Tempelbauten

 

Aus dem Walde wuchs allmälig der gezimmerte Tempel hervor, vielleicht Anfangs in der Art, dass um einen besonders heiligen Baum, der als Sitz der Gottheit galt, eine Hütte aus Holz und Zweigen aufgeführt wurde. Derlei mag der indiculus superstitionum IV "de casulis id est fanis", von kleinen Tempelchen, im Auge haben. Man gedenkt der Halle König Volsungs, die freilich weltlichen Zwecken dient, aber möglicherweise einen altfränkischen Waldtempel darstellt. "König Wolsung liess eine herrliche Halle machen und zwar auf die Art, dass eine grosse Eiche in der Halle stund; die Zweige des Baumes mit schönen Blättern breiteten sich übers Dach, der Stamm reichte in die Halle hinunter." Hernach stösst Odin das Schwert für Sigmund in den Stamm dieser Eiche. Darf man eine Wodanseiche im fränkischen Urwald, um welche ein Tempel gezimmert war, worin der Gott seinen Lieblingen sich offenbarte, als letzten Ausgangspunkt dieser Sagenbildung vermuten?

 

Die sächsische Irminsul muss hier erwogen werden. Im nordischen Hause stützen eine oder zwei Säulenreihen als Grundpfeiler den ganzen Bau. Besonders wichtig sind die zwei am Hochsitz befindlichen sog. ondvegissulur, an denen Götterbilder eingeschnitzt sind, denen abergläubische Verehrung erwiesen wird. Die nach Island fahrenden Norweger nehmen ihre Hauptsäulen mit und stellen sie in der neuen Heimat ebenso in die Mitte des Hauses. Auch im Tempelbau, der vom Hausbau nicht wesentlich abwich, kehren diese Säulen wieder. Karl der Grosse zerstörte im Jahre 772 einen Hauptsitz des sächsischen Aberglaubens, die unweit Eresburg in Westfalen errichtete irminsul, die Hauptsäule. Er verbrannte das sächsische Heiligtum. Im tiefen Wald, wol im Osning, im heiligen Götterhain, ragte die Säule auf, die bald als fanum, bald als idolum bezeichnet wird. Später wurde an ihrer Stelle eine Peterskirche gebaut. Rudolf von Fulda erzählt vom Baumkult der Sachsen und erklärt die irminsul als einen grossen, unter freiem Himmel hoch aufgerichteten Holzstamm, eine Hauptsäule. Was ist nun in Wirklichkeit unter der sächsischen Säule zu verstehen? Ihr eignete wol dieselbe religiöse Bedeutung wie der nordischen Haussäule. Durch eingeschnitztes Götterbild mag vielleicht auch sie zum Heiligtum, zum Idol, geweiht gewesen sein. Sie stand aber allein im Freien und diente so als Symbol. Der aufgerichtete Grundpfeiler, die Hauptsäule vertrat vielleicht symbolisch den Tempel, der ursprünglich um den heiligen Baum, nachher um die hölzerne Hauptsäule gezimmert war. Für den germanischen Tempel der Urzeit, dessen Einrichtung nirgends genau geschildert ist, lernen wir nur das eine, dass sein Ursprung an den heiligsten Baum des geweihten Forstes, an die uralte mächtige Göttereiche anknüpfte. Den Baum löste bei späterem kunstvollerem Bau die im Mittelpunkt aufgerichtete hochragende Hauptsäule, ein gewaltiger verarbeiteter Baumstamm ab. Wie der Götterbaum den Grundpfeiler des heiligen Gebäudes abgab, so scheint er auch das Götterbild, das zunächst an ihm haftete, veranlasst zu haben. So wuchs, wol auch unter der Anregung römischer Kultur, aus dem ursprünglichen Gottesdienst im Urwalde die gezimmerte Behausung der Götter und ihre bildliche Darstellung heraus. Der Götterbaum als irminsul entfaltet beides.

Rechtsbräuche, zumal die Gottesurteile und Eidschwüre, aber auch Marktbegänge, Einsegnungen, Bildtrachten, Sprüche und Formeln wurden, indem sie ihr heidnisches Wesen beibehielten, bloß mit kirchlichen Hergängen verbunden. Einzelne Gewohnheiten begegneten sich, bei der Geburt des Kindes übten die Heiden ein der christlichen Taufe vergleichbares Wassersprengen, das Hammerzeichen mahnt an das Kreuzzeichen und die Aufrichtung der Kreuzbäume an Irmensäulen und Weltbäume der Heidenschaft.

 

In diesem Zusammenhang scheint Irman nur allgemeinen, verstärkenden Sinn zu haben und sich nicht in bestimmter Weise auf einen Gott oder Helden zu beziehen. Wie Irmangot den großen Gott, Irmandiot das große Volk, Iörmungrund die große, weite Erde, so dürfte auch Irmansul nichts anderes als die große Säule aussagen.

 

Das mag sein, nichts hindert aber, daß Irmino oder Irmin in früheren Jahrhunderten persönliche Bedeutung hatten. Freilich unterscheidet Tacitus jenen Hermino, der ihm in Herminones steckt, von Arminius, den die Römer bekämpften; doch das bekannte auf diesen Bezogene: canitur adhuc barbaras apud gentes, "noch heute singt man von ihm bei den Stämmen der Barbaren" ging leicht schon aus Mißverstand der Kunde hervor, die von deutschen Liedern auf den mythischen Helden zu der Römer Ohr gedrungen war. Gesetzt Irmansul drücke wörtlich nur eine große Säule aus, dem Volk, das sie verehrte, muß sie ein göttliches Bild, also auf einen bestimmten Gott bezüglich gewesen sein. Um diesen Aufzufinden, hätte man nur zwischen zwei Wegen zu wählen, entweder war er eine der drei großen Gottheiten Wodan, Thonar, Tiu, oder ein von ihnen unterschiedenes Wesen. Doch hier ist vor allem die Stelle bei Widukind, dem Sachsen selbst, zu erwägen; sie sagt, daß ein heidnischer Gott gefeiert worden sei, dessen Name an Mars, Säulenbild an Herkules, örtliche Aufstellung an die Sonne oder Apollo gemahne.

Dann aber wird fortgefahren: "daraus erhelle die Glaubwürdigkeit der Meinung jener, die die Herkunft der Sachsen von den Griechen hergeleitet zu haben glauben, weil Hirmin oder Hermes auf Griechisch Mars genannt wird..."

Hieraus folgt, der Gott, dem die Sachsen nach dem Sieg über die Thüringer opferten, hieß Hirmin, Irmin, und noch im zehnten Jahrhundert wurde mit diesem Namen ein hervorragender, verwegener Mann, lobend oder tadelnd belegt. Apollo wird von dem Mönch verglichen, weil der Altar ad orientalem portam, gegen Sonnenaufgang gabaut war, und Herkules, weil dessen Säule an die des einheimischen Gottes erinnerte, es muß also kein anderes Idol gemeint sein, als eben die Irminsul und dieser name eigentlich Irmines, Irmanes, Hirmines sul lauten. An der Unstrut hatten die Sachsen ihrem Irmin eine Säule aufgerichtet, wie sie dies in der Heimat taten.

 

Auch darin ist das Verhältnis der Helden dem der Götter sehr ähnlich, dass ihnen wie diesen bestimmte örtliche Sitze und Wohnungen angewiesen werden. Gern aber scheinen solche den Namen Stein zu führen: Gibichenstein, Brunhildenstein, Krimhildenstein, Eigelstein, Waskenstein, was auf heilige, von Menschen unbewohnte Felsen und uralten, festwurzelnden Dienst deutet. Seltener findet man Burg oder Saal (Iringes burc, Orendelsal), einigemal Aue und Brunnen, öfter Weg oder Straße auf Helden bezogen; da nun mit dem Begriff des Heerweges der einer öffentlich aufgerichteten Säule zusammenhängt, und nach ihr die Wege auslaufen, so scheinen die Herculis columnae, die Herkulessäulen, die Irmansuli vergleichbar den Rolandssäulen, denen wir gerade in Norddeutschland, wo das Heidentum länger gewartet hatte, begegnen. Wie König Karl in einigen Sagen, zumal in der vom wütenden Heer, Wodans Stelle einnimmt, mag auch Roland, der edelste Held seines Hofes, der sich fast ganz zu ihm wie Donar zu Wodan verhält, den göttlichen Überwinder der Riesen vertreten.

 

Mir scheint auch die im deutschen Altertum tief gegründete Vorstellung von der Irmensäule dem Weltbaum Yggdrasil nah verwandt. Wie sich dessen Wurzeln und Äste nach drei Enden breiteten, liefen auch von der Irmensäule drei oder vier große Straßen aus, und je weiter man nachspürt, wird sich der Zusammenhang dieser heidnischen Ideen fruchtbarer entfalten lassen. Die Säulen des Herkules, des Bravo in Hennegau; die Thor- und Rolandssäulen, hatten vielleicht keine andere Bestimmung als von ihrem Mittelpunkt aus himmlisch-irdische Richtung der Weltgegenden vorzuzeichnen und der heilige Yggdrasil diente zu einer sehr analogen Weltteilung. Das könnte selbst auf die alte Landmessung eingeflossen sein.

 

oben- Golther, Wolfgang - Handbuch der germanischen Mythologie, Leipzig 1895, S.593-595

unten- Grimm, Jakob - Deutsche Mythologie, bearb. von Karl Hans Strobl, Volksausgabe 1939, S.56, 231-232, 254, 469-470

Auszug aus: www.suehnekreuz.de/VA/irminsaeulen.html