Dämonische Pferde


Der Führer wird oft der "Schimmelreiter" genannt, und Odin ist auf seinem achtbeinigen Schimmel Sleipnir der Schimmelreiter schlechthin.


Maltens Aufsatz von 1914 'Das Pferd im Totenglauben' ist noch immer die umfassendste Studie zu diesem Thema. Er stellt Griechenland in den Mittelpunkt, ist mit zahlreichen Fotos von Keramikobjekten und Stelen illustriert und enthält auch viel komparatives Material.


Das Pferd gehört zu den bevorzugten Gestalten, in denen sich die chthonischen Mächte manifestieren. Pferde stehen sowohl mit Hades als auch mit dem chthonischen Poseidon, dem Erderschütterer, der später erst zum Meeresgott wurde, in Verbindung (Malten 196). Pferdedämonen werden reitend oder fahrend dargestellt, sie können Menschen mit sich reißen und in ihr Reich entführen. Auch Odin bzw. Wodan holt sich Menschen. Einer von ihnen war Dietrich von Bern, weshalb er manchmal als Odins Stellvertreter das Wütende Heer anführt. Ebenso gibt es dämonische Pferde, die ihre Herren, wie Pegasos den Bellerophontes, den Mächten des Todes überantworten (Malten). Die Gottheit kann zu Pferde reiten oder selbst das Pferd sein, aber "das Totenross ist ursprünglicher als die Gottheit" (Malten 208f). Das Pferd fungiert auch als Totenführer; oft zeigen Darstellungen auf Stelen den verstorbenen auf dem Rücken im Reitsitz, und zumindest in einigen davon, wie etwa den skandinavischen Schnitzarbeiten, die den berittenen Helden zeigen der in Walhall empfangen wird, reitet der Tote in das au- delá (Malteen 234f, Davidson 1993,33). Manchmal erscheinen Menschen nach ihrem Tod als Geisterpferde; ähnlich dem Totengott kann der Tote auf dem Pferd reiten oder dieses selbst sein. "Der Töter wie der Tote erscheinen nach ältester Anschauung in der Gestalt des gespenstischen Pferdes" (Malten 235; vgl. Höfler 1934, 37ff); in diesem Punkt ähnelt das Pferd dem Hund.


Der Reitergott


Wir erkennen also im Pferd ein Totentier, im weißen oder grauen Pferd ein Geisterpferd, in der Pferdenachbildung mit wenig oder zu vielen Beinen ein dämonisches Pferd. In der Tat ist Odin der Reitergott. Seine Namen lauten Atridr (31) 'der in der Schlacht Reitende' (vgl. atreid 'Reierattacke' und Fráiridr (31) 'Vorausreitender' (Simek) oder 'Schnellreiter' (adj. frár 'schnell'; Hj. Falk). Außerdem ist er der Reidartýr 'der Wagengott' (111), was uns daran erinnert, dass die indogermanischen Krieger und ihre Götter zunächst auf Streitwagen kämpften, bevor sie zu Reitern wurden.


Wenn wir das eben Gesagte bedenken, wird es uns nicht wundern, Odinsheiti zu finden, die Pferdenamen sind. Jalkr (92) erscheint ziemlich häufig in Dichtung und Prosa, und tatsächlich nennt sich Odin selbst im Grimnismál zweimal so: Dort sagt er 49, 3), er nannte sich selbst Ialc bei Osmundar,d.h. diesen Namen gab er während seines Aufenthalts bei Asmuund an, aber dann auf dem Höhepunkt der letzten Strophe, sagt er, daß oc Ialcr med godam (54, 6) genannt wird (54, 6); und wenn dies ein Name ist, den er bei den Göttern verwendet, muss er einen gebräuchlichen Kultnamen darstellen (Falk 1924, 20,;vgl. Steller 62). Jalkr bedeutet 'Wallach' und hat daher zu einem gewissen Kommentar Anlass gegeben: Hjalmar Falk merkt an, daß Hengste auf der Höhe ihrer Zeugungskraft dem Freyr geweiht wurden, damit dieser Vieh und Saat gedeihen lässt, meint aber, daß Jalkyr als Odinsmame wahrscheinlich 'etwas anderes' bedeuten würde (Falk 1924, 40).


Meines Erachtens bezeichnet dieser Name, in jener vorschriftlichen Vergangenheit, als Odin ihn annahm, nicht den Wallach. Namen für Nutztiere scheinen manchmal nicht genau fixiert zu sein; so bedeutet z. B. neuenglisch. stallionim Neuhochdeutschen "Hengst", aber seine skandinavischen Entsprechungen, dän. hest, schwed. häst, neuisl. hestur meinen das Pferd im Allgemeinen. Das AEWB gibt für neuschwedisch jälk "Hengst" und yaager im Dialekt der Orkney- Inseln 'Pferd' an. Andere Pferdeheiti sind Hrosshársgrani und wahrscheinlich Brun und Vakr.


Zwei weitere Odinsheiti müssen hier noch erwähnt werden. Grimr und Grimnir (47 und 48) von grima 'Maske' in den Grimnismál und den Thulur können sich auf Odins Lust an der Verwandlung beziehen. wahrscheinlich kriegt ihnen aber, in Verbindung mit den ekstatischen maskierten Bruderschaften, eine tiefere Bedeutung zugrunde. In Wirklichkeit ist es, meiner Auffassung nach, so, dass die Geschichten vomincognito reisenden Odin eher von den Namen inspiriert sind als umgekehrt. Jölnir (94) verbindet im thorsdrápa, den Thullur und der Prosa den Gott mit dem großen Julfest zur Wintersonnenwende, mit dem Hauptfest der Maskenträger.


Der Ahnensegen


Wir haben nun alle Elemente der Sagen um die Wilde Jagd besprochen, die am Odinskult eigentümlich sind. Bevor wir uns nun den Teilen zu widmen, die aus anderen Traditionen aufgenommen wurden, sollte noch einmal betont werden, daß von den Ahnen, insofern sie sich weiterhin um ihre Nachfahren kümmern, angenommen wird, sie würden der Sippe, dem Vieh und dem Acker Segen bringen (ARG II, 139). Daher glaubte man, wie Höfler, Meuli, Wolfram u. a. nachgewiesen haben, auch nachdem die religiösen Praktiken längst zu volkstümlichem Brauch geworden waren, daß die Wilde Jagd förderlich sei, und begrüßte sie trotz des Chaos und der Gefahr, daß sie mit sich brachte. Der koryos bringt Fruchtbarkeit aus dem selben Grund, aus dem er Ordnung bringt, weil er dem Volk die Ahnen vergegenwärtigt. Da der Aspekt der Fruchtbarkeit aus demselben Grund, aus dem er Ordnung bringt, weil er dem Volk die Ahnen vergegenwärtigt. Da der Aspekt der für die auch nach der Bekehrung zum Christentum an den alten Bräuchen festhaltende Landbevölkerung ausschlaggebend war, gerieten diese nicht in Vergessenheit. Wenn Turville- Petre schreibt, daß die Existenz mit Odinsnamen verbundener und mit der akr und vin gebildeter Ortsnamen "nahegelegt, daß Odin für viele Menschen seinerzeit mehr ein Fruchtbarkeitsgott als ein unbarmherziger Gott der Könige, Sieger, Meineidigen und Dichter, als welcher er in den literarischen Quellen erscheint "war" (1972, 18), dann missachtet er diesen Aspekt.


Feste zur Jahreswende


Wir wissen, daß kultische Umzüge einen Teil der großen Feste in der indogermanischen Welt darstellten. Beschreibungen dieser Umzüge, vor allem der mit den Dionysosfesten verbunden, sind uns aus Griechenland überliefert und im Mahäbhärata VII, 20266ff, findet sich eine besonders lebhafte Beschreibung eines Festes, dem eine Prozession vorangeht, die in der Führung einer ekstatischen Horde, Segen und Wachstum spendend, durch die Lande zieht. Wir wissen ebenfalls, daß diese großen Gelage das gesamte Leben der Gemeinschaft erfassten und dass jede gemeinschaftliche Gruppe oder deren Repräsentanten daran teilnehmen und wichtige Rollen zu spielen hatten. Des Weiteren wurden auch in Gesellschaften die nicht primär landwirtschaftlich ausgerichtet waren. Fruchtbarkeitsriten bei jedem großen Fest vollzogen. Wenn die Frauen nicht gebären und die Kühe nicht kalben, wird das Volk nicht gedeihen, auch wenn die Männer siegreich aus der Schlacht heimkehren. Es ist daher nicht erstaunlich, Waffentänze und Regentänze bei denselben Veranstaltungen aufgeführt oder bewaffnete Männer in Wolfsmasken und einen das Sonnenrad zum Kultplatz ziehenden Wagen zu sehen.


Es genügt, Hauers Rekonstruktion des indischen Mahävrata zu lesen, um einen Eindruck von der Vielfalt kultischer Praxis bei Sonnenwendfesten zu gewinnen (Hauer 246 - 296). Es gab authentische Wettkämpfe wie im antiken Griechenland Wagenrennen und Wettbewerbe von Bogenschützen. Ein Arier und ein Sudra kämpfen um ein weißes Fell. das die Sonne darstellte, so wie in illo tempore Götter und Dämonen um die Sonne stritten.


Die Götter siegten und der Aurier gewinnt und verdeutlicht damit, daß der Sieg der Götter fortwährt. Zwei rituelle Dialoge, grobe Abwandlungen von verbalen Wettstreiten wurden gesprochen. In dem einen priesen und schmähen zwei Männer abwechselnd die Opfernden; der andere war ein phallischer Dialog zwischen einer Hure (einer kultischen Prostituierten) und einem Veda- Studenten. Desweiteren gab es rituellen Geschlechtsverkehr, an dem sich, auf geweihtem Boden, offenbar jeder beteiligen konnte, später wurde er von einem repräsentativen Paar vollzogen. heiratsfähige Mädchen führten Regentänze auf, die Zeremonie hatte auch "schamanische" Elemente, etwa die ekstatischen Erlebnisse des Hotar- Priesters auf einer Schaukel und andere mehr.


Dies alles verdient erwähnt zu werden, denn obwohl sich das beschriebene Fest von seinem Ursprung fortentwickelt hat, ist es doch das früheste Zeugnis eines sehr primitiven indoeuropäischen Gelages - primitiv und doch extrem vielschichtig, mit einer hochentwickelten Symbolik, ein Fest, das eindeutig die Anleitung jeder Gruppe, sowie eine Gesamtchoreographie erfordert. Das Tändya Mahäbrähmana (XXIV) behauptet, daß anfangs die davä vrätyas diese Riten ausgeübt hätten, d.h. sie wurden von den vergöttlichten Vorfahren der Vratyas, des indischen Männerbundes, der uns im dritten Teil beschäftigen wird, begründet (Hauer 246). Hauer führt den Kommentator des Kätyäyana Srauta Sütra (XXII, 4.3) an: "Bei diesen Festen waren geübte Sänger, Tänzer und (Zauber-) Waffenträger vonnöten, das in der Vrätya-Genossenschaft von besonderen Lehrmeistern ausgebildet wurden" (Hauer 237).


Einige der die wilde Jagd kennzeichnenden Aspekte waren zweifellos Bestandteile derselben Feste wie die Maskenträger, gehörten aber zu einem anderen Kultus. Unter den skandinavischen Steingravuren befinden sich Abbildungen von kultischen Prozessionen mit Wagen, Schiffen die auf schlitten gezogen werden und Pflügen. wir wissen von einem Umzug mit einem Schiff als Teil eines Fruchtbarkeitskultes der Nerthus in Germanien (Germania 40). Dabei hat man Räder, die die Sonne repräsentieren, mit Wagen transportiert, später wurden sie als Räder der Fortuna interpretiert.


Andere Elemente müssen in späterer Zeit in den Kult eingegangen sein. Als die Männebünde spätestens mit Ausrottung heidnischer Frömmigkeit verschwanden, begannen andere exklusive Männergesellschaften- am bekanntesten sind die handwerklichen Gilden- die Lücke zu schließen. Daher finden wir bei der Wilden Jagd Handwerker und Werkzeuge oder Symbole ihres Gewerbes mit sich führen. Auch Akrobaten und Jongleure scheinen eine spätere Zutat zu sein, abgesehen davon, daß wir sie in Indien, im Thiasos der Rudra- Siva finden.Das Auftreten von Ermordeten, allgemein bekannten Sündern und ungetauften Kindern kann als christliche Folklore oder Teil eines Versuchs von Klerikern, heidnische Praktiken, die sie nicht eliminieren konnten, zu volkspädagogischen Zwecken um zu- funktionalisieren, ausgeschieden werden. In derselben Weise verwandelten sich der Schimmelreiter in den Teufel, die Maskierten in Dämonen, und es wurden Geschichten von einem Jäger als einem leidenschaftlichen Waidmann erzählt, der die sonntägliche Messe versäumte, um seiner Jagdbesessenheit zu fröhnen, und nun zur Strafe verdammt ist, für alle Ewigkeit durch den Himmel zu reiten.. Gehenkte aber verweisen durchaus auf den ursprünglichen Kult; Odin war der Hangagud (59). Hangatyr (60 und Hani (61), und es ist anzunehmen, daß Wodan dies ebenso war, da auf dem Kontinent Opfer in heiligen Hainen für ihn aufgehängt wurden. Außerdem war Odin berüchtigt, der Schutzpatron aller Arten von Gaunern und Landstreichern zu sein, was als Teil seiner späteren Dämonisierung vernachlässigt werden könnte, wären nicht Rudra und Hermes ebenfalls Patrone vergleichbaren Gesindels. Es ist offensichtlich, daß diese Persönichkeitsmischung auf vielfache Wurzeln zurückkehrt.


Wenn wir die für die Jagdvariante spezifischen Teile betrachten, wird die Situation noch komplizierter. Höfler und andere nehmen an. dass das Heer das Ursprüngliche war, da Odin ein Kriegsgott und niemals ein Jägergott gewesen ist. Das ist zweifellos richtig! Die Verbindung könnte in einem intransitiven Gebrauch von 'jagen' im Sinne von 'rennen' liegen, um den rasenden Galopp des Heeres zu beschreiben, zumal die Jagenden oft keine Beute bei sich hatten. Einst war nur von solchem 'Jagen' die Rede, und leicht genug konnte die passende Beute aus verfügbarer Folklore entnommen werden.


Der Hirsch ist ein typischer Bestandteil der Märchenjagd in germanischen und keltischen Sagen, während der Dämon zu einem alten Fruchtbarkeitskult oder zumindest zu archaischem Erntebrauchtum gehört haben kann.


Wutanes her und alle sind man,

di di reden und die wir tragen

geradebreht und erhangen

ihr sult vun hinnen gangen


(Höfler 1934, 1179

Andererseits ist die Jagd ein wichtiger Bestandteil des Lebens der Heranwachsenden; manche verwandten Götter, wie namentlich Rudra, sind Wilde Jäger und man braucht nur nach Irland zu schauen, um zu bemerken, wie wichtig die Jagd für die Mythologie der Jugendbünde sein kann.


Dann gibt es noch die Frage der Wilden Jägerinnen. Diese könnten ebenfalls als nachträglich hinzugefügte Dämonen abgetan werden, die in das Heer aufgenommen wurden, nachdem es eine Jagd geworden war und der ursprüngliche Jäger ersetzt hatte, der keine spezielle Bedeutung mehr besaß, jedoch nennt Bede die zwölf Rauhnächte modra nect (Philippson 1929, 66 ARG I, 195),und Wilde Jägerinnen gibt es auch in Griechenland. So führt Artemis- Hekate eine rasende Horde von Geistern an. der einsame Jäger mit seinen Jagdhunden erinnert sehr an Arawn, den Lord of Annwen, der Verbindungen zu den Toten, aber nicht zu den Männerbünden hat. Schließlich ist zu bedenken, daß die Jägerinnen - ob einzeln oder zu mehreren - von maskierten Männern oder Jungen dargestellt werden.


Die Umzüge hatten sicherlich, wie überall die zu den Kultplätzen führenden Prozessionen festgesetzten Routen. Um die feueräugigen Dämonen anzudeuten, wurden, wie wir wissen, große Zuckerrüben ausgehöhlt, wie Kürbislaternen zurecht geschnitzt, mit kleinen Kerzen versehen und bei den Umzügen auf Stangen getragen.


Harlekin


In Frankreich wurde das Heer, laut lateinischen Quellen 'familia hellequini' und im Altfrazösischen 'la maisinie Hellequin', d.h. 'Anhang der Gefolge der Harlekin', genannt. Aber wer ist dieser Harlekin? Sicherlich nicht der Clown.


In seinem Aufsatz 'Harlekin, Germanischer Mythos in romanischer Wandlung'. (Anglia 1937) behandelt Flasdieck die Geschichte des Namens und der ihm zugehörigen Charaktere, zählt aber alle bisher vorgeschlagenen Etymologien und Erklärungen auf und legt schließlich seine eigene Etymologie vor, die seitdem 'allgemein angesehen' ist. Seine Prämisse ist, daß die germanischen Invasoren, ihr 'Heer' bzw. ihre 'Jagd' mit nach Britannien brachten, ihr Name für dessen Anführer wurde von dort ins Französisch der Normandie und später ins Mittelfranzösisch übernommen.


Im Jahre 1181/82 erschien die fabula des Herla rex antcuissimourum von Walter Map. König Herla verbrachte drei Tage bei einem Zwergenkönig in dessen unterirdischen Palast und bemerkte dann, daß auf der Erde zweihundert Jahre vergangen waren. Sein Gastgeber hatte ihm einen Hund mitgegeben, und ihn gewarnt, daß niemand von seinem Pferd absteigen dürfe, bevor nicht der Hund heruntergesprungen sei. Einer tat es und zerfiel sofort zu Staub. Herla und seine Männer sind seitdem immer auf Riesen und manch einer behauptet, er hätte sie noch oft gesehen.


Herla kann nicht keltisch sein. es ist kein entsprechender altenglischer Personenname überliefert, jedoch kann er vielleicht in dem frühmittelenglischen Familienname herel wiedererkannt werden. Dagegen ist der althochdeutsche männliche Personenname Herilo in verschiedenen Gegenden im neunten Jahrhundert belegt. Herla erscheint hauptsächlich als erster Bestandteil englischer Namen. Für das Jahr 744 ist ein Bischof Herlewald in Glastonbury bezeugt, ebenso ein Mönch namens Harlewine, der 1077 in Bath lebte, und andere; außerdem gibt es im althochdeutschen Männernamen wie Herlefried und Herlof, sowie die Frauennamen Herladrud und Harilpurc. Zahlreiche englische Ortsnamen sind mit diesem Bestandteil gebildet, und Personennamen, die mit Erla- beginnen, treten auch in England auf (312- 315).


Flasdieck leitet diese Namen von Haril(x) ab, das er mit dem ahd. Personennamen Harelunc, verschieden mit diesen korrespondierenden englischen Ortsnamen, der Harlungensaga und den Herelingas, den 'Leuten von Herel(a)', von Widsith 112 (317? in Verbindung bringt. "Wohl aber ist am ehesten an dem Namen Herelingas, wohl zuerst in Deutschland belegt als Harelungi in Ekkehard von Aura an der fränkischen Saale zugeschriebenen 'Weltchronik' kurz nach 1100 einen Hinweis zu finden." Diese Form stellt sich "zunächst als patronymischer Bildung zu Haril(x), kann also sowohl bedeuten 'Söhne des H.' wie auch 'Leute des H, Stamm der h', gewährt aber auf jeden Fall den Ausgangspunkt des Namens Haril(x) (3219."


Das I- Suffix kann an einen Diminutiv wie Wulfila denken lassen, aber Flasdieck gibt eine Fülle von Beispielen aus dem Altenglischen, die kaum als Verkleinerungsformen zu interpretieren sind, etwa "män- for- daedla 'Frevler' (Beowulf 563),zu daed 'Tat' und genipla 'Feind' zu nilth 'Streit'...".


Viele von ihnen, wie bytla 'Baumeister', von botl 'Haus', repräsentieren eine neuere Sorte von Nomona agentis. Flasdieck führt eine Liste altenglischer Namen mit diesem Suffix an und schließt: "Bemerkenswert ist, daß unter den Appelativen fast sämtliche Personen-bezeichnenden Nomina agentis zu einer engen Bedeutungsgruppe gehören. Man mag sich geneigt fühlen, dieses wortbildende Element als 'Suffix der umherschweifenden Berufe' zu betiteln. Xarilan- bedeutet also wohl 'Heerführer'" (322ff).


Xarilan- ist also ein Synonym für das oben behandelte Herjann und passt gut zu den anderen Odinsheiti, die mit Her- gebildet werden: Herödr, Herjafödr. Hertyr, Herteitr (67- 70). Flasdieck schlägt vor, daß das (nicht belegte) Xarilan- eine semantische Verengung erfuhr. "In mythologischer Sphäre wurde es zum Herführer, zum 'Führer des Totenheeres' und damit im gewissen Sinne ein Beiname Wodans" (323).


Urgermanisch xaril- wurde zu ae. herel-, welches dann im zehnen Jahrhundert synkopiert wurde und Maps Herla ergab (325). Allerdings gibt es bei Map auch das Wort Herlethingus, "das zweifellos Eigenname ist." Das Bodleian- Manuskript stammt aus dem dritten Viertel des vierzehnten Jahrhunderts, und es ist wahrscheinlich, daß ein ursprüngliches ch während der Übertragung in ein th verwandelt wurde, wie schon von Malone und anderen angenommen wurde (327).


Der zweite Teil des Namens 'Harlekin' wäre ae. cyng, cyning 'König', das uns zu Maps Herla rex zurückführt. Woden ist Herla cyng (vgl. Aedelbald cjng). "Entrundung des ae. y (y) fand in weiten Teilen des Sprachgebietes schon im Laufe des 10., 11. Jahrhunderts statt." Im Mittelenglischen wurde,- 'ng' am Schluss in manchen Gegegenden zu 'naudiz' nicht aber im Westen: daher schrieb Map, der im Westen lebte. chingus (327). Das Französische hatte keinen naudiz, oder nj entsprechenden Konsonanten. Bei der Übernahme des ae. *Herla King mußte es daher zu einer lautlichen Veränderung kommen, "wie sie durch die bekannte anglofranz. Schreibung -n für engl. -ng in fme. Hss. veranschaulicht wird: so hat die ältere Lagamonths nicht selten gerade kin für king" (328).


Zusammenfassend lässt sich sagen: "Die Basis des afrz. Herlakin ist also ein ae. Her(e)la cyng 'König Harilo', me. Herla king. Das Wort entstammt der anglofranz. Kultursphäre. Harlekin ist ein Beitrag des germanischen Spätenglands zum westeuropäischen Sprachsatz." (329).


Wir beginnen nun ein Merkmal zu erkennen, das die Scharen, die Odin/ Wodan führt, gemeinsam haben: Sie sind tot.

 

Auszug aus: Odin der einäugige Gott und die indogermanische Männerbünde; Kris Kershaw Kapitel 3