Während im hohen Norden die Germanen mit dem Hakenpflug ihrem entbehrungsreichen Tagewerk nachgingen oder auf dem »Thingplatz« Gericht hielten, suchten die Bürger im kaiserlichen Rom die Theater auf. Feiertags spannten Marinesoldaten ein riesiges Segeldach über das Colosseum. Die Massen liebten grausige Spektakel. Bären aus germanischen Wäldern wurden auf afrikanische Löwen gehetzt, und sie rissen einander die Köpfe ab. Zur Abwechslung füllte man die Arena mit Wasser. Seeschlachten galten als ein besonderes Vergnügen. Die Leichen der Unterlegenen trieben in der roten Brühe an den vordersten Sitzreihen vorbei. Erhalten sind von alledem nur die unterirdischen Ställe und Magazinräume. Die Spielfläche ist längst abgetragen.

 

Bauten und Prachtbauten

 

Die größte Anlage war der »Circus maximus« mit 250 000 Zuschauerplätzen. Seine Rennstrecke maß 800 Meter in der Länge und 80 Meter in der Breite. Eines Tages stürzten die Haupttribünen ein. 13 000 Zuschauer fanden dabei den Tod. »Munera« nannten die Römer ihre Spiele, für die der Satirendichter Juvenal (* um 60, † um 140 n. Chr.) nichts als Verachtung übrig hatte: »Seit dieses Volk keine Stimmen mehr zu verkaufen hat, … liegt ihm nach seinem Sturz ängstlich und lüstern nur noch zweierlei am Herzen: Brot und Spiele«. Titus (Kaiser: 79 – 81 n. Chr.), Trajan (Kaiser: 97 – 117 n. Chr.) und Mark Aurel (Kaiser: 161 – 180 n. Chr.) bemühten sich, diese Spektakel einzudämmen – vergeblich. Erst ein Edikt des späten Herrschers Honorius (Kaiser: 395 – 423 n. Chr.) aus dem Jahre 404 sollte diesem Spuk definitiv ein Ende machen.

 

Aus der strengen Republik war eine reiche Monarchie geworden. Dem entsprach die Pracht der Bauten. Seit den Tagen Caesars und des Kaisers Augustus verwendete man für die öffentlichen Bauten Marmor. Das ältere Tuffsteinmauerwerk erhielt nun zum Teil eine Verkleidung mit dem neuen Baustoff. Auch das altehrwürdige Forum Romanum wurde überbaut und erweitert. Es entstanden unter anderem die Tempel des Caesar, des Augustus, ferner Vespasians (Kaiser: 69 – 79 n. Chr.) sowie des Antoninus (Kaiser: 138 – 161 n. Chr.) und seiner Tochter Faustina, die kaiserlichen Triumphbögen (zum Beispiel der Titusbogen), schließlich die unter Konstantin (Kaiser: 306 – 337 n. Chr.) vollendete Maxentius-Basilika. Nach einem katastrophalen Großbrand im Jahre 64 n. Chr. sollte Rom auf Neros Geheiß hin (Kaiser: 54 – 68 n. Chr.) noch prächtiger werden. 80 n. Chr. wurde das oben erwähnte Kolosseum (»Flavisches Amphitheater«) eröffnet. Es fasste 73 000 Zuschauer. Dieser »steinerne Koloss«, der den Jahrtausenden trotzen konnte, wurde im Mittelalter und in der frühe Neuzeit als Steinbruch verwendet.

 

Doch Rom bestand nicht nur aus diesen Prachtbauten.22 In den kaiserlichen Distriktlisten der Hauptstadt aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert waren 50 000 Häuser verzeichnet; darunter befanden sich auch 2000 herrschaftliche Villen mit einem Empfangsraum (»Atrium«) und Innenhof (»Peristylium«). Das gemeine Volk wohnte in kleinen, ziemlich unbequemen Wohnungen (»Cenacula«), und diese befanden sich in mehrstöckigen Mietskasernen. Im Erdgeschoss dieser Zweckbauten waren kleinere Läden und Werkstätten untergebracht.

 

Ein Reich von enormer Größe

 

In der Hauptstadt des Römischen Reichs herrschte geschäftiges Treiben. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Bevölkerungszahl Roms um die Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts auf etwa 1 500 000 erhöht hatte. Hier lebten Menschen aus allen Ländern der bekannten Welt: Kriegsgefangene aus dem Osten, Kaufleute aus Griechenland, Sklaven aus Germanien und Gelehrte aus Ägypten. Alle hatten beschwerliche Reisen hinter sich bringen müssen, besonders wenn sie aus den entlegenen Provinzen kamen – aus Assyria im Osten, Lusitania im Westen oder Britannia im Norden. Zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung unter Kaiser Trajan erstreckte sich das Römische Reich vom Persischen Golf im Südosten bis zur schottischen Grenze im Nordwesten. In Rom ist noch heute der Marmorsockel einer vergoldeten Bronzetrommel (»Goldener Meilenstein«) zu sehen, auf der die Entfernungen von Rom aus zu den Hauptstädten der römischen Provinzen angegeben waren. Die für den damaligen Menschen kaum vorstellbare Größe des Imperiums schuf die Notwendigkeit, auch die Bürger des Reichs, Beamte, Diplomaten, natürlich auch ganze Armeen in immer entferntere Gebiete zu entsenden. Der Landweg hinaus an die Peripherie des Reichs führte über befestigte Wege mit einfacher Schotterschicht. In der Nähe der Städte waren sie mit einer geschlossenen Pflasterdecke versehen.

 

Die Römer legten Kanäle an, schütteten Schutzdämme auf, bauten Tunnel und Brücken – allemal technische Meisterleistungen, die im Altertum nicht Ihresgleichen fanden. In den Häfen Italiens, vor allem in Ostia (im Westen) und Brundisium (im Osten) wurden die Waren des fernen Orients, der Schwarzmeerküste, Nordafrikas, Galliens und Britanniens gelöscht – Erze, Öle, Purpur, Wein, hochwertige Fertigprodukte der damaligen Gewerbe und des Handwerks. Die wilden Tiere für die Spiele im Amphitheater kamen aus Nordafrika oder Germanien.24 Um an die von den Friesen und Chauken bewohnte deutsche Nordseeküste zu gelangen, mussten die römischen Schiffe die »Säulen des Herkules« (= Gibraltar) passieren, dann die lusitanische und aquitanische Küste hoch segeln, schließlich den Weg vorbei an den Provinzen Gallia, Belgica und Germania inferior nehmen. Berühmt war der 60 Meter hohe Leuchtturm von Gesoriacum, das heutige Boulogne-sur-Mer (Département Pas-de-Calais). Caligula (Kaiser: 37 – 41 n. Chr.) ließ ihn für einen geplanten Feldzug nach Britannien errichten. Während die Schiffe der kaiserlichen Flotte Zweiruderer, Dreiruderer und Fünfruderer waren, vollzog sich der zivile Transport von Personen und Gütern auf Seglern. Funde lassen darauf schließen, dass ein mittelgroßes Lastschiff etwa 25 – 30 Meter lang und etwa 8 – 10 Meter breit war.

 

Die »Urbs« – ein Schmelztiegel der Völker

 

Zu Wasser und über Land – so gelangten die vielen Fremden nach Rom. Hier spendeten über 1000 Brunnen frisches Wasser, das über Aquädukte aus dem Apennin, das heißt: aus beträchtlicher Entfernung herangeführt wurde. 700 000 Kubikmeter Wasser strömten pro Tag in die Stadt, auch in die elf großen Badeanlagen (»Thermen«), in denen sich 20 000 Menschen gleichzeitig aufhalten konnten. Das öffentliche Badewesen der Stadt diente nicht nur der Hygiene. Modern gesprochen waren die Thermen die »Freizeitparks der Spätantike« – mit gepflegten Gärten, medizinischen Einrichtungen, Gastwirtschaften und Bibliotheken. In der einen oder anderen Weise hatten alle teil an den zivilisatorischen Errungenschaften der »Urbs« (= die Stadt Rom), ob sie nun Freigeborene, Freigelassene oder Sklaven waren. Letztere waren stets potenzielle Freigelassene, und diese unterschieden sich mit ihren Nachkommen spätestens der dritten Generation in nichts mehr von den Freigeborenen. Das Reich entledigte sich so beständig seiner Paria und gab der römischen Gesellschaft Jahrhunderte lang die innere Kraft zur Erneuerung. Rom hatte diese Kraft in der Kaiserzeit bald bitter nötig. Denn an äußerer Bedrohung mangelte es nur noch selten. Mit fortschreitender Zeit drückten die Barbaren immer mächtiger auf die Reichsgrenzen. Und aus dem Orient drangen obskure Heilslehren und die sonderbarsten Kulte nach Westen. Selbst einige Kaiser sympathisierten mit ihnen und konnten sich ihrem Bann nicht entziehen, denn die römischen Staatskulte verblassten allmählich und vermochten die Glorie des Herrschers nicht mehr ausreichend zum Ausdruck zu bringen. Andererseits lenkte das Volk sein Sehnen auch auf überirdische, inhaltlich schwer fassbare Ziele, auf Mysterien. In kleinen Kultgemeinden verehrte man zum Beispiel den persischen Gott Mithras oder die ägyptische Göttin Isis. Sie wurden als Mittler zwischen »gut« und »böse«, zwischen dem »Licht« und dem »Dunkel« angerufen, um die geschundene Seele des spätantiken Menschen zu erlösen.

 

Auszug aus: Römer und Germanen, Die römische Zivilisation der Kaiserzeit, S. 19