Das morastige Tal des Baches Illerup  ist den Menschen in der Gegend um das dänische Skanderborg schon seit Jahrhunderten unheimlich. Im Herbst und Winter, wenn in Jütland die Tage kurz und die Nächte lang und dunkel sind, ziehen Nebelschwaden über das von düsteren Hainen gesäumte Moor. Früher erzählte man sich, dass in solchen Nächten ein kopfloser Reiter durch die Senke jage, gefolgt von vier feuerspeienden Pferden.

 

Die Gegend barg jahrelang tatsächlich ein Geheimnis. Mehr als 1.500 Jahre blieb es versteckt im morastigen Talgrund. Und als man es schließlich entdeckte, offenbarte es eine Geschichte, um vieles schauriger und blutiger, als ein einsamer Reiter ohne Kopf. Eine Geschichte von furchtbaren Schlachten, vom Leben und Sterben zahlloser germanischer Krieger in der Zeit zwischen 160 und 400 n. Chr.- dem "dunklen Zeitalter" Germaniens.

 

Während Rom damals im kaiserlichen Glanz erstrahlte, lagen über Germanien düstere Schatten. Jenseits des Limes brodelte es, gingen gewaltige Dinge vor sich:

 

Durch das Barbaricum, die Gebiete nördlich der römischen Reichsgrenzen, zogen germanische Heere, untereinander verstrickt in blutige, immer neu aufflammende Kämpfe. Anführer schwangen sich zu Heerkönigen auf, brachten wohl immer größer Territorien in ihren Besitz, verteidigten verbissen Macht und Land. Die Vorgänge und Umwälzungen müssen beträchtlich gewesen sein. Und doch weiß bis heute niemand, was genau geschehen ist. Nirgendwo ist überliefert, wer gegen wen antrat. Keiner kennt die Heerführer und die Orte, an denen ihre Streitmächte aufeinandertrafen. Kennt die Gründe für die Feldzüge und in den meisten Fällen weder den Sieger noch die Besiegten.

 

Denn zwar hatten die Germanen eine Schrift - die Runen - , aber sie nutzten sie nicht, um solche Ereignisse festzuhalten. Und obwohl sie bei den Römern gesehen hatten, wie man Ziegel brennt und damit Häuser baut, konstruierten sie ihre Behausungen nach wie vor aus vergänglichem Holz, das leicht zu bearbeiten war und überall verfügbar. Und so steht Historikern keine Tempelruine zur Verfügung, kein Triumphbogen, keine Niederschrift eines germanischen Historikers, um zu erhellen, was sich in jenen finsteren Jahrhunderten im Barbarenland wirklich zugetragen hat.

Auch römische Quellen helfen nicht: Caesar und Tacitus, die von den Germanen berichtet hatten, waren bereits lange tot, als um 160 n. Chr. im Barbaricum das Zeitalter begann. Von dem römischen Geschichtsschreiber Cassius Dio sind vor allem Schriften aus der Frühzeit überliefert. Und der christliche Historiker Orosius, der über die Barbaren jener Zeit schrieb, wurde erst 385 n. Chr. geboren.

 

Forscher, die die germanische Welt jener Jahrhunderte dennoch entschlüsseln wollen, müssen deshalb anderen Spuren folgen. Versteckte, kaum erkennbare Siedlungsreste zeigen ihnen, wo Handelsplätze lagen und vielleicht auch die Zentren der Macht. Gräber berichten von sozialen Hierarchien und Bräuchen. Opferplätze ermöglichen Rückschlüsse auf Rituale - und auf Schlachten.

Und manchmal hilft der Zufall, und ein Moor gibt sein Geheimnis preis.

 

Am 5. Mai 1950 stieß ein Dränagemeister bei Entwässerungsarbeiten im Tal der Illerup  auf eiserne Pfeil- und Speerspitzen. Der Mann meldete seinen Fund einem Archäologen der Universität Arhus, der innerhalb kurzer Zeit etwa 20 Schwerter, 80 Speer - und Pfeilspitzen und 2 Schildbeschläge fand. Schon bald darauf begannen die Archäologen mit einer Grabung. Schnell wurde klar, dass an der Talstelle früher ein kleiner, rund 3 Meter tiefer See gelegen hatte. Mit den Jahrhunderten war er immer seichter geworden und hatte sich schließlich zum Moor gewandelt - ein Vorteil für die Archäologen. Denn im Moor ist der Sauerstoffgehalt gering. Dadurch fehlt all jenen Bakterien die Lebensgrundlage, die organisches Material zersetzt, und die Korrosion etwa von Eisen verlangsamt sich.

 

Zudem ist das Tal der Illerup A ein basisches Moor, der ph-Wert entspricht dem einer Lauge. So konserviert es Metalle und Knochen besonders gut; auch Holz bleibt erhalten. Über Jahrzehnte durchsuchten die Forscher in einem 40.000 qm² großen Bereich des Moores jeden Kubikzentimeter Boden nach Hinterlassenschaften. Sie fanden Lanzen, Speere sowie Schwerter mit römischen Klingen, darunter eine besonders prachtvolle Waffe mit einem Griff aus Elfenbein, Silber und Gold. Sie stießen auf Pferdeskelette und Zaumzeug, auf Schildbeschläge aus Eisen, Bronze und Silber. Die Funde waren offensichtlich Relikte einer gewaltigen Schlacht.

 

Nicht nur Waffen gruben die Archäologen aus, auch Alltagsgegenstände und Kriegerbedarf: Schlagfeuerzeuge, Kämme, Feilen, Messer und sogar einen im Feuer zu erhitzenden Lötkolben, an dem noch Reste einer Zinnlegierung klebten. Wahrscheinich hatte eines der unbekannten Heere einen Feinschmied dabei, der Waffen und Ausrüstung reparierte.

 

Es gab vieler solcher Seen im Barbaricum, in denen die Menschen während der finsteren Jahrhunderte Kriegsgerät versenkten: Beutegut, das die Sieger einer Schlacht den Göttern opferten - möglicherweise aus Dankbarkeit, weil der Kriegsgott im Kampf nicht von ihrer Seite gewichen war. Vielleicht aber auch, um sich in den unsicheren Zeiten mit wertvollen Gaben das Wohlwollen der Götter zu erhalten. Gut möglich sogar, dass die Opferungen nichts als Machtdemonstrationen waren, veranlasst vom siegreichen Stammesführer, mit Blick auf die eigene Gefolgschaft: Seht her, ich bin so mächtig, dass ich selbst die schärfsten und wertvollsten Waffen unserer Feinde den Göttern übergeben kann. Sicher ist jedenfalls, dass Waffenopfer für das dunkle Zeitalter typisch waren. Allein im südlichen Skandinavien fanden Archäologen 20 ähnliche Schauplätze. Doch der Schatz aus dem Illerup Â- Tal erwies sich als der größte und reichste Fund dieser Art im Norden: Insgesamt gab das Moor bei Skanderborg mehr als 15.000 Gegenstände frei.

 

Erst 1985, 35 Jahre nach der Entdeckung, hörten die Archäologen dort auf zu graben. Und es dauerte noch mehr als 15 Jahre, bis alle Funde gesichtet, geordnet und dokumentiert waren. Bis 2006 legten der dänische Archäologe Jörgen Ilkjaer, sein Schleswiger Kollege Claus von Carnap- Bornheim und ein weiterer Wissenschaftler nach und nach 23,5 Kilogramm bedruckten Papiers vor, zwölf Bände mit insgesamt 4364 Seiten detailgenauer Beschreibungen, Zuordnungen und Bewertungen der Fundstücke aus dem Tal der Illerup Â.

Ein mächtiges Konvolut, das immerhin einen spaltbreiten Blick ermöglicht in diese geheimnisvolle Zeit der Kriege.

 

"Man muss halt lernen, diese Funde zum Sprechen zu bringen", erklärt Claus von Carnap- Boirnheim, heute der Direktor des Archäologischen Landesmuseums in Schleswig. Die Arbeit begann mit der Datierung: Wann wurden die Teile im See versenkt? In welcher Reihenfolge? Und aus wie vielen Opferungen entstammen die gefundenen Gegenstände? Im morastigen Gelände kann man nicht so lesen, wie in normalem Untergrund, der aus nacheinander abgelagerten Schichten besteht und in dem sich die Relikte vergangener Welten zumeist recht ordentlich in den dazugehörigen Bodenschichten gruppieren - wie in einem Buch, Zeile um Zeile übereinander. ""Wird ein See zum Moor", erläutert von Carnap, "drückt der Boden von oben nach! - und schiebt, was zuvor lose auf dem Schlamm lag, immer weiter in den Gund.

 

Also suchen die Archäologen nach den Gemeinsamkeiten. Welche Lanzenspitzen gleichen sich? Welche Schwerter haben die gleiche Form, welche könnten aus der gleichen Werkstatt stammen? Welche Schilde wurden aus ähnlich altem Holz gefertigt, welche Waffen aus dem gleichen Metall geschmiedet? Auf welchen Rüstungen tauchen identische Verzierungen auf? Als diese gewaltige Arbeit erledigt war, bot sich den Wissenschaftlern eine Überraschung. Die rund 15.000 gefundenen Teile gehörten zu vier verschiedenen Opferungen "und von 12.000 Teilen können wir sicher sagen, dass sie sie an ein und demselben Tag im See niedergelegt wurden", so von Carnap.

 

Die Forscher nannten diese Opferung, die älteste der vier, Illerup Platz A

 

Auszug aus:GEO-EPOCHE: Die Germanen, S. 77 ff.