»In Rom, wo alle furchtbaren und verabscheuungswürdigen religiösen Gebräuche, die es in der Welt gibt, sich zusammenfinden und geübt werden«, wie Tacitus urteilt, bildete sich schon bald nach dem Tode Jesu auch eine frühe Gemeinde der Judenchristen. Diese hatten im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung unter den Kaisern Nero und Domitian die fürchterlichsten Verfolgungen zu erleiden. Denn sie taten Zersetzendes wider die Staatsräson – sie kündeten von der Liebe, der Gleichheit sowie von einer Hoffnung auf Erlösung der Menschen und fanden dabei Zuspruch in allen Schichten der Gesellschaft.

 

»Christos«, der Gesalbte, war ihnen der auf Erden gekommene Sohn Gottes, der sich durch seinen Tod am Kreuze für die Menschen geopfert hatte.

 

Bedrohung von innen und außen

 

Die Christen sagten: »Einst wird kommen der Sohn Gottes! « Die Kaiser schäumten vor Wut ob solcher Reden. Doch nicht nur den Herrschern ging das »Gequatsche« der Christen zu weit. Die konsequente Ablehnung der Staatskulte durch die Christen provozierte alle konservativen Kräfte der römischen Gesellschaft, die sich ihre polytheistisch gestimmte, und damit ihre weitgehend auf religiöse Toleranz ausgerichtete Glaubenshaltung nicht nehmen lassen wollten. Das »Verbrechen« der frühen Christen bestand in ihren Augen darin, dass sie ihrem monotheistischen Absolutheitsanspruch nicht abschwören mochten. Man müsse »ihre Hartnäckigkeit und ihren unbeugsamen Trotz bestrafen«, so schrieb der jüngere Plinius (* 61, † um 113 n. Chr.) in seiner Eigenschaft als Statthalter in Bithynien an Kaiser Trajan.

 

Die Christen gruben sich außerhalb der Stadtmauer Gänge in die Erde. Hier betteten sie ihre Toten zur ewigen Ruhe. Die uns bis heute überlieferten unterirdischen Katakomben sind insgesamt über 100 Kilometer lang und boten Platz für endlos viele Grabstätten. Die meisten dieser Gräber bestanden aus einfachen Wandnischen, die von kleinen Steinplatten, versehen mit dem Namen und Todestag des Verstorbenen, verschlossen wurden. Die Bestattung in den Katakomben war kostenlos, für die Armen unter den Christen der Hauptstadt ein großes Glück. Denn staatliche Wohlfahrt gab es damals noch nicht. In den höheren Bestattungsräumen ruhten die Gebeine der Wohlhabenden. Sie spendeten in großem Umfang Gelder für die Notleidenden. Viele Christen gelangten zu einflussreichen Positionen, manche wurden sogar mächtig. Und die Zeitgenossen mochten es kaum wahr haben: unter ihnen gab es auch Senatoren! Sie redeten ihre Sklaven mit »Bruder« an – eine Ungeheuerlichkeit, fanden die Traditionalisten in der römischen Führungsschicht. Die Welt war offenkundig aus den Angeln geraten. Insbesondere unter den späten Kaisern Decius (249 – 251 n. Chr.), Valerian (253 – 260 n. Chr.) und Diokletian (284 – 305 n. Chr.) wurde die Verfolgung der Christen auf das ganze Reich ausgeweitet. Das hatte nicht nur mit ihrer wachsenden Anhängerschaft zu tun, sondern auch mit der offenkundig werdenden Schwäche des Römischen Reichs. Mit dem Aufstand der germanischen Bataver im ersten nachchristlichen Jahrhundert war man noch fertig geworden, auch überstand Rom hundert Jahre später die schweren Auseinandersetzungen mit den elbgermanischen Markomannen (Markomannenkriege: 166 – 180 n. Chr.), aber das dritte Jahrhundert brachte für das Reich eine schwere Krise. Die militärischen Auseinandersetzungen mit den Germanen ließen sich immer weniger isolieren. Nun war der gesamte nördliche Reichsteil betroffen. Die Germanen schlossen sich zu Großverbänden zusammen, die der Welt der frühen Kaiserzeit noch gänzlich fremd waren. Einen dieser Großverbände bildeten die Alamannen. Ihnen gelangen nun tiefe Einbrüche am Oberrhein.

 

Im Raum des mittleren und unteren Rhein operierte der Großverband der Franken. Ferner sorgten die Goten im Nordosten des Reichs am Dnjestr und Dnjepr für ständige Aufregung. Ihr Aktionsradius war geradezu beängstigend groß. In Rom war man inzwischen auf alles gefasst. Kaiser Aurelian (Herrscher:270 – 275 n. Chr.) ließ eine neue Schutzmauer um die Stadt Rom ziehen. Diese so genannte »Aurelianische Mauer« (lat.: Murus Aurelianus) war insgesamt 19 Kilometer lang, nach ihrem Ausbau bis zu elf Meter hoch, 3,50 Meter breit, wies 18 größere Tore auf und umschloss ein Areal von 1373 Hektar.

 

Unter Kaiser Konstantin

 

Aber Kaiser Konstantin, zupackend, skrupellos und intelligent, sollte eine Generation später nicht nur erkennen, dass die Christenverfolgungen erfolglos geblieben waren (und das Reich durch sie zusätzlich geschwächt worden war), er besaß auch das politische Format, der jungen christlichen Kirche zu Macht und Ansehen zu verhelfen. Im Jahre 313 n. Chr. ließ er das Toleranzedikt von Mailand verkünden. So erbrachte seine Herrscherzeit eine welthistorische Wende hin zum Christentum, zugleich das Ende eines langen Leidensweges der Anhänger Jesu. Konstantin stiftete zahlreiche Kirchen, ließ den Bischöfen regelmäßige Zuwendungen aus der Staatskasse zukommen und gestand ihnen sogar richterliche Befugnisse zu. Im Staatsdienst wurden nun die Christen bevorzugt. Der Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea (* um 260, † 339 n. Chr.), der Biograph des Kaisers, hat der Nachwelt überliefert, Christus habe dem Herrscher in einer Vision den Sieg über seinen Widersacher Maxentius (Kaiser: 306 – 312 n. Chr.) verheißen. Daraufhin habe er das Christogramm auf die Schilde seiner Soldaten malen lassen, so lässt uns Eusebius wissen, und er habe dann auch den Usurpator Maxentius 312 n. Chr. an der Milvischen Brücke über den Tiber (= Pons Milvius) besiegt.

 

Historiker mögen der Legende von Konstantins »Bekehrung« wenig Glauben schenken. Bei nüchterner Betrachtung bleibt festzuhalten, dass sich nur in der Armee des Maxentius viele Christen befanden. Konstantins Soldaten waren fast ausschließlich heidnische Gallier. Einen Glaubenskrieg dürften die zerstrittenen Parteien deshalb kaum geführt haben. Gleichviel– Konstantins umsichtige, auf Verschmelzung des römischen Staatsgedankens mit dem Christentum ausgerichtete Politik sollte die Alte Welt dauerhaft zu einer anderen werden lassen. Bis heute unterscheiden Kirchenhistoriker die »Vorkonstantinische Ära« von der (bis heute andauernden) »Konstantinischen Ära«. Kaiser Konstantin verschaffte dem Reich im vierten nachchristlichen Jahrhundert noch einmal eine Atempause und ermöglichte vielen römischen Provinzen so eine erstaunliche Spätblüte basierend auf der »Pax augusta«, dem kaiserlichen Frieden. Auch Trier (»Augusta treverorum«) scheint nun glanzvolle Jahrzehnte gehabt zu haben. Zwischen den Jahren 293 und 395 n. Chr. war die Stadt an der Mosel Verwaltungssitz der Westhälfte des Römischen Reiches.

 

Hier begann übrigens der politische Aufstieg des großen Konstantin. Er hatte in der kaiserlichen Residenzstadt auch für eine rege Bautätigkeit gesorgt. Trier war die damals größte Stadt nördlich der Alpen. Ihre etwa 70 000 Einwohner lebten im Schutze einer 6,5 Kilometer langen Stadtmauer, deren Nordtor, die so genannte »Porta nigra« (= schwarzes Tor), heute zu den Wahrzeichen der Stadt zählt. In Trier ließ Konstantin unter anderem die Basilika (»Palast-Aula«, auch »Konstantinbasilika«) und die Kaiserthermen errichten. Der Rhetorik-Professor Ausonius (* um 310, † um 395 n. Chr.) aus Bordeaux (lat.: »Burdigala«), der als Erzieher der Kaisersöhne nach Trier berufen worden war und in seiner Dichtung »Mosella« Trier und die Mosellandschaft besungen hat, fand schöne Worte für seine provinzial römische Wahlheimat: »Jetzt muss ich endlich die Kaiserstadt Trier rühmen, die trotz der Nähe des Rheins ohne Gefahr

im Schoße des tiefsten Friedens sich ausruht. «

 

Es sollte im ausgehenden vierten Jahrhundert das letzte friedvolle Wort über diese Region sein, das uns

überliefert ist.

 

»Was bleibt heil, wenn Rom fällt?«

 

Dann kamen die Hunnen. Sie drängten aus Zentralasien nach Westen vor. Niemand konnte sie aufhalten, und sie jagten die fliehenden Germanen vor sich her. Auch die an der Theiß und in Schlesien siedelnden Wandalen, eines der vielen germanischen Völker im damaligen Europa, wurden von dem großhunnischen Herrschaftsanspruch nach Westen getrieben, ausgelöst wahrscheinlich durch die Wirren im Römischen Reich nach dem Tode des Kaisers Theodosius I. (395 n. Chr.) und angestachelt vom Konkurrenzdruck anderer germanischer Völkerscharen, die gegen Ende des vierten Jahrhunderts bereits in Bewegung geraten waren. So nahmen die Wandalen, und mit ihnen alanische und suebische Verbände sowie römische Unterschichten aus dem mittleren Donauraum (»Pannonien«) den direkten Weg nach Westen.

 

Im Januar des Jahres 407 n. Chr. erreichte die Völkerlawine Trier. Sie hatte zuvor den Rhein überquert, vermutlich auf der Höhe von Mainz. Fast zur gleichen Zeit zog der Westgote Alarich (Heerkönig: 391 – 410 n. Chr.) vor Rom. Er ließ die »Ewige Stadt« zwischen dem 24. und 27. August des Jahres 410 n. Chr. plündern. Überliefert ist, dass eine Dame aus vornehmem stadtrömischem Geschlechte heimlich die »Porta salaria« hatte öffnen lassen, um Schlimmeres zu verhindern. Ein Teil Roms ging in Flammen auf. Viele Bürger sollen bei diesem Germanensturm gefoltert worden sein, um den Gepeinigten »Geständnisse« abzupressen über verborgene Schätze. Doch da die Goten Christen waren, verschonten sie die Gotteshäuser der damals noch jungen Bischofsstadt. Den Barbaren fielen unermessliche Reichtümer in die Hände, auch Teile des jüdischen Tempelschatzes, den einst Kaiser Titus nach Rom hatte bringen lassen. Nur Getreidevorräte, die sie am dringendsten benötigt hatten, fanden sie nicht. Tiefe Erschütterung ergriff die Römer im Angesicht der Schreckbilder von plündernden Horden, auch noch lange danach. Man fragte sich, »was bleibt heil, wenn Rom fällt? « In seinem »Gottesstaat«De civitate Dei«) suchte der zeitgenössische Kirchenlehrer Augustinus (* 354, † 430 n. Chr.) nach einer eschatologischen Antwort auf diese Frage. Der Fall Roms erhielt darin den Rang eines Welt- und heilsgeschichtlichen Ereignisses. Auf das irdische Staatsgeschehen (»Civitas terrena«) konnte diese Schrift allerdings noch des längeren keinen Einfluss nehmen. Der einsetzende Völkersturm der Germanen nahm seinen Lauf.

 

Zeitzeugnis

 

»Ich fragte sie, ob sie Christen wären. Gestanden sie das ein, so fragte ich sie unter Androhung der Todesstrafe zum zweiten und zum dritten Male; blieben sie dann noch verstockt, so ließ ich sie hinrichten. Denn ich zweifelte nicht, dass man, einerlei wie es auch sonst um ihr Vergehen stände, jedenfalls ihre Hartnäckigkeit und ihren unbeugsamen Trotz bestrafen müsste. « (Plinius über seine Behandlung der Christen).

 

Auszug aus: Römer und Germanen, Die Christianisierung der röm. Weltreichs, S. 22