Die Einherier


Snorris Beschreibung der Einherier


Gangleri fragt.


"Du sagst, alle, die seit Urbeginn der Welt in der Schlacht gefallen sind, seien jetzt bei Odin in Walhall. was kann er ihnen als Nahrung geben? Ich sollte meinen, dass es dort sehr voll ist!"


"Hoch antwortete: 'Du hast recht, es ist sehr voll dort, und es wird sogar noch sehr viel voller und doch scheint die Mannschaft zu klein zu sein, wenn der Wolf kommt.' "Hoch spricht sodann über den Eber Saehrimnir, der "täglich von neuem gesotten" wird, und "abends wieder heil" ist, und benennt den Koch und den Kessel. Für den Trunk sorgt eine "Ziege namens Heidrun". Sie "steht auf dem Dach von Walhall und beißt die jungen Sprossen von den Zweigen des hochberühmten Baumes Laerad, und aus ihren Eutern rinnt Met, jeden Tag ein Schöpfeimer voll; das ist so viel, dass alle Einherier davon trunken werden." Es folgen eine Beschreibung des Hirsches, der ebenfalls auf dem Dach steht, und eine Aufzählung der vielen Flüsse, die aus dem Wasser fließen, welches von seinem Geweih tröpfelt.

Gangleri findet das alles sehr erstaunlich und erkundigt sich nach der Größe von Walhall. Der Hohe rechnet ihm vor (Grimnismál 23).


Fimm hundrað dura

Ok of fjórum togurm

svá hygg ek á Valhöllu vera

Átta hundruð einherja

Ganga senn ór einum durum

thá er their fara með vidni at vega


(Fünfhundert und vierzig weitere Türen zähle ich dort in Walhall. Achthundert Einherier auf einmal werden durch jede Tür, wenn sie zum Kampf gegen den Wolf ausziehen.)


Walhall kann also mindestens 432.000 Krieger beherbergen, und Gangleri ist neugierig, wie sie ihre Zeit verbringen, wenn sie nicht trinken. Diesmal zitiert ihn der Hohe (Vafðrudnismál 41.)


Allir einherjar

Ódins túnum i

Högvask hverjan dag

Val their kjósa

Ok riða vigi frá

Sitja meir um sáttir saman.


(Alle Einherier in Odins Burg kämpfen jeden Tag gegeneinander. Sie töten sich gegenseitig und reiten zurück von der Schlacht; doch dann sitzen sie wieder versöhnt beisammen.)


Sämtliche Erklärungen, die Hoch vom Gangleri gab, stammen aus dem Grimnismál, außer der einen Strophe aus dem Vafðrudnismál. Snorri, der oft mehr weiß als die poetischen Quellen, die er anführt, hat diesmal nicht mehr anzubieten als das, was auch uns verfügbar ist.


Seltsamerweise verrät die Völuspá gar nichts darüber, wie die Einherier aus ihren vielen Türen hinaus zur letzten Schlacht gelangen. der Hahn weckt sie.


Gól um ásum Gullinskambi, Sá veer hölða at Heriaföðrs


(Bei den Asen kräht Gullinkambi, um die Helden beim Heervater zu wecken.)


immerhin scheint die Annahme gesichert, dass dies Helden bei Walvater die Einherier sind, aber es wird nichts über ihren Auszug und ihre Taten im Kampf gesagt. Unbezweifelbar ist, daß sie dort sind; jedoch gehört es zum Wesen heroischer Dichtung, die Kämpfe von individuellen Helden so zu beschreiben, als ob Krieg eine Abfolge von Zweikämpfen sei und das Heer als ganzes nicht existieren würde.


Der Stoff des Grimnismál scheint grundsätzlich bearbeitet zu sein. Einiges ist sicher sehr alt, aber an vielen Stellen wurde der Rhythmus des Gedichts unterbrochen und lange Namenlisten ergänzt, als ob ein Redakteur entschieden hätte, dass dort ein geeigneter Platz wäre, um verstreute Splitter einer Lehre unterzubringen. Auf jeden Fall alt ist die Vorstellung von den Einheriern als Beschützern der Menschen vor dem Wolf. Der Männerbund, dessen mythisches Paradigma die Einherier darstellen, wurde stets als Schutz gegen die Kräfte der Auflösung gesehen, wie weiter unten erläutert wird. Einzigartig und für die germanische oder möglicherweise für die nordische Tradition charakteristisch ist jedoch, dass diese Funktionen in die Zukunft übertragen und ist Eschatologische gewendet wurde. Tatsächlich geht die Schlacht um die Aufrechterhaltung der kosmischen Ordnung weiter, und in Analogie zu Thor als individuellem Kämpfer gegen die Ungetüme gibt es die Einherier, die bereit stehen, um gegen die Mächte des Wolfes zu kämpfen (Siehe Groönbech 1932., I 239ff.).


Wie wir im weiteren Verlauf dieser Untersuchung sehen werden, ist der Einherier den Snorri beschrieben hat, eine gelehrte und literarische Weiterentwicklung von etwas, dessen Wurzeln sehr tief in die Vergangenheit zurückreicht, gleichermaßen im Mythos wie in der Realität. Im Augenblick genügt die Feststellung, dass es mindestens bis ins zehnte Jahrhundert nicht nur literarischer Mythos, sondern lebendiger Glaube war, ein toter Krieger könne erwarten, nach Walhall zu gelangen.

Wir wissen dies von den Preisliedern auf die toten Helden Erich Blutaxt und sein Nemesis, Hakon den Guten. Dieser Glaube begründet den Mythos, der erklärt warum immer seine eigenen Lieblinge verriet.


Das Wort einherier


De Einherier sind "die toten Helden in Walhalla", das Wort wird gewöhnlich im Sinne von "die 'einzigen' oder die großen Helden" (C-V 121) verstanden. Der Singular einheri ist nur einmal belegt, nämlich in Lokasenna 60, 4, wo Loki ihn spöttisch für Thor benützt.


sizt i hansca thumlungi hunucthir thú, einheri

oc thottisca thú thá ttórr vera.


(Als du dich ducktest und im Daumen des Handschuhs verkrochst, du gewaltiger Held, da ließest du nicht wissen, daß du Thor seist!


Wir wollen den zweiten Teil des Wortes zuerst behandeln: -heri-ist ein Substantiv mit dem Stamm -jan-, das eine Person bezeichnet, die zum Herr gehört. Diese Substantive, die bereits in der Zeit unserer schriftlichen Quellen selten geworden waren, werden allgemein (ziemlich frei) als Nomina agentia bezeichnet. Das Simplex heri gibt es im Singular weder im Altisländischen noch in irgendeiner anderen germanischen Sprache, aber der Plural steht wahrscheinlich hinter dem Namen Harii bei Tacitus, auf den wir noch zurückkommen werden. Einheri einherier ist also ein Fossil; der im Altisländischen gebräuchliche Männername Einarr geht darauf zuück, ebenso einarðr 'kühn' und einörð'Tapferkeit' (C -V 121, siehe einheriar). Der Personenname Einheri, ist im Althochdeutschen bezeugt (AEWB).


Ich werde in Kürze zu den Einheriern zurückkehren, aber zunächst ist das herr selbst zu untersuchen.


Herr und Herjann


Das in diesen Kontext gehörende Verb altnordisch. herja, ae. hergjan, herigan, ahd. herron, herion, meint einen räuberischen Überfall verüben, zerstören, verwüsten, plündern, rauben, verheeren'. NE: harry und harrow gehen auf dieses Wort zurück. Wenn herja usw. also das Tun eines solchen Herr bezeichnet, dann sehen wir, um welche Art von Heer es sich handelt. Und tatsächlich ist im Altenglischen das Nomen here "dasjenige Wort, welches in den Chroniken immer für die dänische Streitmacht in England verwendet wird, während die englischen Truppen stets die fryrd sind, das Wort bezieht sich also immer auf Verwüstung und Räuberei" (Bosworth- Toller).


Der Ausdruck, der im Englischen außer Gebrauch geriet und im Deutschen zu dem Wort 'Heer' wurde, bezeichnet also eine räuberische Schar und Rotte.

Dies gemahnt uns daran, was 'Krieg' in indoeuropäischer Zeit und in der Frühgeschichte aller indogermanischen Völker bedeutete: Krieg war Raubzug, Viehdiebstahl und Entführung von Frauen. Selbst der Trojanische Krieg war ein großangelegter Beutezug fernab der Heimat (Kirk 1968; Walcott 1979). Zu den am meisten realistischen Partien des Illias gehören jene, in denen Achilles mit seinen Überfällen zu Lande und zu Wasser auf Trojas Nachbarn im Verlaufe der eintönigen Belagerungsjahre prahlt, oder Nestors Erinnerungen an seine Jugend als Hirte, während wir in der Odyssee den Bericht des Helden von dem kretischen Seeräuber haben, einem fiktionalen Charakter, dessen Verhalten sehr an das des Odysseus selbst bei der Belagerung Trojas erinnert.


"Thukydides lag nicht falsch", schreibt Walcott, "wenn er die griechische Frühzeit als eine Zeit von Piraten beschrieb und darüberhinaus hinzufügte, dass Gewalt damals keine Schande für den Täter nach sich zog, sondern vielmehr ein hohes Ansehen begründete" (330). Odysseus hat sicher keinesfalls eine Bestrafung seiner Piraterie erwartet, und Achilles' Raubzüge, die ihm Frauen und Beute brachten, waren etwas, wofür er sich brüstete.


Im alten Indien "spricht die Wichtigkeit, Vieh zu erringen aus eine häufig gebrauchten Wort für 'Schlacht', nämlich Skt. gávisti-, welches buchstäblich den 'Wunsch nach Vieh' bezeichnet sowie aus dem Wort für einen erfolgreichen Fürsten oder Kriegsherrn, gopá- 'Herr der Rinder'" (Lincoln 1981, 101). Und - so sagt Lincoln trotz der Neigung vieler Interpreten 'Rinder' spirituell aufzufassen - Kühe sind Kühe. Das iranische Zeugnis belegt dies. "Wenn der Gott Vereorayna Beute gewährt, dann gewährt er Rinder (...), das entspricht der Realität des indo- iranischen Kriegers, dessen Hauptstreben auf den Viehdiebstahl abzielte" (Lincoln 1981, 102). Wie Kirk und Walcott bei ihren Betrachtungen des Trojanischen Krieges beide herausstellten, war das materielle yepác für den Krieger genauso wichtig wie triun: tatsächlich war es von ihm untrennbar, Lincoln zitiert Keith: "Die Betonung, die die (vedischen) Dichter auf den Besitz von Kühen legen, ist beinahe pathetisch.


Kehren wir zu unseren nordischen Seeräubern zurück, so finden wir dieselbe Sorte von Raubzügen und dieselbe Mentalität; wir müssen nur Vieh durch Gold ersetzen. Während die Germanen zu Tacitus' Zeiten noch Wohlstand in Vieh-Einheiten maßen (Germania 5), ist der erfolgreiche Wikinger, angelsächsische Prinz oder Feldherr und ein goldgiefa, beag- gifa (ae), oder ein hringdrifi (ais): ein Ringspender oder goldwine (ae., wörtlich 'Goldfreund'); sein Saal heißt hringsela, beag-seale, goldsele (ae., wörtlich Ring- oder Goldsaal), es handelt sich also um einen Saal, in dem goldene Ringe ausgeteilt werden. Der nordische oder angelsächsische Krieger ruft seine Gefährten um ihren Herrn zusammen, indem er sie an all das Gold erinnert, das sie von ihm erhalten haben. Wir sind von pecus zu pecunia, von Vieh zu Geld als Reichtum und Zeichen von Ehre und Besitz fortgeschritten, aber sonst ist ein Kriegszug im heroischen Zeitalter Germaniens dasselbe wie in den Heldenzeiten Griechenlands und Italiens. Diese herjar waren an ihre Herren oder Häuptlinge mit so starken Bandenpersönlicher Gefolgschaft geknüpft, daß es für einen Mann eine Schande war, seine Führer zu überleben und eine Ehre bedeutete, mit ihm zu sterben, umso mehr, zumindest in der Dichtung, wenn die Schlacht von Anfang an verloren war: man denke nur an das altenglische Malden oder an das Ende der Hrólsfs saga Kraka, als Hjálti in einer aufrüttelnden Rede Hrólfs Männer dazu drängt, wie ein lebender Schild um diesen freigiebigsten aller Könige zu kämpfen und zu sterben. Ihre Hingabe an den Herrn ist leichter zu verstehen, wenn wir ihn, wie Benveniste, nicht nur als Führer einer Truppe, sondern vielmehr als deren Verkörperung ansehen: den thiudans nicht nur als König, sondern als Verkörperung seines Volkes, den kindins als Personlfikation seiner Sippe, den dróttin als diejenige des drótt. Und so besteht die Antwort auf die Frage, ob Odin 'ursprünglich' ein Kriegsgott gewesen ist, darin, dass er ursprünglich mythischer Führer und Verkörperung eines Herr gewesen ist - das ist die Art von Kriegsgott, die er war.


Der PIE koryonos


Der PIE *koryo-no-s ist im homerischen Griechisch als kopavoc, was Titel und Personennamen bezeichnen konnte, bezeugt. Die Existenz eines koryonos setzt einen koryos voraus: die vom koryonos angeführt, repräsentierte und verkörperte Schar. Das ist genau das, was unter dem gotischen harjis, dem althochdeutschen und altsächsischen heri, dem altenglischen here und dem altisländischen herr zu verstehen ist. Das got. harjis war der Kriegsverband eines Stammes. Wenn die Goten z.B. mit den Römern aufs Äußerste kämpften, erscheint die Anzahl Dreitausend fast wie eine Vorschrift (H. Wolfram 1987, 97)


Der koryos ist eine wesentlich kleinere Einheit. Beispielsweise stellten 42 Männer nach bayerischem Recht ein heri dar, nach angelsächsischem fünfunddreißig, nach dänischem fünf und nach langobardischem Gesetz vier. (Schlesinger 1952, 109). Das sind sicher keine Stammesheere, sondern kleine Banden.


Raubzüge waren das Hauptgeschäft der Jünglinge, die als äußerst mobile Guerilla- Einheiten dienten und dabei Härte, Selbstkontrolle, heimliches Auftreten, strategisches Geschick und andere Vorzüge des Kriegers trainierten (was das Thema des zweiten Teils dieses Buches sein wird). der koryos war der Zusammenschluss dieser Kriegernovizen (Mc Cone 1987, passim). Es handelt sich dabei um eine kultisch- kriegerische Bruderschaft, d.h. ein solcher Jugendverband war ebenso religiös, wie militärisch ausgerichtet, und die Bande, die ihn zusammenhielten, waren so stark wie Blut. Der üblicherweise für diesen kultischen Zusammenschluss verwendete Name ist 'Männerbünd'; und das ist auch der Terminus, den wir benützen. Dies ist das herr, dessen Wiederspiegelung oder Verkörperung Ódinn, Herjann darstellt und dessen mythisches Paradigma seine Einheriar sind.


Thor Einheri und der Einherier


De Vries - und im Anschluss an ihn Simek - nennt Thor Einheri 'der Allein-Kämpfende'; und sicher ist er das, nicht aber sind das die Einherier, sie werden als herr kämpfen. Das isländisch- englische Wörterbuch von Cleasby und Vigfusson (C-V) weist für Einheri den Eintrag thou great champion 'du großer Held' auf, und für die einherier die Erklärung the 'only' or great champions, also, die einzigartigen oder großen Helden'. Von denjenigen, die diese Übersetzung vorziehen wird only im Sinne von 'auserwählt' verstanden; die Einherier sind die von Odin auserwählten. Man verweist auf die Walküren, die den Gefallenen erwählen und nach Walhall geleiten. Aber val kjósa bedeutet nicht, die jenen Erschlagenen aufzusuchen, die nach Walhall gelangen, sondern es meint etwas Unheilvolleres.


Ich habe einen anderen Vorschlag für Einheri: Im Sanskrit gibt es gewisse Wörter, die mit dem Bestandteil eka- 'eins' gebildet sind, wobei das eka- X das X schlechthin darstellt. Bei den räjanya ist der eigentliche König ekäraj. Aus der Schar der Vrätyas, einem indischen Männerbund, der uns im dritten Teil beschäftigen wird,erhebt sich der ekarvätya zur Idealgestalt aller Vrätyas: er wird zum Gott, zum mahädeva ('großer Gott') = Rudra, der Vrätya- Gott). Ebenso ist Rudra selbst der ekadeva.


Die erste Silbe von e-ka ist das ai-des germ. aina- 'eins', vgl. got. ains, ae. án, engl. (vgl. only), nhd. ein und daher ais. ein in einheriar.

Ich möchte vorschlagen, dass es sich dabei um einen alten PIE- Begriff handelt, der in die Dichtung des germanischen Sprachraums eingegangen ist. Thor ist demnach der Krieger schlechthin, der Inbegriff des Kriegers, seine Idealgestalt.

Zweifellos ist er das! Und genauso ist es bei den Einheriern. Sie sind der Inbegriff des herr, des koryos

 

Auszug aus: Odin der einäugige Gott und die indogermanische Männerbünde; Kris Kershaw, Kapitel 2