Sleipnir der Schnelle

 

Sleipnir, der schnelle Läufer, ist der achtbeinige graue Schimmel des Göttervaters und das schnellste aller Asenpferde. Gezeugt wurde das Tier von dem kräftigen Arbeitshengst Swadifari, den Loki in der Gestalt einer Stute von seinem Vorhaben ablenkte, die Burg der Asen fristgerecht zu vollenden. Das Ergebnis dieses gelungenen Ablenkungsmanövers ist schließlich Sleipnir, das als Schamanenpferd schlechthin gilt, da es seine Reiter rasch in alle Welten trägt. Auf seinen Zähnen sollen gar Runen eingeritzt sein. In einem Lied übergibt Odin das Pferd an seinen Sohn Hermod, damit dieser auf seinen Rücken zur Hel gelangen kann, um dort für Balders Freilassung zu verhandeln. Ein andermal wettet Odin mit dem Riesen Hrungnir, das dessen Pferd Gullfaxi es nicht mit Sleipnir aufnehmen könne. Sie reiten um die Wette, und es ist der Allvater, der zuerst in Asgard eintrifft. Zu den Ragnarök, dem letzten großen Gefecht zwischen Göttern und Riesen reitet der einäugige Gott ebenfalls auf seinem treuen Grautier, das wie er im Rachen des Fenrirwolfes endet.

 

Odin in reitender Gestalt findet sich auf einigen skandinavischen Bildsteinen aus dem 8. Jh. Manche dieser Abbildungen zeigen sein Ross mit acht Beinen, andere hingegen nicht. Dies führte zu Spekulationen, dass die Darstellung der achtfachen Hufe damaligen Steinmetzen lediglich zum Zwecke der Veranschaulichung von Sleipnirs Geschwindigkeit gedient haben könnte, diese Steinritzungen somit erst zum Entstehungsmythos vom achtbeinigen Reittier geführt hätten. Odin selbst hingegen führte einige Namen, die deutlich seine Beziehung zu Pferden aufzeigen. Als da wären zu nennen: Hrossharsgrani (Rosshaarsgrauer), Jalkr (Wallach) oder Atridi (der Zureitende).

 

Über viele Jahrhunderte waren Pferde die wichtigsten und vertrautesten Begleiter der Menschen, und in der nordischen Mythologie wird manchem Gott oder Helden ein mit besonderen Fähigkeiten ausgestattetes Tier zur Seite gestellt, um Größe und Ansehen seines Besitzers noch zu unterstreichen. So soll z. B. Grani (der Graue), das Pferd des Siegfried, direkt von Sleipnir abstammen. Starb ein Krieger oder Häuptling, begrub oder verbrannte man mit ihm sein bestes Ross, damit dieses ihn in die Anderswelt trug, um ihm dort ebenfalls treu zur Seite zu stehen.

 

Die kultische Verehrung des Pferdes reicht bei den Germanen bis weit in die Bronzezeit zurück. Man hielt sich die Tiere in heiligen Haien, um durch ihr Verhalten kommende Ereignisse deuten zu können. Neben ihrem großen Nutzen für Krieg und Ackerbau besaßen sie ebenfalls hohen Wert als Opfertiere für die Götter. Der beeindruckende Penis des Hengstes (Völsi) galt vielfach als Fruchtbarkeitssymbol und man grub ihn auf Plätzen ein, von wo man sich entsprechendes Wachstum erhoffte.

 

In Nordisland existierte eine hufeisenförmige Schlucht mit Namen "Asbyrgi" die einer alten Sage nach durch einen Hufabdruck Sleipnirs entstanden sein soll. Sleipnir oder Sleipner war ferner ein beliebter Name für deutsche Kriegsschiffe während des 3. Reiches. Der Name "sleipnis verdr" war hingegen eine dichterische Benennung für Heu. Am Schluß sei noch ein altes Rätsel aus der Edda zu erwähnen, dass die enge Verbindung zwischen Gottheit und Pferd beschreibt. Was hat drei Augen, zehn Füße und einen Schweif?

 

Auszug aus:Der Germanische Götterhimmel -Voenix, Arun Verlag, S. 147, 2003