Bei dem Wort Wikinger denken viele an gehörnte Seeräuber, was Unfug ist. Im Grunde bezeichnet man die skandinavischen Völker (Gebiet Dänemark, Schweden, Norwegen) mit späteren Eroberungen (Normandie, England, Island, Orkney, Shetland und ein Teil Irlands, sowie Russland und die Waräger Garde in Byzanz und Sizilien, als auch die Färöer Inseln und Grönland) als Wikinger welche im Zeitraum zwischen 793 (Beginn der Wikingerzeit mit dem Überfall auf das Kloster St. Cuthbert in Lindisfarne) und 1066 (Ende der Wikingerzeit mit dem Tod von Harald Hadradr bei der Schlacht um Stamford Bridge) gelebt haben.

 

Die Einteilung erscheint recht willkürlich und ist es auch. Mit dem Tod von Hadradr in 1066 waren die Wikinger nicht einfach verschwunden, aber es läutete das Ende ein - nach Hadradrs Niederlage (er war so eine Art König von Norwegen) begannen die Wikinger an sich und ihren Göttern stark zu zweifeln. Kleinere Zweifel an der Stärke der eigenen Götter hatte man schon durch frühere Niederlagen erfahren, doch dazu gleich mehr. Jedenfalls waren die Wikinger nicht über Nacht verschwunden. Bis 1100 waren jedoch die skandinavischen Länder Großteils christianisiert, sowie auch die eroberten Gebiete - aus Irland wurden die Wikinger vertrieben wie auch aus England zuvor. Allein in Island, Orkney, Shetland und den Färöer Inseln hielt sich das Heidentum hartnäckig wobei das in Island auch eine Minderheit war.

 

Zusammen mit der Christianisierung und der Aufgabe des alten Glaubens, begann die Unterdrückung des Volkes - sie waren keine freien Männer mehr sondern Knechte. So schwangen sich erfolgreiche Heerführer zu christlichen Königen auf deren Anspruch durch Gott unanfechtbar war, anders als im Heidentum als der Anführer dem Volk was bieten musste. Es wurden erstmalig Steuern erhoben (das hätte sich früher kein Wikingerführer getraut, der musste umgekehrt seinen Leuten was zahlen damit die ihm folgen). Die Frau verlor ihre Rechte und ihren Status, wie auch die meisten Einwohner. Die kleinen Territorien und Stammesgebiete wurden zu riesigen Reichen vereint und die wenigen Heiden die es noch gab wurden teilweise verfolgt. Ab ca. 1100 waren die "Wikinger" verschwunden - christianisiert im Norden, ins Reich eingegliedert (Frankreich) oder mit der einheimischen slawischen Bevölkerung vermischt (Russland) bzw. der Griechischen (Byzanz).

 

Auch der Beginn war sehr willkürlich gewählt. Überfälle der Norweger und Dänen auf christliche Klöster und Städte gab es schon früher. Warum also ausgerechnet Lindisfarne? Weil es weh tat. St. Cuthbert war eines der heiligsten Klöster der Christen, vollgestellt mit heiligen Artefakten. Es war eine Hochburg des Glaubens und einer der 3 heiligsten Orte der damaligen Zeit. (nach Rom und Jerusalem). Lindisfarne war ein derber Schlag für die Christenheit und läutete in den Augen der damaligen Bevölkerung die Apokalypse, das jüngste Gericht ein. Historiker berichten, dass dem Überfall Seuchen und Hungersnöte vorrausgingen - man sah im Angriff der Wikinger das letzte Zeichen des nahenden Weltunterganges. Manche bezeichneten die Wikinger als grausame blutrünstige Dämonen, Andere sahen in ihnen das Werkzeug Gottes, das eine sündige Menschheit von der Erde fegen sollte. So oder so, sie waren über Nacht der Schrecken der Christenheit geworden.

 

Das versteht man besser wenn man die Gedanken der Christen durchleuchtet - die Christen dachten, die Heiligen würden sie schützen. Man wusste, dass die Reliquien von Heiligen (etwa sterbliche Überreste oder Gegenstände der Heiligen wie ein Stück Holz von Jesus Kreuz) vor weltlichen und übernatürlichen Gefahren schützen. Man sagte ihnen auch große Heilwirkung nach - Reliquien waren die Rundumversicherung der damaligen Christen und es wurde reger Handel mit gefälschten Reliquien getrieben. Jedenfalls war St. Cuthbert wie erwähnt vollgestellt mit Reliquien und die Wikinger konnten nicht nur mühelos eindringen, sie konnten auch alle Mönche umbringen bzw. gefangen nehmen, das Kloster ausrauben und zerstören.

 

Das Weltbild der Gläubigen war vernichtet - wie konnte Gott das nur zulassen? Wieso schützen die heiligen Reliquien nicht vor diesen Monstern? Ihr Glaube war erschüttert. Um die Gläubigen nicht zu verlieren und damit die Macht, wurden zahlreiche Geschichten über die unglaubliche Stärke und Kampfkraft der Wikinger verbreitet - nicht zu Unrecht, denn irgendwie schien keine Armee der damaligen Zeit den Wikingern gewachsen zu sein. Zudem wies man ihnen dämonische Kräfte zu - immerhin schlugen sie ebenso schnell aus dem nichts zu, wie sie wieder mit reicher Beute darin verschwanden. (Schon damals hatten Wikinger Schiffe mit denen man Flüsse hochfahren konnte und die bis zu 20 Knoten schnell wurden (ca. 40 km/h) – eine unglaubliche Geschwindigkeit für die damalige Zeit.

 

Sie ließen sich von Wunden und Schmerz nicht aufhalten, waren herausragende Kämpfer und bestens gerüstet - und sie waren Heiden - die Armee der Hölle, so dachte man. Kurzum die Angst vor Wikingern ist vergleichbar mit der Angst vor heutigen Terroristen - keiner wusste wann oder wo sie zuschlagen, jeder musste mit einem Angriff rechnen egal wo in Europa er wohnte. Selbst Regensburg wurde von Wikingern geplündert, wie auch viele andere Städte inmitten des Kontinentes. (entlang des Rheins einige, aber auch Paris und später über die Donau auch andere Städte) Jahrhundertelang sollten die Wikinger Angst und Schrecken verbreiten. So wurde die altnordische Bezeichnung für die Plünderer, die übrigens in ihrer eigenen Gesellschaft als Kriminelle galten, zum Namen für ein ganzes Volk. Die Wikingervölker selbst nannten sich jedenfalls anders. Zumal es Die Wikinger nie gegeben hat. Zwei Mal in der Geschichte hätte es beinahe ein Wikingerimperium gegeben das England und die skandinavischen Länder umfasst hätte, aber beide Male starben die Anführer kurz bevor sie ihr Ziel erreichen konnten (Hadradr und Knut (Sohn von Sven Gabelbart) der König von England war - durch Eroberung). Es waren vielmehr Clangemeinschaften, kleine Stämme und erst spät größere Verbünde die schon einen großen Teil von etwa dem heutigen Norwegen umfassten aber noch keine richtigen Königreiche waren. Dänemark trat noch in der Wikingerzeit - um 950 - zum Christentum über und wurde bald Königreich unter Harald Blauzahn (im englischen Bluetooth, wird übrigens eine Berkana Rune verwendet um die Technologie Bluetooth darzustellen).

 

Dennoch hatten diese Gemeinschaften, die auch untereinander Kriege führten, eine gemeinsame Sprache (altnordisch) Religion (Asatru / nordisch) und Kultur, was sie historisch gesehen zu einem Volk macht. Im Grunde waren sie die "Germanen des Mittelalters" - viele Wikingerstämme gab es schon zu Zeiten der Germanen (etwa die Gauten, damals bekannt als die Goten - ein berühmter Germanenstamm) und sie verband mit den Germanen nicht nur die Lebensweise und Architektur, sondern generell die Kultur, die Gesetzgebung, Demokratie (Thing) und Religion. Und zu einem Teil auch die Sprache (Altnordisch entwickelte sich direkt aus dem Protogermanischen über das Protonordische) Sie, anders als die antiken Germanen, ließen sich mit der Konvertierung zum Christentum einfach noch ein paar Jahrhunderte mehr Zeit.

 

Und auch hier sollten die Römer recht behalten die schon damals wussten "Der größte Feind des Germanen, ist ein anderer Germane" bedenkt man welche Völker aus den Germanen hervorgingen (etwa England & Frankreich oder Deutschland & Norwegen) ist das bis in die moderne Zeit so korrekt, dass es direkt weh tut. Oder lustig ist wenn man Sinn für schwarzen Humor hat. Die Dämonisierung der Wikinger sorgte für viele Gerüchte und bis heute halten sich Einige davon hartnäckig. Dabei waren die Wikinger im größten Teil friedliche Handwerker, Bauern und Händler was große Handelsstädte wie Haitabu deutlich zeigen. Natürlich gab es auch Krieger und deren Ruhm war gewaltig. Allerdings verdienen auch die Handwerker Hochachtung, denn ihre Kunstfertigkeit wurde lange nach ihnen nicht mehr übertroffen, und die Händler handelten mit Elfenbein aus Walrosszähnen aus Grönland, mit kleinen Buddhastatuen aus China, Gewürzen aus den arabischen Ländern und Waren aus Byzanz, aber auch mit Sklaven aus aller Welt. Ein Netzwerk, das ebenfalls lange nach ihnen nicht mehr erreicht wurde.

 

Stämme:

 

Wikinger benannten sich oft nach den Orten an denen sie lebten. So wie es auch heute "Franken", "Bayern", "Berliner" etc. gibt, gab es damals etwa in Norwegen die "Rygialandi", "Halogaland" "Vestfold" in Schweden etwa die "Gautlandi" "Gotland" (Goten), Swethiud (später der "Herrscherstamm" über ganz Schweden daher der Name) und Häme. In Dänemark gab es etwa die "Prusi" die "Obotriten" und die "Danen". Am bekanntesten sind heute vermutlich die östlichen Wikinger, die "Rus" nach denen das heutige Rus(s)land benannt ist, was den Namen angeht jedenfalls. War also ähnlich aufgebaut wie im antiken Germanien das ja nicht aus "DEN" Germanen bestand sondern etwa den Sueben, den Markomannen, den Sachsen, den Friesen, Teutonen etc. Dennoch waren die Unterschiede eher gering, war doch wie gesagt Sprache, Kultur, Religion, Architektur etc. nahezu gleich. Dennoch wäre etwa ein Franke beleidigt wenn man ihn als Bayer bezeichnet obwohl die Unterschiede für Außenstehende nur schwer zu erkennen sind.

 

Das Wikingererbe heute:

 

Für viele Menschen vielleicht der interessanteste Punkt. Wo spüren wir denn heute noch die Wikinger? Worin besteht ihr Erbe für die Welt? Nun, es ist ein großes Erbe, das sich in eigene Punkte unterteilt. Da wäre etwa die Sprache: Natürlich in allen "nordischen" Staaten, aber auch in Englisch und sogar Deutsch, haben wir Worte die direkt aus dem Altnordischen übernommen wurden (in Deutsch wenige, da hier vor allem Protogermanische Wörter überlebten die noch vor dem Altnordischen hier eindrangen). Im Englischen wird das schneller ersichtlich: take (taka) give, (gefa) raven (hravn) und so weiter - viele Wörter sind nordischen Ursprunges. Aber auch sehr viele Ortsnamen - alle Orte die auf "-by" enden sind von Wikingern gegründet worden. Im Name Russland versteckt sich der Wikingerstamm der Ruß und die Normandie kündet noch von ihren einstigen Herren.

 

Politisch gesehen waren die Wikinger verantwortlich für die Bildung einiger moderner Nationen. Ohne die Wikinger hätte es vermutlich nie ein Russland gegeben, denn bevor die Wikinger kamen standen in den Einöden kaum etwas nur kleine slawische Dörfer die sich bekriegten. Die Wikinger aus Schweden erbauten die ersten großen Städte der Gegend - Kiev, Nowgorod und St. Petersburg, welche später Nationen Formen und zu Russland werden sollten. Die Wikinger hatten ein Handelsnetzwerk das bis nach China reichte und errichteten auch andere Städte in der Gegend. Aber auch England wie wir es kennen, würde es ohne Wikinger nicht geben. Die Wikinger einten die 5 englischen Reiche der Insel inklusive Irland und den schottischen Inseln zu einem Reich. Und auch William der Eroberer, der "Vater" Englands war ein Wikinger aus der Normandie. Island und andere Inselstaaten hätte es auch nicht gegeben.

 

Ausschlaggebender war jedoch ihr gewaltiges Handelsimperium das Waren aus aller Welt zugänglich machte und die Kunst vieler Völker bereicherte. Wesentlicher als das, war jedoch die Erfindung der Währungsunion. Ja der Euro und die EU sind keine Erfindung der Moderne - schon die Wikinger entwickelten ein einheitliches Währungssystem das weite Verbreitung und Anklang fand. Und als sie letztlich dem Christentum beitraten und bei den Kreuzzügen mitwirkten hatten wir eine Art EU und Nato in einem. Ebenfalls sehr interessant, waren die großen Errungenschaften in der Seefahrt, welche den Handel zur See allgemein verbesserten. Auch für die Küche und Brauerei hinterließen sie einige tolle Rezepte. Das künstlerische Erbe der Wikinger lebt bis heute fort - auch heute noch orientiert sich die Kunst an Wikingermotiven deren bekannteste Form wohl die Tribals sind.

 

Für die Esoteriker - die Runen sind auch heute noch magische, geheimnisvolle Schriftzeichen die immer mehr Anhänger haben. Die Denkweise der Wikinger lebt da fort. Auch in der Kosmetik haben wir ein Erbe der Wikinger, die sehr reinlich waren. Was uns kulturell blieb waren die Sagas. Es klingt erstaunlich, aber beinahe alles was wir heute mit Fantasy verbinden stammt von den Wikingern. Elfen / Elben, Zwerge, Feen, Riesen, Trolle, Orks, Werwölfe, Zombies, Hexen, Drachen, magische Waffe, Rüstungen, Materialien...alles germanisch/nordisches Erbe. J.R.R. Tolkiens Meisterwerke (Herr der Ringe und Co.) sind von den Sagas inspiriert. Viele Namen seiner Werke sind nordische Namen (etwa Gandalf) und gerade das Silmarillion erzählt fast 1:1 isländische Sagas nach nur mit mehr Fantasygestalten. Und wer kennt nicht die Nibelungensaga oder die Legende von Beowulf? Auch in der Mode haben wir lange Zeit Wikingermode beibehalten, reich verziert und doch praktisch.

 

Erstaunliche Seefahrer:

 

Die wohl größte Errungenschaft der Wikinger war ihre Leistung als Seefahrer. Ihre Schiffe konnten nicht nur der rauen Hochsee standhalten sondern selbst über Flüsse fahren. Das beeindruckteste war aber wohl, dass diese Schiffe leicht genug waren, dass sie selbst über Land transportiert werden konnten. Das "klassische" Wikingerdrachenschiff für 60 Mann war unglaublich schnell (ca. 40 km/h) sehr wendig, konnte sofort die Fahrtrichtung ändern und war sowohl auf der Hochsee wie auch auf Flüssen einsetzbar. Aufgrund des niedrigen Tiefganges konnten die Wikinger die Seine bis Paris, den Rhein und von Regensburg aus über LAND in die Donau gelangen. Das Schiff wurde dazu aus dem Wasser gehoben, auf Holzrollen angebracht und geschoben bis wieder ein Fluss in Sicht war. Die Schiffe wurden aus verschiedenen Hölzern gemacht, ein jedes Holz für seine Aufgabe bestens geeignet. An die 20 verschiedenen Äxte wurden zur Verarbeitung benutzt und die wichtigen Schiffsbretter wurden aus einem einzigen Baum gewonnen was sie unglaublich flexibel machte. Segel aus wasserabweisender Wolle, mit Fett imprägniert, waren ebenso "hochtechnologisch" wie ihre Schiffe die im wahrsten Sinne auf den Willen ritten und dabei manchmal sogar kurzfristig aus dem Wasser gehoben wurden. Mit diesen Schiffen war fast überall Landgang möglich. Ebenso bewundernswert ist ihre Methode, mit der sie sich orientierten - ohne Kompass würde heute kein Kapitän in See stechen und auch Kolumbus wäre ohne nicht ans Ziel gelangt. Die Wikinger schon - sie orientierten sich aber nicht an den Sternen, eine Methode die anderen Völkern eigen war, sondern an der Sonne, der Farbe des Wassers und - Vögeln. Gefangene Raben wurden auf hoher See freigelassen - kreisten sie über dem Schiff und kamen zurück, war kein Land im umkreis von 200 Kilometern. Flogen die Raben dagegen weg, so wusste man, dass in dieser Richtung Land lag.

 

Diese etwas ungenaue Methode der Orientierung hatte viele "Zufalls" Entdeckungen zur Folge. So wurde Amerika etwa von einem Kapitän entdeckt, der eigentlich nach Island wollte und abdriftete. Erik der Rote folgte dann den Erzählungen und fand Grönland. Ein Kapitän Namens Bjarni (der Blonde) der von Island nach Grönland wollte, driftete ab und kam irgendwo bei New York an - und später sollte Leif Erikson dort siedeln und das Land Vinland nennen.

 

Auszug aus: www.vikinganswerlady.com/index.shtml)- Dr. Maria Kvillhaug, Christie Ward