In vielen altnordischen Sagas gibt es Beschreibungen und Belege über Menschenopfer im skandinavischen Heidentum.

 

Die Gautreks saga

 

Die Gautreks saga ist eine vermutlich im 13. Jahrhundert entstandene Fornaldarsaga, die es heute in zwei Fassungen gibt. Die längere ist in drei Teile gegliedert, die nur lose miteinander verbunden sind. Der erste Teil handelt von König Gauti aus Westgautland, der sich eines Tages auf einer seiner Jagden verirrt und sich plötzlich auf dem Hof einer im Wald lebenden Familie wiederfindet. Die Mitglieder dieser Familie opfern sich regelmäßig selbst an Odin für das Wohl der Familie. Gauti schläft mit einer der Töchter, die daraufhin den gemeinsamen Sohn Gautrek gebärt. Der zweite Teil erzählt die Geschichte von Starkaðr, der zunächst von Odin aufgezogen wird und später mit seinem Ziehbruder Víkarr auf Wikingerfahrten geht. Als König Víkarr von Starkaðr an Odin geopfert werden soll, ergibt es sich, dass sein weiteres Schicksal von den Göttern Odin und Thor vorbestimmt wird, wobei Odin ihm positive Dinge zugesteht, die von Thor durch Flüche aufgewogen werden. Der dritte Teil berichtet von Refr, einem Bauernsohn, der durch das Überbringen von Geschenken und die klugen Ratschläge Jarl Neris zu einem hoch geachteten Mann wird und schließlich die Tochter König Gautreks heiratet.

 

In der Gautreks saga gibt es zwei Fälle, die als Menschenopfer gedeutet werden können.

 

Zu Beginn der Saga, nachdem der König auf dem Hof im Wald angekommen ist, beschreibt Snotra, eine der Töchter der Familie, die Selbstopferungen ihrer Familie. Sie erzählt Gauti von dem Familienfelsen, von dem sich ältere Verwandte stürzen, um die Familie klein zu halten und niemandem aufgrund von Krankheit, Vermögensverlust, Lebensmittelmangel oder anderen Krisensituationen zur Last zu fallen. Die Familienmitglieder fahren direkt zu Odin nach Valhall, wohin die älteren Mitglieder der Familie mit Freuden ausweichen, wenn es sich abzeichnet, dass auf dem Hof in irgendeiner Form ein Mangel oder eine Notsituation entstehen könnten. Der Aspekt der Selbstopferung der Familie weist Parallelen zu der Selbstopferung Odins auf. Die Motivationen, aus denen heraus die Selbstopferung geschieht, sind allerdings völlig unterschiedlich; während sich die Familie einerseits aus Geiz, andererseits aus Sorge um die Nachkommen in den Tod stürzt, opfert Odin sich selbst um höheres Wissen zu erlangen.

 

Im zweiten Teil der Gautreks saga wird ein klassisches Menschenopfer beschrieben. König Víkarr bat Odin um mehr Fahrtwind auf einer Reise, doch Odin forderte einen Mann aus Víkarrs Heer als Hängeopfer. Das Los fiel auf Víkarr. Sein Ziehbruder Starkaðr sollte das Opfer durchführen, allerdings sollte dies als Scheinopfer getarnt werden, sodass Víkarr nicht wirklich geopfert würde. Doch inmitten der Opferung verwandelte sich der kleine Ast in einen Speer und durchbohrte Víkarr. Außerdem verstärkten sich die Kalbsdärme, die Starkaðr als Halsschlinge nutzte und erhängten den König. Bei dieser Opferung lassen sich mehrere Parallelen zu Odin finden. Zunächst einmal fordert Odin dieses Opfer ganz bewusst als Gegenleistung für mehr Fahrtwind. Im weiteren Verlauf betont Starkaðr dies, indem er sagt: „Nun gebe ich Dich Odin.“. Außerdem fordert Odin ein Hängeopfer. Er selbst hing, wie bereits oben erwähnt, an einem Baum und opferte sich selbst um eine Gegenleistung zu erhalten. Und schließlich wird König Víkarr mit einem Speer durchbohrt, so wie auch Odin einst seinen Speer gegen sich selbst richtete und von diesem durchbohrt wurde.

 

Die Ynglinga saga

 

Die Ynglinga saga handelt von der Geschichte der norwegischen Könige, die die Königsherrschaft nach dem Tode Odins übernehmen. Nach der Beschreibung Vanaheims und Asenheims wird Odin näher vorgestellt. Danach folgen die herrschenden norwegischen Könige bis zu Rögnvald Heidumhaeri. Gedichtet wurde die Ynglingatal von Thjodolf dem Weisen von Hvin.

 

 

In Kapitel 15 werden die ersten Menschenopfer in der Ynglinga saga beschrieben. Nach einer Zeit voller Hunger und Not opfern die Sviar zunächst einen Ochsen, ein Jahr später einen Menschen für eine bessere Ernte, doch beides hilft nicht. Ein weiteres Jahr später opferten die Sviar schließlich ihren König, Domaldi, da er in ihren Augen für die schlechte Situation verantwortlich war. Ob das Königsopfer nun Erfolg brachte, wird nicht erwähnt, allerdings herrscht unter dem Sohn Domaldis, der sein Nachfolger wird, wieder gute Ernte und Frieden, daraus lässt sich ableiten, dass die Opferung Domaldis ihren Sinn erfüllte. Der Adressat des Opfers bleibt unbekannt. In Kapitel 25 wird wieder ein Menschenopfer beschrieben. Hier opfert König Aun neun seiner Söhne um selbst ein längeres Leben führen zu können. Der Adressat der Opfer ist Odin, der Aun seinen Wunsch nach einem längeren Leben gewährt. Als die Sviar Aun jedoch die Opferung seines zehnten Sohnes verbieten, musste der König sterben. Kapitel 43 der Ynglinga saga beschreibt erneut ein Königsopfer, welches Odin dargebracht wird. Die Sviar opfern ihren König Olaf Tretelgja an Odin, weil er in ihren Augen für die schlechte Ernte verantwortlich ist, da er selbst zu wenig geopfert hat. Sie umstellen sein Haus und verbrennen Olaf darin.

 

Die Guta saga

 

Die Guta saga erzählt die mythologische Geschichte des gotländischen Volkes. Beginnend mit Þieluar, der Gotland entdeckte, berichtet die Saga, dass sich das gotländische Volk auf die Enkel Þieluars, Graipr, Guti und Gunfiaun, beruft. Weiterhin berichtet die Guta saga über die allmähliche Christianisierung Skandinaviens sowie über den Anschluss der Insel an Schweden. Im zweiten Teil der Saga sind einige Rechtsbestimmungen bezüglich des Verhältnisses zur Königsmacht und zum Bischof von Linköping. In der Guta saga ist lediglich in Ansätzen die Opferung von Menschen überliefert. In nur einem kurzen Abschnitt berichtet diese Saga, dass die Heiden ihre Kinder und Vieh, zusammen mit Speisen und Getränken opferten. Weiterhin geht hervor, dass ein Menschenopfer das höchste Opfer ist. Dieses wird nur auf großen Thingversammlungen dargebracht. Zweck der Opferungen und Adressaten werden nicht genannt, genauso fehlen weitere Überlieferungen bezüglich (Menschen-) Opferungen.

 

Menschenopfer in anderen Sagas.

 

Über Menschenopfer wird auch in einigen anderen Sagas berichtet. Eine gute Zusammenfassung bietet Walter Baetke in „Die Religion der Germanen“, wo er zu verschiedenen Unterthemen jeweils einige Ausschnitte unterschiedlicher Sagas auflistet. Aus seinem Werk geht beispielsweise hervor, dass auch in der Eyrbyggja Saga, in der Hákonar Saga sowie in der Kristni Saga Menschenopfer beschrieben werden. In der erstgenannten Saga wird den geopferten Männern am Thorstein das Rückgrat gebrochen, in der Hákonar Saga werden die vornehmsten Männer für ein fruchtbares Jahr und Frieden im Land geopfert. In der Kristni Saga wollten sowohl Heiden als auch Christen für ihren Glauben opfern; die Heiden stießen ihre schlechtesten Männer von Felsen hinab, die Christen hingegen wollten die besten Männer als Siegesopfer für Jesus Christus opfern.

 

Auszug aus: Suite101.de lesen: Menschenopfer in altnordischen Sagas