Viele mythologische Wesen wurden dämonisiert. Trotz christlicher Umdeutungen sind die Wesen der niederen germanischen Mythologie erhalten geblieben. Die Quellen über die niedere germanische Mythologie stammen aus dem Hochmittelalter. Sie zeigen eine stark gegliederte und verzweigte Form der Mythologie, in der Zwerge, Riesen, Alben und auch märchenhafte Tiere ihren Platz haben. Im Mittelalter wurden die Wesen und der mythologische Kontext durch christliche Denkschemata umgedeutet. Das hat dazu geführt, dass die einzelnen Wesen eine neue – meist teuflische und böse – Bedeutung erhalten haben. Ein Beispiel für die Umdeutung ganzer mythologischer Gruppen in ein christliches Verständnis ist die Differenzierung von Snorri Sturluson (1179-1241) zwischen Schwarzalben als Dämonen und Lichtalben als Engel. Die Unterscheidung zwischen Schwarzalben und Lichtalben war zwar schon vor seiner Interpretation gegeben, aber die Umdeutung in christliche Gestalten, nämlich Dämonen und Engel, ist sein Verständnis der mythologischen Gruppen.

 

Die Riesen – Hüter alter Weisheit

 

Den Riesen kommt in der germanischen Mythologie eine besondere Rolle zu. Sie sind älter als die Götter und verfügen auch über mehr Wissen als diese. Sie sind zudem mächtiger als die Götter und die Gottheiten stammen selbst von den Riesen ab. Da es unterschiedliche Riesen gibt, wurde schon früh eine Kategorisierung vorgenommen. Diese Kategorien sind jedoch nur funktioneller Art und liegen nicht im Aussehen der Riesen begründet. Einzig in den Dichtungen und den darin enthaltenen Riesen-Namen können die Bilder der Riesen rekonstruiert werden. Dadurch sind die Bilder aber mehr durch die Regeln der Literarisierung geprägt als durch den Volksglauben. Dennoch ist dieser erkennbar.

 

 

Die Riesen werden durch ihre Namen als laute Kreaturen gekennzeichnet:

 

Thrymr“ bedeutet „Lärm

Skerkir“ bedeutet „Lärmer“.

Skrikja“ bedeutet „Schreierin“.

 

Weiterhin schreibt man ihnen trotz ihres Wissensvorsprunges eine gewisse Dummheit zu:

 

Dumbr“ bedeutet „der Dumme“.

Svarangr“ bedeutet „der Schwerfällige“.

 

Die Riesen werden zudem als dunkel und äußerst hässlich beschrieben:

 

Alsvartr“ bedeutet „der ganz Schwarze“.

Hruga“ bedeutet „Haufen“.

Hrökkvir“ bedeutet „der Krumme“.

 

Eindeutig positiv besetzte Namen lassen sich nur schwer finden. Dennoch haben die Riesen positive Attribute. Vor allem die Riesinnen gelten als wichtige Helferinnen von Helden in der mittelalterlichen Literatur. Sie sind oftmals die mütterliche Helferin und die Geliebte in einer Person.

 

Die Trolle – Kreaturen der Finsternis

 

Die Terminologie mit der die Wesen der Riesen bezeichnet werden, beinhaltet noch weitere Wörter außer dem Wort „Riese“. Auch das Wort „Thurs“ und das Wort „Troll“ sowie das neutrale Wort „jötunn“ bezeichnen die Riesen. „Thurs“ und „Troll“ sind eindeutig negativ besetzte Begriffe. In der spätmittelalterlichen Literatur wird das Wort „Troll“ fast ausschließlich für negative Riesen benutzt. Die Trolle entwickeln sich so zu den bösen, hässlichen und dummen Gestalten. Die skandinavischen Quellen lassen darauf schließen, dass kein Unterschied zwischen Riesen und Trollen gemacht wurde. Das Wort „Thurs“ ist dagegen sehr negativ besetzt. Eine Rune dieses Namens spielt in einigen Schadenzaubern eine wichtige Rolle. Die Thursen werden als böswillige und zauberkundige Wesen definiert.

 

Die Zwerge – ein geheimnisvolles Volk

 

Über die Zwerge ist weniger bekannt als über die Riesen. Sie sind – wie die Erde selbst – aus dem Ur-Riesen Ymir geschaffen. Sie gelten als unterirdische Bewohner von Bergen und Felsen. Über ihre Körpergröße wird nichts gesagt. In der germanischen Mythologie sind sie die kunstfertigen Schmiede und Artisanen. Viele Attribute der Götter wurden von Zwergen angefertigt. Auch die einzelnen Zwergen-Namen verraten viel über das handwerkliche Geschicke dieser Kreaturen:

 

Hanarr“ bedeutet „der Kunstfertige“.

Filie“ bedeutet „Feile“.

 

Viele Zwergen-Namen weisen auf die Lebensart der Zwerge hin – sie leben unterirdisch, unsichtbar und sind sehr nachtaktiv. In der Edda findet man Geschichten über Zwerge, die ebenfalls belegen, dass sie ein nächtliches Leben führen. So zum Beispiel im Edalied „Alvissmal“. Darin wird erzählt, wie der sehr weise Zwerg so lange einer Reihe von Fragen Antworten gibt, bis die Sonne aufgeht und er davon versteinert wird. Zwerge besitzen Weisheit, sind Ratgeber und kriegerisch eingestimmte Wesen. Es ist ungeklärt, ob und inwieweit die Zwerge negativ konnotierte Literaturgestalten sind. Galten sie im Volksglauben nur als kunstfertige und energische Bergbewohner oder sah man in ihnen auch üble Wesen, worauf Krankheitsbezeichnungen, wie zum Beispiel „dvergskot“ („Zwergenschuss“, eine Tierseuche) schließen lassen? In christlicher Zeit rückten die Zwerge als Krankheitsverursacher sehr nah an die Alben heran und wurden dämonisiert.

 

Die Alben – christliche Dämonen

 

Über die Alben ist noch weniger bekannt als über die Zwerge. Sie werden zwar als eine eigene Rasse bestimmt, aber ihre speziellen Eigenschaften bzw. die Alleinstellungsmerkmale sind unklar. Im Mittelalter wurden die Alben unter dem Einfluss des christlichen Dämonenglaubens sehr stark verändert. Im Volksglauben wurden die Alben mit Dämonen gleichgesetzt und als sehr bedrohliche Krankheitserreger aufgefasst. Man versuchte sich mit Bleiamuletten gegen diese dämonischen Alben zu schützen. Aus dem 14. Jahrhundert ist ein Runenstab erhalten geblieben. Auf ihm befindet sich eine magische Formel zum Schutz gegen Thursen, Trolle und Alben. Die herrschende Meinung geht davon aus, dass die Alben einst verehrt wurden. Das belegen unter anderem die Namen sagenhafter Vorfahren der norwegischen Könige:

 

Alfr“, „Gandalfr“, „Alfhild“ u.a.

 

Dass diese Alben-Namen für sagenhafte Vorfahren der Herrscher benutzt wurden, zeigt, dass die Alben nicht negativ, sondern ganz und gar positiv gesehen wurden. Weiterhin sind auch Opfer an Alben belegt. Das unterscheidet die Alben gravierend von anderen mythologischen Wesen wie den Riesen und den Zwergen, denen man nichts geopfert hat. In altenglischen Texten werden die Alben nach ihren Wohnorten unterschieden. So gibt es Bergalben, Feldalben, Wasseralben usw. So kann man die Alben zum Beispiel als Naturgeister interpretieren. Schon im Frühmittelalter kam es zu unterschiedlichen Bewertungen der Alben. In einigen Gebieten fehlte die Dämonisierung komplett. Bis ins Spätmittelalter konnten sich so durchweg positive Bilder der Alben bzw. Elfen entwickeln. Erst in den letzten zweihundert Jahren wurde das Bild der bösen Alben/Elfen gänzlich verdrängt. Über das Englische kam ein positives Elfenbild zurück auf den europäischen Kontinent. Dafür sind zahlreiche literarische Bearbeitungen verantwortlich, u.a. von Shakespeare (1564-1616) und Tolkien (1892-1973).

 

Auszug aus:"Germanische Mythologie", W. Golther, Marixverlag, 2011 und

"Götter und Kulte der Germanen", Simek R., Beck Verlag, 2004