Die Wikingerzeit

 

Themen aus der Wikingerzeit sind noch heute sehr beliebt; denn fast jeder verbindet etwas mit dem Begriff „Wikinger“. Noch immer besitzt das Wort einen unheimlich schillernden Glanz und eine merkwürdige Faszination.

 

Es weckt vielschichtige Vorstellungen von gewissenlosen Mordbrennern, verwegenen Kriegern, aber auch von guten Geschäftsleuten und außergewöhnlichen Seefahrern, von Menschen jedenfalls mit unglaublicher Vitalität und expansiver Kraft.

 

Dieses Wikingerbild ist alt. Bereits vor 1000 Jahren auf der Seite ihrer Opfer behielten fränkische und angelsächsische Geschichtsschreiber in ihren Chroniken genau diese bis in die Gegenwart fortlebende Bild der „beutegierigen Unholde“ aus dem Norden bei, die seit etwa 800 n. Chr. für mehr als 250 Jahre mit ihren Raub – und Plünderungszügen Ordnung und Frieden Europas zentral und tiefgreifend störten.

 

Die Franken nannten sie Normannen; in Rußland hießen sie Waräger. So sehr prägten die Wikinger, diese „heidnischen Teufel“, zeitweise die politische Welt ihrer Zeit, dass eine gesamte Epoche der nordeuropäischen Geschichte nach ihnen benannt ist: die Wikingerzeit (ca. 800 - 1100 n. Chr.).

 

Das Wort „Wikinger“ leitet sich von „wik“ (Bucht bzw. Handelsort) her und bezeichnet im ursprünglich skandinavischen Sprachgebrauch keine Volkszugehörigkeit, sondern einen Zustand: Ein Wikinger war ein Skandinavier, der sich auf Beutefahrt befand. Für die noch heidnischen Bewohner Nordeuropas bedeutete Reichtum, vor allem in Gestalt von Gold und Silber, ein Zeichen göttlicher Gunst und steigerte Ansehen und soziale Stellung des Besitzers. In dem Bestreben, solchen Reichtum zu erwerben oder zu vermehren, unternahmen skandinavische Wikinger, die sich in losen Gefolgs-schaftsverbänden organisierten, in kleineren oder größeren Gruppen Plünderungszüge an alle Küsten Europas, und von den europäischen Flüssen aus überfielen und brandschatzten sie Städte, Kirchen und Klöster. Viel von der reichen Beute, die sie dabei machten, haben Archäologen heute in wikingerzeitlichen Gräbern und Horten, vor allem in Dänemark und Norwegen, aufgefunden.

 

Die Taktik der Wikingerangriffe basierte häufig erfolgreich auf dem Überraschungsmoment: Unerwartet plötzliches Erscheinen und blitzschnelles Entkommen der Räuber nach der Tat kennzeichneten den typischen Wikingerüberfall. Bereits der erste, von den Chronisten wegen seiner außerordentlichen Bedeutung aufgezeichnete Wikingerangriff verlief so. Er galt am Beginn der Wikingerzeit im Jahre 793 dem Kloster Lindisfarne an der nordenglischen Küste, damals eines der berühmtesten Heiligtümer der Christenheit. Das Kloster wurde geplündert und niedergebrannt, man tötete Mensch und Tier. Die Zeitgenossen waren entsetzt über die unvorstellbare Freveltat, zugleich auch tief beunruhigt und erschreckt durch deren sensationelle Begleitumstände. Die Mordbrenner hatten nämlich den Überfall auf das Inselkloster aus einer zielgenauen Nonstop – Überfahrt über See von Südnorwegen nach Nordostengland heraus entwickelt, die man bis dahin vom Seemännischen und Nautischen her für unmöglich gehalten hatte.

 

Die Wikingerzüge des 9., 10. und 11. Jahrhunderts, vor denen die Opfer sich kaum schützen konnten, es sei denn durch langfristig und zentral geplante, ständig bereite Abwehrmaßnahmen, wurden zur Landplage, richteten in Europa großen wirtschaftlichen Schaden an und zerstörten bedeutende kulturelle Werte. So spektakulär und interessant die Wikingerzüge heute noch sein mögen, sie stellen indes nur den negativen und zudem nicht einmal wichtigen Beitrag Skandinaviens zur Geschichte Europas in dieser Zeit dar. Entscheidender mitgeprägt, ja verändert wurde die abendländische Welt der Wikingerzeit durch die Leistungen wagemutiger Händler, risikobereiter Siedler und verwegener Entdecker aus dem Norden Europas. Für sie alle verwendet man gewöhnlich ebenfalls den Sammelbegriff „Wikinger“. Welche Ursachen führten zu diesem „Aufbruch des Nordens“ in dieser Zeit? Überbevölkerung, Landnot mit drohender Verarmung, soziale und politische Unruhen, dauernde blutige Fehden werden von den Forschern genannt. Schrittmacherdienste leistete der Fernhandel, der bereits im 8. Jahrhundert aufzublühen begann. Schon vor Beginn der eigentlichen Wikingerzeit waren skandinavische Händler auf allen Märkten und Handelsplätzen Europas zu Hause. In ihrer Heimat wußten sie von reichen Städten, Klöstern und Kirchen zu berichten und vermittelten auf diese Weise den wenig später einsetzenden räuberischen Aktivitäten skandinavischer Wikinger Ziele und Routen. Raub folgte dem Handel. Sie waren ohnehin in dieser Zeit noch nicht immer streng getrennte Unternehmungen. Durchaus kam es vor, daß man auf einer Fahrt eins mit dem anderen verband, wenn es sich einrichten ließ, um somit gleich beide Wege zum Reichtum zu beschreiten – den friedlichen, aber kostenintensiven wie auch den kostensparenden, dabei womöglich lebensgefährlichen.

 

Im Zuge einer umfangreichen Auswanderungsbewegung erschlossen sich die Skandinavier in der Wikingerzeit den gesamten nordatlantischen Raum. Sie siedelten auf den Orkneys, Shetlands, Hebriden, in Irland, Wales und England, auf den Färöern, auf Island und Grönland – 500 Jahre vor Kolumbus erreichten sie die neue Welt und ließen sich für kurze Zeit im sagenhaften „Vinland“ nieder. Um die Jahrtausendwende waren der Nordatlantik überquert und die Inbesitznahme der wichtigsten Siedlungsgebiete durch die Skandinavier abgeschlossen.

 

Technisch möglich wurde diese gewaltige skandinavische Expansion der Wikingerzeit durch den skandinavischen Bootsbau, der die besten Schiffe der damaligen Zeit zu bauen verstand. Es gab spezielle Typen sowohl für die Handels –als auch für die Kriegsfahrt, die in ihrer bautechnischen Perfektion allen vergleichbaren Schiffen im übrigen Europa überlegen waren. Mit diesen hervorragenden Schiffen, geführt von unvergleichlich tüchtigen Seeleuten, befuhren die Skandinavier während der Wikingerzeit alle Meere und Flüsse der ihnen bekannten Welt. Ihr Aktionsradius reichte von Kiew im Südosten nach Grönland und sogar Neufundland im Nordwesten, vom weißen Meer im Norden bis weit ins Mittelmeer hinein. Bis zur Wikingerzeit war Skandinavien von der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Europas weitgehend isoliert geblieben. Nun entfaltete die immer intensivere Berührung mit anderen Regionen und Kulturkreisen, insbesondere der Kultur Mittel – und Westeuropas, in Skandinavien starke Wirkungen, die sich nicht nur im wirtschaftlichen nachweisen lassen, sondern auch auf Gebieten des Kunsthandwerks, der Dichtung und vor allem der Religion. Skandinavien wurde in die Kultur des christlichen Europas einbezogen. Mit der Christianisierung Skandinaviens und der Entstehung der drei Königreiche des Nordens – Norwegen, Schweden, Dänemark – ging im ausgehenden 11. Jahrhundert die Wikingerzeit zu Ende.

 

Auszug aus: Haithabu, Schaufenster einer frühen Stadt, H. Elsner, S. 9 ff