Das Auge im Brunnen


grandaevus altero orbus oculo


Odin hat ein Auge. Gewöhnlich trägt er einen breitkrempigen, tief ins Gesicht gezogenen Hut, seinen Sidhöttr, und einen weiten Reisemantel. Wenn er hier in Midgard weilt und mit den Menschenkindern Umgang pflegt, erscheint er oft als alter Mann mit langem grauen Bart; gewöhnlich ist er ein fremder alter Wanderer. Der "Graubart", der "Wanderer" sind nur die beliebtesten seiner Masken. Er ist ein Meister der der Verstellung, wie sein häufiger Beiname 'Grimr' besagt.1' Sicherlich hat er seine Freude an der Täuschung. Aber das fehlende Auge ist das gleichbleibende Merkmal, und oft geschieht es, dass man zum Schluss das Gesicht flüchtig unter dem Hut zu sehen bekommt und plötzlich weiß, mit wem man spricht. wenn er sich nicht verstellt, reitet er auf einem achtbeinigen Schimmel namens Sleipnir. Zwei Raben fliegen jeden Tag um die Welt, nehmen dann auf seinen Schultern Platz und erzählen ihm alles, was sie gesehen haben. Zwei Wölfe fressen von seinem Tisch. Auch wenn er sich niemals wirklich an Schlachten beteiligt, trägt er immer einen Speer. Unter den Seinen ist er freilich nicht der zerzauste alte Wanderer, sondern der König. Aber er ist immer noch einäugig: Das fehlende Auge ist kein Teil einer Verwandlung. Im Haraldskvaedi, einem der ältesten erhaltenen altnordischen Gedichte, 2' wird Ódinn folgendermaßen benannt:


hinnum eineygja / Friggjar fadmbyggva

(" der einäugige Wohner in Friggs Umarmung", d.. h. ihr Gemahl)


Odins Pfand


Die völva (Seherin) sagt zu Ódinn:


alt veit ec, Ódinn, hvar thú auga falt:

Í imom maera Mimis brunni

(Vsp. 28. 87 - 10)


(Alles weiß ich, Odin, auch wo du dein Auge verborgen hast:

in jenem berühmten Brunnen Mimirs.)


Anmerkungen:


Rrima: Maske


Die ältesten Strophen, zu denen dieser Vers gehört (de Vries 1964, 136f.) stammen aus der Zeit kurz nach der Schlacht von Hafrsfjord, die zwischen 885 und 900 datiert wird. Jones 1968, 89).


Sein Auge ist in Mimirs Brunnen. Snorri erzählt uns, wie es dazu kam (Gylf. 15).3'


"Unter jener wurzel aber, die zu den reifriesen hinüberligt, ist der Mimirbrunnen, in der Scharfsinn und Verstand verborgen sind. Mimir ist der Name seines Besitzers, und dieser ist voll Weisheit, weil er aus dem Brunnen trinkt mittels des Hornes Gjallarhorn. Hierhin kam eines Tages Allvater und verlangete einen Trunk aus dem Brunnen, bekam ihn aber erst, nachdem er sein Auge als Pfand hinterlegt hatte."


Das ist zwar sehr bündig gesagt, aber auch ein wenig merkwürdig. An anderen Stellen Vsp. 46; Gylf. 26, 519 ist Gjallarhorn das Horn Heimdalls, in welches er bläst, um die Götter zur letzten Schlacht zu versammeln. 4' Der Abschnitt aus der völuspa geht ausserdem mit den Worten weiter.


Drecer miöd Mimir morgin hverian

Af vedi valfödrs


(Vsp. 28, 811 -13)

(Mimir trink jeden Morgen Met aus Walvaters Pfand.9

Aus seinem Auge? Rätselhaft. Wir werden auf Mimir und seinen Brunnen noch zurückkommen.


Heiti Odins, die sich auf sein Augenlicht beziehen


Blindr


Viele Beinamen (Heiti) Odins charakterisieren ihn als blind oder schwachsichtig:

Blindr (11). Manchmal ist er einfach "der Blinde", ebenso:


Blindr inn bölvisi. Diese Odinsfigur ist Helgis Verräter in Helgakvida Hundingsbana II. Der Heiti bedeutet etwa "der blinde Böse" oder "der boshafte blinde Mann". Falk verweist auf Saxos Bolvisus luminbus captus. König Sigars schlimmen Ratgeber.

Blindr enn illi. König Haddings Berater in der Hrómundar saga, ein weiterer Verräter.


Gestumblindi (43). Seit Wesséns Aufsatz von 1924 ist die Umschreibung Gest inn blindi, "der blinde Gast", allgemein akzeptiert. Odin ist der Gast von König Heidrik, den er bei einem Rätselwettstreit mit einem unlösbaren Rätsel besiegt.

Tviblindi (141). "Der Zweifachblinde." Dieser Heite erscheint oft in den Thulur. Nach Falk bezeichnet er Odin als jemanden, der selbst blind ist (aber nicht wirklich, er ist nur einäugig oder schlecht- sehend) und andere "mit Blindheit schlägt", er steht auch mit Herblindi in Zusammenhang: Diese Interpretation wird von Simek (419) akzeptiert.


Gunnblindi (49). In den Thulur. Falk sagt "Eigentlich: derjenige, der in Schlachten blendet, siehe Herblindi."

Herblindi (65). Thulur. Nach falk könnte er derjenige sein, "der Heere mit Blindheit schlägt", ähnlich wie Gunniblindi. Simek stimmt dem zu (171). Ich bin mit dieser und der vorangehenden Interpretation nicht zufrieden, wi ich noch erläutern werde.


Bileygr (7). Es befindet sich ein Grm. 47, 4. und an weiteren Stellen und bedeutet "der Schwachsichtige". Falk verweist auf Fms. 2, 138, wo Odin dem König Olaf als alter Mann erscheint, der "von weiser Rede, einäugig und schwachsichtig" (d.h. svaksynt) ist, aber vergleicht dies mit Báleygr (6), dem nächsten Namen, mit dem sich Odin selbst dem Geirrodr vorstellt und der sich häufig auf sein flammendes Auge bezieht. "Somit war Odin als Mensch schwachsichtig und als Gott flammenäugig"


(Falk 1924, 4; Klingenberg 1972, 137).


Andere mögliche Heiti


Zu dieser Liste können wir Hárr (57) hinzufügen, das Falk in Odensheite als "der Graue", also der Grauhaarige und -bärtige, versteht, was sicher zu Odin passt, von de Vfries und Turville-Petre im Anschluss an Sijimons aber vom gotischen haihs 'einäugig' abgeleitet wird.


Falk 138 ist Svipdagr blindi, in Ynglinga Saga 34 der Pflegevater von Ingjald, dem Sohn des Schwedenkönigs Anund. als der Junge eine Schwäche zeigt, gibt Svipdag ihm ein Wolfsherz zu essen; "danach wurde Ingjald der Grimmigste und Aufbrausendste unter allen Männern" (nach Monsen 25). Als König vergrößert er sein Reich auf das Doppelte durch verräterische Taten. Simek erkennt Svipdagr blindi als einen 'Decknamen' Odins (378) an, ebenso wie de Vries u.a., und sicher wird das Adjektiv "blind" auf jemanden bezogen, der es offensichtlich nicht ist, genauso wie die rolle des Pflegevaters und übler Ratgeber auf Odin deutet,überdies benennt Snorri einen Svipdagr als einen Nachfahren Odins in der Vorrede zu seiner Edda, und nichts ist für seinen Sohn oder Enkel eines Gottes natürllicher als gleich einer Hypothese seines Ahnen zu erscheinen. Aber die Ynglinga Saga fährt fort zu berichte, daß dieser Svipdagr blindi und seine beiden Söhne späteren schlacht gefallen seien: Nun ist es aber nicht Odins Gewohnheit, in einer Schlacht getötet zu werden. Niemals betätigt er sich im Schlachtgetümmel, und er hat, wo wir in zweifelsfrei erkennen, keine menschlichen Kinder, die aufwachsen und getötet werden. Auch hält er sich nicht jahrelang irgendwo auf, er ist der Wanderer, der Gast und imer geheimnisvoll. Ich denke,daß es sich hier um eine Verwechslung handelt.


Heiblindi (eine Variante von 65) tritt in Grimnismál in vielen Manuskripten der Älteren Edda auf, wird aber, obwohl ein passender Beiname für Odin, allgemein als fehlerhafte Schreibweise von Herblindi angesehen.


"Blind" nicht der "Blender"


Wie oben angemerkt, möchte Falk Gunniblindi, Herblindi und möglicherweise auch Tvilblindi als "Blender", als jemanden, der andere blendet, verstehen und führt aus: "Nach dem sechsten Teil der Ynglingasaga konnte Odin seine Feinde blind, taub und in der Schlacht vom Schreck gelähmt machen; im Flateyarbók (11, 72) sclägt er seine Feinde mit Blindheit" (Falk 16). Dies ist sicher richtig, aber wir sind dennoch mit der Tatsache konfrontiert, daß Odin in anderen Heiti zweifellos blind genannt wird. Da seine Blindheit unabweisbar scheint, leuchtet mir nicht ein, was damit gewonnen ist, eine Formulierung mit dem Bestandteil blindi als "blind" und eine andere als "Blender" zu interpretieren.


Germanische Namen von der Art wie Gunnblindi haben ihre eigene mysteriöse Logik, es ist ein Fehler, sie irgendwo in grammatisch korrekte Ausdrücke zu übertragen: Odin wird mit Krieg assoziiert und er ist "blind". Es genügt, diese beiden nebeneinander stehen zu lassen. Diese Namen lassen sich nicht übersetzen.


Somit sind wir mit einem Geist konfrontiert, der "blind" genannt, niemals aber als blind dargestellt wird. Mit Bezug auf Nr. 11, Blindr, schreibt Falk: "Wenn Odin als 'blind' charakterisiert wird, ist dieser Terminus relativ zu verstehen (vgl. steinblindr 'stockblind'), also "schlecht sehend' (siehe bileygr). Die Bezeichnungen 'blind', 'schlecht sehend' und 'einäugig' gehen recht häufig ineinander über, z.B. bedeutete engl. purblind 'schwachsichtig' früher 'einäugig' und 'blind' (isl. porri =' einäugiger Mensch); got. haihs 'einäugig' = lat. = caecus 'blind'.


Aber Odin kann gar nicht so schlecht sehen. Im Gegenteil, er ist bemerkenswert scharfsichtig. Von Hlidskiálf aus hann er alle Welten kann er alle Welten überschauen. Er kann beispielsweise, laut der Einleitung zum Grimnismál sehen, wie Friggs Schützing in einer Höhle lebt, mit einer Riesin Bälger zeugend, während sein eigener Liebling ein großer König ist: Er kann sehen, wo sich Loki versteckte, nachdem er Balders Tod verschuldet hat. Ebenso wie Bileygr ist er auch Báleygr 'der Flammenäugige'. Aber er ist immer einäugig, und das Wortpaar Haihs - caecus zeigt, daß beide Begriffe tatsächlich in einen anderen übergehen können. Dass noch viel mehr mit ins Spiel kommt, ist Thema dieser Untersuchung, doch zunächst müssen wir einige andere Beschreibungen von Odin heranziehen.


Andere Beschreibungen für Odin/ Wotan

 

Snorri und Saxo


Wenn wir diejenigen Teile der Ynlinga Saga (2- 9) und der Gesta Danorum untersuchen, in denen Odin als mächtiger Herrscher oder gottgleich verehrter Magier dargestellt wird, dann bemerken wir nichts von einem fehlenden Auge. Snorri sagt von König Odin: "Als er bei seinen Freunden saß, war er so gerecht und edel von Angesicht, dass alle voller Freude waren, aber wenn er sein Heer begleitete, erschraken seine Feinde vor ihm" Yng. S. 6, S. 4). Auch als Snorri seine magischen Fähigkeiten, und die Wandlungen seiner Gestalt, bei den er zunächst noch genau wie der Gott aussieht, beschreibt, erwähnt er das verlorene Auge nicht. Ebenso wenig erwähnt Snorri dieses Kennzeichen in der Vorrede zu seiner Edda, in der Odin gleichfalls ein menschlicher König ist.


Saxo beschreibt weder seinen euhemeristisch aufgefassten Odin noch die ihm ähnliche Goldstatue, die seine Verehrer angefertigt haben, näher (1, 25), doch sein Bericht legt nirgends nahe, daß König Othinus in einer übernatürlichen Gestalt erscheint. Dies ist auffallend, weil sich das Merkmal immer zeigt, wenn Othinus in einer übernatürlichen Gestalt erscheint. Die Geschichte vom menschlichen Othinus unterbricht die des Haddingus und kommt direkt nach der Episode, in der Haddingus von einem betagten Mann gerettet wird, dem ein Auge fehlt (23- 24).


 Wodan, Woden et. al.


Es gibt keine authentisch heidnischen Schriften aus dem südgermanischen Raum, die die heidnische Religion behandeln. Kein griechischer oder lateinischer Autor erwähnt einen einäugigen Gott, auch kein christlicher Schriftsteller auf dem Kontinent oder in England. Adam von Bremen verrät uns in seiner Gesta Hammaburgensis Ecclesiae Pontificum (1070) nicht, ob der Statue des Wodan in Uppsala ein Auge fehlte oder nicht. Die frühen Germanen hatten anscheinend keine Tempel oder Götterbilder (ARG I, 271); solche Dinge sind Luxusgüter eines sesshaften Lebens. Sie mögen durchaus kleine Holzidiole besessen haben, die aber die Jahrhunderte nicht überdauerten. In England existieren ein paar Bilder von Wodan in Manuskripten - da er der Stammvater des angelsächsischen Königsgeschlechts war -, aber auf diesen Bildern hat er zwei Augen.(d' Ardenne 1962; J. Turville- Petre 1988).


Nun weiß ich zwar, dass ein Argument ex silentio nicht viel wert ist, aber in diesem speziellen Fall besagt es meines Erachtens doch etwas: Odins fehlendes Auge ist sein besonderes körperliches Merkmal. Es ist in Mythos und Poesie sicher bezeugt. Wenn dies auch für seine kontinentalen und angelsächsischen Entsprechungen gelten würde, könnte man kaum erwarten, dass es spurlos verschwunden wäre.


Zweifellos ist ein derart verstümmelter Gott seltsam genug, so dass wenigstens einer der klassischen Autoren von seinen Informanten davon gehört und darüber eine Bemerkung gemacht hätte. Erstaunlicher ist, dass sich kein Wort über dieses Kennzeichen bei Adam findet, zumal er eine kurze Beschreibung dieser in Schweden befindlichen Statue gibt.


Ikonographie


Es bleiben drei mögliche Quellen für sichere bildliche Darstellungen: die skandinavischen Stein- Meißelungen, die von etwa 1500 v. Chr. bis zum Beginn unserer Zeitrechnung zu datieren sind (Almgren xi), kleine Metallobjekte wie Brakteaten, Haken und Schnallen aus der Völkerwanderungszeit, Reliefs und Gravuren mythischer Themen auf Grabsteinen, Behältern und auch Kreuzen aus der Zeit nach Annahme des Christentums. Bei der ersten Gruppe kann auch dann, wenn wir sicher sein könnten, dass es sich um Schnitzereien von indogermanischen Völkern handelt, nicht erwartet werden, dass sie uns die gewünschten Details anzeigen. Es gibt allerdings Figuren, die wir zweifelsfrei als Götter ansehen können, weil sie um einiges größer und lebensechter dargestellt sind als die Figuren um sie herum (Almgren 137ff; ARG I, 122); sie besitzen Attribute, die unverhältnismäßig groß sind: Beispielsweise wird ein Gott mit einem enormen Speer gezeigt. Aber die Schnitzereien zeigen keine individuellen Gesichtszüge.


Was die Brakteaten und Ähnliches betrifft, so hat Karl Hauck viele Jahre mit deren Erforschung zugebracht und kann in seiner Untersuchung 'zur Ikonologie der Goldbrakteaten' (IK) sowie in weiteren Aufsätzen Wodan in ganzen Serien von Darstellungen nachweisen. Der Gott wird im Profil abgebildet und zeiht dem Betrachter abwechselnd beide Gesichtshälften. In den meisten Fällen hat er ein großes, klar erkennbares Auge, in anderen jedoch nicht, und Hauck behauptet von diesen, dass sie Odin mit einem fehlenden Auge zeigen. In der 'Ikonologie' bildet er zwei Darstellungen ab, die, wie einige andere, ein übergroßes Auge haben, welches Hauck mit Odin als Báleygr in Verbindung bringt, sie stammen aus Schweden, etwa aus der Zeit um 500 n. Chr. (Hauck 1993, 441-460).


Auch in späten mythischen Szenen, in denen Odin eindeutig erkennbar ist, als er auf Sleipnir reitet oder gegen den Wolf kämpft, ist er nur im Profil zu sehen.. In einer Kirchenruine in Hegge in Norwegen findet sich jedoch ein geschnitzter hölzerner Kopf, der zweifellos einäugig ist. Der Mund ist schief und streck die Zunge heraus. H.R. Ellis Davidson bemerkt dazu vorsichtig, es "könnte eine Darstellung des einäugigen Gottes Odin sein. Die herausgestreckte Zunge würde zu Odin als dem Gott der Gehenkten passen" (Davidson 1969, 29).


Schließlich gibt es auf einem Bronzeplättchen aus Torslunda, aus dem sechsten oder siebenten Jahrhundert eine Figur, von der wir sicher sein können, dass es sich um Odin handelt. Sie trägt einen gehörnten Helm, hat ein Schwert in einer Scheide, einen Speer in jeder Hand und tanzt. In all diesem unterscheidet sie sich nicht von vielen anderen auf ähnlichen Plakaten in Skandinavien und Sutton-Hoo gefundenen Waffentänzern. Die Platte - eine Pressform, mit der ein Muster z.B. auf einem Helm geprägt werden konnte - ist annähernd fünf einviertel mal sechs cm groß; auf dieser Schale könnte der Tänzer für jeden seiner Gebrüder gelten. Wenn das Bild aber um einige Male vergrößert wird, ist deutlich erkennbar, daß die rechte Augenhöhle leer ist!


Zur Linken des Tänzers ist ein anderer, er trägt ebenfalls ein Schwert und einen Speer, aber sein Kopf ist der eines Wolfes und er hat einen aus seinem dreiviertellangen Gewand heraushängenden Schwanz, der in der Gravur schräg schraffiert ist, das Haar andeutend; menschliche Hände, Unterschenkel und Füße zeigen, dass es sich um einen von Odins Wolfskriegern, einen ulfhedinn, handelt (siehe Kap.4). Diese Figur erlaubt uns in Verbindung mit dem fehlenden Auge der anderen, davon auszugehen, dass in der letzteren Odin dargestellt ist.


Die Bewegungsrichtung ist in dieser Szene von links nach rechts, Odin schreitet dem Wolfsmann voran, möglicherweise ist der einzelne Wolfsmann ein pars pro toto und das Ganze die Darstellung des Gottes, der seinen Kriegern in einem ekstatischen Tanz vorangeht (siehe 5 .5. 3 und 4). In Odins Erscheinungsform als Anführer von Kriegern - genauer gesagt: als Führer eines Heeres von ekstatischen Wolfskriegern - werden wir die Auflösung des Rätsels vom einäugigen Gott finden.


Es mutet ausgesprochen seltsam an, dass ein in Skandinavien um die Jahrtausendwende ein so wichtiges Merkmal nirgendwo sonst zu sehen ist. Da die heidnische Religion im nordgermanischen Raum sehr viel länger als anderswo gedieh besteht die Möglichkeit, dass Odins Einäugigkeit einfach nur ein spätes und nordeuropäisches Phänomen ist. Die Sage vom Auge im Brunnen erscheint ziemlich gekünstelt -und doch ist der Topos der Einäugigkeit mit Sicherheit sehr alt und gehört zur mündlichen Überlieferung. Der Mythos ist jedoch eine Begründung für etwas noch Älteres. Seit dem frühesten indoeuropäischen Altertum war dieser Gott der einäugige Gott.


Odin, der Wolfsgott


Der Schlüssel zum Mysterium von Odins Auge kann weder in Skandinavien allein noch irgendwo sonst im germanischen Raum gefunden werden: die germanischen Quellen sind zu späten Ursprungs und zu spärlich. Aber aus diesen Quellen haben wir genug von Odin erfahren, um zu wissen, dass er ein uralter Gott ist und analoge Erscheinungen bei allen indoeuropäischen Völkern besitzt; die gesuchten Auflösungen können wir in demjenigen mythischen und kultischen Zusammenhang finden, in dem dieser Gott im Zentrum steht.


Der Schlüssel zu dem Mysterium ist, wie ich glaube, in einem Ritual der Vratyas zu finden, der kultischen, kriegerischen Männerbünde des vorvedischen Indien: in einem rituellen 'Würfelspiel', durch das der Führer einer Gruppe jener ekstatischen Wolfsmänner gewählt wurde.

 

Anmerkung:


Hier wird der Leser vielleicht einwerfen, dass man diesen Gott nicht für die gesamte indoeuropäische Welt voraussetzen dürfe. Wodanaz war nicht einmal im ganzen germanischen, sondern nur im nordischen- (Odinn) und westgermanischen (Wotan, Wodan) Raum verbreitet; die Goten hatten keinen Gott dieses Namens. Das ist freilich richtig, bzw. wenn sie einen hatten, ist uns der Name nicht überliefert Aber ein häufiger Heiti Odins ist Gautr (35, mit der Variante Gauti 36), ein Name, der als Gapt (=Gaul 'Frings 148' bei Paulus Diaconus den mythischen Ahnen der Langobarden bezeichnet als Gausus im langobardischen Edictus Rothari als Geat in den Genealogien der angelsächsischen Könige auftritt. Er wäre der namensgebende Ahnherr der Goten, der Gote schlechthin. Ein anderer Odins ist Gautatýr (37), der "Gott der Goten". Aber Namen sind sowieso kurzlebig. Der indogermanische Wolfsgott hat so viele Namen wie es Stämme gegeben hat. Ähnlich wie Bhava, Sarva und viele andere Namen in vedischer Zeit zu solchen von Rudra wurden 811 .29, entwickelten sich diese Wolfsgötter während der Periode nordwestgermanischer Einheit in mancherlei Hinsicht alle zu *Wodanaz, wrend sich ihre anderen Namen zu Beinamen zusammenfügten oder möglicherweise, wie im Fall von Rudra manchmal auch "Söhne" bezeichneten. Wenn ich über Odin/Wotan schreibe, benütze ich dessen Namen als Gesamtnamen für alle germanischen Wolfsgötter, die zu Wodanaz wurden.


Ein Überblick über das Buch


Wir beginnen (Teil 1) mit Odin als dem Führer eines Herr, eines Heeres oder einer Schar, und stellen Germanien in den Mittelpunkt, nehmen aber auch Analogien zu kriegerischen Gruppen und ihren Führern an anderen Orten des indoeuropäischen Kulturkreises in den Blick. Kapitel 2 untersucht Odins berühmtestes Heer, seine Einherjar. Kapitel 3 behandelt ihn als Führer der Wilden Jagd oder des wütenden Heeres - als Reitergott auf einem dämonischen Pferd, sowie als Grimr, Maskengott - und schildet die Verbindung der Masken mit den Toten. Kapitel 4 erläutert dämonische Krieger wie Odins Berserker oder das 'Totenheer', welches Tacitus beschreibt. Kapitel 5 geht von seinem Namen aus: proto- germanisch Wodanaz, der die Personifikation der Raserei und den Führer der Wahnsinnigen bezeichnet: gemeint ist der Wahnsinn des Dichters und Sehers ebenso wie des ekstatischen Kriegers in kultischer Einheit mit seinen toten Ahnen.


Der indogermanische Männerbund ist das Thema von Teil II. Das sechste Kapitel behandelt die Opposition von Dorf und Wald, welche den Gegensatz von Stamm und Männerbund umfasst; Kapitel 7 untersucht die im ersten Teil erkannten Charakteristika anhand der Männerbünde verschiedener indogermanischer Völker, und Kapitel 8 nimmt das große Symbol des Männerbundes in den Blick: canis, den Hund oder Wolf. Kapitel 9 liefert eine Übersicht der männerbündischen Götter "genauer gesagt": der Wolfsgötter, die dem Odin entsprechen.


Teil III. ist den Vrätyas gewidmet, den Männerbünden des alten Indien. Kapitel 10 beschreibt, wie sie in antiken Texten gesehen wurden; 11 bezieht sich auf Rudra, den Vrätya- Gott, Odins nächsten Verwandten. In Kapitel 12 geht es um die Wahl des Vrätya- Führers, das rituelle Auswahlspiel, bei dem der Tod als Rudra in Gestalt von Kali, dem Hund, in den Anführer fährt und dieser sich dadurch selbst in Rudra verwandelt. In diesem Ritual liegt der Schlüssel zu Odins einem Auge. Kapitel 13 resümiert den wiederkehrenden Zusammenhang von Wörtern von Blindheit/ Einäugigkeit, Dunkelheit, Unsichtbarkeit, Tod und Hund. Schließlich fasst Kapitel 14 alles zusammen und bietet einige Erklärungsvorschläge, die dden Mythos vom Auge im Brunnen aufhellen sollen. Zwischen Snorris Island und dem Indien der Vrätyas liegt eine Zeitspanne von rund 3000 Jahren und eine Entfernung von 7000 km. Ich hoffe, daß meine Untersuchung diese Kluft überbrückt.


Herjann


Herjan(n) ist ein Beiname Odins, der häufig in der Dichtung anzutreffen ist. auf Gylfs Frage: "Wer ist der Höchste oder Älteste aller Götter?" antwortet Hár, daß dieser Gott zwölf Namen habe, deren zweiter Herran oder Herjan laute. Gewöhnlich wird dies mit 'Herrscher' übersetzt werden, jedoch verfehlt eine solche Übertragung die eigentliche Bedeutung.


Herjan geht auf germ.*harjanaz und letztlich auf indogerm.*koryo-no-s zurück. d.h. es gehört zu einer Gruppe von Nomina mit dem Suffix -no-; 'X-nos' kann meist befriedigend mit 'Herrscher der X' übersetzt werden. Daher leitet sich das gotische Wort für 'König', thiudans, von *teuto-nos. dem Häuptling der *teutä, der Stammes- oder Volksgemeinschaft, her.


Manchmal ist 'Häuptling' aber nicht die passende Übersetzung. Während lat. Portunas durchaus der Herr der Häfen und got. thiudans der des Volkes ist, ist es schwierig den Namen von Neptunus in derselben Weise zu interpretieren. Die Verbindung von Neptunus mit dem Element des Wassers, kann nicht als solche in den sozialen Bereich übertragen werden. In Wirklichkeit haben wir hier eine Inkarnation und nicht die Ausübung einer Autorität. Neptunus personifiziert das flüssige Element, er repräsentiert es" (Benveniste 1973, 247). Dieser wichtige Aspekt ist bei der Frage nach Odins Beziehung zu dem Herr, das er anführt zu berücksichtigen.


Wenn Odin nun Anführer und Personifikation des Herr ist, müssen wir zunächst hinsichtlich seines Herr feststellen, dass ihm das neuhochdeutsche 'Heer' nicht entspricht, dieses lässt an einen hochorganisierten und disziplinierten exercitus oder eine 'Wehrmacht' denken, was etwas völlig anderes ist. Im folgenden Abschnitt werden wir Odin als Führer von einigen verschiedenen 'Heeren' oder 'Scharen' betrachten, wobei wir mit dem beginnen, für dessen Führung er am meisten bekannt ist.


Auszug aus: Odin der einäugige Gott und die indogermanische Männerbünde; Kris Kershaw, Kapitel 1