Harii


Tacitus schreibt über die Haril in der Germania (431)


Ceterum Harii super vires, quibus enumeralos paulos ante populos anteccedunt, truces institae feritati arteac tempore lenocintantur: nigra scuta, tineta corpora; atras ad proelia noctes legunt ipasque formidine alque umbra feralis exercitus terrorem inferunt, nullo hostium sustinente novum ac velut infernum aspectum: nam primi in omnibus proeliis occuli vincuntur.


Tacitus' Informationsquellen sahen in Harii einen Stamm. Wesentlich wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Stoßtruppen, das her der Lugier gewesen sind- Ihr Name macht das deutlich: Sie sind die Männer des her (Kap- 2). Die letzte Zeile besagt, dass Tacitus oder seine Quelle die schwarze Farbe ihrer Körper und Waffen und ihre nächtlichen Angriffe für Täuschungsmanöver, für eine Art psychologischer Kriegsführung, hielt. Tatsächlich können wir aber aus dem, was wir im vorangegangenen Teil diskutiert haben, schließen, daß diese Krieger die Toten sind.


Einem Römer erschienen sie sicher schreckenerregend, und die Annahme, daß der Zweck dieser Maskerade darin lag, Terror zu verbreiten, wird wohl naheliegend gewesen sein: aber die Praktik war nicht als gelegentliche List, sondern als Brauch dargestellt. Abgesehen davon kann man wohl kaum hoffen, einen Feind mehr als ein- oder zweimal mit einem solchen Trick zu schrecken. Nein, die Harier glaubten, wie unsere sonnenwendlichen Maskenträger, daß sie die Ahnen seien:. eine Armee der Unsterblichen, die toten Heden ihres Stammes.


Die Wirkung war nicht in erster Linie an den Feind adressiert, der, wenn er Germane oder Kelte war, sicher dieselbe Art von Kriegern in seinem eigenen Stamm hatte, sondern eher an die Kämpfenden selbst. Die Toten können nicht getötet werden; weder Feuer noch Schwert kann ihnen etwas anhaben, wie Snorri über Odins Berserker sagt.


Tacitus hat uns eine sehr wertvolle frühe Beschreibung von kultisch- ekstatischen Kämpfern hinterlassen. Die meisten Gelehrten scheinen anzunehmen, daß die Harii reife, ausgebildete Krieger, wie die in Germania 31 beschriebenen Chatten, gewesen seien, doch ich halte es mindestens für wahrscheinlich, dass sie der koryos der Lugier waren. Diese jugendlichen Krieger waren normalerweise die Guerillakämpfer. Aber eine kurze Passage liefert nicht genügend Informationen, um eine Argumentation in die eine oder andere Richtung zu erlauben. Über die Chatten sind wir besser informiert.


Chatti


Dieser Stamm erweckt bei Tacitus ein hohes Maß an Bewunderung. Sie sind ziemlich klug für germanische Verhältnisse und militärisch besser organisiert und disziplinierter als die meisten anderen Germanen. Sie verlassen sich auf ihre Infanterie und führen größere militärische Unternehmungen und nicht nur die schnellen Raubzüge anderer Stämme durch (Germania 30). Es ist bei ihnen Sitte, daß sich ein Jüngling, der in das Mannesalter eintritt, Bart und Haare wachsen lässt, bis er einen Feid getötet hat - super, sanguinem et spolia revelant frontem, über Blut und Beute "entblößen sie das Gesicht". Die Feigen und Unkriegerischen bleiben verwahrlost. Die Tapfersten trugen auch einen eisernen Ring, bis sie 'ihren Mann' getötet haben.


Diese Mode gefiel vielen Chatten, so daß sie auch von Graubärten gepflegt wurde. Solche Männer standen in jeder Schlacht in vorderster Front:


Omnium penes hos initia pugnarum, haec prima semper acies, visu nova; nam ne in pace quidem vultu mitiore mansuescunt.Nulli domus aut ager aut aliqua cura: prout ad quemque venere, aluntur - prodigi alieni, contemptores sui - donec exsanguis, senectus tam durae virtuti imparec faciat (31).


Diejenigen Krieger, die auf Kosten der Bevölkerung leben, eine niemals nachlassende Wildheit zeigen und in ihrer Rüstung sterben, sind lebenslang geweihte Krieger. Sie verbleiben in jenem geweihten Zustand, der für die meisten Männer einem Teil des adoleszenten Übergangsrituals darstellt.


Weihekrieger


Jeder, der mit der Wikinger- Literatur vertraut ist, wird bemerken, wie genau Tacitus' Beschreibung zu den Berserkern und mehr noch zu Starkaðr passt. Obgleich weder von ihm noch von anderen gesagt wird. dass sie lange unordentliche Haare und Bärte haben, sind auch sie von ungemütlicher und wilder Erscheinung. In den Sagas sind die Berserker Tyrannen von oft unwahrscheinlicher Körperkraft, dabei mehr Angeber als Helden; sozial werden sie als Parasiten und Abschaum dargestellt. Aber es gibt auch Zeichen für eine andere Sichtweis. Haraldr Lufas Berserkergruppe spielte, nach dem Gedicht von Torbjörn Hornklofi, eine wichtige Rolle in der Schlacht von Hafursfjord, und wenn jemand in dieser Sage als "großer Berserker" bezeichnet wird, ist das mit Bewunderung gesagt: er ist wertvoll für den König und schwer zu töten. Hier sehen wir Berserker so in Erscheinung treten, wie es ihrer tatsächlichen Rolle als Elitetruppe des Königs entsprochen haben muss, (Torbjörns Worte (18).


grenjuíðr berserkir guíðr vas á sinnum,

emjuíðu Ulfheíðnar ok isörn duíðu


(Es kreischten die Berserker - dies war ihre Schlacht

die Wolfshäute schrien und schüttelten ihre Waffen).


zeigen uns die ekstatischen, wie Bären und Wölfe heulenden Kämpfer und gemahnen an Snorris berühmte Beschreibung in der Ynglinga- Saga 6: "(Odins) Manen liefen ohne Panzer herum, rasten wie Hunde und Wölfe, bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären und Bullen: sie erschlugen Männer doch weder Feuer noch Stahl konnte ihnen etwas anhaben. Dies nannte man einen "Bersekergang" (nach Monsen 5).


Wenn wir nun auf Starkaðr blicken, erkennen wir zwei Weisen, wie man gleichsam auf Kriegsfuß stehen konnte: einerseits als Krieger- Dichter des Königs, andererseits als Verschlinger rohen Fleisches und übelster Königsmörder. Die in der Gautreks Saga erzählte Geschichte vom Streit der Götter über Starkads Schicksal schildert sowohl Odins Helden als auch wie dieser den Bauern erschien, die ihn zu versorgen hatten. Zwar wird nichts über sein Haar und Bart gesagt, doch ist er von Kampfesnarben entstellt und sieht so hässlich und furchterregend aus, daß er sich in einem der ihm zugeschriebenen Gedichte beklagte, die Menschen würden ihn für einen Riesen halten.


Der Dialog ist einen Blick wert: Thor bestimmt, daß Starkad "weder Sohn noch Tochter haben und seine Familie mit ihm enden soll" (155). Das ist in Tat das Schicksal des lebenslangen Weihekriegers. Odin gibt ihm daraufhin drei Lebensspannen und Thor legt fest. "Er soll in jeder davon eine besonders üble Tat begehen". Das hat Starkad zweifellos auch getan, aber das Verüben bösester Taten entsprach dem, wofür Berserker und Ihresgleichen bekannt waren. Als nächstes befiehlt Odin, "daß er die besten Waffen und Gewänder haben soll.


Thor: Ich ordne an, daß er weder Land noch Hof haben soll."

Odin: Ich gebe ihm dafür großen Reichtum

Thor: Ich verfluche ihn, daß er niemals mit dem, was er besitzt, zufrieden sein soll."

Odin" Ich schenke ihm die Dichtkunst, damit er so schnell Verse machen wie er sprechen kann."

Thor: Er soll sich hinterher niemals an das erinnern können, was er gedichtet hat."

Odin: Ich bestimme, daß die Edelsten und Besten ihn bewundern werden."

Thor: Jeder aus dem gemeinen Volk soll ihn hassen."

 

Auszug aus: Odin der einäugige Gott und die indogermanische Männerbünde; K. Kershaw Kapitel 4, Feralis exercitus