Ein Fest für Odin

 

Einen Sommer lang haben die Männer auf den Lofoten ihre kargen Felder bestellt, sind auf Handel ausgefahren und auf Raubzug. Jetzt hat sich die Winternacht herabgesenkt auf ihren Archipel nördlich des Polarkreises. Und der Häuptling von Borg hat in seiner Halle geladen, damit sie mit ihm essen, trinken und feiern - zu Ehren ihrer Ahnen und Götter.

 

Am Anfang war eine große Leere. Nichts trennte die eisigen Weiten Niflheims und Muspelheim, der Welt des Feuers. Irgendwann aber in dunkler Vorzeit ergoss sich ein Fluss in dieses Nichts und gefror. Und dort, wo Hitze und Kälte einander berührten, ward aus dem schmelzenden Eis Ymir, der Ahnherr der Frostriesen. Schließlich erhob sich eine Kuh aus den schmelzenden Massen. Sie leckte am Eis und brachte eine menschenähnliche Gestalt zum Vorschein, deren Sohn später mit einer Riesin den ersten und mächtigsten aller Götter zeugte: Odin, der mit seinen Brüdern Ymir tötete. Aus dem Fleisch des Riesen formte Odin die Erde, aus seinem Blut die Meere, aus seinen Knochen die Berge, aus seinen Haaren die Wälder, aus seinem Schädel den Himmel und aus seinem Hirn die Wolken. Dann erschufen die Götter aus zwei Baumstämmen das erste Menschenpaar. Bald bevölkerte eine Vielzahl von Wesen die Welt: Menschen, Riesen, Zwerge, Elfen, in Fesseln liegende Ungeheuer sowie das kriegerische Göttergeschlecht der Asen, die in der Vorzeit viele Kämpfe mit den Vanen ausgetragen hatten, den Göttern des Reichtums und der Fruchtbarkeit.

 

All diese Wesen fanden ihre Heimstadt unter der Krone des Baumes Yggdrasil, einer ewig grünen Esche, die den ganzen Kosmos durchrangt. An ihrem Fuß wachen seither die Nornen, weibliche Gottheiten über das Schicksal allen Lebens. In der Mitte des Weltenbaumes, in Midgard, wohnen die Menschen. Eine flammende Regenbogenbrücke verbindet Midgard mit Asgard, der Welt der Götter: Dort bewohnt jeder Gott eine eigene Festung. Die prächtigste gehört Odin, dem Gott der Weisheit und Magie, des Krieges und der Toten. Von seinem Stammsitz Walhall aus kann der Göttervater die ganze Welt überblicken. Um soviel wie möglich von ihr zu erfahren, lässt er täglich Raben ausfliegen, die ihm von den Ereignissen in Midgard berichten. Dank seines geheimen Wissens sieht er voraus, das finstere Mächte die Welt eines Tages in den Untergang stürzen werden. Um sich für diesen letzten Kampf zu rüsten, schickt Odin bewaffnete Helferinnen, die Walküren, über die Schlachtfelder Midgards, damit sie alle heldenhaft gefallene Kämpfer in seine Burg bringen. Hier in Walhall leben die Krieger bis zum Weltenende weiter, messen sich tagsüber in Zweikämpfen und feiern abends an Odins Tafel ein immerwährendes Gelage mit Met und gebratenem Fleisch, Wortgefechten und Gesang. Das Fest in Walhall ist die Hoffnung all jener, die den Tod Jahr für Jahr auf Beute - und Kriegszügen herausfordern. Und es ist das Ideal eines jeden skandinavischen Fürsten und Häuptlings, der seine Krieger zu Gelagen ruft - auch auf den Lofoten, einer Inselkette, die 200 km nördlich des Polarkreises aus dem Meer vor der Nordwestküste Norwegens ragt. Jeden Winter, wenn die Zeit der großen Fahrten vorüber ist, wenn die Sonne wochenlang nicht aufgeht und die bunten Schleier des Polarlichts am Himmel tanzen, hellgrün, bläulich, violett wie die Feuer und Fackeln von Asgard, lädt der Häuptling von Borg - der auf Vestvagoy, der zweitgrößten Insel des Archipels residiert - zu einem rauschenden Fest auf seinem Hof. Die Gäste kommen vom Meer herauf, ihre Körper in wärmende Fellmäntel gehüllt. Viele von ihnen sind am Morgen mit Booten von ihren Höfen an der Küste aufgebrochen und an einer vorgelagerten Insel vorbei in die eisfreie Bucht im Westen von Vestvagoy gerudert, haben dort ihre Boote an Land gezogen. Andere kommen wohl auf Skiern herbeigefahren oder zu Pferd geritten, manch einer mag einen Schlitten angeschirrt haben. Einen Tag im Dezember, ein Jahr am Ende des 9. Jahrhunderts. Gelächter, Stimmengewirr, der flackernde Schein von Fackeln. Dutzende Menschen stapfen einen Hügel hinauf, der sich im Rücken der Bucht erhebt. Eisige Luft aus Osten hat Schnee gebracht, der Weg ist beschwerlich: Vor Wochen schon ist die Sonne glutrot zum letzten Mal über dem Horizont aufgetaucht, seither liegen die Lofoten auch am Tag im Dämmer. Dunkel zeigt sich auf dem Kamm ein Haus ab: Borg - "die Festung", der Sitz eines mächtigen Häuptlings.

 

Wie ein kieloben liegendes Schiff wirkt das fensterlose Gebäude mit seinem geschwungenen Dach, gegen das sich die etwa 120 anderen Gehöfte der Insel bescheiden ausnehmen: Mit 83 Metern ist es dreimal länger als ein gewöhnliches Bauernhaus. Das Meer vor den Lofoten, das voller Fische ist und niemals zufriert, hat den Herrn von Borg reich gemacht. Zudem wachsen in den Senken zwischen den Felsen und auf den Hügeln an der Küste Gras und Heidekraut - hier können fast das ganze Jahr über seine Schafe und Ziegen weiden. Wohl schon seit mehr als 400 Jahren herrscht die Familie von dieser Bucht aus über das Umland: Der Häuptling von Borg gebietet über eine Schar bewaffneter Gefolgsleute, die jederzeit bereit stehe, für ihn auf Raubfahrt zu gehen, Walrösser zu jagen oder Tribut von den Samen einzutreiben, den nomadisch lebenden Ureinwohnern auf dem norwegischen Festland. Vielleicht sind die Männer in diesem Sommer von Borg bis nach Kaupang im Süden Norwegens gesegelt haben: In der Handelsstadt Felle, Stockfisch, Häute und Geweihe gegen arabisches Silber, gegen mundgeblasene Glasperlen und Geschirr aus dem Reich der Franken eingetauscht. Gut möglich, dass sie über die Nordsee noch bis zu den Britischen Inseln gesegelt sind, um dort zu plündern und Beute heimwärts zu schleppen (auch wenn die große Zeit solcher Blitzangriffe durch kleine Wikingergruppen schon seit einigen Jahrzehnten vorbei ist). Im Herbst haben die Männer die Schiffe schließlich in Bootshäusern unten an der Bucht verstaut, haben die Ernte eingebracht und alles Vieh geschlachtet, das sie nicht durch den Winter füttern wollen; gormanud, "Blutmonat" nennen die Einheimischen diese ersten Wochen der kalten Jahreszeit. Ein gutes halbes Jahr lang hat das Abendland nun Ruhe vor den Nordmännern - Monate, in denen die Menschen außerhalb Skandinaviens nicht ängstlich nach Drachenschiffen ausspähen müssen.Während das Winterdunkel den Norden Europas umfangen hält, während sich Schnee über das Land legt und die Buchten der Ostsee zufrieren, bestellen die Wikinger Haus und Hof, reparieren Werkzeuge und Waffen, schnitzen aus Holz und Elchgeweih Löffel und Kellen, fertigen Schüsseln und Webgewichte aus Speckstein, verbringen Zeit mit ihren Familien. Und mehrmals in diesem Halbjahr feiern sie Feste, bei denen sie ihre Götter um Fruchtbarkeit, gute Ernten und Erfolg bei den Raubzügen und Handelsfahrten der nächsten Saison bitten. Tieropfer sollen dann die Gottheiten geneigt machen, Seherinnen sagen den Menschen die Zukunft voraus. Das wichtigste Großereignis im Winter, so lassen es manche Quellen vermuten, ist das Julfest, mit dem die Nordmänner die Sonnenwende begehen.

 

Zu diesem Fest hat der Herr von Borg mächtige Verbündete von anderen Inseln, aber auch Gefolgsleute und Bauern aus der Umgebung eingeladen. Vor dem Haus trägt ein hölzernes Gestell Schädel und Haut eines Pferdes. Der Häuptling hat es früher am Tag den Göttern geopfert. Nun lässt er vor den Augen der Gäste noch ein Rind töten. Mit dem Blut des Tieres, das in einem Gefäß aufgefangen wird, werden die Pfosten an der Tür im Inneren des Hauses bestrichen. Die Nordmenschen haben für solche Rituale keine eigens bestellten Priester: Ihre Herren übernehmen die Aufgabe, die Götter wohlgesonnen zu stimmen. Auch Tempel bauen sie nur selten, meistens dienen ihnen die Hallen der Mächtigen als heilige Orte. Der Schnee vor dem Häuptlingshaus ist rot, es riecht nach Blut. Durch eine reich verzierte Holztür gelangen die Gäste in einen Empfangsraum. Die reichsten unter ihnen haben vermutlich großzügige Geschenke für den Häuptling dabei, vielleicht ein Trinkgefäß aus Glas, ein prächtiges Zaumzeug oder sogar ein edles Pferd. Eine Dienerin reicht jedem Neuankömmling eine Schale mit Wasser und ein Tuch, damit er sicherfrischt. Dann betreten die Gäste die Halle des Hauses: einen lang gestreckten hohen Raum ohne Fenster, in dem die Familie sonst isst und arbeitet, wo Garn aus Wolle gesponnen wird, wo Webstühle stehen, auf denen Tuche für Kleidung und Segel entstehen. Für das Fest hat der Häuptling die Halle räumen und Tische und einige Bänke aufstellen lassen. Teppiche bedecken die Wände aus Holzplanken, die von außen mit Erde und Grassoden geschützt sind gegen Kälte. Mit Seehund - oder Waltran gefüllte Lampen werfen flackerndes Licht; in der Mitte des Raumes lodert ein Herdfeuer. Nur langsam zieht der Rauch durch Ritzen im Schindel bedeckten Dach und Öffnungen über den Giebeln ab, die Luft ist warm und stickig. Es riecht nach feuchter Wolle, nach Mist und tierischen Ausdünstungen, denn nur ein Raum trennt die Halle vom Stall. Und es duftet nach Geschmorten: Seit Stunden schon gart, bedeckt von glühend heißen Steinen und Grassoden in einer weiteren Feuergrube an der südwestlichen Seite der Halle das Fleisch des geopferten Pferdes. Der Häuptling thront auf einem Sitz gegenüber dem Eingang; ein stattlicher Mann, gewandet in eine bunt eingefärbte Wolltunika, über der Schulter ein mit Pelzbesatz verzierter Umhang, den eine Nadel aus Silber zusammenhält. Die kostbaren Kleider des Hofherrn zeugen von seiner hohen Stellung - die Häuptlinge von Borg entstammen vermutlich der Sippe der mächtigen Jarle (Fürsten) von Lade, und die führen ihre Herkunft auf eine heilige Ehe zwischen den Göttervater Odin und einer Riesin zurück. Unter dem Pfosten, die den Thron des Häuptlings tragen, sind Goldfolien vergraben, auf den das Antlitz der göttlichen Vorfahren eingeprägt ist: ein religiöser Zauber der Macht und Reichtum von Borg bewahren soll. Um seinen Gästen zu imponieren hat der Hausherr zudem Schätze in die Halle bringen lassen, die alltags sicher gut verschlossen sind: reinische Trinkgefäße mit filigranen Goldverzierungen, kobaltblaue Glasschaale aus England sowie einen Zeigestab mit vergoldeter Spitze - erbeutet von britischen Mönchen, die solche Geräte zum Lesen der Heiligen Schrift nutzen. Die Feier in der Halle beginnt mit dem Trankopfer. Der Häuptling erhebt sich und gießt berauschenden Met - ein aus Honig und Wasser vergorenes Getränk - in ein goldverziertes Glas. Dann bringt er einen Spruch aus, auf die Ahnen, auf seine Gäste und besonders auf die höheren Mächte. " Heil Euch Götter und Göttinnen, Heil Dir, freigiebige Erde, gebt uns, Ihr Glorreichen, Wort und Weisheit und heilende Hände, so lange wir leben", lautet ein solcher Vers, der aus späterer Zeit überliefert ist. Einen Teil des Mets bietet der Häuptling den Göttern dar indem er ihn auf die Erde gießt; den Rest leert er in einem Zug. Musikanten spielen mit Leiern und Flöten auf, Lieder zu Ehren der höchsten Götter des nordischen Pantheons erklingen. Neben dem Göttervater Odin verehren die Wikinger vor allem dessen Sohn Thor, dem Beschützer der Menschen und Götter, der mit seinem Hammer Mjölnir Riesen und Ungeheuer bekämpft, Odin und Thor zur Seite stehen Freiyr, der Hüter des Reichtums und des Friedens, sowie dessen Schwester Freyja, der die Menschen Schönheit und Liebe verdanken.

 

Nach dem Trankopfer lässt der Herr von Borg ein üppiges Mahl auftragen. Der Rang eines Häuptlings bemisst sich auch daran, wie viele Menschen er bewirten kann, und die Vorratskammern des Hofes sind reich gefüllt. Die Bewohner haben das im Blutmonat geschlachtete Vieh zerlegt und das Fleisch getrocknet, Butter geschlagen und für den Winter in Molke eingelegt; im Dachgebälk hängen getrocknete Seevögel und Schinken. Einige der geschlachteten Tiere wurden luftdicht eingepackt und in Erde vergraben. Auf diese Weise fermentierten die Kadaver und wurden, unter anderem durch das Salz in Blut und Eingeweiden, auf Jahre haltbar. Diener tragen Schüsseln herein, gefüllt mit in der Pfanne gebackenem Fladenbrot. Über dem Feuer, wo sonst morgens die Grütze für das Frühstück kocht, dampft eine Suppe oder ein Eintopf. Vor allem aber freuen sich die Gäste auf den Verzehr der geopferten Tiere. Zwar sind sie nicht ausgehungert nach Borg gekommen - das verstieße gegen die guten Sitten. Dennoch beobachten viele gierig wie die Bediensteten nun das gegarte Pferd zerlegen: Denn so viel Fleisch bekommen einfache Bauern nur selten zu essen. Mit Messern, die sie am Gürtel tragen, zerteilen die Männer das mit Salz, Petersilie, Knoblauch, Majoran, Thymian, Engelwurz gewürzte Fleisch; dann nehmen sie es sich mit den Fingern. Rinderhörner gefüllt mit Gerstenbier und Met, machen die Runde: Das gemeinsame Trinken ist der Höhepunkt jedes Wikingerfestes. Wer das frischgefüllte Gefäß erhält, kippt seinen Inhalt sofort herunter - denn wer zögert, wird als unmännlich verspottet und muss zur Strafe ein zweites Horn leeren. Nur Alte und Kranke dürfen den Alkohol ablehnen. Ein Skalde, ein fahrender Dichter, der in der komplizierten Dichtung der Nordmänner bewandert ist und gegen Bezahlung Preislieder auf mächtige Männer verfasst, trägt ein Gedicht auf den Häuptling vor. Nur geübte Zuhörer verstehen die aus verschachtelten Metaphern bestehenden Verse, die den Mut und die Taten des Hofherrn rühmen. Der nutzt die Gelegenheit, seine Getreuen zu beschenken. Denn ein solches Fest dient immer auch dazu, alte Freundschaften zu pflegen, neue Allianzen zu schmieden. Und nichts hält die Gefolgschaft eines Häuptlings zuverlässiger zusammen, nichts sichert ihn besser die Verbundenheit anderer hoher Herren als ein Präsent: Edle erhalten wohl Schwerter, Schmuck, der aus arabischem Silber geschmiedet wurde, oder vielleicht ein Stück Land; weniger hochstehenden Gästen schenkt der Häuptling von Borg Teile von Silberringen.

Irgendwann ist das Pferd verzehrt. Erhitzt vom Essen, von der Glut und von dem Alkohol, reden die Gäste nun lauter, unablässig lässt der Häuptling nachschenken. Einer der Männer steht auf und ruft ein anderer Gast eine bissige Beleidigung zu. Gespannt verfolgen die anderen, wie sich eine 'senna' entspinnt: ein Wortgefecht nach festen Regeln, bei dem zwei Gegner versuchen, sich gegenseitig mit Schmähungen und Drohungen zu überbieten. Es zählt die Beleidigungen selbst, etwa die Behauptung der Angegriffene über Geschlechtsverkehr mit Tieren aus, aber auch, wie geistreich die Kontrahenten sie parieren. Andere Besucher messen sich in einem förmlichen Austausch von Prahlereien, brüsten sich mit ihren Heldentaten und Abenteuern. Gleichgültig aber, in welcher Disziplin die Männer antreten - keinesfalls dürfen sie sich dabei anmerken lassen, wie viel Alkohol sie getrunken haben. Viele Gäste schwanken wohl irgendwann im Laufe des Abends zur Tür, zu einer Abfallgrube vor dem Haus: sich zu erbrechen gehört so selbstverständlich zu jedem Fest, dass die Wikinger es in ihren Sagen verewigen. So berichtet etwa die " Egil -Saga" von einem Gast, der sich aus Ärger über das Verhalten des Hausherrn zielgenau in dessen Gesicht übergibt - und in solchen Mengen dass der so Gedemütigte beinahe an dem Erbrochenen erstickt. Das große Gelage in der Halle ist den Männern vorbehalten. Doch auch die Frauen und Kinder von Borg feiern an diesem Abend: Sie haben den Disen geopfert, jenen weiblichen Gottheiten, die für Wohlstand und Glück sorgen, und sich anschließend in den Schlafraum der Häuptlingsfamilie zurückgezogen, um sich dort die Zeit zu vertreiben. Ein beliebtes Brettspiel ist hnefatafl, bei dem jeder Spieler eine Streitmacht von Figuren befehligt und versucht, den König des Gegners in die Ecke zu vertreiben. Kinder spielen mit Kreiseln, kleinen Schiffen und Figuren, kämpfen mit Holzschwertern. Früh lernt der Nachwuchs, sich mir der Waffe zu verteidigen. Bereits mit 12 Jahren gilt ein Sohn als Mann und darf mit dem Drachenschiff ausfahren. Gut möglich, dass auch der Spross eines Verbündeten im Raum ist: Unter den Wikingern ist es üblich, einen Sohn im Haus eines anderen Mannes aufziehen zu lassen. Weibliche Säuglinge hingegen werden nicht selten ausgesetzt - ebenso wie schwächliche Knaben. Aber ist ein Mädchen erst einmal verheiratet, hat es mehr Rechte und Macht als die seiner Zeitgenossinnen im Rest Europas. Zwar wählen die Eltern die Männer für ihre Töchter aus, doch kann sich eine Frau unkompliziert wieder scheiden lassen. Eine Erklärung vor Zeugen reicht vermutlich um den persönlichen Besitz und die Mitgift zurückzuerhalten. Eine frei geborene Wikingerfrau hütet die Schatztruhe und Vorratskammer der Familie und trägt als Zeichen ihrer Hausgewalt einen Schlüssel am Gürtel. Im Sommer, wenn viele Männer raubend und mordend durch Europa ziehen, zur Jagd oder in eine Handelsstadt aufbrechen, kümmern sich die Gattinnen zudem um den Hof, teilen die Arbeit zu, befehligen die Sklaven. Den Frauen wird auch die Fähigkeit zugesprochen, Krankheit und Übel abzuwehren: Mütter geben an ihre Töchter das Wissen über die Wirkung von Heilkräutern weiter und lehren sie magische Sprüche, die etwa Geburtsschmerzen lindern sollen. Dennoch wird kaum jemand älter als 40 Jahre, die meisten Menschen sterben deutlich jünger. Viele Säuglinge erliegen schon im ersten Winter Infektionskrankheiten. Die meisten Menschen werden ohne großen Aufwand zu Grabe getragen. Einflussreiche Männer aber erhalten ein prunkvolles Begräbnis: die Angehörigen legen dem Toten prächtige Gewänder an und betten ihn mit seinem Schwert auf einen Scheiterhaufen. Oft werden zusammen mit dem Leichnam auch reiche Gaben verbrannt: Waffen, Gläser, Schmuck, Werkzeuge, ein Wagen oder ein Reitpferd. Sie sollen die Reise in Jenseits und das Leben dort erleichtern. Wenig ist bekannt darüber, wie sich die Wikinger diese Welt vorstellen. Vermutlich glauben sie an die Existenz mehrerer Totenreiche: zum einen an Walhall, das Paradies der Krieger, zum anderen an ´hel` - ein tristes Reich, in das all jene eingehen, die nicht heldenhaft im Kampf gefallen sind. Erdhügel und Steinsetzungen in Schiffsform markieren viele Begräbnisstätten, in manchen Fällen werden die Toten mitsamt ihren Fahrzeugen bestattet oder verbrannt - eine alte Sitte im Norden, wo die Menschen schon immer auf Boote angewiesen waren. Auch in Borg erheben sich etliche Grabhügel: Die Ahnen des Hausherrn sind rund um den Hof bestattet. Die Anwesenheit der Vorfahren soll das Prestige des Häuptlings erhöhen und seinen Anspruch auf den Besitz des Landes bekräftigen.

 

Das Julfest in der Halle von Borg währt mehrere Tage, Nachts, wenn der Schlaf die betrunkenen Männer überwältigt, legen sie sich in Decken und Felle gehüllt, auf hölzerne Podeste, die entlang der Wand verlaufen. Doch schließlich verabschieden sich auch die letzten Besucher - es schickt sich nicht die Gastfreundschaft eines Mannes über Gebühr auszunutzen. Wie die anderen Bewohner der Lofoten bereiten sich die Leute von Borg nun auf die wichtigste Zeit des Winterhalbjahrs vor: die Ankunft des Kabeljaus. Ende Januar, wenn die Sonne wieder für wenige Stunden über dem Horizont auftaucht, ziehen die Fischschwärme aus der arktischen Barentssee zum Laichen in den Vestfjord - jenen Meeresarm der Lofoten vom Festland trennt. Aus Steinen und Ton fertigen die Wikinger nun Senkgewichte für Köderleinen, in der Schmiede nahe dem Langhaus entstehen Angelhaken. Vorbei, an schneebedeckten Hängen gleiten die Fischer aus ihrer Bucht hinaus in die See. Sie stemmen sich in die Ruder, arbeiten gegen Wellen und Wind. Obwohl sie wasserdichte Kleidung aus Seehundfell tragen, ist die Kabeljaujagd eine körperliche Qual. Doch die Arbeit lohnt sich: Binnen kurzer Zeit füllen sich die Boote mit den schlanken, bis zu anderthalb Meter langen Fischen. Daheim nehmen die Frauen die Dorsche aus, die gekochten Lebern servieren sie abends mit Krähenbeeren. Die aufgeklappten Fischleiber werden in den folgenden Monaten auf Gestellen getrocknet: Stockfisch von den Lofoten ist auf den Märkten in Kaupang, Haithabu und Birka begehrt, der Häuptling kann ihn gegen Getreide tauschen, gegen Waffen, Schmuck, Geschirr. Einen Teil des Fanges wird der Herrscher von Borg für den eigenen Haushalt zurückhalten, denn die härteste Zeit des Jahres folgt noch, ´Morsug` "Marksauger", nennen die Wikinger die Letzten Wochen des Winters, wenn die Lebensmittelvorräte allmählich knapp werden und der Hunger an den Kräften vieler Bewohner des Nordens zehrt. Der Häuptling von Borg aber versorgt sein Gefolge wohl auch in diesen Wochen gut. Und doch werden die Menschen das Frühjahr herbeisehnen, wenn der letzte Schnee auf den Weiden schmilzt und der Rote Steinbrech zu blühen beginnt, wenn Sumpfdotterblumen das Land gelb färben und die Seevögel zum Brüten auf die Insel kommen. Dann lädt der Häuptling wieder zu einem Fest - um den Beginn des Frühlings zu feiern und den Göttern erneut Opfer zu darzubringen. Wie überall in Skandinavien pflügen die Menschen auf den Lofoten nun ihre Felder, treiben das Vieh auf die Sommerweiden, warten junge Männer ungeduldig darauf, dass die Schiffe aus den Bootshäusern geholt werden. Und dass der Häuptling verkündet, wohin die Reise in diesem Sommer gehen wird.

 

Eines Tages aber, so die Sage, wird kein Frühling mehr kommen. Drei Jahre lang wird Winter herrschen in Midgard. So beginnt das Ende, wie es der Göttervater Odin vorausgesehen hat. Beginnt ´ragnarök` das "Schicksal der Götter" (die geläufigere Übersetzung "Götterdämmerung" beruht auf einer fehlerhaften Umdeutung. Ungeheuer reißen sich von ihren Fesseln los. Wölfe verschlingen die Sonne und den Mond, die Midgard- Schlange peitscht das Meer auf. Schneestürme, entwurzelte Bäume und ein letztes Kräftemessen zwischen der Ordnung und dem Chaos, ein Kampf in dem sich Götter und Riesen gegenseitig vernichten, die Krieger aus Walhall fallen. Schließlich geht die Erde in Feuer auf. Einzig einige Söhne und Enkel Odins überstehen dieses Inferno - sowie ein Mann und eine Frau, die sich in den Zweigen des Weltenbaums Yggdrasil verborgen halten. Mit ihnen wird ein neues Zeitalter beginnen, wird die Erde neu erstehen. Die Welt von Borg geht irgendwann in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts für immer unter. Kein Bericht erzählt von den genauen Umständen dieses Niedergangs, doch deutet vieles darauf hin, dass ein starker Fürst vom norwegischen Festland die Macht des Häuptlings gewaltsam bricht, und dessen Haus zerstört. Die Schergen des Rivalen, so lässt sich vermuten, beschlagnahmen auch das Land der Sippe, treiben das Vieh fort. Die kobaltblauen Schüsseln, die kostbaren Gläser zerschellen. Und dann fällt auch das Langhaus, in dem die Wikinger und ihre Vorfahren an dieser Bucht der Lofoten über Jahrhunderte gearbeitet, gefeiert, gelebt haben. Pfosten um Pfosten ziehen die Eroberer aus der Erde. Bis von dem einstigen Reichtum des Häuptlings von Borg nur noch ein paar Scherben bleiben.

 

Auszug aus:GEO- EPOCHE: Die Wikinger, S. 48 ff.