Allen Edeln Gebiet ich Andacht, Hohen und Niedern von Heimdalls Geschlecht; Du willst, Walvater, dass ich würdig dir künde, Die ältesten Sagen, der ich mich entsinne.

 

So beginnt die Völuspa, das große Lied, das die Völva singt vom Aufstieg und Untergang Midgards, das Lied, das wie ein großer Schlussakkord den Höhepunkt der nordischen Dichtung und Kunst bildet und die Schau von Beginn, Ende und Neubeginn der Welt, von Göttern, Alfen und Menschen besingt.

Vor Beginn derselben war nichts als ein gähnender magischer Abgrund, an dessen Nordende Niflneim seine kalten Dunstschwaden ins Nichts sandte und an dessen Süden die Flammen Muspellheims in die Leere leckten. Da entstand im Abgrund Ymir, aus dessen Fleisch die Erde, aus dessen Blut das Meer, aus dessen Gebein die Berge und aus dessen Schädeldecke der Himmel gemacht ist. Zunächst nährte sich Ymir von der Milch, die in vier Strömen aus dem Euter der Kuh Audumla floss. Aus schmelzendem Eis war diese entstanden und aus dem salzigen Eis leckte sie einen Mann: Buri, dessen Sohn Bor mit Bestia die drei Söhne Odin, Willi und We hatte. Diese drei töteten Ymir und schufen aus ihm in der Mitte des magischen Abgrunds Midgard, die gründende umfriedete Erde.

Doch im Meer rings um Midgard liegt die große Schlange, der Midgard wurm, der sich in den eigenen Schwanz beißt und eine der größten Gefahren der Welt ist.

 

Über der Quelle der Urd, in deren klaren Wassern zwei weiße Schwäne schwimmen, steht Yggdrasil, die immergrüne riesige Weltesche, von deren Blättern der goldene Met der Götter tropft und deren unergründliche Wurzeln zu Hei, zu den Riesen und zu den Menschen reichen. Im Geäst des Weltenbaumes sitzt ein weiser Adler, zwischen dessen Augen ein Habicht sitzt, Hirsche gehen in ihr umher und äsen von den Blättern, wie auch die Ziege Heidrun, die den göttlichen Met gibt. Das Eichhörnchen Ratatösk läuft ständig zwischen Gipfel und Wurzeln hin und her und überbringt die Beschimpfungen, die der Adler und der Drache Nid-högg, der an den Wurzeln der Esche zehrt, untereinander austauschen. Sehr bedroht ist so der welterhaltende Baum von den unzähligen Drachen und Würmern, die seine Wurzeln und Seiten angreifen, doch ist er auch die Thingstätte der Götter und täglich schöpfen die Nomen das heilige Wasser aus dem Urdbrunnen über den Baum, um ihn frisch zu erhalten, denn während des großen vernichtenden Fim-bulwinters gibt er dem einzigen überlebenden Menschenpaar Raum, Schutz und Nahrung.

 

Mimirs Baum heißt er auch nach dem weisen Riesen, der der Bruder von des Walvaters (Odin) Mutter ist. Rat spendend sitzt Mimir an seiner heiligen Quelle, die alle Weisheit enthält und aus der zu trinken Odin ein Auge verpfändete.

Außer dem Brunnen der Urd gibt es noch den Brunnen Hvergelmir in Niflheim, aus dem die Urströme entspringen. Niflheim, das Nebelheim, oder Jötunheim, das Riesenheim, ist im Norden oder Osten von Midgard. Rauh und kalt ist es dort; und im Norden ist auch Hei zu finden, die freudlose Welt der Toten, deren gleichnamige Göttin diejenigen Toten aufnimmt, die nicht in der Schlacht gefallen sind. Vor den Toren Hels wacht der Höllenhund Garm, der blutbefleckt und heulend Eindringende bedroht. Ein langer finstrer Weg führt dorthin, der auf einer goldbeschlagenen Brücke über den laut brausenden Fluss Gjöll führt.

 

Die ruhmreichen Toten der Schlachten jedoch werden nach Wallhall entrückt, der goldenen Wohnstatt der Götter in Asgard. Zwischen Asgard und Niflheim spannt sich die leuchtende Regenbogenbrücke Bifröst, an deren Ende Heimdall ewige Wache hält. Viele Hallen und große, glänzende Säle gibt es in Asgard, doch die goldene Walhalla ist die größte, schönste und wichtigste. Dort, am Weltenbaum, finden die täglichen Versammlungen der Götter statt. Und die Götter schufen den Mond und die Sonne, die von einem Pferd gezogen und von zwei Wölfen begleitet am Himmel ihre Bahn zieht, bis ans Ende der Tage, wenn der Fenrirwolf sie verschlingen wird.

 

Nachdem die Äsen die Geschlechter der Zwerge und Alfen geschaffen hatten, fanden sie Ask und Embla (Esche und Ulme) bewusstlos am Ufer, gaben ihnen Seele und Leben und schufen so die ersten Menschen.

So ordneten die Asen Tag und Nacht und alle Dinge am Beginn der Zeit, doch über den Asen weben die drei Nomen - Urd, Verdandi und Skuld - die Fäden des Schicksals, das Göttern und Menschen bevorsteht.

 

Für die Germanen existierte nicht nur die äußere Welt, die er "sehen und anfassen" konnte, sondern die Welt war bevölkert mit geistigen Wesen, Alfen, Zwergen und Toten, die nicht immer unmittelbar wahrnehmbar waren, sich jedoch denjenigen Menschen, die mit dem zweiten Gesicht begabt waren und vielen anderen in besonderen Situationen ihres Lebens zeigten. Dies konnte in seelischen Extremlagen geschehen, in der Todeswundheit auf dem Schlachtfeld, in ekstatischer Verzückung oder im Wahrtraum. So weit ging diese Begabung zum Kontakt zur Welt der Unsichtbaren, das es als Krankheit galt, im Traum nicht mehr mit anderen Seelen Kontakt haben zu können.

Als besonders seherisch begabt galten den Germanen die Frauen, von denen manche deshalb besonderen Ehren erwiesen wurden. Die Fähigkeit der Schau und besonders die der Zauberei war jedoch immer eine zwiespältige Sache und oft waren die Dienste und Künste der Zauberer und Hexen nicht nur gefragt, sondern auch gefürchtet und unheimlich.

 

Besondere Techniken der Weissagung bestanden darin, sich entweder durch rituelle Gesänge in Trance zu versetzen und die Fragen der Anwesenden zu beantworten, oder es wurden Buchenstäbchen, in die Runen eingeritzt waren, zum Orakelwerfen benutzt. Es wurde jedoch auch aus der Kehle von geopferten Gefangenen laufendes Blut (bezeugt für die in Italien kämpfenden Kimbern) und der Flug der Vögel als ein Prophezeiungen inspirierendes Medium benutzt. In heiligen Hainen wurden weiße Pferde gehalten, aus deren Verhalten die Priester den Willen der Götter zu deuten verstanden (laut Tacitus).

Die nähere und weitere Umgebung der Menschen, die Häuser und Gärten, Wiesen und Felder, Haine und Sümpfe waren mit Alfen und Zwergen bevölkert und in den Wolken, den Stürmen, den treibenden Eisbergen, Gletschern und rauen Gebirgen sah man Ausdrucksformen und Taten der Riesen.

Im Wachstum der Pflanzen und Tiere auf dem Acker und in der wilden Natur offenbarte sich nicht nur das Wirken der Götter, sondern auch mannigfacher anderer hilfreicher oder verderblicher Geister (mit 'Geister' seien hier alle Gattungen von Alten, Zwergen, Riesen usw. gemeint, die unterschieden wurden).

 

Da gibt es die Hausgeister, die meist harmlos oder hilfsbereit sind und deren Dienste mit kleinen Mengen an Nahrungsmitteln, die man an bestimmten Plätzen für sie deponierte, belohnt wurden. Dann sind da die Landwichte, die sich um das Wachstum auf den Feldern kümmern und einem Landstrich Fruchtbarkeit und Wohlergehen bringen, aber Missernten und Dürre, wenn sie erschreckt oder verärgert das Land verlassen. Die Zwerge sind Wesen, die hauptsächlich die Erde und das Gestein bevölkern und große Kunstfertigkeit in der Herstellung von handwerklichen Arbeiten haben; viele dieser Arbeiten erlangten wegen ihrer magischen Kräfte große Berühmtheit, wie .z.B. die Schwerter Balmung und Mimung.

In den klaren Bächen und in den zahlreichen Seen halten sich die Wassergeister, die Nixen und Nöcke auf, deren Verkehr mit den Menschen meist sehr rege war und die ihm Liebeslust beschert oder aber ihn in ein nasses Grab locken kann.

 

Der Name Elfen, Alten, Alben oder Eiben galt sowohl für die Gesamtheit der kleineren Geister (.im Unterschied zu den Riesen), als auch für eine Gruppe recht menschenähnlicher Wesen, die ziemlich ungebunden hauptsächlich die Wälder und Auen bevölkern. Man unterschied je nach ihrer gut- oder bösartigen Gesinnung Licht-, bzw. Dunkel-und Schwarzalben.

Ein grobschlächtiges, meist nicht besonders kluges Volk sind die Riesen, Jöten oder Trolle, die ältesten Wesen der Welt. Ihr Lebensbereich sind die riesigen nördlichen Eismassen, die Stürme und Unwetter, die Berge und das Meer. Aufgrund ihrer Grobschlächtigkeit war das Verhältnis der Menschen zu ihnen meist nicht sehr positiv, denn sie sind die großen Zerstörer und selbst Erzfeinde der Götter. Doch darf man nicht vergessen, dass auch der weise Mimir, der Ratgeber der Götter, von dem die Edda berichtet, ein Riese ist. Im Norden hausen die Reifriesen und Eisriesen, und im heißen Süden wohnt der Feuerriese Surt (nach der Edda), der am Weltende Midgard mit seinen Flammen verschlingen wird. Nicht nur zu den Göttern und Menschen ist der Riesen Verhältnis schlecht, auch bei den Alfen sind sie nicht sehr beliebt.

So erzählt eine deutsche Sage vom Sturmriesen Fasold, der mit seinen Hunden die Moosfräulein durch die Wälder hetzt. Der erste Sonnenstrahl allerdings bannt Riesen und auch Zwerge und verwandelt sie in Stein, wenn sie sich bis dahin noch nicht zurückgezogen haben.

 

Den Riesen sehr näherstehend sind die Drachen oder Lindwürmer. Ihre gigantische Verkörperung ist die Midgardschlange der nordischen Lieder, aber wie viele Sagen bezeugen, trieben die Drachen überall im germanischen Bereich ihr Unwesen, Auf der öden Heide oder in unwegsamen Gebirgshöhlen haben sie ihre Wohnstatt und ihre spezielle Vorliebe für Schätze, die sie in ihre Höhlen schaffen und bewachen, ist nicht nur aus dem Nibelungenlied bekannt.

Sehr wohl kann aber auch ein Drache ein verwandelter Mensch sein, wie auch Bären und Wölfe menschliche (oder göttliche) Erscheinungsformen sein können, wie der Name der ekstatischen Krieger 'Berserker' und der heute noch geläufige 'Werwolf bezeugt. Diese Wandlungsfähigkeit der Gestalt war nichts Seltenes und wenn Nachtmahre, die auch Tru-den, Alp oder Druckerle genannt wurden, die Schlafenden bedrückten, so hielt man oft einen Lebenden - meist sehr zu dessen Nachteil - oder auch einen Verstorbenen für die Ursache dieser Plage.

Eine Art von Seelenwesen des Menschen kann aber auch als der Folge- oder Schutzgeist, die 'fylg-ja', Gestalt annehmen und dem Menschen erscheinen, meist um ihm seinen Tod anzukündigen. Im Norden war auch die Wiedergeburt, die Seelenwanderung nicht unbekannt, wie einige Sagas berichten.

Oft erschienen die Toten ihren Angehörigen, teils um sie zu warnen, teils um sie mit sich ins Grab zu nehmen. So mischten sich immer Angst und Verehrung gegenüber einem Toten, was in den Bestattungsbräuchen lebhaften Ausdruck fand - und z.T. noch findet.

 

Noch mannigfache andere seelische Erscheinungsformen, Geister usw. hat man gekannt und alle Sagas des Nordens und Sagen und Märchen Deutschlands und Englands legen Zeugnis ab von der Nähe zur geistigen Seite der Natur, in der die Germanen lebten. Die Sorge um die Gunst der Haus- und Feldgeister war voll mit in den Alltag eingebunden und wo sich der Mensch in der Wildnis bewegte, wusste er sich ebenfalls umgeben von bedrohlichen und freundlichen Wesen.

 

Heil dir, Tag! Heil euch. Tagsöhne! Heil, Nacht und Nachtkind! Mit holden AugenSchaut her auf uns Und gebt uns Sitzenden Sieg! Heil euch. Asen! Heil euch, Asinnen! Heil dir, fruchtbare Flur! Rat und Rede Gebt uns Ruhmreichen beiden Und Heilkraft den Händen!(Gebet aus dem Sigrdrifusmal)

 

Auszug aus: www.boudicca.de/wichmann5.htm