Es wurde schon die Beschreibung der Irmensul erwähnt, die Rudolf von Fulda gibt, anlässlich eines Berichts über die Sachsenkriege Karls des Großen, den er seiner Schilderung von der Übertragung von Heiligengebeinen nach einem in Sachsen gelegenen Ort, Wildeshausen i.O., einfügt. Rudolf von Fulda schrieb um das Jahr 850, also nur etwa 80 Jahre nach dem geschichtlichen Ereignis, an das er anknüpft, nämlich der oben zum Rolandbild von Obermarsberg schon erwähnten Erstürmung der sächsischen Volksburg Eresburg durch Karl dem Großen Im Jahre 772, bei der in dreitägiger Arbeit eine Irmensul zerstört wurde. Auch die Erläuterung, die Rudolf dem Ausdruck Irmensul der vaterländischen Sprache (patria lingua) in lateinischer Sprache gibt, wurde oben schon erwähnt; universalis columna quasi sustinens omnia.

 

Der erste Bestandteil des Ausdrucks Irmensul - der zweite Bestandteil "sul" gleich Säule ist ja klar - konnte dem Sprachgefühl des Rudolf noch in der alten Bedeutung bewusst sein, die in der heutigen deutschen Sprache nicht mehr lebt. Der Ausdruck Irmensul begegnet noch später als eine ihrer Zeit offenbar noch geläufige Vorstellung; so in der mitteldeutschen Kaiserchronik, dass die Römer den Julius Cäsar treulos erschlagen, dann aber ihn auf einer "irmunsul" begraben hätten. An einer anderen Stelle derselben Kaiserchronik stellt sich Simon der Gaukler auf eine Irminsul, offenbar nur, um hoch und sichtbar zu stehen.

 

"Althochdeutsche Glossen haben das Wort Irmansuli pyramides… die eigentliche Bedeutung scheint Bildsäule".1)

 

Das ist aber jedenfalls nicht im Sinne eines skulpierten, künstlerisch ausgearbeiteten Bildnisses zu verstehen; wovon sofort; sondern nurin dem Sinne, daß eben, wohl vom Ahnenpfahl her, der aufrecht stehende Pfeiler einen Menschen darstellt oder versinnbildlicht. Die Schilderung des sogenannten Poeta Saxo, unter der Regierung Arnulfs, gilt "nur als eine Paraphrase jener Chronikstelle von 772 und hat wohl die Bemerkung, dass die Säule von kunstreicher Arbeit und mit Schmuckwerk verziert gewesen sei, einfach aus ihrer Vorstellung von einer antiken Säule (columna) hinzugetan".

 

Der Bericht des Widukind von Corvey, freilich über 400 Jahre jünger, um 967, als das geschilderte Ereignis von der Siegessäule der Sachsen nach ihrem Siege vom Jahre 531, wurde oben, zur Säule mit der Kugel darauf, ebenfalls schon erwähnt; sie hätten "gemäß der Irrlehre unserer Väter mit eigentümlichen Gottesdienste ihr Heiligtum verehrt, welches dem Namen nach den Mars, durch die Säulenform des Herkules, der Stellung nach die Sonne, welche bei den Griechen Apollo heißt, vorstellt". Am östlichen Tor ihres Lagers hätten sie dieses Siegesmal errichtet.

 

"Aus diesem auf den ersten Blick verworrenen und unklar wirkenden Bericht gilt es den wertvollen Kern herauszuschälen … unter der pseudogelehrten Übermalung durch den auf seine klassische Belesenheit stolzen Mönch die echte Volksüberlieferung zu erkennen".

 

Das Wort "irmin" scheint (Jakob Grimm) dann einfach eine Steigerung zu bedeuten; also "Irminsul" nichts anderes als die große Säule; wie "irmingott" im Hildebrandslied den großen Gott, "irminthiod"2) das große Volk, "jörmungrund" die große weite Erde, Hermunduren die großen Duren (Düringe)?, "irminman" einen erhöhten Ausdruck für Mensch, im Heliand. Daraus könnte die Umschreibung des Rudolf von Fulda entstanden sein von der Weltsäule, die das All trägt. Wichtig und sicher zuverlässig an beiden Schilderungen, des Rudolf und des Widukind, ist die Kennzeichnung des Denkmals als eines aufgerichteten Pfahls; Rudolf: truncus ligni, von nicht unbeträchtlicher Größe; non parvae magnitudinis. Aber drei Tage kann auch die Zerstörung des gewaltigen Baumstammes nicht erfordern. Die Irmensul auf oder bei der Eresburg, von der das erzählt wird, kann nicht aus Holz gewesen sein, sondern muss ein gewaltiges Steinmal gewesen sein.

 

Axel Olrik3) berichtet von einer Vorstellung der Lappen, die in früher vorchristlicher Zeit von den Germanen vieles übernommen und wenig weitergebildet hätten; sie glaubten an eine unsichtbare "Weltstütze", lappisch "maylmen", gleich Stütze, wozu Olrik einfach hinzusetzt: "gleich altsächsisch: Irminsul" (Olrik, a.a.O. S.423).

 

Durch Einreibung dieser Weltstütze mit Opferblut werde die Aufrechterhaltung der Welt bewirkt; zugleich begegne die Vorstellung von einem "Weltnagel", durch den der Himmel an seinem Platz festgehalten wird;

 

"im Lappischen der Polarstern, wobei ausdrücklich hervorgehoben wird, dass sein Ausreißen den Zusammensturz der Welt herbeiführt."

 

Auszug aus:

1) Jakob Grimm, Deutsche Mythologie, 1835, S.81

2) Das Wort "irmin" ist bisher sehr verschieden abgeleitet worden; ein neuerer Forscher will das dunkle althochdeutsche Wort "irmin" als "engverbunden" deuten, nach rückwärts noch weiter zusammenhängend mit aryah, althochdeutsch archen, "echt, recht", und vielleicht mit griechisch "eros". Widukind berichtet an der oben angegebenen Stelle, daß in sächsischer Sprache das Wort zur Verstärkung im lobenden wie im tadelnden Sinne angewendet werde.

3) Ragnarök, Die Sagen vom Weltuntergang, 1922.

(Jung, Erich - Germanische Götter und Helden in christlicher Zeit, München und Berlin 1939, S.118-119)