ketten zerrt. Er sieht Loki, wie er um sich tritt und zappelt. Er sieht, wie sich ihre Fesseln lösen, wie Sigyn vor Freude lacht, wie sie Loki umarmen will. All die Jahre, die er gebunden dalag, ist sie nicht von seiner Seite gewichen. Doch nun fegt Loki sie ohne ein Wort zur Seite und geht seiner Wege. Er hat keine Zeit für Dankbarkeit. Er denkt nur noch an seine Rache. Odin sieht auch, wie der Fenriswolf mit aufgerissenem Rachen und glühenden Augen über die Berge stürmt. Seine Fangzähne streifen die Wolken, seine Lefze den Boden.> Willst du noch mehr sehen? < fragt die Volve. > Hast du genug gehört? < - > Ich will alles wissen<, antwortet Odin. Sie zeigt ihm das Meer, wie es kocht und strudelt und baumhohe Wogen wirft. Es ist die Mitgardschlange, die es mit ihrem rasenden Schwanz aufpeitscht. Jetzt wälzt sie sich an Land und zerschmettert dabei die Schiffe im Hafen. Wolken von Gift steigen aus ihrem Schlund. Sie brüllt aus vollem Halse. Nach ihrem Bruder, dem Wolf, ruft sie. Mit vereinten Kräften wollen sie die Erde verwüsten. Jetzt lichtet auch Naglfari die Anker, das unheimliche Schiff, das aus den Nägeln der Toten gebaut ist. Mit schwarzen, zerlumpten Segeln kommt es aus dem Nebel und dem Regen des Ostens. > Kannst du sehen, wer am Ruder steht? < sagt die Volve. > Schau genau hin! < - > Es ist Loki! <, ruft Odin. Die Volve nickt. > Und eine Mannschaft von verrotteten Leichen bringt er mit. < Odin ballt die Fäuste. Er atmet schwer. > Tausend Jahre lang ist er wie ein Bruder für mich gewesen<, sagt er. In großen Scharen ziehen die Feinde aus Nord und Ost herbei, Lebende und Tote, Riesen und Trolle, in voller Rüstung und starrend vor Waffen. Große Kriegstrommeln schlagen den Takt dazu. > Schau dich um! < ruft die Volve plötzlich, und als Odin sich umwendet, sieht er, wie der ganze Himmel im Süden aufreißt und das Land dahinter zum Vorschein kommt. das unbekannte, unheimliche Muspilheim, das es schon lange gegeben hat, ehe Odin mit seinen Brüdern die Welt erschuf.

 

Aus diesem feurigen Reich strömt ein mächtiges Heer von schimmernden Reitern herbei, angeführt von Surt, dem uralten Häuptling, der ein Flammenschwert schwingt. Alles, was er berührt, fängt Feuer und verglüht.> Kann nichts sie aufhalten? < fragt Odin sich. > Sieh nur, wie ganz Mitgard brennt! < Die Feuerreiter eilen auf Bilfrost, die Regenbogenbrücke zu. Haben sie es auf Asgard abgesehen? Wollen sie die Festung der Götter stürmen? > Nie wird der Regenbogen sie tragen! < ruft Odin. Doch das Heer aus Muspilheim setzt wie ein großer Fackelzug über die Brücke. > Sie ist den Asen und ihren Freunden vorbehalten <, murmelt Odin. > Dafür habe ich gesorgt, das ist mein Gesetz! < aber an seinen Worten nagt der Zweifel. Die Brücke erzittert und schwankt, ihre Farben mischen sich zu einem trüben Grau. Dann stürzt sie ein, und im Funkenregen stürzen Tausende von Reitern in die Tiefe. Viele kommen um, doch andere überleben den Sturz. Unter ihnen ist Surt, der sein Flammenschwert schwingt und den Rest seines Heeres anführt, bis sie die große Wiese erreicht haben. Diese Weide ist hundert Meilen lang und hundert Meilen breit. Dort sammelt sich der feurige Haufen. Riesen und Gespenster stoßen zu ihm. Auch der Fenriswolf und die Mitgardschlange haben sich, von Loki, ihrem Vater, angeleitet, am Kampfplatz eingefunden.> Willst du noch mehr sehen? < fragt die Volve. > Hast du genug gehört? < Doch Odin schüttelt den Kopf. > Es ist zu spät, um sich abzuwenden <, sagt er grimmig. > Ich will sehen, wie unsere Streitmacht sich sammelt. <Heimdal stößt ins Horn, und die Asen halten Kriegsrat. Wie alt und hilflos sie aussehen. Wie unheilvoll es knarrt in der Weltesche Yggdrasil! Ist es nicht schon zu spät? Ist es nicht sinnlos, gegen einen so übermächtigen Feind anzugehen? Odin bespricht sich mit Mimes Haupt.> Kannst du auch dich selber sehen? < flüstert die Volve. > Ratlos, wie du bist? Voller Furcht vor der Niederlage? Verfolgt von der Ahnung, daß dein Reich dem Untergang nahe ist? < - > Das soll ich sein? < sagt Odin missmutig. > So schwach, so mutlos? < Da sieht er Frigga kommen.

 

Sie bringt Odin seinen goldenen Helm, setzt ihn, ohne ein Wort zu sagen, ihm auf den Kopf und küsst ihn auf beide Wangen. Nun schleppen auch die anderen Asen ihre Waffen und Rüstungen herbei. Die Untoten aus Walhall, alle die gefallenen Helden, die Odin unter den Menschen gesucht und gefunden hat, machen sich bereit, ihnen zu folgen. Auch aus Folkwang kommen die Streiter, die bei Freia gehaust haben, stoßen zum Heer der Asen. Sie hat sie mit scharfen Krallen und Luchskappen versehen. Nun fauchen sie und miauen wie wilde Katzen. Thor hat seine eisernen Handschuhe angezogen und seinen starken Gürtel angelegt. Er lässt den Hammer Mjölner über seinem Haupt kreisen. Seine Böcke stoßen ungeduldig voran. Der Götterkönig hat Sleipnir, sein achthufiges Ross, gesattelt. Er hält seinen Speer in der Hand. Hugin und Munin, die beiden Raben, sitzen ihm auf den Schultern, und die beiden zahmen Wölfe, spuren neben ihm her. So ziehen die Asen hinaus auf die Walstatt. Zum Abschied winken sie den Frauen, die in Asgard zurückbleiben und die sie vielleicht nie wiedersehen werden. Auf dem weiten Kampfplatz stoßen die beiden gewaltigen Heere zusammen. Schon beim ersten Treffen verliert Odin seine Raben und seine Wölfe. Thors Böcke werden von Pfeilen durchbohrt. Sein Wagen stürzt um, und er wird zu Boden geschleudert. Doch Odin sammelt das Heer von neuem um sich, und noch einmal wirft er sich dem Feind entgegen. Odin reitet geradewegs auf den Fenriswolf zu, und Thor versucht ihm zu folgen. Doch der Donnergott ist nun zu Fuß und bleibt hinter dem Reiter zurück. Die Mitgardschlange, seine alte Feindin, wirft sich ihm in den Weg. Sie zischt und heult. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. > Willst du noch mehr sehen? < fragt die Volve. > Hast du genug gehört? < - > Ich muss wissen, wie es weitergeht <, sagt Odin. > Mein Kampf mit dem Fenriswolf - werde ich ihn besiegen? < Die Volve schüttelt den Kopf. > Er verschlingt dich <, sagt sie. > So ist es geweissagt, und so muss es geschehen. < Odin schluckt und fragt weiter: > Wird es ein guter Kampf gewesen sein? < Die Volve hat Tränen in den Augen.> Ja <, sagt sie, > ein guter Kampf. > Aber Thor wird mich rächen! < sagt Odin, und wieder schüttelt die Volve den Kopf. > Thor hat genug damit zu tun, sich seiner Haut zu wehren gegen die Mitgardschlange. < - > Und Tyr? < - > Ihn bedrängt Hels Untier, der Hund, der das Totenreich bewacht. Keiner von beiden wird den Kampf überleben. < - > Was ist mit Frei? < - > Er hat es mit Surt aufgenommen, dem alten Feuerriesen aus dem Süden. Beide sind gewaltige Schwertkämpfer, doch Surt hat die schärfere Waffe. Du weißt doch, einst hatte Frei ein Schwert, das von selber zuschlug. Nun reut es ihn, daß er es vor langer Zeit gegen die Liebe einer Trolltochter tauschte. Trotzdem, er ficht auf seinem goldenen Eber wie ein wahrer Meister gegen Surt, der auf einem brennenden Pferd reitet. Kannst du sie sehen? <Odin nickt. > Dann wirst du auch erkennen, daß Surt die Oberhand behält. Sein Flammenschwert spaltet Frei von Kopf bis Fuß entzwei. < - > Und wie wird es Heimdal ergehen? < - > Er kämpft gegen Loki. < - > Die beiden haben sich nie miteinander vertragen. < - > Jetzt finden sie alle beide den Tod. < Odin spürt, wie ihm die Stimme versagt. Es sticht in seiner Brust. > Soll ich denn ungerächt auf dem Schlachtfeld liegengeblieben? < flüstert er. > Ruft mein Blut vergebens nach all meinen Söhnen? < - > Du hast den letzten deiner Söhne vergessen <, sagt die Volve. > Vidar, den ihr den Wortkargen nennt. Aber nach Thor ist er der Stärkste von allen. Sieh nur, was er tut! <Odin starrt in die Ferne. Noch einmal sieht er sich selber in den Fängen des gnadenlosen Fenriswolfs, der ihn verschlingt. Doch nun erkennt er auch Vidar, der das Ungeheuer verfolgt. Sein Sohn setzt einen Fuß in den Rachen des Wolfs und tritt ihn mit letzter Kraft zu Boden, während er mit beiden Händen nach seinem Oberkiefer greift und ihn hochreißt. Röchelnd verendet das Untier und Odin ruft: > Dann werde ich wenigstens in Frieden ruhen! < Die Volve sieht ihn an und sanft sagt sie: > Das hast du wohl verdient. <Die Schlacht ist zu Ende. Die Asen sind besiegt. Nur an einer Stelle rast der Kampf weiter. Die Mitgardschlange hat sich um Thor geringelt und versucht ihn zu zerdrücken, doch Thor hält seinen Hammer fest. Keiner der beiden will aufgeben. Riesen und Gespenster haben sich um die Kämpfer geschart, um zu sehen, wie der Streit ausgeht. Endlich gelingt es Thor, den Arm mit dem Hammer aus der Umarmung des Wurms zu befreien und zuzuschlagen. Die Schlange stirbt. Aber nachdem er neun Schritte getan hat, sinkt auch Thor zu Boden. Die Mitgardschlange hat ihn vergiftet.> Willst du noch mehr sehen? < fragt die Volve. > Hast du genug gehört? < Odin sieht sie an. > Das ist das Ende. Gibt es denn noch mehr zu sehen? < Die Volve nickt. > Spürst du nicht das es nach Brand riecht? < sagt sie. Jetzt merkt es auch Odin und er sieht. wie Surt und seine Muspilsöhne wie ein Sturmwind durch die Welt jagen. In jedes Haus und in jeden Winkel schleudern sie Feuerbrände. Überall zischt und rauscht es: Als Odin sieht, wie sogar Yggdrasil in Flammen steht, kommen ihm die Tränen. Nun weiß er, daß alles zugrunde gehen wird.

 

Er hebt den Kopf und blickt der Hellseherin in die Augen. > Ich mochte die Welt <, sagt er ruhig. > Vieles an ihr hätte anders und besser sein können. Trotzdem im Großen und Ganzen gefiel sie mir. Und jetzt ist sie zunichte geworden. Kein Stein ist auf dem andern geblieben. < - > Ja, deine Welt ist eine einzige Brandstatt <, sagt die Volve. Stumm stehen die beiden da und sehen zu, wie die versengten Trümmer im Meer versinken. Also war alles, was wir getan haben, vergebens <, sagt Odin müde. > Wir haben umsonst gelebt. < -> Geduld <, sagt die Volve mit einem Lächeln. > Es gibt noch mehr zu sehen. < - > Ich kann nicht mehr <, sagt Odin. Doch nun fasst die Volve ihn mit beiden Händen an den Schläfen. > Horch! < ruft sie. > Schau hinaus! < Und er sieht, wie allmählich eine neue Welt aus den Fluten steigt, grün und schön und fruchtbar, wie ein Traum. Er sieht Äcker, die sich selber säen, und Fisch und Wild im Überfluss. > Keiner wird mehr hungern <, sagt die Volve. > Keiner muss mehr frieren. Denn siehe! Die Sonne hat eine Tochter geboren. Das Böse hat ein Ende genommen. Die Welt ist reingewaschen, und ein neues Leben kann beginnen. < - > ein neues Leben? < fragt Odin verstört. Die Volve nickt. > Siehst du die große Wiese, den alten Versammlungsplatz, der Asen, wie sie blüht? < Von Asgard, der Götterburg, ist keine Spur mehr zu sehen. Doch Odin erkennt, wie die gefallenen Asen sich nach und nach auf der großen Wiese einfinden.> Sie leben noch! < ruft Odin verwundert. > Es sind die wenigsten <, antwortet die Volve. > Es sind die, die Glück gehabt haben. > Odin erkennt Vidar und Wole und Thors Söhne Mude und Magbe. Sie haben Mjölner mitgebracht, den Hammer ihres Vaters. Auch der alte Huhne kommt angehinkt, und aus dem Totenreich Hels kehren Baldur und Hod zurück. Baldur führt seinen blinden Bruder an der Hand. Sie lachen, und im frischen Gras finden sie das uralte goldene Schachspiel der Asen wieder.> Sieh nur! < ruft die Volve voller Freude. > Auch in Mitgard gibt es einige, die sich wieder hervorwagen! <Odin sieht ein einziges Menschenpaar, das den Untergang überlebt hat. Sie haben in einer Lichtung Schutz gefunden, an der der Feuersturm vorbeigezogen ist, und nach der großen Flut hat das Meer sie zurückgegeben. Lange war der Morgentau ihre einzige Nahrung. > Sie werden Kinder und Enkelkinder bekommen <, sagt Odin froh. Die Volve nickt. > Ein neues Menschengeschlecht wird die bevölkern <, sagt sie. Odin reibt sich die Augen. Er ist müde. > Gibt es noch etwas, was ich wissen sollte? < fragt er. > Nein, Herr <, antwortet die Hellseherin. > Jetzt sind meine Augen leer. Weiter in die Zukunft kann ich nicht sehen. < - > Du sahst weit genug. < Die Volve verbeugt sich tief vor Odin. > So hat der Traum es mir gezeigt. So muss es geschehen. < Odin steigt zu Pferde und reitet davon. Er trägt Mimes Haupt im Arm. Lange ziehen sie schweigend durch die sternenklare Nacht hin. Endlich fragt Mime: Hast du gefunden, wonach du gesucht hast? < - > Ich weiß es nicht <, antwortet Odin. - > Du weißt es nicht? < -> Vielleicht ist es so <, sagt der Götterkönig, > daß ich nur das fand, wovor ich michfürchtete? Am Ende hätte ich eher nach dem suchen sollen, was ich mir erhoffe? <- > Mein Freund <, sagt Mime, > alles auf der Welt kann auf tausend verschiedene Weise enden. < - > Nicht alles, was ich sah, war finster <, erwiderte Odin nachdenklich. > Es gab auch graue Nebelstreifen, und Licht, das durch die Wolken brach. - > Dann hätte es schlimmer kommen können. <> Eines weiß ich ganz gewiss. Nichts von alledem ist bereits geschehen. Noch ist Ragnarok nichts weiter als ein böser Traum. Du hast recht. Der Möglichkeiten gibt es viele. Noch haben wir es in der Hand, sie zu finden.... Zu ändern, was zu ändern ist. <Mime lächelt in der Dunkelheit. > Mein einäugiger Freund <, sagt er sanft. > Nie wirst du aufgeben! < - >Nie! < ruft Odin und drückt das struppige Riesenhaupt an seine Brust. > Nie. <So reiten sie wortlos weiter, bis der Morgen graut.


Auszug aus: Die wilden Götter: Kapitel 12; Ragnarök, von Tor Age Bringsvaerd