Eine dynamische Zeit – 300 Jahre Wikinger, Waräger und Normannen

 

Zwischen den ersten sporadischen Piratenüberfällen gegen Ende des 8. Jahrhunderts und der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer im Jahre 1066 lagen im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Jahrhunderte, in denen die Nordmänner als Krieger, Händler, Siedler, Entdecker und Staatengründer die Geschichte Europas prägten.

 

Die skandinavischen Königreiche

 

Zu Beginn der Wikingerzeit herrschte eine Vielzahl von heidnischen Häuptlingen und Kleinkönigen in Skandinavien. Teilweise waren sie nur Herr über ein einziges Tal, einen Fjord oder eine Gebirgsregion. Norwegen, Schweden und Dänemark im heutigen Sinne gab es noch nicht. Die Sammlung vieler kleiner, weit verstreuter Herrschaftsbezirke und ihr Ausbau zu großen, stabilen Königreichen mit festen Grenzen und einem einzigen Herrscher war ein langwieriger Prozess, der in den einzelnen skandinavischen Ländern einen ganz unterschiedlichen Verlauf nahm und eng verbunden war mit der Christianisierung des Nordens. Es gab Machtkämpfe zwischen Kleinkönigen, Häuptlingsaufstände und Königskriege. Zeitweise wurden soeben geeinte Reiche wieder aufgeteilt und fielen ganz oder teilweise unter die Herrschaft eines anderen skandina­vischen Königs häufig des dänischen. Vor dem 11. Jahrhundert gab es keine wirklich starke zentralisierte Königsmacht. Erst gegen 1200 wurden die nationalen Grenzen gegenseitig weitgehend anerkannt.

 

Dänemark

 

Die Machtverhältnisse stabilisierten sich zuerst in dem kleinsten, aber am dichtesten besiedelten der nordischen Königreiche, das vermutlich schon vor 800 unter einem König geeint war. Über die Ausdehnung der Herrschaft ist nichts bekannt. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts berichten die Fränkischen Annalen, dass ein dänischer König namens Godfred (Göttrik) den slawischen Handelsplatz Reric zerstörte und die Kaufleute nach Haithabu umsiedelte. Mit einer 200 Schiffe starken Flotte rückte er gegen Friesland vor, kassierte von den Bewohnern Steuern in Form von einhundert Pfund Silber, und nur seine Ermordung (810) verhinderte, dass er Karl dem Großen persönlich die Stirn bot. Von seinen Nachfolgern ist wenig bekannt, erst im 10. Jahrhundert entwickelte sich unter Gorm dem Alten erneut eine energische, gut organisierte Königsherrschaft, deren Zentrum im jütländischen Jelling lag. Gorms Sohn Harald Blauzahn (958–987) wird die Ehre der Reichssammlung und Christianisierung zugesprochen, seit 970 wird er auch als König von Norwegen genannt. In seine Regierungszeit fallen Großprojekte wie die Errichtung der vier großen dänischen Ringfestungen, das Aufwerfen eines mächtigen Grabhügels in Jelling und der Bau einer 700 Meter langen Brücke bei Ravning Enge an der Straße nach Jelling. Das Ende seines Lebens prägten Streitereien mit seinem Sohn Sven Gabelbart. Bei einem Aufstand im Jahre 987 wurde Haralds Partei geschlagen, er musste fliehen und starb bald darauf. Sven Gabelbart (ca. 987–1014), der zuvor jahrelang lukrative Raubzüge gegen England unternommen hatte, übernahm die Herrschaft. Mit den dort erpressten Summen, so genanntem Danegeld, baute er seine Macht in Dänemark aus. Er war der erste einer Reihe von Dänenkönigen, die nicht nur Dänemark und Südnorwegen, sondern auch England beherrschten.

 

Sein Sohn Knut der Große (1016/19–1035) ging als der mächtigste skandina­vische Herrscher in die Geschichte ein. Auf dem Höhepunkt seiner Macht war Knut König von Dänemark und England, Norwegen und Schweden – in zeitgenössischen Schriften wird er rex totius Angliae et Dennemarchiae et Norregiae et partis Suavorum genannt. Dass er auch in Schweden als Herrscher anerkannt war, belegen Münzen aus Sigtuna mit der Inschrift Cnut rex Sv[erorum]. Knuts nordischem Großreich war keine Dauer beschieden. Die Herrschaft über Norwegen ging vermutlich bereits zu seinen Lebzeiten wieder verloren, in England gewann die englische Königslinie 1042 den Thron zurück.

 

Norwegen

 

Dramatisch und äußerst mühselig verlief der Prozess der Staatenbildung in Norwegen. Angesichts seiner Topographie mit einer langen, von tiefen Fjorden zerfurchten Küstenlinie und einem in weiten Teilen unwegsamen Landesinneren, dessen schneereiche Gebirge nur auf wenigen Pässen im Sommerhalbjahr überquert werden konnten, war das Land schwer unter Kontrolle zu bringen. In der Skaldendichtung und den Sagas wird Harald Schönhaar (ca. 870–ca. 940) als erster Einheitskönig genannt. Entscheidend war sein Sieg über mehrere Kleinkönige in der Seeschlacht im Hafrsfjord unweit der heutigen Stadt Stavanger – die traditionelle Datierung ins Jahr 872 ist wohl nicht richtig, heute geht man eher davon aus, dass Ständen, in welche die wikingerzeit­liche Gesellschaft aufgeteilt war: Skla­ven, freie Bauern und Edle, das waren Jarle oder Könige.

 

Auszug aus: „300 Jahre Wikinger, Waräger und Normannen“, um 1100, Heiliger Aubin, images.buch.de/leseproben/527/221/89_9783806221527.pdf